Palmié, Friedrich - Das heilige Vaterunser - VII. Die sechste Bitte.

Predigt, gehalten am Sonntage Kantate 1887.

Matthäi 6, Vers 13: Und führe uns nicht in Versuchung.

Das war eine selige und tröstliche Botschaft, mit welcher die fünfte Bitte des heiligen Vaterunsers abschloss. Auf unser Herr erbarme dich, vergib uns unsere Schulden, lautete die Antwort für alle reuigen, bußfertigen Sünder: sei getrost, mein Sohn, meine Tochter, deine Sünden sind dir vergeben, gehe hin in Frieden! Größeres konnte uns nicht verkündigt werden als dieses Wort voll Friede und treibender Kraft: der Schuldbrief zerrissen, die Schuld getilgt und wir im Gnadenstande mit unserem himmlischen Vater. Unseres Herzens größte Sorge, geheimstes Leid war mit der fünften Bitte von uns genommen; sie hat die nötigste und wichtigste Frage unsers Lebens gelöst, die Frage: „was muss ich tun, dass ich selig werde“, mit der einzigen Antwort, die es darauf gibt: „glaube an den Herrn Jesum“. Sein Blut und seine Gerechtigkeit, das ist dein Schmuck und Ehrenkleid. Sie hat dir die unermessliche Liebe deines Vaters gezeigt, der um deinetwillen seines eingeborenen Sohnes nicht verschont hat und sie hat dir ihn gezeigt, den wahren Hohenpriester und einigen Mittler, der fürbittend dich noch heut vor seines Vaters Thron vertritt.

Und dennoch lässt die Liebe Gottes sich daran nicht genügen; sie hat noch Größeres mit dir vor, sie führt dich noch höher hinauf. Hat dein himmlischer Vater dir in der Brotkammer der vierten Bitte gegeben, was du heut zu deines Leibes Nahrung und Notdurft gebrauchtest, hat er dir in der Zehntkammer der fünften Bitte alle Schulden und Sünden deiner Vergangenheit erlassen, er will dich in der Rüstkammer der sechsten Bitte wappnen mit den Waffen, mit denen du getrost und voller Zuversicht den Gefahren und Versuchungen der Zukunft entgegensehen und entgegengehen kannst. Das ist die Stellung und Bedeutung dieser Bitte im heiligen Vaterunser. Und wir achten bei ihr auf

die Gefahren, auf welche sie uns hinweist und auf
die Rettung, die sie uns verheißt.

Führe uns nicht in Versuchung! Wir leben in einer Welt, die im Argen liegt; Versuchung und Elend wird in ihr mit jedem Glockenschlage geboren. Heute sind wir über unsere Sünden getröstet und es ist uns zu Mute, als ob der Heiland auch über uns gesprochen hätte, sie sind dir vergeben, und wir heben fröhlich das Haupt, um getrost unsere Straße weiter zu wandern. Aber in der nächsten Stunde erscheinen sie, die abgewaschen schienen, blutrot vor unseren Augen und ängstigen und quälen uns wie zuvor.

Nimm es nur einmal ernst mit deiner Seelen Seligkeit, ringe nur einmal nach voller Wahrheit und Erkenntnis, und du stehst äußerlich und innerlich täglich, stündlich im Sturm und in der Bedrängnis der Versuchung. Menschen, die dir früher nahe gestanden, verlassen dich und zucken die Achseln über dich. Wie ein ertötender Reif legt ihr Spott sich auf die junge Saat deines Glaubens. Mehr als das.

Heut hast du dem heiligen Gott deine Sünde bekannt, heut hast du gelobt, fest und standhaft gegen sie zu sein und ihr nicht Raum in dir zu geben, und schon morgen kehrt der unsaubere Geist wieder und bringt sieben andere Geister mit, die stärker sind denn er, und du fällst tiefer als je zuvor.

Was hat es dir geholfen, wenn du dich vor dem Versucher hinter die Heiligtümer deines Glaubens bergen wolltest? Ist der Versucher dir nicht auch in die Stunden gefolgt, wo du betend im stillen Kämmerlein oder feiernd mit der großen Gemeinde den lebendigen Odem deines Gottes zu fühlen glaubtest, um mit Zweifeln und Irrungen dein armes, schwaches Herz zu betören, und dich um die Gewissheit deiner Gotteskindschaft zu betrügen, vielleicht mit eben dem göttlichen Worte, aus dem du Kraft und Trost für dich zu gewinnen suchtest? Je näher wir dem Himmelreich und seiner Seligkeit kommen, um so geschäftiger ist er, der Lügner von Anfang, unsere Seele zu verwirren; je sorgloser und sicherer wir sind, umso näher steht er uns, um uns mit tausend und aber tausend lockenden und schmeichelnden Bildern und Verheißungen zu berücken. Und niemand ist so fest und steht so hoch, dass er durch eigene Kraft gegen den Fall gesichert sei.

Schau auf die warnenden Beispiele des alten und neuen Bundes, die Gott zur Mahnung dir an den Lebensweg gestellt hat. In seiner Jugend ein Saul, der Liebling seines Volkes, der erste König von Israel; und am Abend seines Lebens liegt er als Selbstmörder auf Gilboas Höhen. Ein König und ein Sänger von Gottes Gnaden, jener Sohn Isais, aus dessen Geschlecht dem Fleische nach der Heiland kommen sollte; es war nur ein einziger Augenblick, in dem der Versucher die Oberhand über ihn gewann, aber der eine Augenblick reichte hin, um der Bathseba willen ihn zum Ehebrecher und Mörder zu machen. Denke an Judas Ischarioth, der zu den zwölf Aposteln des Herrn gehörte, Gnade um Gnade von seinem Heilande erfahren hatte, und um dreißig Silberlinge den König des Himmels und der Erden verriet. Denke an den Felsenmann Petrus, der sich heut seiner Stärke rühmt: „und wenn sich alle an dir ärgern, ich will es nicht“ und dann in selbiger Nacht den Herrn dreimal verleugnet.

Meinst du, dass es heut anders sei? Wie auch die Zeiten und Menschen sich geändert, das Menschenherz ist dasselbe heut wie vor tausend Jahren. Oder wo sind sie alle, die Jünglinge und Jungfrauen, die an diesem Altar gekniet, ihren Taufbund zu erneuern und dem Heilande Treue zu geloben bis in den Tod? Wohin sind sie gegangen, die seinen Tod im heiligen Abendmahl verkündigt und reuig gelobt, das alte Leben voll Sünde zu lassen? Wo die Kranken, die seiner Heilandshand Hilfe an sich erfahren, und jubelnd von ihren Betten aufstanden, wo die Traurigen, die er getröstet und aufgerichtet? Suche sie überall, nur nicht bei ihm. Eine Zeitlang liefen sie wohl, dann kam der Teufel und nahm das Wort von ihren Herzen; sie sind gefallen in der Versuchung. Ein ungeheures Leichenfeld voll Todesgeruch und Todesschatten, darüber hin auch dein Weg führt. Wandrer, hab Acht wer kann dich schirmen und bewachen, dass nicht auch du strauchelst und fällst?

Führe uns nicht in Versuchung. Aus der Tiefe wendet sich unser Blick zur Höhe und das Seufzen des furchtsamen Herzens wird zum inbrünstigen Gebet: Führe uns nicht in Versuchung!

Gott versucht zwar niemand, wir wissen es wohl; der Heilige, der die Sünde hasst, hat kein Wohlgefallen am Tode des Sünders, sondern er will, dass der Sünder sich bekehre und lebe. Er kann durch Leid und Kreuz unseren Glauben wohl prüfen, um ihn zu stärken, er kann uns wohl züchtigen je lieber Kind, je schärfer Rute dennoch sind es allerwege Gedanken des Friedens, die er mit uns vorhat, dennoch ist seine Hand, auch wenn sie schwer auf uns liegt, die Hand des Vaters, die nicht tötet, sondern zum Leben führt, ja die uns selbst die Waffen in die Hände drückt, mit denen wir gegen die Versuchungen des Teufels, der Welt und unsers eigenen Fleisches endlich gewinnen und den Sieg behalten.

Und diese Waffen sind: Gebet und Wort Gottes, unser Wort zum Herrn und des Herrn Wort zu uns, beide gegründet auf den Glauben an ihn, der nach Jakobs Art mit seinem Gotte betend ringt und ihn nicht eher lässt, als bis er uns segnet. Lass mich versuchen, dir dies himmlische Geheimnis im irdischen Gleichnis zu deuten.

Aus dem Elternhause bist du einst gezogen; denkst du noch der Abschiedsstunde, in der Vater- und Mutterliebe in Mahnungen und Bitten noch einmal zusammendrängte, was ihr treues Herz bewegte: mein Kind, wenn dich die bösen Buben locken, folge ihnen nicht? Breit aus die Flügel beide, o Jesu meine Freude, und nimm dein Küchlein ein? Und dann kam die Stunde draußen in der Fremde, wo alle guten Vorsätze und Gelübde zusammenbrachen, wo du in der ersten Versuchung fielest wie hast du gekämpft, gebetet, deine Mitmenschen um Vergebung gebeten; sie aber ließen dich alle im Stich, bis du in deiner Seelenangst heimkehrtest. Weinend hast du an deiner Eltern Brust gelegen, was du an Schmach, an Not in der Fremde erfahren, das hast du ihnen geklagt: die eigene Schwachheit und Schuld, die fremde Lieblosigkeit und Härte, sie aber haben dich getröstet und ausgerichtet und neuen Lebensmut und neue Schaffensfreudigkeit dir gegeben.

Vermag irdischer Eltern Liebe so Großes für uns zu tun, an uns zu wirken, wie viel mehr nicht die Liebe des rechten Vaters? Wenn im Gebete unsere versuchte und in der Versuchung unterliegende Seele zu ihm sich flüchtet, ihm ihre Angst und Not klagt, ihn um seine Hilfe bittet, meinst du, dass er sich uns versagen werde? Das Wahrzeichen seines Reiches kein eiserner Szepter, sondern das zerstoßene Rohr und der glimmende Docht; die Kinder seines Hauses nicht selbstgerechte Pharisäer, sondern arme Zöllner und Sünder, und der erstgeborene Sohn dieses Hauses unser Freund und Bruder, der darinnen er versucht ist und gelitten hat, helfen will allen denen, die versucht werden.

Kantate heißt der heutige Sonntag, das heißt auf Deutsch: singt!

Und wenn die Welt voll Teufel wär
Und wollt uns gar verschlingen,
So fürchten wir uns nicht so sehr,
Es muss uns doch gelingen!

Wir haben und halten die Waffen des Siegs: den Helm des Heils, den Krebs der Gerechtigkeit, den Schild des Glaubens, das Schwert des Wortes Gottes! Ist Er für uns, wer will wider uns sein? Dort Sünde und Versuchung, hier Wort Gottes und Gebet dort Weltlust, Fleischeslust, Satanas selbst, hier Schwert des Herrn und Gideon dort Tod und Verderben, hier ewiges seliges Leben!

Herr, führe uns nicht in Versuchung! Schenk uns Waffen in dem Krieg und gewinn in uns den Sieg! Amen.