Eine erschütternde Wahrheit ist es, Geliebte, dass am Zielpunkt unserer kurzen irdischen Laufbahn nicht sofort, wie Manche sich träumen lassen, der Himmel mit seinen ewig grünen Auen sich auftut, sondern zunächst jener Richterthron sich erhebt, „vor dem“, nach der Versicherung des Apostels 2 Korinth. 5, 10, „wir Alle offenbar werden müssen.“ Dass dem also sei, wird von Vielen bezweifelt. Aber ist's zu verwundern? Was man nicht wünscht, pflegt man nicht gern zu glauben. Wer aber geneigt ist, das Dasein jenes Gottesgerichts am Schlusse unserer Wallfahrt zu verneinen, sehe wohl zu, wie er mit dem Herrn Christo, der dasselbe aufs unumwundenste behauptet, so wie mit den Propheten und Aposteln sich auseinandersetze, die alle im Namen Gottes diese Behauptung wiederholen und bekräftigen; und tue dar, dass diese durch Zeichen und Wunder beglaubigten Zeugen keinen Glauben verdienen, sondern als Lügner und Betrüger erfunden worden seien. Bezweifelt Jemand, bevor ihm dies gelungen, die Existenz jenes Gerichtes, so schelten wir ihn einen verdüsterten, unverständigen, ja böswilligen Menschen, und geben ihm Schuld, dass er nur leugne, um sich dem Eindrucke jener Wahrheit zu entziehen, und desto ungestörter sein gottvergessenes Sündenleben fortzuführen. Ja, ein Gericht, wie das besagte, gibt's, oder es lebt kein persönlicher Gott im Himmel, was wir unser Gewissen nennen, ist ein Selbstbetrug und Wahn, von der Existenz einer höheren Weltordnung träumen wir nur, und was wir von einem Leben jenseits reden, ist eine Phantasie, ein Märchen.
„Offenbar werden“ ist uns nichts Angenehmes und Erwünschtes. Wir lieben von Natur die Finsternis und Mummerei, und nicht das Licht. Winkt uns nur einmal ein Menschenkind bei Seite, weil er, wie er sagt, „in guter Meinung unter vier Augen uns was zu sagen habe“, wie pflegen wir dann schon zu erschrecken! Gleich erwacht in uns der peinigende Argwohn, er möchte an uns etwas wahrgenommen haben, das uns zum Tadel gereiche. Und ergibt sich's wirklich so, wie wird uns dann! Ein armer Mensch ist's, der uns hinter die Larve schaute, und schon kann uns sein, als ständen wir vor einem peinlichen Halsgericht. Was wird's erst werden, wenn das Offenbarwerden vor Demjenigen anhebt, der Augen hat, wie Feuerflammen, und für den es keine Hüllen und Schleier gibt? Ihr erbebt vor diesem Gedanken? O, dass ihr nur recht gründlich erzittern möchtet! Den wahrhaft Erschrockenen soll ich heute das Geheimnis entsiegeln, wie man dahin gelangen könne, auch an die Schauer des Jüngsten Gerichts mit Frieden zu denken. Großes hat es gekostet, diese Möglichkeit zuwege zu bringen. Aber, gelobet sei Gott! sie ward ermittelt!
Johannes 18, 24. 14. Matthäus 26, 57-61. Markus 14, 53. 55-59. Lukas 22, 54.
Hannas sandte ihn gebunden zu dem Hohenpriester Kaiphas. Es war aber Kaiphas, der den Juden riet, es wäre gut, dass ein Mensch würde umgebracht für das Volk. Die aber, die Jesum gegriffen hatten, führten ihn hin, und brachten ihn in des Hohenpriesters Kaiphas Haus, dahin zusammengekommen waren alle Hohenpriester und Ältesten und Schriftgelehrten. Die Hohenpriester aber und Ältesten und der ganze Rat suchten falsch Zeugnis wider Jesum, auf dass sie ihn zum Tode brächten, und fanden nichts. Und wiewohl viele falsche Zeugen herzutraten, fanden sie doch Keines; denn viele gaben falsches Zeugnis wider ihn, aber ihr Zeugnis stimmte nicht überein. Zuletzt traten herzu zwei falsche Zeugen, und sprachen: Dieser hat gesagt: Ich kann und will den Tempel Gottes, der mit Händen gemacht ist, abbrechen, und in drei Tagen einen andern bauen, der nicht mit Händen gemacht ist. Aber ihr Zeugnis stimmte noch nicht überein. Und der Hohepriester stand auf unter sie, und fragte Jesum, und sprach: Antwortest du nichts zu dem, was diese wider dich zeugen? Jesus aber schwieg stille und antwortete nichts.
Christus vor den Schranken des geistlichen Gerichts! Dies die Szene, in die wir uns heute zu vertiefen haben. Die scheinbaren Widersprüche im Lebensgange Jesu mehren und steigern sich, je näher sie ihrer schließlichen Lösung rücken. Man denke: der Heilige Gottes auf der Verbrecherbank; der Richter der Welt von den Sündern gerichtet! Wo ist ein schreienderer Misston je verlautet, als Dieser? - Und was auf dem Schauplatz der irdisch-menschlichen Geschichte sich entwickelt, ist noch nicht einmal das Erstaunenswerteste und Befremdendste, was sich hier ereignet. Die uns zugekehrte historische Außenseite der Begebenheit vertritt nur, wie uns schon bewusst ist, die Stelle eines mit sinnvollen symbolischen Figuren durchwirkten Vorhangs, hinter welchem erst der eigentliche, durch jene nur andeutend vorgebildete, und nur vermittelst des Glaubensauges wahrzunehmende Gerichtsakt sich vollzieht; ein Akt, bei welchem wir Alle in hohem Grade beteiligt sind, und der vor einem unendlich höheren Tribunale seinen Verlauf hat, als die Versammlung ist, welche wir in dem jüdischen Synedrium vereinigt sehen.
Das öffentliche Verfahren gegen Jesum bildet den Gegenstand unserer heutigen Betrachtung. Wir richten unser Augenmerk zuvörderst auf den Gerichtshof; dann auf das Zeugenverhör; und endlich auf das Verhalten des Verklagten.
Gefalle es dem Herrn, auch hier in die Geheimnisse seines Marterweges uns einzuweihen.
Es ist noch Nacht. Die Stadt Jerusalem liegt größtenteils noch in tiefem Schlummer, und ahnt nicht, was innerhalb ihrer Mauern Schauerliches und zugleich Heilvolles so eben in die Weltgeschichte sich verwebt. Nur hin und wieder hört man einzelne Fußtritte durch die Straßen rauschen, und ihre Richtung nach dem hohenpriesterlichen Palaste nehmen, dessen zur ungewohnten Stunde durch Lampen- und Fackelschein erleuchtete Fenster auf Vorgänge außergewöhnlicher Gattung schließen lassen. Auch wir begeben uns dorthin. Eine im geräumigen Sitzungssaal vereinigte hohe Versammlung nimmt uns auf. Es ist der Sanhedrin, der Rat der siebenzig Oberen in Israel, mit dem Hohenpriester, als seinem Vorsitzenden, an der Spitze. Ein der Bestallung nach hochwürdiges Kollegium; das angesehenste und ehrfurchtgebietendste der ganzen Welt, indem es, sitzend auf Mosis Stuhl, inmitten des auserwählten Volks nach dem Gesetzbuch und im Namen des allerhöchsten Gottes Recht sprach. Wir erblicken zur Seite des Präsidenten die Männer, welche früher die hohepriesterliche Würde bekleideten. Hinter diesen gewahren wir zunächst die Vorsteher der vierundzwanzig Priesterklassen. Dann folgen die Ältesten, oder die Häupter der Synagogen; und den übrigen Teil der Versammelten bilden auserlesene Schriftgelehrte, gesetzeskundige Männer, wohl bewandert in den mosaischen Rechten und den Überlieferungen und Satzungen der Rabbinen.
Diesen Herren lag es als Hütern des Heiligtums vor Allem ob, die Ordnungen Jehovas zu handhaben im Volke, die Rechtshändel der einzelnen Stämme zu schlichten, über die Reinheit der Lehre und des Gottesdienstes zu wachen, und auftauchende Ketzereien zu prüfen und zu richten. So gehörte es allerdings zu den Befugnissen, ja zu den Pflichten dieser Behörde, einen Mann, der sich für den Messias ausgab, zur Verantwortung zu ziehen, und auf das Schärfste zu verhören. Und dass es auch dem Heiligen Israels nicht einfiel, ihr das Recht hierzu streitig zu machen, erhellt deutlich genug aus der Ehrerbietung, die er, absehend von der sittlichen Beschaffenheit ihrer einzelnen Mitglieder, während des ganzen Verlaufes der Verhandlungen ihr zu beweisen nicht verfehlte. Er sieht in dem Synedrium das Tribunal des richterlichen Gottes; nur erblickt er dieses darin in einer noch höheren und zwar in solcher Weise, dass Er auch da Gottes Stimme durch dasselbe vernimmt, wo die Ratsherren für ihre Personen aus Eingebungen des Teufels reden, und dass die ungerechten Urteile der Letzteren für Ihn in gegründete und gerechte des jenseitigen Gerichtshofs sich verwandeln.
Das Geschlecht unserer Zeit will von einem göttlichen Gerichtshof nicht mehr wissen. Man spricht lieber mit dem Dichter der „Götter Griechenlands“: „die Weltgeschichte ist das Weltgericht“, als mit dem Psalmensänger: „Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knechte, denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht!“ Man lässt alles Gericht einzig darin aufgehen, dass das Gute in der Freude des sittlichen Bewusstseins sich selbst belohne; das Böse dagegen in der Reue, die ihm folge, seine Strafe finde. So löst man das Gericht von Gott dem Allmächtigen ab, wie man Gott selbst von der Welt und dem Leben der Menschen ablöst; und schreit in seiner Torheit: „Friede, Friede, es hat nicht Gefahr“, als ob, was wir leugnen, darum, weil wir es leugnen, aufhörte, zu existieren. Wer aber seinen Kopf darauf gesetzt hat, an eine Justiz jenseits der Wolken nicht zu glauben, der möge denn noch eine Weile warten, um sich fühlend von deren Dasein zu überzeugen. Es ist noch um eine kurze Spanne Zeit zu tun, so wissen wir Alle, ob das Wort Gottes Recht hatte mit seinem: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhle Christi“, oder die fleischliche Vernunft mit ihren kecken Verneinungen. Wir unseres Teils glauben mit der Schrift, dass „Gott seinen Thron errichtet hat, zu richten die Menschenkinder,“ und „Gerechtigkeit und Gericht seines Thrones Vesten“ seien. Wir sehen ihn ragen, diesen Thron, auf den brandenden Todeswogen der Sintflut, wie auf den Aschenhaufen Sodoms und Gomorrhas und den Trümmern Jerusalems; und uns steht nicht mehr in Frage, weder, was Salomo sagt, dass Gott alle Werke vor Gericht bringen werde, samt dem, das verborgen ist, es sei gut oder böse; noch was der Apostel: „Siehe, der Herr kommt mit viel tausend Heiligen, Gericht zu halten über Alle!“ Es existiert ein Gottestribunal, es harrt unserer ein positives, göttliches Gericht; und dies so gewiss, als Gott wahrhaftig heilig und gerecht ist; als Er die Schleier, in denen diesseits des Grabes Seine Gerechtigkeit noch verhüllt geht, einst lüften muss; als die Stimme unseres Gewissens, dieses Heroldes des richterlichen Gottes nicht als eine Lüge erfunden werden wird, und der Sohn Gottes, der König der Wahrheit, die erschütternden Worte uns hinterlassen hat: „Alsdann wird Er sagen zu denen zu seiner Linken: „Geht hinweg von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist!“
Was muss das aber sein, vor jenem Richterstuhl erscheinen müssen! Sein Stuhl, sagt die Schrift, „brennt in eitel Feuerflammen.“ „Unser Gott“, ruft nicht bloß Moses, sondern mit ihm auch Paulus, „ist ein verzehrend Feuer.“ „Es ist schrecklich,“ spricht derselbe Apostel, „in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!“ Vor den Schranken dieses lebendigen Gottes wird nicht nach Gunst entschieden, sondern nach Recht. Hier ist maßgebend das Wort: „Verflucht sei Jedermann, der nicht blieb in Allem.“ Hier geht's nach dem Grundsatze: „Und so Jemand das ganze Gesetz hält, und sündigt an Einem, der ist es ganz schuldig.“ Und hier wird nichts abgedungen und erlassen. „Es ist leichter,“ spricht der Herr, „dass Himmel und Erde zergehe, denn dass ein Strichlein vom Gesetze falle.“ Für Bemäntelungen und Entschuldigungen bleibt hier kein Raum. Die Bücher sind aufgetan, und des Richters Augen „Feuerflammen,“ und „prüfen Herz und Nieren.“ Hoffe auch Niemand, mit Bitten oder Tränen hier etwas auszurichten. Nicht nach Gefühlen wird hier gerichtet, sondern nach unwandelbaren ewigen Prinzipien. Kein Tummelplatz ist hier mehr für blendende Verteidigungskünste. Wer will Den zu berücken hoffen, vor dessen Augen Alles bloß und entdeckt ist? Kein Raum bleibt hier mehr für Appellationen und Rekurse. Man steht vor der höchsten, und allerlegten Instanz. Wie hier entschieden wird, so bleibt's entschieden. Nicht bloß der Mund des Richters urteilt und richtet hier, sondern seine ganze Natur, sein ganzes Wesen. Er kann keine Sünde unverdammt hingehen lassen; Er zerfiele, wenn er es täte, mit sich selbst. Um Gott zu bleiben, muss er Finsternis als Finsternis behandeln und nicht als Licht, und Verwerfliches verwerfen, nicht übersehen, geschweige beschönigen.
Vor diesem allerhöchsten Tribunale nun steht der gebundene Mann unserer Geschichte; denn, wie schon gesagt, nicht im Sichtbaren nur müsst ihr den großen Gerichtsprozess suchen, um den es sich hier handelt, sondern vorzugsweise im Unsichtbaren. Es steht der Herr auch nicht als Heiliger vor den Schranken, sondern als Sünder. Unser Schuldbuch wird als das seine vor ihm aufgetan. Ihm werden unsere Sünden vorgerückt: denn er trägt sie. Mit unsern Missetaten wird er in die richterliche Waage gelegt: denn Ihm sind sie zugerechnet. Was mag da zwischen Ihm und dem auf dem Stuhl der Majestät vorgegangen sein? Die Schleier der Ewigkeit bedecken's. Das Eine aber ist uns unverborgen, dass er unsere Stelle dort vertrat. Wie er, so hätten wir einst dagestanden, wenn er nicht erschienen wäre; und wehe uns, hätten wir selbst für unsere Schulden haften müssen! Jetzt aber darf uns ein solcher Gedanke nicht mehr erschrecken. Nein, Brüder, jetzt nicht mehr, wenn wir anders Christi eigen sind. Was uns oblag, hat Er erledigt. Wir kommen nicht mehr ins Gericht, seitdem Er sprach: „Sitzt, und lasst mich hingehen.“ Wir standen in Christo im Verhör, vernahmen in Ihm unser Urteil, mussten vor dem Angesicht des Richters in Ihm verstummen, und haben in Ihm den blutigen Sold bezahlt, den wir der ewigen Gerechtigkeit schuldeten. Nun ist der Richter uns versöhnt. Bis ins Innerste des Heiligtums hinein sehen wir nun die Straße uns eröffnet. Keine Schranke eines verdammenden Gesetzes versperrt uns den Weg zum Himmel mehr. Heiter schauen wir in die Wolken, und der Donner, der sie durchrollt, tönt uns nicht mehr wie der Klang einer Armensünderglocke, sondern wie ein grüßender Friedensglockenhall aus lieber und ersehnter Heimat. Zuckt ein Racheblitz vom Himmel; uns trifft er nicht. Schilt der Herr aus Seiner Höhe; uns meint er nicht. Ertönt die Posaune des Gerichts; uns lädt sie nicht vor die schauerlichen Schranken. Fährt das Schwert des Zorns aus Gottes Scheide; wir sind es nicht mehr, auf die es abgesehen ist. Werden die Bücher aufgetan; wir dürfen gelassen ihre Blätter rauschen hören. Wir wissen von keinem Richter mehr; der Richter ist unser Freund und Vater. Entzückendes Bewusstsein dies! - Preis Dir, gerichteter Jesu, dem wir es danken!
Zurück in den Sitzungssaal! Der hohe Rat sucht Zeugnis wider Jesum. Er sucht's, weil ungesucht ein solches sich nicht anbietet. Was ungesucht sich bietet, spricht Alles für Ihn. Er soll aber aus dem Mittel, er soll. Warum? Weil er den stolzen Herren, die Ihn zwischen haben, ihr Spiel verdirbt, und ihrem selbstsüchtigen Tun und Trachten überall den Weg vertritt. Ihr Kopf ist weniger mit Ihm entzweit, als ihr Herz. Anders aber hat sich's insgemein bei seinen Feinden nicht. Sie mögen Ihn nicht, weil er störend in ihre Sündenwinkel schaut, die Wege der Eitelkeit, die sie wandeln, nicht genehm hält, ihr gottvergessenes und fleischliches Treiben richtet, und die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ihnen abspricht. Und weil sie aus solcherlei Gründen Ihn nicht mögen, suchen sie Zeugnis wider Ihn, und müssen vor allen Dingen seine Gottheit leugnen, denn wäre er Gott, wer entbände sie von der Pflicht, Ihm zu huldigen, und seinem Worte zu glauben, das sie verdammt? Seid deshalb versichert: der ganze Rationalismus ist ein Pilz, der auf dem Boden des gottentfremdeten Herzens, und nicht auf dem der redlich forschenden Vernunft erwachsen ist. Glaubt nur, die meisten unter denen, die unsere Lehre verwerfen, verwerfen sie nicht, weil sie etwa zu philosophische Köpfe wären, um dergleichen glauben zu können, sondern aus Motiven, denjenigen ähnlich, aus welchen einst ein Felix jene Lehre aus dem Munde Pauli nicht weiter hören mochte. Sie fühlen sich durch dieselbe in ihrem eitlen und weltlichen Sinn und Wesen behelligt. Was hilft's aber, dass sie verneinen, was wir bejahen und besiegeln? Wahrheit bleibt doch Wahrheit, trotz ihres Kopfschüttelns und Negierens. Christus bleibt der Herr vom Himmel und ihr Richter; Christi Blut, das sie mit Füßen treten, das einzige Rettungsmittel für sie, wie für uns; Christi Wort, das alleinige Licht, das in die Finsternis scheint.
Und wie steht's um die Zeugen, die sie wider Jesum aufzustellen haben? O dieser windigen und armseligen Schwäger, auf welche sie sich berufen, und die unausgesetzt nicht einer dem andern bloß, sondern auch allaugenblicklich sich selber widersprechen! Die Zeugen, die dagegen wir für unsern Glauben aufzurufen haben, sind die gottgeweihten Seher und Propheten, die heiligen, herrlichen Evangelisten und Apostel, die Tausende von Blutzeugen, die in seiner Kraft auch in den Flammen der Scheiterhaufen Ihm ihre Psalmen sangen; ja auf die ganze Geschichte Seiner Kirche berufen wir uns, wie auf die tagtägliche Erfahrung aller Gläubigen, als auf ein fortlaufendes Zeugnis für den, der unsere Liebe ist, und für die Wahrheit Seiner Sache.
Die Räte des Synedriums, denen um des Volkes und wohl auch um ihres eigenen Gewissens willen daran liegt, ihren Justizmord wenigstens mit einem Schein des Rechtes zu bekleiden, sind andauernd bemüht, Zeugnis zu suchen wider Jesum. Aber ein erfolgloseres Jagen ist wohl niemals unternommen worden, als das ihrige. Sie schmachten danach, in Seines Lebens Garten auch nur einen Dorn und eine Distel zu entdecken, woraus sie den Totenkranz Ihm flechten könnten. Aber sie finden Blumen zu einer Ehrenkrone für Ihn genug; aber Unkrauts auch nicht ein Hälmlein. Da rät denn die Verzweiflung zum Äußersten. Erkaufte Zeugen treten auf, ein ganzer Haufe; Buben, die in allen Verdächtigungskünsten wohlerfahren sind, die sich bemühen, dies und jenes dem Heiligen anzulügen. Aber was erreichen sie? - Sie stellen sich selbst, samt denen, die sie gedungen, aufs ärgste bloß, und unterbreiten der Unschuld des Verklagten nur eine neue Folie. Was sie vorbringen, richtet sich selbst als eine Absurdität; und nicht einmal das wird erzielt, dass, was nach dem Mosaischen Gesetze unbedingt erforderlich war, ihre Zeugnisse übereinstimmen. Sie geraten aus einer Verwirrung in die andere, widerlegen wider ihren Willen sich unter einander selbst, und mahnen an das Wort des Herrn bei Sacharia: „Ich will alle Rosse scheu und ihre Reiter unsinnig machen.“ Die hohe Versammlung befindet sich schon in der peinlichsten Verlegenheit. Da treten zuletzt noch zwei Zeugen vor, und hoffen, vermittelst eines Wortes, das der Herr vor Jahresfrist einmal gesprochen, und welches sie ihm natürlich in böswillig verdrehter Gestalt jetzt wieder vorrücken, die gar zu tiefe Scharte ihres Verklägerschwertes wieder auszuwetzen. Es ist das bekannte Wort Joh. 2, 19: „Brecht diesen Tempel ab, und am dritten Tage will ich ihn wieder aufrichten.“ Schon damals wurde Ihm dieses Wort, das Er durch die auf sich deutende Bewegung seiner Hand, womit Er es begleitete, gewiss jedem ernstlichen Missverständnis entzog, von den Juden aufs übelste missdeutet. „Dieser Tempel“ sprachen sie, „ist in sechs und vierzig Jahren erbaut, und du willst ihn in dreien Tagen aufbauen?!“ - „Er redete aber,“ bemerkt an der besagten Stelle der Evangelist, „vom Tempel seines Leibes.“ Dass er von dem geredet, wussten auch die beiden Bestochenen gar wohl. Nichtsdestoweniger erscheint ihnen das Wort sehr geeignet, um damit den Schein nicht bloß einer gottlosen Großsprecherei, sondern auch des Majestätsverbrechens einer Tempellästerung auf Jesum zu wälzen; und so hören wir sie denn sagen: Er hat sich gerühmt: „Ich will den Tempel abbrechen und in drei Tagen denselben bauen.“ Doch geraten auch sie wieder, wie dies schon in etwa aus den evangelischen Berichten hervorgeht, von vorneherein in die grellsten Widersprüche mit einander. Der Eine behauptet, Jesus habe gesagt: „Ich will,“ der Andere: „Ich kann“; der Eine: „den Tempel Gottes will ich zerbrechen und ihn in drei Tagen wieder aufrichten,“ der Andere: „den Tempel, der mit Händen gemacht ist, will ich abbrechen, und einen andern bauen, der nicht mit Händen gemacht ist.“ Genug, das Gerede der Beiden macht das Maß der Verwirrung voll; und selbst der Hohepriester ist noch nicht ehrlos und unbesonnen genug, um auf solche all zu jämmerliche Verdächtigung hin sein richterliches Endurteil zu fällen. So scharf war immer sein Gewissen noch, dass er das Klägliche und Nichtswürdige dieser letzten Aussagen lebhaft fühlte; und wäre es auch nicht schon die Stimme seines inneren Richters gewesen, die gegen ein ernstes Eingehen darauf Gegenspruch erhoben hätte, so hätten schon eines Teils die heimliche Besorgnis, es möchte auch dem Volke ein solcher Rechtsgrund wenig einleuchtend erscheinen, und dann die bedeutungsvoll erhabene und imponierende Ruhe, welche der Verklagte der elenden Fälschung jener beiden Zeugen entgegensetzte, davon ihn abgehalten. So gereichte denn am Ende das ganze Inquisitionsverfahren jener im Aufschüren von sittlichen Schwächen und Blößen so geübten Ketzerrichter nur zur Verherrlichung unsers Herrn, indem dadurch dessen makellose Unschuld in das allerhellste Licht gestellt ward. Ja, Brüder, Er ist das Lamm ohne Fehl, das Er notwendigerweise sein musste, um unsere Schuld zu zahlen.
Ach, wenn einmal gegen uns die Zeugen aufgerufen werden, wie so gar anders wird dann das Ergebnis sein! An der erforderlichen Übereinstimmung wird's alsdann nicht mangeln. Unser Gewissen wird da nichts Besseres von uns zu sagen wissen, als der Verkläger aus dem Abgrund; nichts Besseres die Umgebung, in der wir lebten, als Moses, der Sachwalter der Heiligkeit Gottes auf Erden. Und wehe!
Der Hauptzeuge wider uns ist dann der erhabene Richter selbst, dessen Auge uns überall gesehen, und unser Innerstes bis in seine geheimsten Falten hinein ergründet hat! Und wie wird da das Zeugnis wider uns anders lauten können, als „Tekel“ d. i. „Ihr seid gewogen und zu leicht befunden!“ - „So wird es lauten?“ Wer fragt's? Solche etwa, die in Christo sind, so antworte ich: Nein, es lautet anders einst. Keine Zeugen werden gegen euch mehr zugelassen. Das Zeugnis, das euch galt, hat wider euren Bürgen sich gewendet. Die Verkläger zu Jerusalem lügen in ihren Aussagen gegen Jesum, und sprechen doch auch wieder die Wahrheit. Wes sie den Herrn beschuldigen, des ist er schuldig, weil er uns vertritt. Wenn uns Jemand hinfort in Liebe unsere Sünden vorhält, nehmen wir es dankbar an, und beugen uns solchem Gerichte. Wenn Einer zu uns spricht: „Siehe, hier noch ein Gebrechen an dir, und dort eins, so schlagen wir in uns, und entgegnen: „Ach, möchte ich meinem Herrn ganz zu Ehren leben!“ Macht aber Jemand, sei er Mensch, sei er Dämon, etwa Miene, in feindlicher Weise, und vor Gott uns verklagend, gegen uns einzukommen, so tun wir Einspruch, und entgegnen: „Du verirrst dich!“ Denn was würde ein Richter sagen, wenn gegen einen Dieb, der seine Strafe bereits verbüßte, noch nachträglich ein Zeuge seines Vergehens sich melden wollte? „Freund,“ würde er sprechen, „behalte dein Zeugnis sein für dich. Der Prozess ist entschieden, und die Akten sind geschlossen.“ In ähnlicher Weise würden Seitens des himmlischen Richters die Zeugen abgefertigt werden, die, nachdem auch unser Prozess in Christo zum Schluss gekommen, noch wider uns sich melden wollten. Seliger Umstand dies! Da mag ja wohl das alte Verslein seine volle Berechtigung haben:
Christ gerichtet? Sagt doch an,
Wo sind Christi Sünden?
Kaiphas, der kluge Mann,
Weiß sie nicht zu finden.
Ach, er sucht nur all zu weit,
Was ich näher finde:
Wie ich Christi Heiligkeit,
Ward Er meine Sünde!
Wie benimmt sich aber der Verklagte, während das gerichtliche Verfahren über Ihn ergeht? Höchst bedeutsam ist sein ganzes Verhalten. - „Antwortest du nichts zu dem, was diese wider dich zeugen?“ hören wir den Hohenpriester mit einer Richtermiene, die seine Verlegenheit nur schlecht verdeckt, ihm zuherrschen. „Aber Jesus“, erzählt die Geschichte weiter, „schwieg stille.“ Höchst beredtes Schweigen dies; für die Kinder des Lügenvaters vernichtender, als es das schärfste Strafwort gewesen wäre! Wozu doch auch hier noch viele Worte machen? Zeugten doch, ob auch wider ihren Willen, die Feinde selbst so kräftig für Ihn, dass es einer weiteren Rechtfertigung für Ihn nicht bedurfte. Er schweigt. Wie ein Geringes wäre es Ihm gewesen, mit wenigen Worten der Entgegnung die hohe Versammlung auf das empfindlichste bloßzustellen; aber Er ehrt in ihr, welcher Ungerechtigkeiten sie sich auch schuldig macht, nach wie vor die „von Gott geordnete Obrigkeit,“ und in dieser Anschauung erachtet er's für geziemend, dass er schweige. -
„Er schweigt,“ bemerkt hier ein Ausleger treffend, „wie ein misshandeltes Kind vor seinem ungerechten Vater schweigt.“ Doch liegt die wesentlichste Bedeutung seines Schweigens tiefer. Es ist nicht das Schweigen eines guten Gewissens bloß, sondern, die Sache recht verstanden, das Gegenteil eines solchen. Sein Schweigen ist das in die Erscheinung tretende Abbild eines geheimnisvolleren Verstummens vor einem andern und höheren Gerichtshof, als der menschliche war; und aus diesem Gesichtspunkt dasselbe angeschaut, ist's allerdings auch ein Schweigen des Zugestehens und der Bejahung. Wenn ein Verklagter zu den Anklagen, die gerichtlich wider ihn erhoben werden, schweigt, so gilt dies für ein bestätigendes „Ja“. Als ein solches Schuldbekenntnis haben wir auch das Schweigen Jesu aufzufassen. Nachdem er kraft geheimnisvoller Zurechnung vor Gott die Sünden seines Volkes übernommen, erachtet er sich auch des Todesurteils und des Fluches würdig. Diese wahrhaftige Dargabe seiner selbst als eines Schuldners an unserer Statt will er dadurch auch äußerlich andeuten und bekunden, dass er eben die Anklage seiner Richter ohne irgendeinen Versuch von Selbstentschuldigung schweigend hinnimmt. So schweigt er also nicht bloß wie ein Lamm, sondern auch als das Lamm, das der Welt Sünde trägt. Sein Verstummen aber macht uns im Gerichte reden, und gewährt uns Vollmacht und Freimut, gestützt auf überschwänglich vorhandenen Rechtfertigungsgrund allen Verklägern gegenüber getrost unser Haupt zu erheben.
Die Erinnerung an den redenden Herrn ist mir köstlich. Das Bild des verstummenden Bürgen ist mir's nicht minder. Zum Helden macht Sein Verstummen mich, wo die Eichen von Basan zittern, und stellt, wo die Lenden der Starken erbeben, meine Füße auf einen Felsen. Ich schweige, wenn mein Gewissen mich einen Sünder schilt; denn ich bin ein solcher. Aber will mich's verdammen, so rede ich, und spreche: „Gott ist größer, als du mein Herz; Er ist's um Christi willen!“ - Ich schweige, sagt mir das Gesetz, dass ich den Fluch verdiene; denn ich verdiene ihn. Will aber das Gesetz mir drohen, dass mich der Fluch auch treffen werde, so erhebe ich Widerspruch, und rufe: „Christus erduldete die Verfluchung!“ Ich schweige, rückt mir der Satan meine Missetaten vor; ich verhülle mein Haupt, und gebe ihm Recht in Allem. Versucht er aber, mit Gericht und Hölle mich zu ängstigen, so spreche ich, und zwar mit Michael: „Der Herr schelte dich, du Satan!“ Ich schweige, wenn ein Elend mich traf, und man zu mir sagt: „Dies ward dir um deiner Sünden willen!“ Sagt man mir aber: „Dies ist die Strafe für deine Sünden,“ so spreche ich und entgegne: „Mitnichten; Verdammliches ist nicht mehr an mir!“ Und wenn ich vor dem Thron des Allmächtigen einst erscheine, und in das Licht seines Angesichtes treten muss, werde ich verstummen, wenn Er nach meinen Tugenden mich fragen sollte, weil ich deren keine habe. Ich werde verstummen, sollte Er zu mir sagen: „Um deiner Taten willen bist du des Todes schuldig, und hast nur Anspruch auf die Hölle!“ Am Staube verstummen werde ich, wenn Er etwa mir eröffnete, es sei nichts in mir, das ihn bewegen könnte, mich von der Verdammnis loszusprechen; denn wirklich bin ich mir nicht bewusst, dass in mir selber etwas sei, das des mich würdig machte.
Gewänne es aber den Anschein, als solle das Urteil der Verwerfung wirklich über mich ergehen, so würde ich nicht mehr schweigen, sondern auf Grund des Blutes, des Gehorsams, des unendlichen Verdienstes meines Bürgen mit aller Beugung und Ehrerbietung, aber auch mit aller Beherztheit sogar an die Gerechtigkeit Gottes appellieren, dass sie mir die Perlentore des Paradieses öffne. Und was gilt's, ich werde mich nicht abschläglich beschieden sehen!
Dies Schweigen und Reden zur rechten Zeit lehre uns Alle denn der Herr: das Erstere durch einen himmlischen Fackelwurf in die Finsternisse unserer Natur; das Andre durch eine göttliche Beleuchtung des trostvollen Geheimnisses der Marter Jesu. Es gibt nur einen Weg, den Schrecken des zukünftigen Gerichtes zu entfliehen: Die gläubige Ergreifung dessen, was der Bürge an unserer Statt vollbracht hat. Hierzu stärke uns denn Gott je länger, je mehr die Glaubenshand, und lehre uns singen aus unsres Herzens Tiefe:
Weg nun Furcht und Trauerflor!
Ich hab' mich besonnen:
Seit Christ den Prozess verlor,
Hab' ich ihn gewonnen.
Sein Gericht hub meines auf;
Ich hab' offne Gassen;
Und darf, wenn vollbracht mein Lauf,
Wohl mich sehen lassen! - Amen.