Palmié, Friedrich - Das heilige Vaterunser - II. Die erste Bitte.

Predigt, gehalten am Neujahrstage 1887.

Matthäi 6, Vers 9: Dein Name werde geheiligt.

Im Norden unsres Vaterlandes, dort wo die Wogen der Nordsee an die Schleswigsche Küste schlagen, da stand, so erzählt uns eine schlichte Geschichte, auf einer einsamen Hallig ein Haus. Ein altes Mütterchen wohnte allein darin; ihr Mann war längst gestorben, ihr einziger Sohn war vor vielen Jahren auf die See gegangen und in der Fremde verschollen; aber so oft der Abend hereindunkelte, zündete die alte Frau eine Lampe an und stellte sie in das einzige Fenster ihres Hauses, das auf das Meer hinausging. Ein Zeichen ihrer harrenden Liebe sollte das Licht dem heimkehrenden Kinde sein, ein heller Hoffnungsstern in dunkler Nacht, dass Mutterliebe den Sohn in der Fremde nicht vergessen. Jahrzehntelang hat die stille Leuchte aus dem Fenster geleuchtet und gelockt, bis die Augen, die hinter ihr allabendlich in das Dunkel hinausgespäht, im Tode sich schlossen, ohne das heißgeliebte Kind auf Erden wiedergesehen zu haben.

Liebe Freunde! Wie redet diese einfache Geschichte doch heut am Neujahrsmorgen zu uns allen eine gar eindringliche Sprache. Auf den Wogen des großen Ozeans der Zeit fahren wir dahin als die Pilgrime und Fremdlinge, die hier keine bleibende Statt haben, immer gesucht, immer gelockt von der Liebe dessen, der der rechte Vater ist über alles, was Kinder heißt im Himmel und auf Erden. Eine helle Leuchte hat seine Liebe uns an die Schwelle des neuen Jahres gestellt, sein heilig Wort zum Trost und zur Mahnung für uns im kommenden Jahr. Am ersten Tage des neuen Jahres wandelt sich die erste Bitte des heiligen Vaterunsers zu einem Leuchtturm am Meere des Lebens; denn, so sagen wir:

hell strahlt aus ihr die Gottesgnad aufs Meer der Zeit;
die warnt den Christen vor Klippen und gibt ihm sicheres Geleit,
bis endlich er landet im Hafen der Ewigkeit!

Dein Name werde geheiligt, hebt die erste Bitte an, dein Name und wir denken dabei zurück an die Anrede, die uns für unseren Gott den rechten Namen in die Herzen und auf die Lippen hat legen wollen. Vater unser haben wir ihn nennen dürfen, nennen dürfen durch den, dessen Name leuchtend, tröstend, verheißend an dem Anfang aller Erdenjahre, auch an dem Anfang dieses neuen Jahres steht, durch Jesum, das heißt den Helfer, Erretter, Seligmacher. Was auch das kommende Jahr in seinem Schoße berge, wir sollen wissen, es kommt vom Vater im Himmel, der im Glücke seine Kinder segnet, im Unglücke ihnen hilft, im Kreuze sie erzieht, in der Angst sie tröstet, wir sollen wissen, dass denen, die ihn lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen, dass nichts uns kann geschehen, als was Er hat ersehen und was uns selig ist.

Sein Name offenbart ihn uns selbst in seinem Wesen und in seinem Willen, und er heißt der allmächtige Herr Himmels und der Erden. Darum richte dich auf, du Kleingläubiger und Verzagter, der du über dem Toben der Völker die Stimme dessen überhörst, der im Himmel thront und der Toren lacht, die da sprechen: es ist kein Gott. Er weiß die Zeit und Stunde, wo er seiner Allmacht hier auf Erden Raum geben wird, wenn er auch noch so lange Geduld hat mit der Menschen Fehl und Sünden.

„Seine Mühlen mahlen langsam, mahlen aber schrecklich sein; Was durch Langmut er versäumet, holt durch Schärf' er wieder ein!“

Aber er heißt auch die Liebe! Willst du dessen gewiss werden, sich nur hin auf das holde Jesuskindlein! So hat der allmächtige Herr Himmels und der Erden diese arme, sündige Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab. Hör es, der du dich abmühst und abquälst, deiner Seelen Seligkeit durch eigener Werke Gerechtigkeit zu erlangen.

Was kein Verdienst dir geben kann,
Das beut dir Gott in Gnaden an.

Hört es Alle, die ihr fern von der Liebe eures himmlischen Vaters in dies neue Jahr eingetreten seid; ein Jahr der Gnade soll es auch euch werden, denn seine Gnade will in ihm euch leuchten und suchen und heimführen! Hört es, ihr treuen ernsten Seelen, denen dieser Gottes- und Jesus-Name der Leitstern ihres bisherigen Lebens gewesen: wie Menschengunst und Erdenlos im neuen Jahr sich auch wandle, die Liebe Gottes bleibt die alte, helfend und tragend, hebend und tröstend alle ihre Kinder, versiegelt und beglaubigt durch den einen Namen, außer dem den Menschen kein andrer zur Seligkeit gegeben ist: hell strahlt in seinem Namen seine Gnad aufs Meer der Zeit!

Aber nun beten wir weiter: dein Name werde geheiligt! Damit wandelt sich der Neujahrstrost in eine ernste Neujahrsmahnung: sie warnt uns Christen vor Klippen, den Gefahren der Sünde, so gut denjenigen, die im Leben der großen Volksmassen offen vor den Augen da liegen, als denjenigen, die im einzelnen Menschenherzen verborgen wirken, deren letzter Grund allüberall darin zu finden ist, dass Gottes Name entheiligt wird. Gottes Name aber wird erst da geheiligt, wo das Wort Gottes lauter und rein gelehrt wird und wir auch heilig, als die Kinder Gottes, danach leben, wo dieses Wort für ein ganzes Volk wie für jede einzelne Menschenseele in demselben nicht bloß Licht und Leuchte für die Füße, sondern auch ein zweischneidig Schwert ist, von dem wir uns willig über unsere Sünde strafen lassen.

Wenn wir am heutigen Neujahrsmorgen der Nöte und Sorgen gedenken, mit denen unser Volk, mit denen wir selbst in das neue Jahr hineingetreten sind, wenn wir uns vor allen Dingen des Unfriedens und der Unzufriedenheit erinnern, die heut durch große Schichten unserer Bevölkerung, vielleicht auch durch manches Herz unter uns hindurchgeht, der letzte Grund für alle leibliche und geistliche Not unter uns liegt darin, dass wir der Mahnung und der Warnung der ersten Bitte zu wenig gedenken: dein Name werde geheiligt!

Das ist das einzige Heilmittel für alle die großen und kleinen Schäden, an denen unser Volksleben krankt.

Lasst Gottes Wort und Gottes Name im neuen Jahre den Leucht- und Leitstern unserer Häuser werden, und verschwinden werden vor seinem Lichte die dunklen Gewalten, welche so vieler Familien Glück und Frieden untergraben! Lasst in den Häusern neben der Tafel der heiligen zehn Gebote die christliche Haustafel wieder aufgerichtet sein, lasst im Namen Gottes im neuen Jahr Mann und Frau, Eltern und Kinder, Herrschaft und Gesinde die wahre Einheit und die wahre Freudigkeit, nicht bloß mit einander sondern für einander zu leben, finden; lasst Gottes Wort das Verhältnis zwischen Herren und Knechten, Arbeitgebern und Arbeitnehmern verklären und heiligen, und der Hass, der immer tiefere Wurzeln in den Herzen unzufriedener Arbeiter schlägt, wird sich wandeln in gegenseitiges Vertrauen und gegenseitige Liebe! Helfet dazu, dass Gottes Wort und seine heiligen Ordnungen rein und lauter ohne Menschenfündlein und Menschenweisheit unserer Jugend in den Schulen, unseren Erwachsenen in den Kirchen gelehrt werden, und Ströme einer lebendigen Wiedergeburt werden von Kirche und Schule in unser Volksleben sich hineinergießen! Schafft Raum im öffentlichen Staats- und Gemeinde- wie im

stillen häuslichen Leben der heiligenden Kraft des Gottesnamens, wie sie sich erweist in Werken suchender, rettender und bewahrender Liebe und in einem heiligen unsträflichen Lebenswandel, damit die Menschen unsre guten Werke sehen und unseren Vater im Himmel preisen dann wird nach dieser Zeit der schweren Not auch uns vielleicht die Gnadenstunde zu teil, in der unsere Augen das sehen, was wir so gern sehen möchten: das volle Glück und die volle Wohlfahrt unseres Volkes, die Stunde, in der alle die Schranken, die jetzt die einzelnen Glieder unsres Volkes trennen, gefallen sind und wir uns eins und einig fühlen und wissen im Loben und Preisen des einen Namens, der uns den Sieg gegeben hat! Amen!