Inhaltsverzeichnis

Gerok, Karl von – Andachten zum Psalter - Psalm 114.

(1) Da Israel aus Ägypten zog, das Haus Jakobs aus dem fremden Volk, (2) Da ward Juda sein Heiligtum, Israel seine Herrschaft. (3) Das Meer sah, und floh; der Jordan wandte sich zurück; (4) Die Berge hüpften wie die Lämmer, die Hügel wie die jungen Schafe. (5) Was war dir, du Meer, dass du flohst? Und du Jordan, dass du dich zurückwandtest? (6) Ihr Berge, dass ihr hüpftet, wie die Lämmer? Ihr Hügel, wie die jungen Schafe? (7) Vor dem Herrn bebte die Erde, vor dem Gott Jakobs, (8) Der den Fels wandelte in Wassersee, und die Steine in Wasserbrunnen.
Himmel, Erde, Lust und Meere;
aller Kreaturen Heere
Müssen dir zu Dienste stehen,
was du willst, das muss geschehen,
Fluch und Segen, Tod und Leben,
alles ist dir übergeben,
Und vor deines Mundes Schelten
zittern Menschen, Engel, Welten.

So haben wir vorhin gesungen in unserem Loblied auf den großen König der Ehren und allmächtigen Herrn der Gemeinde.

Auch aus der Gemeinde des alten Bundes vernehmen wir in dem verlesenen Psalm ein ähnliches Loblied auf den Herrn aller Herren und König aller Könige. Auch der alte Bundesgott Jehovah wird in diesem begeisterten Loblied gepriesen als der Allmächtige, dem Himmel, Erde, Lust und Meere zu Dienste stehen müssen, vor dessen Schelten die Wasser fliehen und die Felsen beben.

Aber dieser allmächtige Gott, vor dessen Wink der Weltkreis bebt, siehe, er ist zugleich der milde König seines Volks, und alle seine Macht braucht er nur zum Schirm und Schilde der Seinen. Das hat er dort bewiesen als er mit ausgerecktem starkem Arm sein Volk ausführte aus der Knechtschaft Ägyptens; das beweist er immer noch, indem er Felsen zerschmeißt und durch Meere Bahn bricht, wo es gilt, sein Volk zu schützen und seinem Reich zum Siege zu verhelfen. Das ist der Gedanke unseres Psalms und an diesem Gedanken wollen auch wir uns jetzt aufrichten und betrachten: Gott als den unumschränkten König, wie er seine Majestätsrechte geltend macht:

1) über seinem Volk;
2) Für sein Volk über alle Welt.

1)

Wie Gott als der allmächtige König seine Majestätsrechte geltend macht über sein Volk selbst, wie er das an sich fettet mit den Banden heiliger Furcht und Liebe, frommen Danks und Vertrauens, das deutet der Sänger an:

V. 1 und 2: „Da Israel aus Ägypten zog, das Haus Jakobs aus dem fremden Volk, da ward Juda sein (des Herrn) Heiligtum, Israel seine Herrschaft.“ Das heißt mit andern Worten: Als der Herr sein Volk ausführte aus der Knechtschaft Ägyptens, da ward es erst recht Gottes Volk, da hat es der Herr durch die wunderbare Erlösung, die er an ihm vollbracht, auf ewig sich zum Danke verpflichtet und zum Eigentum erkauft und hat es durch das heilige Reichsgesetz, das er ihm auf Sinai gab, als sein auserwähltes Volk konstituiert und von allen Völkern ausgesondert, wie er vom Sinai herab durch Mose ihm sagen ließ (2. Mos. 19, 5. 6): „Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern, denn die ganze Erde ist mein. Und ihr sollt mir ein priesterliches Königreich und ein heiliges Volk sein.“ Die Gnadenwunder, die er für sein Volk getan, die sollten ein Band der Liebe und des Vertrauens knüpfen zwischen ihm und seinem Volk; die heiligen Gebote, die er ihm gegeben, die sollten ein Zügel frommer Furcht und Gehorsams werden für das Volk; und auf diese Fundamente sollten die Majestätsrechte Gottes über Israel gegründet sein für alle Zeit.

Und nun, meine Lieben, wie es vom Volk des alten Bundes heißt: „Da Israel aus Ägypten zog, das Haus Jakobs aus dem fremden Volk, da ward Juda sein Heiligtum Gottes und Israel seine Herrschaft“ gilt nicht etwas Ähnliches, ja etwas Größeres noch auch von uns, dem Volk des neuen Bundes? Hat nicht auch an uns der allmächtige Gott heilige Majestätsrechte geltend zu machen?' Ach lerne doch, meine liebe Seele, sagt hier ein alter Psalmausleger, ach lerne doch, meine liebe Seele, von der alten jüdischen Kirche der Wohltaten und Werke deines Gottes immer besser eingedenk sein. Siehe nur, wie sie sich so fleißig erinnert alles dessen, was Gott bei ihrer Erlösung aus Ägypten getan. Und diese Erlösung war gleichwohl nur Schattenwerk gegen dem, was Christus durch die von ihm geschehene blutige Erlösung hat an allen Menschen getan. Wie sollt es denn ein Christ den alten Juden übersetzen können, dass sie mit ihrer Erlösung aus Ägypten so groß getan? Ist es nicht tausendmal billiger, dass wir aus unserer Erlösung noch viel viel ein Größeres machen, uns stets derselben erinnern und erfreuen und unserem Gott darum danken und dienen unser Leben lang?. Ja, meine Lieben, sagt selbst, ist die Knechtschaft der Sünde und des Todes, aus der er uns erlöst hat, nicht viel schlimmer noch als Pharaos Joch und die Knechtschaft Ägyptens? Ist das Reich seines lieben Sohnes, an welchem wir haben die Erlösung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden, nicht lieblicher noch als das Land Kanaan, da Milch und Honig floss? Ist Christus, der liebe Sohn, an welchem der Vater Wohlgefallen hat, nicht viel mehr noch als Mose der Knecht des Herrn? Ist der Hügel Golgatha, wo das Lamm Gottes der Welt Sünde trug, nicht mehr als der Berg Sinai, wo Gottes Majestät in Donnern und in Blitzen sprach? Hat der Ölberg, von wo unser Heiland zum Vater ging, um uns die Stätte zu bereiten, nicht noch eine schönere Aussicht als der Berg Nebo, von wo Mose sterbend ins gelobte Land hinübersah? Ist das Evangelium des Sohnes Gottes nicht ein köstlicheres Himmelsbrot noch als jenes Manna in der Wüste, und ein lebendigeres Wasser als jener Brunnen aus dem Felsen? Ist das Taufwasser, durch das wir eingeweiht werden zur Gemeinschaft des neuen Bundes, nicht noch ein edleres Wasser als der Jordan, durch den Israel einzog in Kanaan? Ist das heilige Abendmahl Jesu Christi nicht noch ein lieblicheres Gedächtnis und Bundesmahl als jenes Passah der Juden ? Kurz, meine Lieben, lebt sich's im neuen Bunde nicht seliger noch als im alten? Und wenn es eine Ehre war, ein Kind Israels zu sein, des Volks, das dem Herrn ein Heiligtum und eine Herrschaft sein sollte, ist's nicht noch ein viel größeres Glück und eine größere Ehre, ein Christ zu sein und dem Volke anzugehören, zu dem der Apostel sagt: Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Tugenden des, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht? Sind wir da nicht auch an den Gott, der uns also berufen hat, gekettet mit heiligen Banden der Furcht und Liebe, des Danks und des Vertrauens? Hat dieser Herr und Heiland nicht auch über uns heilige Majestätsrechte durch die Taten, die er für uns getan, durch das Blut, das er für uns vergossen, durch das Gesetz, das er uns gegeben, durch den Geist, den er uns gesendet, durch die Taufe, womit er uns gezeichnet, durch die Gnaden, die er uns allen erzeigt hat bis auf diese Stunde? Sollten nicht auch wir sein Heiligtum werden und seiner Herrschaft huldigen? Sollte es nicht auch unter uns gelten, was wir diesem König zugesungen haben:

In des Gnadenreiches Grenzen sieht man dich am schönsten glänzen, Wo viel tausend treue Seelen dich zu ihrem Haupt erwählen, Die durchs Zepter deines Mundes nach dem Recht des Gnadenbundes Sich von dir regieren lassen und wie du das Unrecht hassen? Über sein Volk also stehen seine Majestätsrechte fest; aber wie draußen in der Welt? Dass er auch da sich erweisen kann als den souveränen Herrn und unumschränkten Gebieter, das zeigt uns sehr schön und kräftig:

2)

Der andere Teil des Psalms, V. 3-8. Da mahnt uns der Psalmist an die wunderbaren Naturerscheinungen beim Auszug aus Ägypten.

V. 3: „Das Meer sah und floh, der Jordan wandte sich zurück.“ Denkt an die zwei großen Wunder beim Ausgang und Eingang des Volks. Das Meer sah und floh“ beim Durchzug durchs rote Meer, als Israel durchging trockenen Fußes und das Wasser stand wie Mauern (2. Mos. 14, 22 ff.), „und der Jordan wandte sich zurück“ beim Eingang ins gelobte Land, als das Volk hindurch zog, die Priester voran mit der Lade des Bundes und netzten seinen Fuß. (Josua 3, 13. 16.) Und wie das Wasser seinem Machtgebot gehorchte und das flüssige, bewegliche Element fest stand seiner Natur zuwider, so umgekehrt bebten die Berge und hüpften die Felsen, das Festgegründete bewegte sich abermals gegen seine Natur auf seinen Wink:

V. 4: „Die Berge hüpften wie die Lämmer, die Hügel wie die jungen Schafe.“ Da deutet der Psalmist hin auf das, was erzählt wird vom Sinai und Horeb, wie sie erbebten vor der Gegenwart des majestätischen Gottes, wie es insbesondere vom Sinai heißt (2. Mos. 19, 18): „Der ganze Berg Sinai aber rauchte, darum dass der Herr herab auf den Berg fuhr mit Feuer, und sein Rauch ging auf wie ein Rauch vom Ofen, dass der ganze Berg sehr bebte.“ Wer hat das getan? Vor wem müssen auch die Elemente also erschrecken und seinem Machtgebote dienen? Sie selber sollen Antwort geben, wenn die Menschen zu töricht sind, es zu erkennen, oder zu träg, es zu bekennen:

V. 5. 6: „Was war dir, du Meer, dass du flohst? und du Jordan, dass du dich zurückwandtest? Ihr Berge, dass ihr hüpftet wie die Lämmer? ihr Hügel wie die jungen. Schafe?“ So fragt der begeisterte Sänger. Und nun die Antwort, als käme sie aus den rauschenden Wellen des Meeres, aus den donnernden Klüften der Berge:

V. 7. 8: „Vor dem Herrn bebte die Erde, vor dem Gott Jakobs, der den Fels wandelte in Wassersee und die Steine in Wasserbrunnen“ (dort als Mose am Horeb mit seinem Stabe den Brunnen aus dem Felsen schlug). Also auch im Reich der Natur ist er der souveräne Herr, über alle Gebiete der Schöpfung übt er seine Majestätsrechte aus „und vor seines Mundes Schelten zittern Menschen, Engel, Welten.“

Und du, liebes Volk des neuen Bundes, sag abermals an, tut nicht der Herr auch hier ein Gleiches, ja Größeres auch in deiner Mitte? Ich will euch nicht nur erinnern an die heiligen Wunder des Neuen Testaments, als der Herr dort im Sturm auf dem Meer Wind und Wellen bedrohte und es ward ganz stille „was war dir, du Meer, dass du flohst?“ Als dort die Felsen bebten bei der Auferstehung des Herrn hieß es da nicht auch: „Vor dem Herrn bebte die Erde, vor dem Gotte Jakobs?“

Aber auch bis auf den heutigen Tag übt der Herr also seine Majestätsrechte aus in der Welt und wie im Reich der Natur, so im Reich der Weltgeschichte, und wie in der äußeren Weltgeschichte, so in der inneren Herzensgeschichte der Menschen zeigt er sich immer noch als den, der die Fluten bedroht: Bis hierher und nicht weiter, hier sollen sich legen deine stolzen Wellen; und als den, der Felsen zerschmeißt und Steine erweicht.

Denkt daran, durch welche Trübsalsfluten hat der Herr das Volk des neuen Bundes, die christliche Kirche hindurchgeführt von altersher! Als in den drei ersten Jahrhunderten nach Christo jene zehn blutigen Christenverfolgungen über die arme Gemeinde ergingen, musste da nicht auch das Volk des Herrn wieder gleichsam durchgehen durch ein rotes Meer? War es da nicht, als rauschte das mächtige Heidentum gegen das kleine Christenhäuflein heran wie ein tobendes Meer, um es spurlos zu verschlingen? Und doch, was war dir, Meer, dass du flohst, und du Jordan, dass du dich zurückwandtest? Wie kam's, ihr gewaltigen Kaiser Roms, blutiger Nero, gepriesener Titus, edler Trajanus, abtrünniger Julianus, dass ihr allesamt mit euren Dekreten und Legionen nichts ausrichten konntet gegen dieses wehrlose Häuflein der Nazarener? Wie kam's, könnte man hinzusetzen, du Jordan, dass auch du dich zurückwandtest? Warum habt auch ihr nichts ausgerichtet, ihr Obersten Israels, blutiger Herodes, finsterer Kaiphas und all ihr Priester und Pharisäer - gegen den verachteten Nazarener? Und als im Verlauf der Zeit so manche Trübsalsflut über die Kirche Christi hereinbrach, als im siebenten und achten Jahrhundert die Heere Muhammeds das christliche Europa überschwemmten und das Reich Christi zu begraben schienen wer hat da zu dem tobenden Meer gesprochen: Bis hierher und nicht weiter, hier sollen sich legen deine stolzen Wellen? Und als nachher die trübe Flut des römischen Aberglaubens die Christenheit überschwemmte - wer war's, der der evangelischen Wahrheit wieder Bahn brach zur Zeit der Reformation? War's nicht der alte Gott, der es seiner Gemeinde abermals zu erfahren gab: Der Herr ist nun und nimmer nicht von seinem Volk geschieden? Und wenn du selbst oft auf deinem Lebensweg, liebe Seele, vor einer Trübsalsflut standest wie vor einem roten Meer und wusstest nicht: wie komm ich durch? wer war's, der dir einen Weg bahnte durch die Wogen und dich hindurchbrachte und deinen Fuß aufs Trockene stellte? Ist's nicht der treue starke Gott, der seine Majestätsrechte noch immerdar geltend macht zum Besten der Seinen?

Und wenn dort in der Wüste nicht nur das Bewegliche fest, sondern auch das Feste beweglich wurde vor dem Herrn, Felsen vor ihm bebten und Berge wankten hat er's nicht inzwischen tausendmal bewiesen, dass er auch Felsenherzen erschüttern kann, wie das eines Saulus, und Berge von Schwierigkeiten aus dem Weg räumen.

Was er ihm vorgenommen und was er haben will,
Das muss doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel.

Und nun, meine Lieben, soll uns das nicht wiederum eine Aufforderung sein, einem solchen König getrost zu vertrauen, dem im Himmel und auf Erden alle Macht gegeben ist? einem solchen König aber auch gerne zu dienen, von dem wir wissen, dass selbst die Wellen ihm gehorsam sind und die Steine für ihn zeugen? Wenn Flüsse und Meere ihm gehorchen, sollte er nicht unsere Herzen, in denen doch seines Geistes Zug sich offenbart, lenken können wie die Wasserbäche? Wenn Felsen vor ihm beben, sollten nicht unsere Herzen erschüttert werden vom Hammerschlag seines Worts? Wenn er als unumschränkter Gebieter herrscht in dem ganzen Weltall, sollte er nicht herrschen in unsern Herzen? Ja, Herr, herrsche du je mehr und mehr in uns und regiere unser Herz und Leben!

So sei nun, Seele, seine, und traue dem alleine,
Der dich geschaffen hat.
Es gehe wie es gehe, dein Vater in der Höhe
Weiß allen deinen Sachen Rat.
Amen.