Redenbacher, Wilhelm - Von der freien Gnade Gottes.

Es ist hier kein Unterschied, sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie an Gott haben sollten; und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Jesum Christum geschehen ist.
Röm. 3,23-24

Womit, Geliebte! beginnen fast alle apostolischen Briefe? Was ist das Wort, welches gleichsam als der goldene Anfangsbuchstabe voransteht, und das Auge so freundlich anzieht? Das Wort heißt: Gnade. „Gnade sei mit euch und Friede“ „Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott“ Gott gebe euch viel Gnade und Frieden -, so hebt einer um den andern an. Das muss freilich ein holdseliges Wort sein, welches die heiligen Schreiber voransetzen als ihren Gruß an die lieben Leser, als das Beste, was sie ihnen wünschen können aus der Fülle ihres liebenden Herzens. Ja, Geliebte! wir leben von der Gnade. Lasst uns in dieser Stunde von ihr handeln, und weil sie durch kein Werk oder Verdienst des Menschen gebunden wird, sprechen:

Von der freien Gnade Gottes.

Es ist hier kein Unterschied, sie sind allzumal Sünder - von wem redet der Apostel? Von den Menschenkindern. Unterschied ist unter ihnen; die Einen sind reich, die Andern arm, die Einen Fürsten, die Andern Knechte; auch darin ist Unterschied, dass die Einen gröbere Sünder sind, die Andern feinere rc. Aber darin ist doch kein Unterschied, dass sie allzumal Sünder sind. Wir haben uns schon überzeugt mit Wehmut und Beben, wie mangelhaft unsre Tugend, wie vielfach unsre Übertretung sei, und wie besonders in unsres Herzens Tiefen bittere, böse Wurzeln stecken.

Sagt nun, Freunde, was können wir verlangen von Gott, was ist recht, dass er uns tue? Ach, wenn wir uns selbst irgendwie in ein rechtliches Verhältnis zu Gott setzen, so sieht es sehr bedenklich für uns aus. Er ist Gott, unser Schöpfer und Versorger, unser Herr und König, es ist unwidersprechlich, dass er einen gänzlichen Gehorsam von uns fordern kann, und nicht bloß eine gewisse äußerliche Gerechtigkeit, sondern noch vielmehr eine innerliche, „dass wir ihn mit ganzem Ernst, aus Herzensgrund fürchten und lieben, ihn in allen Nöten allein anrufen und sonst auf nichts einigen Trost setzen“ (Apologie). Wir haben diese Gerechtigkeit nicht geleistet; wir haben so gar wenig geleistet; wir haben den Ruhm nicht, seine heiligen Kinder geblieben zu sein; wir heißen Abtrünnige, Beleidiger der göttlichen Majestät. Er wird uns strafen, das ist Recht; er wird uns von seinem Angesichte verstoßen, das ist Recht; er wird uns der Flamme übergeben, das ist Recht. Wo ist die Hoffnung auf Seligkeit? Ja, wenn wir ihm ganz treu, im Geiste dienten! Wir hätten auch dann freilich kein Recht auf Seligkeit im strengen Sinne, wie der Arbeiter auf den Lohn des Brotherrn; bei Gott ist's etwas anders, ist's immer Güte und kein Muss; aber er hat den Menschen bei der Schöpfung aus Güte dieses Recht gegeben, hat ihnen zugesagt: Wenn ihr mir treu und gewärtig seid in Allem, sollt ihr die Fortdauer meiner Wohltaten, ja noch ein höher Paradies gleich als einen verdienten Lohn ansprechen können. Es ist das, so zu sagen, der Gesetzesvertrag, den Gott mit den Menschen gemacht, und den er zur Erinnerung auf Sinai so gewaltig herausgestellt hat; darum es auch heißt: „Wer das Gesetz tut, vollständig tut, wird dadurch leben“ 3 Mos. 18, 5. Gal. 3, 12. Wer ihm also von ganzer Seele unverrückt anhinge, würde auf diesem Wege eine Hoffnung haben! Aber was ist's, lasst es uns ehrlich bekennen, mit all unserer Frömmigkeit? „Viele Menschen werden fromm gerühmt, aber wo will man finden Einen, der rechtschaffen fromm sei?“ Sprichw. 20, 6. Die Frommsten werden täglich von ihrem Gewissen überführt, dass sie es im Dienste ihres Gottes so viel fehlen lassen, dass sie nicht genug wachen und beten und kämpfen, nicht genug streben, sein Gebot zu erfüllen, geschweige, dass sie es wirklich erfüllten.

Wenn wir nun doch selig werden wollen, o Brüder! welche Zuflucht bleibt uns übrig? Gottes Gnade, wie der Text sagt: und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade. Seht, hier spricht Gott: Die Menschen haben es wohl nicht so gemacht, dass ich ihnen ewig wohl tun sollte, sie haben vielmehr mit ihren gehäuften Sünden und Missetaten meinen heiligen Eifer entzündet; aber weil ich die Liebe bin, weil ein unerschöpflicher Strom der Liebe aus meinem Innern hervordringt und meine Freudenfülle über die Kreatur ausgießen möchte, - so will ich all ihre Sünden bedecken. Das ist Gottes Gnade. Und wir können sie auch nicht im Geringsten durch eine verdienstliche Gegengabe erwerben, weil wir keinen Tag so viel leisten, als unsere Pflicht wäre, geschweige ein Mehr, damit frühere Sünden zu bezahlen; die Gnade wird uns also ganz ohne unser Verdienst als ein freies Geschenk von Gott dargeboten, und darum heißen wir sie freie Gnade.

Diese ist's, zu der wir hoffen können, nicht auf das Gesetz, nicht auf unsre Werke. Alle Schrift, von Gott eingegeben, lehrt so, wenn man mit Augen des Geistes hineinsieht. Schon im Alten Testamente war der Gesetzesweg nicht vorgezeichnet, dass die Menschen darauf zur Gerechtigkeit gelangen sollten, das konnten sie nicht; sondern dass sie ihre Sünden daran lernten und begehrlich würden nach Gnade. Und es ging schon dem tötenden Gebot das tröstliche Lebenswort zur Seite. So heißt es 2 Mos. 34, 6: Herr, Herr Gott, barmherzig und gnädig, der du vergibst Missetat, Übertretung und Sünde - Pf. 130, 7: Bei dem Herrn ist die Gnade und ist viel Erlösung bei ihm - Ps. 89, 2: Ich sage also, dass eine ewige Gnade wird aufgehen, und du wirst deine Wahrheit treulich halten im Himmel. Und im neuen Bunde tritt denn nun diese herzliche Barmherzigkeit Gottes gegen Sünder in vollem Glanze, das große Wort der Verheißung in herrlicher Erfüllung hervor, und es heißt Tit. 2, 11: Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen Ephes. 2, 8: Aus Gnaden seid ihr selig worden durch den Glauben und dasselbige nicht aus euch; Gottes Gabe ist es; nicht aus den Werken, auf dass sich nicht Jemand rühme 2 Tim. 1, 9: Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Vorsatz und Gnade - Röm. 3, 23. 24: Es ist hier kein Unterschied, sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie an Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Jesum Christum geschehen ist.

Diese Lehre, meine Teuren! hat unsre Kirche als die Haupt- und Grundlehre des Evangeliums erkannt, von der man nicht eine Hand breit abgehen dürfe, wenn nicht das ganze Gebäude des Christentums den größten Schaden leiden soll; und sie hält darum mit ihrem Herzblut daran. Und ist diese Lehre das unterscheidendste Merkmal unserer Kirche gegen über der römischen, die es nicht lassen will, den Werken eine rechtfertigende Kraft zuzuschreiben. Dagegen sagt unsere Kirche im 4. Art. der Augsburger Konfession aufs Bestimmteste: „Dass wir Vergebung der Sünden und Gerechtigkeit vor Gott nicht erlangen mögen durch unser Verdienst, Werk und Genugtun, sondern dass wir Vergebung der Sünden bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnaden um Christus willen.“ Dabei müssen wir bleiben, wenn nicht unser Trost verloren sein soll; denn das allein gibt edlen, teuren, gewissen Trost, einen Trost, der erquickt und erkühlt in den heißen Ängsten des aufgewachten Gewissens und in der heißen Todesnot, und! ohne das ist er dahin. Bei allem Eifer in der Heiligung und guten Werken ruft eine innere Stimme unaufhörlich fort: Es ist nicht genug! Es ist nicht genug! und das arme Herz kommt zu keinem gründlichen Frieden. Das hat der teure Gottesmann Luther an sich selbst erfahren in der früheren Zeit seines merkwürdigen Lebens; er war schon als Student und Mönch so fromm, wie nicht viel Andere, er suchte mit großem Ernst Gottes Gebot zu halten und alles Unrecht zu meiden; aber immer fühlte er seine Sündhaftigkeit, namentlich seinen Mangel an rechter Lieb' und Zuversicht zu Gott; täglich legte er sich mit Angst nieder, täglich stand es mit Angst auf, bis er eine Vergebung der Sünde aus lauterer Gnade erkannte, bis er durchbrach ins selige Licht des Evangeliums.

Die Gnade ist's, welche Frieden schafft; auf sie kommt dieser erst, wie es heißt: „Gnade sei mit euch und Friede“ rc.

Gnade ist die Tauwolke, die sich mit Morgenfrische ausbreitet, und das dürre Land, das dürre Herz befeuchtet; Gnade ist der Lebensodem, den Gott auslässt, und damit er die Gestalt der Erde, des irdischen Menschen erneuert; Gnade ist der Schirm und Schatten, unter dem man zu dem Allmächtigen spricht: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. Gnade ist das grünende, liebliche Ölblatt, das die Taube nach den verlaufenen Zornwassern unserm Vater Noah bringt; Gnade ist der Regenbogen, der sich vor den Augen der geretteten Menschen herrlich und friedlich über den Himmel zieht; Gnade ist das ewige Evangelium für die Welt, mit welchem jener Engel, Offenb. 14, mitten durch den Himmel fliegt.

Teure Glaubensgenossen! An der Gnade wollen wir halten; wollen bleiben auf dem evangelischen Grund, und nicht wieder auf die verlassenen Irrtümer von eigner Gerechtigkeit zurückgehen, wie leider so viele Glieder unserer Kirche zurückgegangen sind, und wie immer viele Gefahr droht, weil das eitle Herz dafür stimmt. Bedenkt doch, was sind wir denn? „Allzumal Sünder“ - sagt Paulus, der gute Menschenkenner; und wo ist nun unser Ruhm? Meint ihr, viele gute Werke getan zu haben? Es ist vor Menschen schön, und soll alles gebührende Lob erhalten; schöner noch, wenn es rechte gute Werke sind, aus dem Geist geboren; allein vor Gott sind sie alle unzulänglich; vor Gott habt ihr keinen Ruhm. Wie wollet ihr auf eure Werke vertrauen, die doch mit so vielen Sünden vermischt, und von denen die besten nicht ganz rein sind? O nicht solch einen schwachen Stab ergreift! Das ist kein Stecken und Stab, der uns im finsteren Tal der Anfechtungen und Leiden und in den finstern Todesschatten trösten kann. Deine Gnade, spricht der Psalmist, müsse mein Trost sein, wie du deinem Knechte zugesagt hast. Liebe Seelen, forscht nach in stillen Stunden ernster Selbstprüfung: Was kann ich vor Gott bringen? und ihr werdet immer finden: Nichts! nichts Eigenes! es kann alles die Schärfe des göttlichen Gerichtes nicht aushalten. Auch werdet ihr, wenn ihr auf die Führungen Gottes, die inneren und äußeren, merkt, und fragt, wohin sie denn hauptsächlich zielen, je mehr und mehr wahrnehmen können, dass es auf Demütigung geht. Der Herr ist sehr geschäftig, an uns zu wirken, dass wir immer kleiner in unsern Augen, ja zu Nichts werden. Es wird uns aber nicht bänger und peinlicher dabei zu Mute; je mehr wir uns von unserm eigenen Nichts überzeugen, und der lauteren Gnade übergeben, desto wohler wird uns im Grund unsers Herzens; in diese unsere Vernichtung schallt von Oben eine Stimme: Du sollst nicht sterben, sondern leben! und es gilt auch hier, ja allermeist hier das Wort: Wer sein Leben verliert, der wird es finden. So wollen wir denn nichts Anderes wissen, lebend und sterbend, als Gnade, und wollen singen von der Gnade des Herrn ewig!

Aber, liebe Freunde! diese Gnade ist in Christo Jesu, dem Versöhner unserer Sünden, damit bei Gottes freier Erbarmung auch seine Heiligkeit und Gerechtigkeit bestehe. Deshalb heißt es: Sie werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, so durch Jesum Christum geschehen ist.

Nichts kann ich vor Gott ja bringen,
Als nur dich, mein höchstes Gut.
Jesu, es muss mir gelingen
Durch dein purpurrotes Blut.

Die höchste Gerechtigkeit ist mir erworben,
Da du bist am Stamme des Kreuzes gestorben;
Die Kleider des Heils ich da habe erlangt,
Worinnen mein Glaube in Ewigkeit prangt. Amen.

Komm, Sünderheiland, Jesus Christ!
Des Herzens Tür dir offen ist.
Ach, zeuch mit Deiner Gnade ein,
Dein' Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein heil'ger Geist uns führ' und leit'
Den Weg zur ew'gen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr!
Sei ewig Preis und Ehr. Amen.