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Zu den tiefsten Worten, die aus dem Munde des Herrn gegangen sind, gehört dasjenige, das wir Joh. 12, 24 lesen: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, es sei denn, dass das Weizenkorn in die Erde falle, und ersterbe, sonst bleibt es allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Frucht.“ Unter dem Weizenkorn versteht Christus sich selbst. Wie jenes, wenn es nicht in die Erde gelegt wird, ein vereinzeltes Körnlein bleibt, und ausgesät nur sich vervielfältigt, so wäre auch Christus, wenn er den Weg des Todes nicht gegangen wäre, der einzige Gerechte, Gott Wohlgefällige, und zum Himmel Berufene geblieben, und hätte, wenigstens unter den Sterblichen, weder Genossen seines Friedens, noch Miterben der zukünftigen Herrlichkeit gehabt. Nachdem Er aber jenen Weg gegangen, treibt Er gleichsam ganze Ernten heiliger und von Gott geliebter Menschen, wie Er selbst ist. Entsündigt durch sein Blut, geschmückt mit seinem Gehorsam, erneuert durch seinen Geist, teilen sie mit Ihm das Wohlgefallen des ewigen Vaters. Er aber macht sie je länger je mehr, wie der Sonnenstrahl verborgen in die Pflanze dringt, seiner göttlichen Natur teilhaftig, und freut sich der Vielen, die aus Ihm, dem Einen, erwachsen sind, als der lebendigen Spiegelbilder seiner eigenen Schöne.
Wir werden heute jenes Wort vom Weizenkorn in einer so buchstäblichen Weise zur Verwirklichung kommen sehen, dass wir nicht werden zweifeln können, es sei die Absicht Gottes gewesen, die Wahrheit, die dasselbe ausspricht, uns einmal in einem recht großartigen tatsächlichen Symbole anschaulich vor den Blick zu rücken. Das himmlische Saatkorn, Christus, wird wirklich in den Schoß der Erde gesenkt; und welch schönes, grünes, seinem eigenen verwandtes, Leben, das wir vor unseren Augen aus seinem Tode ersprießen sehen!
Matth. 27, 57-66. Mark. 15, 42-47. Luk. 23, 50-56. Joh. 19, 38-42.
Und am Abend, weil es Rüsttag war, welches ist der Vor-Sabbat, siehe, da kam ein reicher Mann von Arimathia, der Stadt der Juden, mit Namen Joseph, ein ehrbarer Ratsherr, welcher auch auf das Reich Gottes wartete, ein guter, frommer Mann, der nicht gewilligt hatte in ihren Rat und Handel, und welcher auch ein Jünger Jesu war, doch heimlich, aus Furcht vor den Juden; der wagte es, und ging hinein zu Pilato, und bat ihn um den Leichnam Jesu, dass er ihn möchte abnehmen. Pilatus aber verwunderte sich, dass er schon tot war, und rief den Hauptmann und fragte ihn, ob er längst gestorben wäre? Und als er es erkundet von dem Hauptmann, erlaubte er es, und befahl, man solle den Leib dem Joseph geben. Und Joseph kaufte eine reine Leinwand, und kam, und nahm den Leib Jesu herab. Es kam aber auch Nikodemus, der vormals bei der Nacht zu Jesu gekommen war, und brachte Myrrhen und Aloe untereinander bei hundert Pfunden. Da nahmen sie den Leichnam Jesu, und wickelten ihn in leinene Tücher mit Spezereien, wie die Juden pflegen zu begraben. Es war aber an der Stätte, da er gekreuzigt ward, ein Garten, und im Garten ein neues Grab, welches Joseph hatte lassen in einen Fels hauen, sein eigenes Grab, in welches Niemand je gelegt war. Da hinein legten sie Jesum, um des Rüsttags willen der Juden, dieweil das Grab nahe war. Und der Sabbat brach an; und Joseph wälzte einen großen Stein vor die Türe des Grabes, und ging davon. Es war aber allda Maria Magdalena, und Maria Joses, und die Weiber, die mit ihm gekommen waren aus Galiläa, die setzten sich gegen das Grab, und beschauten es, wo er hingelegt, und wie sein Leib gelegt ward. Sie kehrten aber um, und bereiteten Spezerei und Salben. Und den Sabbat über waren sie still nach dem Gesetz. Des anderen Tages, der da folgt nach dem Rüsttag, kamen die Hohenpriester und Pharisäer sämtlich zu Pilato und sprachen: Herr, wir haben gedacht, dass dieser Verführer sprach, da er noch lebte: Ich will nach drei Tagen auferstehen. Darum befiehl, dass man das Grab verwahre bis an den dritten Tag, auf dass nicht seine Jünger kommen und stehlen ihn, und sagen zum Volk: Er ist auferstanden von den Toten; und werde der letzte Betrug ärger, denn der erste. Pilatus sprach zu ihnen: Da habt ihr die Hüter; geht hin, und verwahrt es, wie ihr wisst. Sie gingen hin, und verwahrten das Grab mit Hütern, und versiegelten den Stein.
Wie wohl tut dem Herzen nach all' den erschütternden Szenen, deren wir bisher Zeugen waren, die feierliche Stille, die uns heute auf Golgatha begegnet! „Vor-Sabbat war's“, hebt unser Evangelium an; und auch uns geschieht nicht anders, als hörten wir von sabbatlichen Glockentönen uns sanft umklungen. Ein stiller Friede weht uns aus der Geschichte an. Über ihrem Dunkel dämmert schon ein vorgängiges leises Morgenrot der nahenden Verklärung. Vertiefen wir uns in ihre einzelnen Züge. Drei Momente nehmen vors zugsweise unsere Aufmerksamkeit in Anspruch: die Kreuzabnahme des Herrn, die Grablegung, und die Verwahrung des Grabes.
Es ist der letzte Passionsbetrachtungsgang, geliebte Freunde, den wir miteinander gehen. Der „Friede Gottes, welcher höher ist als aller Menschen Vernunft“, sei die köstliche Frucht, die wir von demselben mit zurück bringen!
Die Schädelstätte hat sich geleert. Nur die römische Wache blieb noch zurück. Ob auch Johannes wird nicht gemeldet. Tiefes Schweigen herrscht rings um. Die beiden Schächer hat man eben von ihren Kreuzen gelöst, und ist damit beschäftigt, ihnen die Beine zu brechen und das Grab zu graben. Der große Tote schwebt noch, einsam, das dorngekrönte Haupt auf die Brust herabgesenkt, zwischen Himmel und Erde. Jetzt aber ist Er der Träger, der Mittelpunkt und der König einer neuen Welt. Wer sollte dies glauben, der Ihn dort, eine Beute des Todes, am Fluchholz hängen steht? Doch nur Geduld! Seine Geschichte ist noch nicht zu Ende. Wie Vieles deutet prophetisch schon darauf hin, dass sie es noch nicht ist! Vernahmt ihr nicht das donnernde Hosianna, das im Momente seines Sterbens selbst die vernunftlose Kreatur, ja gar der Tod aus seinen Zwingern heraus Ihm singen mussten? Schlug an euer Ohr nicht, einfallend in das Credo1) der Schöpfung, das große Bekenntnis des römischen Hauptmanns? Fiel euch der Umstand nicht auf, dass wider Vorschrift und Gebrauch der Leib des Herrn Jesu nicht verstümmelt werden durfte? Und gewahrt ihr nicht in dem Totenangesicht des einen der beiden Schächer noch den Wiederschein überirdischen Friedens, welchen der große Mitgekreuzigte, an dessen Seite er hing, mit einem einzigen Worte ihm in die Sünderseele sprach? Und der gewaltige Bedränger aller Stürme der Außen- und Innenwelt könnte selbst in bleibender Weise dem Sturme des Todes erlegen sein? Dies ist unmöglich. Wie zerrissen und blutig Er dort an seinem Kreuze hängt, Er ist noch nicht auf der Höhe seiner Laufbahn angelangt. Vielmehr wartet auf Ihn noch das schon lange für Ihn gefertigte Siegeslied: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist's geschehen, und ist ein Wunder vor unseren Augen!“
Was wird aber zunächst mit dem verblichenen Ehrenkönige geschehen? - Bekümmert euch darum nicht, Geliebte. Der himmlische Vater hat schon für Alles gesorgt. Die Totengräber sind Ihm bereits bestellt, so wie auch die Ruhekammer Ihm schon bereitet ist. Wer Ihn zur Gruft bestatten werde? Dem Gesetze nach läge es den Henkern ob, Ihn, und zwar auf dem Richtplatz, wo Er starb, zu verscharren. Gott hatte es aber anders versehen. Nachdem der große Hohepriester sein versöhnendes Opferwerk vollbracht hat, darf Ihn keine Schmach mehr berühren. Nein, dies liefe wider die Ordnung des ewigen Rechtes an. Hat Er ohne Tadel seine Sache zum Ziel geführt, so gebührt Ihm fortan nur Ehre noch und Herrlichkeit. So urteilt auch der allmächtige Gott. Es soll seinem Sohne ein Begräbnis werden, in dessen Umständen auch der Blindeste die waltende Hand der ewigen Liebe nicht soll verkennen können.
Zwei angesehene Männer, angesehen nicht bei den Menschen nur, sondern auch vor Gott, werden mit der Bestattung der entseelten Hülle Immanuels beauftragt, und ein Häuflein bewährter Jüngerinnen, die einen Trost darin finden werden, den heiligen Leib noch in ihren Dankestränen baden zu dürfen, werden jenen beiden sich zugesellen.
Doch greifen wir der Geschichte nicht vor! Wir verlassen den Hügel Golgatha auf einige Augenblicke, und nehmen unseren Standpunkt in der Stadt Jerusalem. Wer wandelt dort so hastigen Schrittes die Straße hinauf, die zum Palaste des römischen Prokurators führt? Mit wichtigen Aufträgen scheint der Mann betraut. In seinen Mienen steht's geschrieben, und seine Eile verrät es. Wer ist dieser Geschäftige? Jerusalem kennt ihn, und zählt ihn zu seinen hervorragendsten und geachtetsten Bürgern. Joseph ist's, nach seinem auf dem Gebirge Ephraim gelegenen Geburtsorte der Arimathäer zubenannt; ein Mann mit dem allgemeinsten Vertrauen seiner Stammesgenossen beehrt, und zugleich Mitglied des höchsten jüdischen Gerichtshofs, des Hohen Rates. In letzterer Eigenschaft hatte er der ganzen Gerichtsverhandlung gegen Jesum persönlich mit beigewohnt, und im Verlauf derselben eine lebendige Überzeugung nicht allein von der vollkommenen Unschuld des Verklagten, sondern auch noch von etwas Mehr gewonnen. Er hatte „in den Rat seiner Amtsgenossen nicht gewilligt“; aber freilich auch nicht den Mut gehabt, einen lauten und entschiedenen Protest dagegen zu erheben. Das über den Gerechten gefällte Bluturteil hatte ihn in seinem Inneren empört; aber eine klägliche Menschenfurcht es zu nichts Weiterem, als zu einem stummen Kopfschütteln bei ihm kommen lassen. Christus wurde zum Richtplatz abgeführt, und Joseph geistlicher Weise insofern mit Ihm, als er von seinem Gewissen auf das schärfste gerichtet und verdammt wurde. Die blutige Exekution auf dem Marterberge ging vor sich. Ob Joseph ihr von ferne selbst mit zugesehen, oder ihren Hergang nur durch Berichte Anderer erfahren hatte, wissen wir nicht. Genug, ehe er sich's versah, schlug, höchst überraschend für ihn, der, von großartigen Ahnungen bewegt, immer noch einen anderen Ausgang der Sache erwartet hatte, die Donnerkunde an sein Ohr, dass der Nazarener an seinem Kreuze so eben seinen Geist aufgegeben habe. Was dieser Kunde an erschütternder Macht noch fehlte, das verlieh ihr vollends das schauerliche Phänomen des Erdbebens, welches in demselben Augenblicke eintrat, und auch dem Joseph in Bestürzung erregender Weise sich spürbar machte. Von diesem Momente an sehen wir zu Jerusalem einen Mann, einsam, das Haupt auf seine Hand gestützt, in seiner Kammer sitzen, und hören ihn, wenigstens ist mir's, als dränge der Art etwas zu meinem Ohr, in abgebrochenen Lauten sprechen: Also tot ist er! Die ihn mit tausend Liebesbanden an die Erde hätten fesseln sollen, haben ihn erwürgt! Wehe, über die Mörder! Den schönsten Stern, der je am Himmel der Welt geleuchtet, löschten sie in seinem eigenen Blute aus!
- Doch Joseph! wer bist du selbst? Sie wussten nicht, was sie taten, und du erkanntest ihn! Warum tratst du nicht zeugend für ihn auf? Warum schriest du nicht: Den Fürsten des Lebens wollt ihr kreuzigen; auf! kreuzigt auch mich zu seiner Seite: denn ich bin sein Jünger, und ohne ihn ist die Welt mir öde, das Leben wertlos! Aber die Gunst der Menschen war dein Götze, und galt dir mehr, denn Gottes Gunst! Um den nichtigsten der Preise hast du den Herrn der Herrlichkeit verleugnet! Nun erblasste er, und sein Ohr hört das Bekenntnis deiner Reue nicht mehr, noch vermag sein Mund mehr ein Wort der Vergebung zu dir zu sprechen!
- Aber starb er auch wirklich? und wenn er verblich, wird der Tod ihn halten können? Als Isaak schon auf dem Holzstoß lag, sprach Abraham zuversichtlich hoffend noch sein „dennoch“! Sein „dennoch“! rief Israels Glaube noch, als schon der Stamm des Hauses Davids, aus dem der Messias kommen sollte, bis auf die Wurzel erstorben und verrottet war! O, rufe denn, mein Herz, dein „dennoch“! auch du! Wenn der Anker der Hoffnung in Ihm nicht sicher ruhte, so findet er nirgends im Himmel und auf Erden den Grund, in dem er hafte. Der Mann aus Nazareth war der Verheißene; oder die Verheißung der Propheten ist verloren, und erfüllt sich nimmer! Und doch hast du, Unglückseliger, ihm deine Knie nicht gebeugt; ja, hast ihn, ohne entschlossenen Einspruch einzulegen, erwürgen lassen! Dies, oder dem Ähnliches, murmelt der einsame Mann in stürmischem Monologe vor sich hin, indem er tränenschweren Herzens sein Angesicht in sein Gewand verhüllt. Dann aber fährt er, sich ermannend, plötzlich mit dem Rufe auf: „Du, dem ich im Leben die Ehre schuldig blieb, lass dir denn noch im Tode meine Huldigung gefallen!“ Und wie er es gesprochen, hat er auch Kammer und Behausung schon verlassen, und in das Gewoge der Straße sich hineingestürzt.
Wer ist dieser so mächtig aufgeregte Mann? Kein anderer, als der, den wir vorhin dem römischen Prätorium zueilen sahen. Joseph von Arimathia ist's. Was er im Schilde führe, danach mögt ihr ihn nur selber fragen, und eine Lust wird es ihm sein, es euch rund heraus zu sagen. Und wenn ganz Jerusalem ihn darum als einen Toren verlachen, oder gar als einen Ketzer ihn steinigen wollte, so würde er sich nur freuen, dass ihm dadurch Gelegenheit geworden sei, in einer gewissen Weise wenigstens einen Teil der Schuld abtragen zu können, die ihn mit ihrer Zentnerschwere zu erdrücken droht. Ich vermag mich in seine Stimmung hinein zu denken. Es beseelt ihn jener Trotz des Glaubens und der reumütigen Liebe, in welchem man zur Ausgleichung einer Verleugnung, deren man sich gegen Jesum schuldig machte, die Schmach um seines Namens willen bei den Haaren herbei ziehen, ja, mit dem Dornenkranze um die Stirn, für Ihn sich brandmarken, selbst sich kreuzigen lassen möchte.
Gradeswegs zum Landpfleger will unser Joseph, und sich die Erlaubnis von ihm erbitten, den großen Toten von seinem Holze herabnehmen, und ihn in seiner eigenen Familiengruft ehrenvoll bestatten zu dürfen. Er langt im römischen Palaste an, und wie er nach geschehener Anmeldung vor seinem Gebieter erscheint, beginnt er fest und unumwunden: „Ich komme, dich um Eins zu bitten, nämlich, dass du den Leichnam Jesu mir überlasst, auf dass ich ihm, wie ihm gebührt, ein ehrliches Grab bereite!“ Pilatus ist nicht wenig überrascht, solch Gesuch aus dem Munde eines jüdischen Ratsherrn zu vernehmen; spricht jedoch, augenscheinlich, um dadurch die wahren Empfindungen, die in diesem Momente in seinem Inneren sich regen, zu verdecken, zunächst nur seine Verwunderung darüber aus, dass der Nazarener schon tot sein solle.
Zugleich befiehlt er, in gleicher Absicht, dass man den Befehlshaber der Wache zu ihm bescheide; und nachdem derselbe eingetreten ist, erkundigt er sich aufs sorgfältigste, wie es um die drei Gehenkten draußen stehe. Aber trotz der ruhigen Amtsmiene, die er sich zu geben sucht, entgeht es uns nicht, dass er sich, wenn auch in geringerem Grade der Tiefe und Lebendigkeit, in einer gewissen sympathisierenden Geistesgemeinschaft mit dem von Jesu so mächtig ergriffenen Ratsherrn befindet. Auch er kann sich das Bild des Hingemordeten nicht vergegenwärtigen, ohne sich von Empfindungen einer entschiedenen Ehrfurcht durchdrungen zu fühlen. Ich meine sogar, schon in dem Befremden, womit er die Nachricht vernimmt, dass Jesus schon tot sei, etwas von den großartigen Ahnungen sich spiegeln zu sehen, deren sich seine Seele beim Gedanken an die Person des Gekreuzigten nicht zu erwehren vermag. Zudem findet er sich selbst über das Verhalten, das er gegen den Schuldlosen beobachtet hat, von seinem Gewissen gerichtet, und dass dem beispiellos Misskannten noch im Tode eine ehrende Genugtuung wiederfahren soll, wie sie ihm Joseph zugedacht hat, entspricht so sehr seinem eigenen Wunsche und Bedürfnis, dass er, als ob ihm selbst das Herz dadurch erleichtert würde, mit Freuden seine Genehmigung dazu erteilt. Joseph bezeugt dem Prokurator den herzlichsten Dank, und eilt, beglückt, als wäre ihm der größte Schatz der Welt zu Teil geworden, von dannen, um zuerst die feinste Leinwand, die er finden mag, und zugleich die kostbarsten Salben und Spezereien anzukaufen. Für wen? das mag jetzt die ganze Welt von ihm erfahren. „Für meinen König!“ wird er überall laut bezeugen, wo er danach gefragt wird. Und will etwa der Hohe Rat warnend den Finger erheben, oder gar mit Amtsentsetzung, und noch Schlimmerem, drohen, so möge er's nur tun. Joseph wird dann lauter noch bezeugen: „Für meinen König, für meinen Herrn, für meinen Friedensfürsten.“ „Er wagte es“, meldet die Geschichte; aber ihm deucht es kein Wagnis mehr. Mit Freuden hätte er Alles für den großen Toten hingegeben, hätte er dadurch nachträglich ersetzen können, was er dem Lebenden vorenthalten hatte.
Wir lassen ihn, und kehren im Geiste zum Richtplatz zurück. O seht, wer hat dort mittlerweile sich eingestellt? Erkennt ihr ihn wieder, den Mann, der stumm und unbeweglich wie eine Bildsäule unter dem Kreuze steht, und mit andachtsvollem, tränenfeuchtem Auge zu dem erblassten Dulder hinaufschaut? In ihm findet Joseph sein geistiges Gegenbild: denn dieser Mann hat dasselbe zu bereuen, was er, und brennt, wie er, vor Verlangen, das, was er verfehlte, wieder auszugleichen. Wer ist dieser beschauliche Fremdling? Er ist uns so wenig ein Unbekannter, wie dem Joseph. Nikodemus ists, Josephs Amtsgenosse; jener Pharisäer, der einst lern- und heilsbegierig, jedoch „bei der Nacht“, weil auch in ihm die Furcht vor den Juden der Liebe zur Wahrheit wenigstens noch das Gleichgewicht hielt, zu Jesu kam.
Jetzt hat auch er die schmähliche Fessel abgeworfen. Fürwahr, Wunderdinge sind es, die wir in der Umgebung des Kreuzes heute erleben. Wollten wir zu Jemandem, der es noch nicht wüsste, sagen: „Gib Acht! Ein paar furchtsame Männer, den höchsten Gesellschaftskreisen angehörig, die, als Jesus noch in der entfalteten Majestät überirdischer Betätigungen einherschritt, aus Scheu vor dem Urteil der „öffentlichen Meinung“ nicht wagten, mit ihren günstigeren Ansichten von Ihm ans Licht zu treten, werden jetzt, nachdem der Ausgang seines Lebens Ihn zu einem beklagenswerten Schwärmer gestempelt zu haben scheint, vor allem Volke Ihm als ihrem Könige die Ehre geben, und mit aufgehobener Hand zu dem zerfetzten Paniere seines zertrümmerten Reiches schwören; würde er im Stande sein, dies zu glauben? Er möchte eher wohl alles Andere für wahr halten wollen, als dies; und dennoch geschieht es so! Gerade jetzt, da bis auf einen einzigen sämtliche Jünger, seine vertrautesten nicht ausgenommen, ihn verlassen haben; jetzt gerade, da Jesus nicht mehr Sturm und Meer bedroht, sondern selbst überwunden in seinem Blute schwimmt; gerade jetzt, da an Ihm nur Niederlage noch und Untergang zu schauen ist, und nichts gewisser scheint, als dass Gott selbst Ihn zu Schanden habe machen wollen: in diesem Augenblicke des scheinbar entschiedensten Schiffbruchs seiner Sache werfen die Beiden ihre Schleier und Larven ab, und treten aus ihren Schlupfwinkeln frei und offen mit dem unumwundenen Bekenntnis hervor, dass sie es mit dem gehenkten Mann am Kreuzesstamme halten; und verdammen durch diese Tat stillschweigend seine Hinrichtung als einen Justizmord, und klagen insonderheit den ganzen Hohen Rat des himmelschreienden Verbrechens an, mit dem unschuldigen Blut des „Heiligen in Israel“ ihre Hände befleckt zu haben. - „Aber sind denn diese Leute“, fragt ihr halb stutzend, halb lästerlich zweifelnd, „urplötzlich zu Hellsehern geworden?“
Wir antworten: Ja, Freunde, sie sind es; aber durch den Geist des lebendigen Gottes, der ihnen die Augen geöffnet hat. Der Keim der Glaubenszuversicht, die jetzt mit einem Male so herrlich und ausgeboren an ihnen zu Tage tritt, lag lange schon, nur gebunden und wie unter der Scholle, in ihren Herzen. Aus dem Wettergewölk heraus, das über Golgatha lagerte, hat die Gnade denselben jetzt befruchtet, und darum sehen wir ihn nun in so freier und mächtiger Entfaltung in die Erscheinung treten.
Nachdem Nikodemus eine Weile im Anschauen des Kreuzes mit unaussprechlicher Bewegung des Gemüts seinen Betrachtungen nachgehangen hat, betritt auch Joseph die Schädelstätte; und wie herzinnig begrüßt er seinen Sinnes- und Geistesgenossen! Nachdem die Beiden dann einige traute Worte mit einander gewechselt, und die Kriegsknechte von der Seitens des Landpflegers ihnen erteilten Erlaubnis in Kenntnis gesetzt haben, beginnen sie ihr trauriges, und doch so seliges Werk. Sie holen Leitern herbei, und lehnen sie an das Holz des entseelten Friedensfürsten; und so steigen sie ehrerbietig zu dem großen Toten hinan; und ist ihnen nicht anders, als wären es geweihte Tempelstufen, die sie überschritten. Liebliche Szene dies! Szene voll tiefer Bedeutung! Angesichts ihrer singt, die in sie verwobene Bilderschrift zart entziffernd, ein christlicher Dichter, und wir singen's mit ihm:
„Wie Bienen um die Blumen schweben, und sammeln süßen Nahrungssaft:
So schwebt mein Geist ums Kreuz, mein Leben! Aus deinem Blute saugt er Kraft!
Was könnt' ihn wach und stark erhalten, als deine offenen Wundenspalten?“
Die beiden Freunde haben eben die durchbohrten Füße ihres erblichenen Meisters erreicht, da o - Er ist es wert! - neigen sie andächtig das Haupt, und bedecken dieselben mit Küssen und Tränen, den Zeichen ihrer abbittenden Reue. Dann steigen sie höher. O Haupt voll Blut und Wunden, sei gegrüßt!“ Nicht Zärtlichkeit ist es nur, sondern ein Mehreres noch, womit sie Ihm in das blutbeflossene Antlitz schauen. Es entgeht ihnen nicht, wie auch noch auf dieser blassen Stirn eine hohe Majestät thront, und über den geschlossenen Augenlidern etwas wie Morgenrot der Auferstehung hinschwebt. „Du zerrissner Mann stehst noch nicht am Ziele deiner Laufbahn!§ Sie denken's mit tief ergriffenem Gemüte, und beginnen dann zart und schonend aus Händen und Füßen die Nägel Ihm zu ziehen. Der teure Leichnam neigt sich auf ihre Schultern herab, und nachdem sie ihn in Leinwand gehüllt, tragen sie ihn sanft von der Kreuzeshöhe zur Erde nieder. O, ihnen nach! teure Brüder! Mit dem Jesus auf dem Lehrstuhl zu Nazareth, mit dem Prediger auf dem Berge der „Seligkeiten“, ja selbst mit dem Herrlichen in Tabors Glorie reichen wir noch nicht aus. Der am Kreuz muss unsere Liebe werden. Darum zu Ihm hinan auf den geistlichen Leitersprossen des Sündenschmerzes, des Gnadendurstes und des Glaubens! Vom Holz des Fluches Ihn gelöst, und so Ihn als unseren einigen Trost im Leben und im Sterben in unser Herz gebettet! Dass es die wirklich seligmachende Jesusliebe sei, die in uns glimme, und nicht bloß ein Abbild von ihr, das können wir am sichersten daran erkennen, dass diese Liebe zuerst an dem blutigen Toten sich entzündete, und dann erst den Lebendigen umschlang. Wer dagegen von dem Toten sich abgewendet hat, und wähnt, der lebendige Christus, wie Er wohltuend, lehrend und Vorbild gebend im Lande umherging, sei ihm genug, der verrechnet sich, und wird einst am Tage Seiner Zukunft, trotz des „Rabbi, Rabbi!“ womit er Ihn begrüßte, die erschütternde Antwort aus seinem Munde hören: „Ich weiß nicht, wo du her bist! Ich habe dich nie erkannt!“
Zurück zu unseren beiden Freunden! Dort ziehen sie schon schweigend mit ihrer teuren Bürde den Berg hinab. Ein unscheinbares Leichenbegängnis; aber wie wird es herrlich durch die Zärtlichkeit und den Bekennermut der beiden Träger des Verblichenen! Kein Trauergeläute zwar begleitet den stillen Zug; aber später ist's umso reichlicher nachgefolgt. In wie vielen Tausenden von Türmen schlagen gegenwärtig über Jesu Kreuz und Gruft die Feierglocken an, so oft alljährlich der heilige Gedenktag seines Todes und seiner Bestattung wiederkehrt! Kein Grabgesang tönt vor ihnen her, und keine Ehrenfackeln sieht man brennen. Aber was gibt es für köstlichere Fackeln, als die unauslöschlichen der Liebe und Verehrung, die aus dem Himmel stammen? Und horcht nur! an einer solennen Sterbelitanei fehlt's auch nicht. Es singt sie dem Hingetragenen ein gottgeweihter Sänger aus einer fast tausendjährigen Vergangenheit heraus: der Prophet Jesaja; und zwar in den Worten der Weissagung Kap. 53, 9: „Man bestimmte ihm (dem Messias) zwar sein Grab bei den Gottlosen; aber er fand seinen Hügel bei den Reichen; darum, dass er Niemandem Unrecht getan hat, noch Betrug in seinem Munde erfunden ist.“
Wir sind zur Stelle. Ein friedliches, zum Teil von Felsen umschlossenes Gelände nimmt uns auf. Josephs Garten ist's. Die Sonne wirft eben ihre letzten Strahlen in ihn hinein; der hereingrauende Abend seine ersten kühlen Schatten. In dieser stillen Umhegung soll der Heilige seine letzte irdische Lagerstätte finden. Ein eigenes Grab besaß Er nicht, der überhaupt nicht hatte, wo Er sein Haupt hinlegte“, und bedurfte also, dass Ihm für sein kurzes Übernachten eins gastlich geliehen wurde. Wie glücklich aber schätzt sich unser Joseph, der Ehre gewürdigt zu sein, diese letzte Ruhestatt Ihm bereiten zu dürfen; und wie wohl tut ihm die Aussicht, einst, wenn auch Ihm das letzte Stündlein schlug, mit Dem wenigstens die engste Todesgemeinschaft noch eingehen zu können, den er im Leben ach! so schnöde verleugnet hatte! Wie die Beiden nun mit der geliebten Last bei der Felsgruft angekommen sind, gewahren sie, dass es ihnen auch an einem Leichengefolge nicht gemangelt habe. Die treuen Frauen: Maria Magdalena, und Maria Joses, und der tapferen Freundinnen noch manche andere, sind ihnen in einiger Entfernung stille nachgegangen; denn auch sie wollten gerne sehen, wo ihre ganze Hoffnung und ihre ganze Liebe bleibe. Joseph und Nikodemus heißen sie herzlichst willkommen, und nehmen ihre Dienste bei dem Werke der Bestattung gerne an. So wird denn der heilige Leichnam erst sanft auf den Boden niedergelegt, und während die Frauen, fast mehr mit ihren Tränen, als mit dem herbeigetragenen Wasser, die blutigen Flecken von Haupt und Brust Ihm waschen, füllen die Männer das zarte blendend weiße Linnen, in das er gewickelt werden soll, mit Myrrhen, Aloe und anderen der kostbarsten Spezereien, deren sie eine reiche Fülle, Nikodemus sogar „bei hundert Pfunden“, herbei geschafft hatten. Nachdem sie dann mit den üblichen Leinwandbinden den Leib umwickelt haben, schauen sie dem teuren Entschlafenen noch einmal schweigend in das hehre blasse Königsangesicht, und überbreiten dasselbe dann (vielleicht verrichtete Magdalena diesen letzten Trauerdienst,) mit dem Totentüchlein. Das ganze Geschäft der Bestattung war indes hiermit noch nicht beendet; aber die Nähe des Sabbats gebot, die eigentliche Balsamierung bis zum Schluss des Festes zu vertagen, und für jetzt es lediglich bei diesem vorläufigen Liebeswerke bewenden zu lassen. War unter den bestattenden Frauen auch Maria Lazari, so musste diese sich erinnern, dass es überhaupt eines weiteren Bemühens mit dem Leichname des Meisters nicht bedurfte, indem Er seiner eigenen ausdrücklichen Versicherung nach die „Salbung zum Tage seines Begräbnisses“ schon in Bethanien durch ihre, der Maria, Hand, empfangen hatte. Die Freunde nehmen nun den lieben Toten wieder auf, und tragen ihn sanft und feierlich auf ihren Händen in die neue saubere Felsenkluft, wo sie ihn sacht und mit andächtigem Schweigen, als ob er nur ein Schlafender wäre, in eine weite, hochgewölbte Nische zur Ruhe betten. Noch einmal schauen sie Ihn mit tief ergriffener Seele an, dann reißen sie sich gewaltsam von Ihm los, verlassen das Gewölbe, wälzen einen großen Stein vor dessen Türe, und kehren, weil schon die Sabbatlichter von fern herüber schimmern, unendlich traurig, aber doch nicht ohne ein ahnungsvolles Hoffen, zurück zu ihren Hütten.
Wir lassen sie ziehen, und verweilen noch einige Augenblicke bei dem teuren Grabe; nicht, um jetzt in Totenklagen auszubrechen, sondern vielmehr, um leise in den Sang des Dichters einzustimmen:
„Du Freund, in Myrrhenduft und Aloe begraben!
Mich zieht die Felsengruft; dich, Leichnam, muss ich haben!
Du blut'ges Angesicht, im Tod gebroch'ner Blick!
Welch himmlisch süßes Licht strahlt mir von dir zurück!“
Luft des Lebens weht aus seiner Felsenkluft uns entgegen; Friede Gottes haucht aus ihr uns an. Dort ruht Er nun, der Held. Wie tut's uns so wohl, nach aller Schmach und Unbilde, die sich über Ihn ergossen, Ihn wenigstens einmal wieder ehrenvoll gebettet, und auf einem Lager ruhen zu sehen, welches Liebe, Treue und Zärtlichkeit ihm streuten! Wer kann es verkennen, dass der allwaltende Gott schon in die Umstände seines Begräbnisses zu unserem Troste ein leises Zeugnis verweben wollte, dass der eingeborne Sohn das große Werk, welches Ihm übertragen war, wohl vollbracht habe, und darum jetzt die Zeit der Vergeltung für Ihn gekommen sei? Wie deutlich kündet sich zugleich in der vor Anbruch der Nacht und des Sabbats noch vollführten Kreuzabnahme und Grablegung des Mittlers die nunmehr eingetretene Erfüllung der alten, die Gehenkten in Israel betreffenden Verordnung an; und wie bestimmt wird es uns auch in diesem Zuge veranschaulicht, dass der Fluch nunmehr wirklich von der Sünderwelt hinweggenommen sei, und das Auge Gottes wieder gnädig und mit Wohlgefallen zur Erde niederschaue!
Dort schlummert Er. Wohl uns, Geliebte, dass Er auch noch diesen dunklen Gang für uns hat gehen wollen! Nichts hinderte Ihn, schon am Holze sein Leben wieder zu nehmen, und von dort unmittelbar zu seinem Vater zurück zu kehren. Aber hätte Er dies getan, so wären wir in unseren Gräbern allein gelassen; und ihr wisst, wie fast mehr noch, als vor dem Tode selbst, vor dem Grabe uns zu grauen pflegt. Hier, wo die Verwesung waltet, gewinnt es ja ganz den Anschein, als ob der Fluch der Sünde noch auf uns laste, und eine Erlösung überhaupt gar nicht geschehen sei.
Um nun diese Schauer zu zerstreuen, und vermittelst seines eigenen Vorgangs uns zu überzeugen, dass auch mit der Versenkung unserer Leiber in die dunkle Gruft eine Gefahr für uns nicht mehr verknüpft, sondern auch aus diesem finsteren Zwinger ein Ausgang zum Leben uns eröffnet sei, hat Er, der mit mehr als Mutterliebe alle unsere Bedürfnisse in Anschlag brachte, vor unseren Augen sich selbst ins Grab legen lassen. Freilich war Er der Verwesung nicht unterworfen, weil Er zurechnungsweise nur, nicht aber zuständlich, ein Sünder war. „Du wirst nicht zugeben“, sprach, getrieben vom Geiste der Weissagung, schon David Ps. 16, 10, „dass dein Heiliger verwese.“ Unser Fleisch dagegen, das von der Sünde vergiftete, muss den Prozess des keimenden Saatkorns durchgehen, und vor der Verklärung in seine ursprünglichen Elemente sich auflösen. Dieser Unterschied zwischen unserem Lose und demjenigen unseres göttlichen Hauptes ist aber kein wesentlicher. Die Hauptsache bleibt die, dass wir wissen, es sei auch unser Leib im Grabe nicht verloren, sondern ruhe daselbst nur auf Hoffnung. Dies wurde uns durch Christum besiegelt und verbürgt. Den Weg, den wir Ihn gehen sehen, gehen auch wir. Was sein Gehorsam Ihm als dem Menschensohn verdiente, verdiente und erwarb derselbige auch uns: denn Christus leistete ihn an unserer Statt. War denn die Grabesruh' des anderen Adam nur eine friedliche Sabbatrast, so kann und darf die unsere nichts Anderes sein. Wurde Er am dritten Tage aus dem Kerker, in den der Schreckenskönig Ihn verschlossen, wieder hervorgerufen, und mit Preis und Ehre gekrönt, so steht unserem Leibe ein Gleiches bevor, vorausgesetzt, dass wir glaubend und liebend in seine Gemeinschaft eingegangen sind. Sagen wir hinfort, dass Christus durch sein Begräbnis unsere Gräber geweiht und gelichtet habe, so ist dies ungleich mehr, als eine dichterische Redensart. Schauen wir in unsere Grüfte hinunter als in stille, feierliche Ruhekammern, so träumen wir nicht, sondern sehen wesentliche und wahrhaftige Dinge. Dem Apostel ist es so gewiss, dass auch unsere Leiber wieder auferstehen werden, dass er behauptet, es könne, falls es nicht geschähe, auch Christus selbst nicht auferstanden sein. Wer wird es nun noch in Abrede stellen wollen, dass unsere Kirchhöfe mit vollem Rechte den Namen der „Gottesäcker“ tragen? Ja, die mit dem Blut des Lamms Erkauften ruhen auch in ihren Gräbern unter Gottes Flügeln, und auf ihr vermoderndes Gebein noch wirft der Tempelleuchter einer göttlich besiegelten Hoffnung verklärenden Lichtesglanz.
Der Fürst des Friedens ruht in seiner Gruft. Da naht in schweigender Andacht ein hehrer Mann, - Paulus von Tarsen ist's, - und schreibt auf den Stein des Grabes ein großes Wort. Ihr lest es Röm. 6; und das Wort bezeugt, dass wir „mit Christo“ nicht allein „gestorben“, sondern auch „mit Ihm begraben worden“ seien. Gleichwie wir aber „mitgepflanzt“ seien, zur „Ähnlichkeit seines Todes“, so würden wir es auch zur „Auferstehung“ werden.
Was will diese geheimnisvolle Inschrift? Sie bezeugt nichts Geringeres, als dies: Den Fluch der Sünde hat Christus stellvertretend für uns am Kreuz erduldet. Es ist somit „keine Verdammnis mehr an uns, so wir in Christo sind.“ Wir tragen aber, auch als Wiedergeborene, die Reste der alten sündigen Natur noch an und in uns. Dies ist unser Kreuz und Kummer, und dringt uns die bange Frage ab: „Ich elender Mensch; wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes?“ Schon Mancher ist auf den beunruhigenden Gedanken geraten, er möge ebenso wohl jenseits des Grabes noch, wie hienieden, mit der Sünde zu schaffen und zu streiten haben. Solche Sorge aber wird uns beim Grabe Christi auf immer abgenommen. Einen „alten Menschen“ hatte Christus freilich in dem Sinne nicht, wie wir; Er war persönlich schlechthin ohne Sünde. Aber die Gestalt des „sündlichen Fleisches“ die Er annahm, vertrat an Ihm dasjenige, was bei uns der „alte Adam“ ist; und so haben wir denn auf das, was mit jener „Gestalt“ vorgegangen ist, wohl acht zu geben, und darin eine große, symbolische Bedeutung für uns zu suchen.
Er nahm die „Knechtsgestalt“ mit sich bis in das Grab; aber auch nicht einen Fußbreit weiter. Am dritten Tage sehen wir Ihn in nichts, als Verklärung und strahlende Herrlichkeit gekleidet, wieder hervorgehen; und Er hat Alles, was an Elend, Schwachheit und Gebrechlichkeit erinnerte, in dem dunklen Todeszwinger zurück gelassen. Versteht ihr dieses gedankenvolle Sinnbild? Es verkündet uns, dass, was uns noch von sittlichem Verderben anklebt, also: der „alte Mensch“, ebenfalls weiter nicht, als bis zum Grabe, mit uns gehe; dann aber auch an uns, in derselben Ordnung, wie es an unserem erhabenen Vorläufer vor sich ging, das Werk der Erledigung sich vollziehen werde. Sobald unser Stündlein geschlagen hat, ist der Widerstreit zwischen Fleisch und Geist in uns beendet. Der Geist herrscht allein; die Klage: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht“, verstummt. Wir verrichten nun die Werke, die Gott gefallen, ohne Hemmung: denn unsere Heiligung ist vollkommen. „Alle Tränen“, also auch die schmerzlichsten von allen, die wir hienieden noch über die Gebrechlichkeit unserer Natur zu weinen hatten, werden von unseren Augen getrocknet.“ „Kein Leid noch Geschrei“, wird dann mehr sein; mithin auch keins mehr über erneuerte Untreuen, und Verirrungen, sei es in Tat und Wort, oder in Regung und Gelüste.
Seht, wie liebliche Trostesströme uns selbst noch aus dem Grabe des großen Toten entgegenrauschen! Mit der erstarrten Hand noch befreit Er uns aus schweren Sorgenbanden, und sein gebrochenes Auge strahlt uns noch Hoffnung und Himmelsfrieden ins bange Herz. Da darf's ja wohl geschehen, dass wir mit dem Dichter sprechen:
Seine sel'ge Gartenruh sichert uns den Garten zu,
Wo die Blumen ewig blühen, unverbleicht die Farben glühen!“
Ja, da ziemt sich's für uns wohl, anbetend mit einzustimmen in den tief bewegten Feiergesang der Gemeine:
So schlummerst Du, o meine Ruh,
In Deines Grabes Höhle,
Und erweckest durch den Tod meine tote Seele!
O, Lebensfürst, ich weiß, Du wirst
Mich wieder auferwecken;
Sollte denn mein gläubig's Herz vor der Gruft erschrecken?
Sie wird mir sein ein Kämmerlein,
Da ich auf Rosen liege,
Weil ich nun durch deinen Tod Grab und Tod besiege!“
Die erste Nacht nach dem großen blutigen Tage ist vergangen. Einsam durchschlummerte sie der erblasste Held in seinem Grabeszwinger. Da graut der Morgen herauf, und bald beginnt sich's um seine Felsengruft wieder zu regen. Aber es sind nicht mehr die lieben Gestalten seiner Freunde, die wir so frühe den Garten durchschweben sehen. Diese, gewohnt, allem Gebot sich untertänig zu erzeigen, halten sich heute des großen Sabbats wegen in ihren Hütten still zurück. Die Feinde sind's, die wir beim Grauen der ersten Dämmerung schon wieder auf, und so rührig und geschäftig finden. Über Nacht ist denselben eine schwere Sorge aufs Herz gefallen. Ihr aufgeregtes böses Gewissen sah Gesichte. Es kehrte ihnen die Erinnerung an so manche Aussprüche des Nazareners wieder, mit denen Er ganz unzweideutig ein Auferstehen angekündigt hatte, durch das ihn Gott nach vollzogener Kreuzigung vor aller Welt verherrlichen werde. Die Heuchler geben sich zwar die Miene, als läge ihnen nichts so fern, wie der Glaube, dass solche schwärmerische Phantasien des jetzt vollends zu Schanden gewordenen Mannes sich je verwirklichen könnten. Aber ihr Herz denkt anders. Auch im Tode noch macht der Gekreuzigte sich in ihrem Inneren als König geltend. Noch aus seinem Grabe her schreckt sie seine Majestät: die Majestät der blutigen Leiche! Was hat sich begeben? Denkt, so eben sind die Hohenpriester und Pharisäer, unbekümmert um Sabbat und Passafest, in feierlichem Zuge nach dem Palaste des Landpflegers aufgebrochen, um diesen zu Sicherungsmaßregeln für das Grab des Gekreuzigten zu bewegen.
Vorgelassen vor den durch so frühen Besuch der Notabilitäten2) Israels nicht wenig überraschten Prokurator, beginnen sie: „Herr, wir haben gedacht, dass dieser Verführer“ (die Nichtswürdigen! den Heiligen Israels wider besseres Wissen und Gewissen im Grabe noch mit solchem Namen beschimpfen zu können!) - „da er noch lebte, sprach: Ich will nach drei Tagen wieder auferstehen.“ (Dass Er dies wirklich bezeugt habe, konstatieren3) sie also.) „Darum befiehl, dass man das Grab bewahre, bis an den dritten Tag; auf dass nicht seine Jünger kommen, und stehlen ihn, und sagen zum Volke: Er ist auferstanden von den Toten; und werde der letzte Betrug ärger denn der erste!“ Bemerkt, wie fein die verschmitzten Lügner ihre wahren Gedanken und Empfindungen zu verbergen wissen! Man sollte meinen, es bange ihnen nur vor einem möglichen Betruge. Aber wenn es nur die Abwehr der armen Jünger gegolten hätte, bedurfte es dann solcher Zurüstungen, wie sie sie in Anspruch nehmen? Hätte dann nicht eine Handvoll bestochener Helfershelfer, wie sie den Pharisäern zahlreich zu Gebote standen, vollkommen hingereicht, gegen jene Wehrlosen das Grab zu schirmen? Aber die gewaltigen Taten, die sie ihren Erwürgten einst verrichten sahen, lassen sie Alles für möglich halten; und die erschreckenden Ereignisse, die seinen Tod begleitet hatten, waren eben auch nicht dazu geeignet, ihre Sorgen zu zerstreuen, oder zu mildern. Sie wittern Osterluft. Sie fürchten sich in der Tat vor einer Auferstehung des Begrabenen. Aber wenn solche erfolgen sollte, was half da eine Wache, und was der Mörtel und Kalk, womit man den Stein zu verkitten gedachte? So möchte man freilich fragen, und Zweifel schöpfen, ob wirklich ernstliche Besorgnisse vor einem Wiederaufleben Jesu die Feinde in Bewegung gesetzt haben könnten. Aber die Furcht ist eben eine Törin, und die Sünde blind, und tappt, wie klug sie sich dünke, doch im Finstern. Pilatus, den unter Anhörung des Vortrags der Häupter Israels selbst eigentümliche Gefühle durchschauern mochten, willigt auch jetzt wieder gern in das neue Begehren ein, und spricht, hindeutend auf einen Trupp gerüsteter Waffenmänner, die er eben vor dem Schloss aufgestellt erblickte: „Da habt ihr die Hüter! Geht hin, und verwahrt es, wie ihr wisst!“
Nicht wenig froh, so bald zu ihrem Zwecke gelangt zu sein, sind die Abgeordneten soeben samt der römischen Wachtmannschaft und einigen in der Eile aufgebotenen Steinsetzern und Maurern in den Garten Josephs zurückgekehrt. Nachdem sie sich vorab durch den Augenschein überzeugt haben, dass der Leichnam wirklich noch an seiner Stätte ruhe, wird der abgewälzte schwere Stein in die Grabesöffnung wieder eingefügt, und die Arbeit des Versiegelns und Verkittens nimmt ihren Anfang. Eine merkwürdige Szene dies! Ein Feldzug einzig in seiner Art! Als gölte es nichts Geringeres, denn ein feindliches Kriegsgeschwader in Josephs Garten aus dem Felde zu schlagen, so wird gerüstet. Von einem deutschen Kaiser der früheren Jahrhunderte erzählt man, dass er im Tode noch, von seinen Rittern in voller Rüstung auf seinen offenen Kriegswagen gehoben, ein ganzes Feindesheer in die Flucht gejagt habe. Fürwahr, in dem stillen Garten hier ist mehr, denn dies! Freilich gebärden sich die Widersacher hier noch als die Sieger; aber in ihrem Inneren sind sie geschlagene Leute. Der schlummernde Held aus Juda nahm ihnen den Harnisch sorgloser Zuversicht, und erfüllte ihre Seelen mit einer Wolke schreckender und beklemmender Ahnungen. Es bewahrheitete sich wenigstens teilweise an ihnen das Dichterwort:
„Von Aberglauben ist Unglauben stets begleitet,
Und Aberglauben hat zum Glauben oft geleitet.“
Was wollen sie mit ihren weitläufigen Vorkehrungen? Sie streiten für die Sache des Todes wider das Leben, und möchten den Thron des ersteren befestigen und stützen, das Leben aber niederhalten und verkerkern. Lassen wir sie nur gewähren! Über ihrem Vornehmen waltet der Alles lenkende und regierende Gott. Allerdings sollen sie dem Tode seine Ketten noch fester schmieden helfen, damit die Sprengung derselben in umso glorreicherem Lichte erscheine. Und ebenso sollen sie dem Leben jeden Raum benehmen und alle Ausgänge vermauern, auf dass, wenn es nun dennoch durch Schloss und Riegel bricht, es umso unzweideutiger als ein Leben Gottes sich erweise.
Wir scheiden von dem Grabe unseres Herrn; aber nicht in Trauer und Wehmut, sondern voll freudiger Erwartung der Dinge, die da kommen werden. Wir sehen im Geiste schon die ersten Schimmer der aufgehenden Ostersonne um die Felswand weben. Nur vier und zwanzig Stunden noch, und die Posaune Gottes ertönt, und der Garten Josephs bietet uns ein anderes Schauspiel. Wir finden alle Siegel dann gebrochen, und nicht von Jesu Gruft allein, sondern zugleich von dem Geheimnis seiner ganzen Passion. Ein tatsächliches Amen aus der Höhe, das herrlichste und großartigste, das unter dem Himmel je verlautet ist, verkündet dann der Welt, dass die Versöhnung zu Stand und Wesen kam, und der Fürst des Lebens, mit Preis und Ehre gekrönt, entbietet als Überwinder aller Schreckensmächte, die uns entgegenstanden, von den Trümmern seines zersprengten Grabes her der beglückten Menschheit den ersten Osterfriedensgruß;. Stimmen wir schon unsere Harfen, und halten wir unsere Feierkränze in Bereitschaft, und schreiten so dem großen Moment entgegen, der allem Harm und Bangen des armen Menschenherzens ein ewiges Ende macht! Der stillen Felsgruft aber sagen wir damit Lebewohl, dass wir mit den Feuerlettern der Dankbarkeit und Liebe auf ihren Stein die Worte des alten Kirchendichters schreiben:
„Der du, Herr Jesu, Ruh und Rast
In deinem Grab gehalten hast,
Gib, dass wir in dir ruhen all',
Und unser Leben dir gefall'!
Verleih, o Hort, uns Stärk und Mut,
Die du erkauft mit deinem Blut,
Und führ' uns in des Himmels Licht
Vor deines Vaters Angesicht!
Wir danken dir, o Gottes Lamm,
Getötet an des Kreuzesstamm.
Lass ja uns Sündern deine Pein
Ein Eingang in dein Leben sein!“ Amen.