Ev. Matthäus 6, V. 12.
(Zweite Predigt.)
Geliebte in Christo! Die Frage, ob der Herr Jesus Christus das Gebet, welches er uns gelehrt hat, auch selbst hat beten können, ist nicht schwer zu beantworten. Die fünfte Bitte beantwortet sie in völlig entscheidender Weise. Vergib uns unsre Schulden! Das ist kein Gebet gewesen für den Unschuldigen und Gerechten, welchen seine Feinde keiner Sünde zeihen konnten, und auf welchem des Vaters vollkommenes Wohlgefallen ruht. Man hat freilich wohl gesagt: Der leidend und sterbend unsre Schuld getragen habe am Kreuz, der habe auch als hohepriesterlicher Vertreter der Menschheit fürbittend sprechen können: Vergib uns unsere Schulden! Allein, diese Bitte ist nicht bloß eine Fürbitte, sie schließt auch, wie wir am vergangenen Sonntag gesehen, ein Bekenntnis eigner Verschuldung in sich, und darum bleibt es dabei: Der Herr selbst hat wohl am Kreuz gebetet: Vergib ihnen! aber er hat nicht beten können: Vergib uns unsre Schulden! Aber uns sündige Menschen hat er so bitten und beten und fürbitten gelehrt. „Unsre Schulden“, mit dem Wort bekennt ein jeder sich schuldig an seinem Teil und mitschuldig mit der Gesamtheit, mit welcher und für welche er bittet: „Unsre Schulden“, das ist ein Wort der Buße - Vergib, mit dem Wort bitten wir den gnädigen Gott, dass er sich unser erbarme um Jesu Christi willen, an welchem wir haben die Erlösung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden; „vergib“ ist ein Wort des Glaubens. „Vergib uns“ bei dem „uns“ machen wir unser Herz weit und begehren nicht bloß für uns selbst Verschonung und Vergebung, sondern auch für unsre Brüder und Schwestern, für unsre Haus- und Landesgenossen, für unsre Mitchristen und Mitmenschen; das Wort „uns“ ist ein Wort der Liebe.
Und vergib uns unsre Schulden! diese fünf Worte predigen uns also die Buße zu Gott, den Glauben an Jesum und die Liebe zu den Brüdern. Die Liebe gegen die Brüder wird uns aber in der fünften Bitte noch einmal gepredigt durch die fünf Worte: „Wie wir vergeben unsern Schuldigern.“
Diese zweite Hälfte der fünften Bitte ist es, welche wir heut zu betrachten haben.
Wenn wir in der ersten Hälfte der fünften Bitte zu Gott flehen: Vergib uns unsre Schulden, so geloben wir in der zweiten Hälfte vor Gott: Wir vergeben unsern Schuldigern. Auf das Gelöbnis in der fünften Bitte richten wir unser Augenmerk, und zwar
1. auf die Verknüpfung der Bitte: „Vergib“ und des Gelöbnisses: „wir vergeben!“ im allgemeinen und sodann
2. insbesondere auf die Art und Weise der Verknüpfung: Vergib wie wir vergeben!
Alle Bitten im Herrngebete schließen Gelübde in sich, aber nur eine Bitte gibt es, mit welcher der Herr ein ausgesprochenes Gelübde verbunden hat. Beten wir „Dein Name werde geheiligt!“ so geloben wir: wir wollen dich, den wir als unsern Vater im Himmel anrufen, als deine rechten Kinder fürchten, ehren, lieben und dir vertrauen! Wenn wir bitten: „Dein Reich komme!“ so geloben wir, vor allem zu trachten nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit. Wenn wir sprechen: „Dein Wille geschehe!“ so geben wir uns Gott mit Leib, Seele und Geist zum Opfer hin und erneuern das Gelübde: Es sei in mir kein Tropfen Blut der, Herr, nicht deinen Willen tut! Und wenn wir ums tägliche Brot bitten, entsagen wir da nicht allem Beschweren des Herzens mit Fressen und Saufen und Sorgen der Nahrung, aller Verhärtung des Herzens durch Geiz, durch Wucher, durch Neid, durch Erbarmungslosigkeit, und verbinden und verpflichten wir uns nicht zur Mäßigkeit, zur Nüchternheit, zur Genügsamkeit, zur Wohltätigkeit und Freigebigkeit? Aber der Herr überlässt es uns, stillschweigend diese Gelübde in die Bitten hineinzulegen, nur der fünften Bitte hat er ein ausgesprochenes Gelöbnis hinzugefügt. Aber auch in dieser ist nicht Alles ausgedrückt, was der aufrichtige Beter der fünften Bitte im Herzen vor Gott gelobt. Wenn ich bitte: „Vergib mir meine Schulden“ so gelobe ich sicherlich vor dem Herrn auch: „Ich will fortan wachen und kämpfen, dass ich nicht wiederum mit dem, was du mir vergibst, mich versündige und verschulde.“ Aber diese Zusage ist nicht ins Wort gefasst. Das Gelöbnis, das der Herr uns aussprechen heißt, enthält nur das Eine: „wir vergeben unsern Schuldigern“, das heißt nach Luthers Erklärung: „So wollen wir zwar d. h. fürwahr wiederum herzlich vergeben und gerne wohltun denen, die sich an uns versündigen.“ Warum müssen wir wohl nach des Herrn Ordnung gerade dieses und nur dieses Gelübde aussprechen? Der Herr weiß, dass es uns Menschen so ganz besonders schwer fällt, zu vergeben; und doch will er nicht, dass wir uns von der verderblichen Einbildung betören lassen, wir hätten es nicht nötig zu vergeben. Darum hat er das Gelöbnis in ausdrückliche Worte gefasst.
Ja, Geliebte, es ist beschämend und demütigend für uns, aber es ist wahr: das Menschenherz sträubt und wehrt sich hart dagegen, dem Beleidiger aufrichtig zu vergeben, und den Feind nicht zu hassen, sondern zu lieben. Wie gehen die bitteren Gefühle des Unmuts, des Zornes, des Hasses dem Menschen oft nach bei seinem Geschäft, Vergnügungen, Unterhaltungen! Wie heften sie sich an den Fuß und lassen sich nicht abschütteln, wenn er auch möchte! Wie fressen sie sich ins Herz hinein; man redet sich ein: sie seien erloschen, aber siehe, es ist eine Täuschung: tief unten im Herzen glüht noch der Funke des Grolls unter der Asche und ein geringer Anlass bläst ihn wieder zur hellen Flamme an, die den ganzen Menschen entzündet. Und wie oft sind die bitteren Rachegedanken dem Herzen gar nicht bitter, sondern süß; man nährt sie geflissentlich, man hegt sie mit Lust, will sie nicht los werden. O, der Hass und Groll ist eine furchtbare, höllische Macht im Menschenherzen, hingegen das Vergeben und Verzeihen gehört zu dem Schwersten, was dem Menschenherzen zugemutet werden kann. Aber es wird uns zugemutet. Wenn wir Vergebung unserer Sünden von Gott hinnehmen wollen und was ist uns nötiger, als Vergebung unserer Sünden? Dann müssen wir herzlich und gründlich vergeben denen, die sich an uns versündigen: herzlich, d. h. nicht mit halbem, sondern von ganzem Herzen, ohne zurückbleibende Bitterkeit und Empfindlichkeit, ohne den Vorbehalt, wohl vergeben, aber nicht vergessen zu wollen, ohne zu rechnen und zu zählen, ob es das siebte, oder siebzigste, oder siebenhundertste Mal ist; gründlich, d. h. so, dass die Herzlichkeit der Vergebung sich nicht bloß in Worten, sondern auch durch die Tat erweist, dass wir, nicht um wehe zu tun, sondern um wohlzutun den hungernden und durstenden Feind gern speisen und tränken, und dass wir, von der Liebe gedrungen, bitten für die, welche uns beleidigen und verfolgen. Wer das nicht will - wer den Hass bei sich nähren will - wer wohl der Rache entsagen, aber nicht von Herzen verzeihen will, wer nur mit Worten und nicht mit der Tat vergeben will, der klopft umsonst bei dem Vater im Himmel an mit der Bitte: „Vergib mir meine Schulden.“ Das bezeugt unser Heiland ausdrücklich und nachdrücklich in den Worten, die der Bergpredigt sogleich nach dem Vaterunser folgen: „Denn so ihr den Menschen ihre Fehler vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben; wo ihr aber den Menschen ihre Fehler nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Fehler auch nicht vergeben.“
Das ist die Verurteilung aus dem Munde des Heilandes für alle, die nicht willfährig sind, in ihren eigenen Sachen Gnade vor Recht ergehen zu lassen, Verzeihung zu üben, Versöhnung anzunehmen und zu suchen, Frieden zu halten und zu stiften; sie schließen sich selbst aus von der Gnade Gottes und verfallen einem unbarmherzigen Gericht. Es ist so, wie Luther sagt: „Dem Unversöhnlichen wird dies Gebet zur Sünde. Denn wenn du sprichst: Ich will nicht vergeben, und stehst doch vor Gott und pröpelst1) mit dem Munde: vergib uns unsre Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern - was ist das anders gesagt, denn so viel: Gott, ich bin dein Schuldiger; so habe ich auch einen Schuldiger. Nun will ich ihm nicht vergeben, so vergib du mir auch nicht. Ich will dir nicht gehorsam sein, ob du schon mich heißt vergeben; ich will eher dich, deinen Himmel und Alles fahren lassen.“ Und wie es Psalm 109 heißt: Sein Gebet wird vor Gott Sünde sein.
Welche Verblendung also, diese Bitte mit unversöhnlichem Herzen zu beten! Die erste Hälfte der fünften Bitte gemahnt uns daran, dass es ohne Vergebung der Sünden keine Gotteskindschaft und keine Heiligung gibt; die zweite Hälfte schärft uns ein, dass uns die Vergebung unsrer Sünden zu Teil wird nur unter der Bedingung, dass auch wir bereit sind zum Dank für die empfangene Vergebung unsern Schuldigern zu vergeben. In alten Zeiten war in der Christengemeinde zu Alexandrien ein Zerwürfnis entstanden. Den eifrigen Bemühungen des Bischofs Johannes war es gelungen, den Frieden wieder herzustellen. Nur ein einziger hochgestellter Mann wollte sich mit seinem Widersacher, der ihn hart und tief gekränkt hatte, nicht versöhnen. Da führt ihn eines Tages der Bischof allein in eine Kirche und betete laut mit ihm das Gebet des Herrn; bei der zweiten Hälfte der fünften Bitte aber schwieg er plötzlich und ließ den Unversöhnlichen allein die Worte sprechen: „wie wir vergeben unsern Schuldigern.“ Und wie nun diese Worte von den Wänden und Säulen der leeren Kirche widerhallten, da gingen sie dem Verhärteten durchs Herz: weinend fiel er auf seine Knie, bat Gott um Vergebung und ging hin und versöhnte sich von Herzen mit seinem Feinde. Sind auch unter Euch Unversöhnliche, die einen Groll, eine Bitterkeit mit sich herum tragen? Möge euch das Wort: „wie wir vergeben unsern Schuldigern,“ von dieser Stunde an auf Schritt und Tritt verfolgen, möge es von den Wänden eures Hauses euch antönen, möge es euch unaufhörlich bei Tag und Nacht in den Ohren gellen, bis dass es euch durchs Herz geht und euch zur Tat der Versöhnung treibt. Spreche nur Niemand: „Ich möchte wohl, aber ich kann es nicht.“ Freilich vermögen wir es aus uns selber nicht. Aber der uns das „Unser Vater“ beten gelehrt hat, unser Herr und Heiland steht ja da und wartet auf dich, dass du bei ihm Hilfe suchst ja mehr als das, er kommt dir entgegen und bietet sich dir an mit seiner Kraft, die in den Schwachen mächtig ist. Er ruft dir zu: „Bittet, so wird euch gegeben, sucht, so werdet ihr finden, klopft an, so wird euch aufgetan.“
Das führt uns zur Betrachtung der Art und Weise, in welcher das Gelöbnis des Vergebens mit der Bitte um Vergebung verknüpft ist. Im Evangelium Lukas heißt es: „Denn auch wir vergeben allen, die uns schuldig sind,“ an unsrer Stelle: „wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“
Will das „denn“ etwa unsere Vergebung zur Ursache des göttlichen Vergebens machen? als ob wir sprächen: „wir vergeben, darum bist du schuldig, auch uns zu vergeben?“ - das sei ferne. Der Heiland lehrt uns nicht mit Gott rechten, sondern bei Gott Gnade suchen; er lehrt uns nicht großtun vor Gott, sondern vor ihm uns demütigen mit dem Bekenntnis: „Ich weiß gar wohl, dass kein Mensch mag rechtfertig bestehen vor Gott. Hat er Lust mit ihm zu hadern, so kann er ihm auf tausend nicht Eins antworten.“ Und will das „Wie“ etwa unser Vergeben zum Muster und zum Maß des göttlichen Vergebens machen, als ob wir sprächen: „Wir begehren nichts mehr, als dies, dass du uns ebenso reichlich und völlig vergibst, als wir unseren Schuldigern vergeben?“ Nimmermehr! Wie übel wären wir dran, wenn Gott uns sein Vergeben nach dem Maße unseres Vergebens zumessen wollte! Ist Gottes Herz nicht größer als unser Herz? und unendlich viel reicher ist die Vergebung, die wir von ihm erbitten und erhoffen dürfen, als die Vergebung, die wir unserem Nächsten schuldig sind.
Der Herr bezeugt es im Gleichnis vom Schalksknecht: das, was Gott uns zu vergeben hat, verhält sich zu dem, was wir höchstens zu vergeben haben, wie 10.000 Pfund zu hundert Groschen. Und im Gleichnis vom verlorenen Sohn zeigt er uns in dem Bilde des Vaters, der seinem schuldbeladenen Kind die Arme entgegenbreitet und sein Haus öffnet, dass Gott bei seinem Vergeben nicht bloß seinen Zorn fahren lässt, sondern seine volle Vaterliebe schenkt, und dass er an denen, die im Namen Jesu zu ihm kommen, seine Verheißung erfüllt: „Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie gleich rot ist, wie Rosinfarbe, soll sie doch weiß wie Wolle werden.“ „Ich, ich tilge deine Übertretungen um meinetwillen und gedenke deiner Sünden nicht!“
Nein, durch das „wie“ oder „denn“, womit das Gelöbnis anhebt, soll nicht unser Vergeben zum Grund oder zum Maß des göttlichen Vergebens gemacht werden. Der Zusammenhang ist ein ganz anderer; es ist der, welchen die Erklärung des Heidelberger Katechismus ausdrückt: „Du wollest uns armen Sündern unsre Sünde, auch das Böse, so uns noch immerdar anhängt, um des Blutes Christi willen nicht zurechnen, wie auch wir dies Zeugnis deiner Gnade in uns befinden, dass unser ganzer Vorsatz ist, unserm Nächsten von ganzem Herzen zu verzeihen.“ Gott geht voran mit seinem Vergeben. Im Brief an die Epheser, Kap. 4, 31 und 32 heißt es: „Alle Bitterkeit und Grimm, und Zorn und Geschrei und Lästerung sei ferne von euch, samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich, herzlich und vergebt Einer dem Andern, gleichwie Gott euch vergeben hat in Christo.“ Die göttliche Vergebungsgnade macht die Herzen fähig und willig, dem Nächsten zu vergeben. Darum ist der im Herzen wohnende Vorsatz, dem Nächsten von ganzem Herzen zu vergeben, ein Pfand der göttlichen Vergebungsgnade.
Nicht so also ist es mit dem Gelöbnis der fünften Bitte, als ob wir uns auf unsre Willigkeit, zu verzeihen, berufen, um Gott gnädig zu machen, nein, vielmehr merken wir an der Versöhnlichkeit unseres Herzens, dass Gott uns gnädig ist. Dass unser Herz, das von Natur so eigensinnig und eigensüchtig, so ungeneigt zum Nachgeben und zum Vergeben ist, sanftmütig und versöhnlich wird, das ist ein Werk der vergebenden und neugebärenden Gnade Gottes; wir erkennen also daran, dass Gott sich in Gnaden zu uns gekehrt und sein Werk an uns angefangen hat; und solches Spüren und Erfahren der Gnade Gottes macht uns dann Mut, immer wieder zu bitten und anzuhalten: „Vergib uns unsre Schulden.“ Und weiter: nicht so verhält es sich, dass wir Gott bitten, dass er sich in seinem Vergeben nach dem Maße und dem Grade unsers Vergebens richten wolle, sondern, daraus, dass wir zu verzeihen vermögen, ziehen wir im Glauben den Schluss: Kann ich, der ich arg bin, meinem Nächsten vergeben, wie sollte nicht Gott, der die Liebe ist, auch mir vergeben? Soviel größer Gott ist, als die Kreatur, so viel reicher ist sein Vergeben, als menschliches Vergeben!
Das: „Wie“ und „Denn“ spricht also nicht der rechnende und richtende, auf eigenes Verdienst und Vermögen pochende Hochmut, sondern es spricht der demütige, allein auf Gottes Gnade bauende und ihres Reichtums sich getröstende Glaube.
Wo es aber in solchem Glauben gesprochen wird, da nimmt man es nicht leicht mit der Versicherung, dass unser ganzer Vorsatz ist, allen unsern Nächsten von Herzen Alles zu verzeihen; sondern man durchforscht sein Herz bis in die verborgenen Schlupfwinkel hinein und prüft sich wohl, ob der Vorsatz nicht doch einen versteckten Vorbehalt hat und im Geheimen eine Ausnahme macht in Bezug auf Diesen und Jenen, oder in Bezug auf dies und das. Und findet man dann, dass der Groll, die Bitterkeit, die Verstimmung noch nicht bis auf den letzten Nest überwunden und bis auf die letzte Spur hinweggetilgt ist, dann fasst man zwar auch diese Befleckung getrost mit in die Bitte: „Vergib uns unsre Schulden,“ aber man tut es nicht, ohne mit Hass gegen die Verkehrtheit des eigenen Herzens erfüllt, zu Gott zu schreien: „Herr, ich vergebe, hilf du mir völlig vergeben!“ Man tut es nicht, ohne aus der Tiefe des Herzens den Herzog unsrer Seligkeit, den Durchbrecher aller Bande, unsern Herrn Jesum Christum anzuflehen:
Deiner Sanftmut Schild
Mir anlege, in mich präge,
deiner Demut Bild
Dass kein Zorn noch Stolz sich rege,
Vor dir sonst nichts gilt als dein eigen Bild!2)
Und wenn wir aufrichtig so beten, dann erhört uns der Herr; da hilft er, dass wir die Regungen und Reste der Bitterkeit gegen den Nächsten bemeistern und dass wir wirklich und wahrhaftig von Herzen vergeben können dem Schuldiger, und zwar nicht bloß dem, der uns mit seinen Beleidigungen nur die Haut geritzt hat, sondern auch dem, dessen Kränkungen uns ins Herz schneiden und ans Leben greifen. So hat Stephanus vergeben, der nach dem Vorbilde Jesu sterbend für seine Steiniger betete: „Herr behalte ihnen diese Sünde nicht!“ Wer sich aber zu solchem herzlichen Vergeben hindurch ringt und hindurch betet, der hat dann an der heiligen Freude, mit welcher er dem Feinde wohlzutun und für ihn zu beten bereit ist, ein köstliches Unterpfand seiner Gotteskindschaft und der göttlichen Vatergnade: So, Geliebte im Herrn, treibt uns in der fünften Bitte eines zum andern: das Bitten zum Geloben, das Geloben zum Bitten; Beides aber, die Bitte und das Gelöbnis weisen uns zu dem Mittler, welchen uns der Vater gegeben hat, zu unserem Herrn Jesus Christus, denn er ist's, durch den wir Vergebung unsrer Sünden erlangen, um die wir bitten, und der ist es auch, der uns das neue Herz gibt, das nicht zürnt und hasst, sondern liebt und vergibt!
Geliebte im Herrn, in der gegenwärtigen bedrängten Zeit, wo wir unter einer ernsten göttlichen Züchtigung stehen, müssen wir es uns immer wieder sagen: dass der Herr Recht und Ursache hat, uns zu züchtigen, und dass es des Herrn Wille und Absicht ist, uns durch seine Züchtigung zur Umkehr vom bösen und verkehrten Wege zu bringen. Wir haben heut das Gelübde: „Wie wir vergeben unsern Schuldigern“ betrachtet. Dies Gelübde wird Jahr aus, Jahr ein von tausend und abertausend Lippen unzählige Mal ausgesprochen, und ach! doch so viel Streit, Hader und Zank im Lande, Streit in den Ehen und Familien, Zank unter Nachbarn und Verwandten, Hader zwischen den verschiedenen Ständen und Reichen, unter den Parteien in Staat und Kirche, und so wenig ernstes gewissenhaftes Trachten nach Frieden, nach Aussöhnung, so wenig wechselseitiges Entgegenkommen und Zuvorkommen! Auch das Gelöbnis: „wie wir vergeben unsern Schuldigern“, nennt uns eine Schuld, durch die wir die Strafe Gottes verdient haben. Es ruft uns zu: „Was murren die Leute im Lande also? ein Jeglicher murre wider seine Sünde!“ Es steht aber auch als Wegweiser vor uns und zeigt uns den Weg zur Umkehr.
Wenn wir Gottes Güte erfahren und seiner Güte uns getrösten wollen, dann müssen wir seine Zucht annehmen und von ihr uns weisen lassen. O, wenn wir uns weisen ließen! weisen zu herzlicher Vergebung und freudiger Wohltat gegen die, welche sich an uns versündigen, was für Quellen des Segens würde solche Umkehr öffnen!
Nirgends Neid und Streit, nirgends Härte und Eigensucht, Sanftmut, Demut, Geduld, Milde, Freundlichkeit, Wohltätigkeit, Friedfertigkeit, Einigkeit und Liebe überall in allen Häusern, unter allen Ständen, im ganzen Volk und Land, welch ein frohes, sonniges Bild ist das! Wieviel Wurzeln des Unsegens würden verdorren, was für Ströme des Segens würden sich ergießen, wenn dies Bild zur Wirklichkeit würde. Sollen wir nicht ernstlich danach streben, und dahin arbeiten, dass es wenigstens annähernd sich verwirkliche? Helfe doch ein Jeglicher dem göttlichen Segen Bahn machen, indem er an seinem Teil und an seinem Ort die Funken und Flammen des Hasses löscht und Saat des Friedens und der Eintracht sät; wo Einer unter euch ist, der einen alten Groll bis heut im Herzen gehegt hat, der säume nicht, sondern eile noch heute, dass er ihn versenke ins Meer, da es am tiefsten ist.
Amen!