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Disselhoff, Julius - Ruth, die Ährenleserin aus Moab - Dritter Abschnitt. Treue im Alltagsleben, oder Die Größe der Kleinigkeiten im Reiche Gottes.

Es war aber um die Zeit, dass die Gerstenernte anging, dass Naemi und ihre Schnur Ruth, die Moabitin, wiederkamen vom Moabiterlande, gen Bethlehem. Es war auch ein Mann, der Naemi Mannes Freund, von dem Geschlechte Eli-Melechs, mit Namen Boas, der war ein weidlicher Mann. Und Ruth, die Moabitin, sprach zu Naemi: Lass mich aufs Feld gehen, und Ähren auflesen, dem nach, vor dem ich Gnade finde. Sie aber sprach zu ihr: Gehe hin, meine Tochter. Sie ging hin, kam und las auf, den Schnittern nach, auf dem Felde. Und es begab sich eben, dass dasselbe Feld war des Boas, der von dem Geschlechte Eli-Melechs war. Und siehe, Boas kam eben von Bethlehem, und sprach zu den Schnittern: Der Herr mit euch! Sie antworteten: Der Herr segne dich! Und Boas sprach zu seinem Knaben, der über die Schnitter gestellt war: Wes ist die Dirne? Der Knabe, der über die Schnitter gestellt war, antwortete und sprach: Es ist die Dirne, die Moabitin, die mit Naemi wiedergekommen ist von der Moabiter Lande. Denn sie sprach: Lieber, lass mich auflesen und sammeln, unter den Garben, den Schnittern nach; und ist also gekommen, und da gestanden von Morgen an bisher, und bleibt wenig daheim. Da sprach Boas zu Ruth: Hörst du es, meine Tochter? Du sollst nicht gehen auf einen andern Acker auszulesen; und gehe auch nicht von hinnen; sondern halte dich zu meinen Dirnen; und siehe wo sie schneiden im Felde, da gehe ihnen nach. Ich habe meinen Knaben geboten, dass dich Niemand antaste. Und so dich dürstet, so gehe hin zu dem Gefäß, und trinke, da meine Knaben schöpfen. Da fiel sie auf ihr Angesicht, und betete an zur Erde, und sprach zu ihm: Womit habe ich die Gnade gefunden vor deinen Augen, dass du mich erkennst, die ich doch fremd bin? Boas antwortete und sprach zu ihr: Es ist mir angesagt alles, was du getan hast an deiner Schwieger, nach deines Mannes Tode; dass du verlassen hast deinen Vater und deine Mutter und dein Vaterland; und bist zu einem Volke gekommen, dass du zuvor nicht kanntest. Der Herr vergelte dir deine Tat; und müsse dein Lohn vollkommen sein bei dem Herrn, dem Gotte Israels, zu welchem du gekommen bist, dass du unter seinen Flügeln Zuversicht hättest. Sie sprach: Lass mich Gnade vor deinen Augen finden, mein Herr; denn du hast mich getröstet und deine Magd freundlich angesprochen, so ich doch nicht bin als deiner Mägde eine. Boas sprach zu ihr: Wenn es Essenszeit ist, so mache dich herzu, und iss des Brots, und tunke deinen Bissen in den Essig. Und sie setzte sich zur Seite der Schnitter. Er aber legte ihr Sangen vor; und sie aß, und ward satt, und ließ übrig. Und da sie sich aufmachte zu lesen, gebot Boas seinen Knaben, und sprach: Lasst sie auch zwischen den Garben lesen, und beschämt sie nicht; auch von den Haufen lasst überbleiben, und lasst liegen, dass sie es auflese; und niemand schelte sie darum. Also las sie auf dem Felde bis zum Abend, und schlug es aus, was sie aufgelesen hatte; und es war bei einem Epha Gerste. Und sie hub es auf, und kam in die Stadt; und ihre Schwieger sah es, was sie gelesen hatte. Da zog sie hervor, und gab ihr, was ihr übrig geblieben war, davon sie satt war geworden. Da sprach ihre Schwieger zu ihr: Wo hast du heute gelesen, und wo hast du gearbeitet? Gesegnet sei, der dich erkannt hat. Sie aber sagte es ihrer Schwieger, bei wem sie gearbeitet hätte, und sprach: Der Mann, bei dem ich heute gearbeitet habe, heißt Boas. Naemi aber sprach zu ihrer Schnur: Gesegnet sei er dem Herrn, denn er hat seine Barmherzigkeit nicht gelassen, beides an den Lebendigen und an den Toten. Und Naemi sprach zu ihr: Der Mann gehört uns zu, und ist unser Erbe. Ruth, die Moabitin, sprach: Er sprach auch das zu mir: du sollst dich zu meinen Knaben halten, bis sie mir alles eingeerntet haben. Naemi sprach zu Ruth, ihrer Schnur: Es ist besser, meine Tochter, dass du mit seinen Dirnen ausgehst, auf dass nicht jemand dir darein rede auf einem andern Acker. Also hielt sie sich zu den Dirnen Boas, dass sie las, bis dass die Gerstenernte und Weizenernte aus war; und kam wieder zu ihrer Schwieger.“ Ruth, 1, 22-2, 23.

1. Noch ein Wort über halbe Treue und ganze Treue.

Nur treu! mahnte uns die letzte Betrachtung, nur treu! wenn Gott sein Gnadenwerk bei dir oder deinem Hause begonnen hat, damit es zu deinem Heile seinen ungehinderten Fortgang habe. Aber nur ganze Treue ist echte Treue. Halbe Treue macht wankend und schwankend, ruhelos und unentschieden und reißt heute mit eigner Hand nieder, was sie gestern mit saurem Schweiß aufgebaut hat. Halbe Treue möchte Ja und Nein in einem Atem, vorwärts und rückwärts in einem Schritt, rechts und links in einer Wendung vereinen, was doch unmöglich ist. Ein Herz mit halber Treue gleicht einem Hause, dessen Türe nicht geschlossen ist und auch nicht offen steht. Da schleicht der Dieb leicht hinein, und stiehlt, was darinnen ist. Halbe Treue kann auch das nicht halten, was sie hat, weil sie nichts wahrhaft, nichts fest besitzt. Es wird ihr Alles gestohlen. Alles Gute entrinnt ihr, wie das Wasser dem zerbrochenen Gefäß; alles Böse dringt in sie hinein, wie die Meeresflut in das lecke Schiff.

Ganze Treue macht fest und stark, still und entschlossen. Ganze Treue kennt nur eine Richtung, vorwärts! Ein Herz mit ganzer Treue gleicht dem Hause, das ganz verschlossen ist. Da kommt der Dieb nicht hinein. Ganze Treue vermehrt ihr geringes Besitztum denn was sie hat, das hat sie fest und wahrhaft, und wer also hat, dem wird gegeben werden, dass er die Fülle habe, wer aber nicht also hat, dem wird auch das genommen, was er hat.

Ruth also, die treue, war nach Israel gekommen, zu dem Volke, welchem Gott durch Licht und Recht sich offenbarte. Damit war der Ratschluss des Herrn, den wir ja kennen, seinem Ziele zwar einen bedeutenden Schritt näher gerückt, aber dieses selbst war noch nicht erreicht. Aufs neue drängt sich die Frage auf: was ist von Seiten des Menschen weiter nötig, damit Gottes Werk zur Ausführung komme? Und abermals empfangen wir die Antwort: „Treue! nichts als Treue!“

Indes zeichnet uns der heute vorliegende Abschnitt aus der Geschichte Ruths die Treue von einer andern, Seite. In der vorigen Erzählung nämlich handelte es sich um die Frage, ob umkehren ins Heidenland, ob weiterziehen zum Volke Gottes, ob rückwärts zu den Götzen, ob vorwärts zu Gott. Da sahen wir die Treue in den entscheidenden Wendepunkt des Lebens hineingestellt. Die Entscheidung ist eingetreten. Ruth hat der Heidenwelt den Rücken gewendet, und wohnt nun unter dem Volke Gottes. Nach jener großen Stunde ist der alltägliche und gewöhnliche Lauf der Dinge wieder eingetreten. Auch dahin müssen wir Mahlons Witwe begleiten. Sie lehrt uns

Treue im Alltagsleben, oder Die Größe der Kleinigkeiten im Reiche Gottes.

Wie ein Doppelstrom, vielfach verschlungen und doch immer wieder im eignen Geleise dahin fließend, eilt das Alltagsleben der Menschenkinder der Ewigkeit entgegen. Denn wie die Schrift sagt, Reiche und Arme müssen unter einander sein; der Herr hat sie alle gemacht.“ (Spr. 22, 2.) Sie sind unter einander, und sie begegnen einander, wie es anderswo (Spr. 29, 13.) heißt, und dennoch behalten die Reichen und Hohen, die Armen und Niederen, die Herrschenden und Dienenden nach Gottes Ordnung ihre eigenen Kreise und Bahnen, in denen sie ihrem irdischem Beruf und Amt nach sich bewegen sollen, um zwar auf verschiedenen äußern und zeitlichen Pfaden, aber doch auf einem und demselben geistigen Wege dem einen, großen Ziele zuzupilgern, zu welchem sie Alle berufen sind. Dieser eine Geistesweg ist die Treue in den kleinen, gewöhnlichen, alltäglich fast sich wiederholenden Dingen des irdischen Standes, die sich äußerlich wohl verschieden gestaltet, dem Wesen nach aber nur Eine ist.

Was Alltags-Treue der Armen und Geringen sei, lehrt uns Naemi, und insbesondere die Ährenleserin Ruth, was Treue der Reichen und Hohen, Boas, der Bethlehemite.

2. Alltags-Treue der Armen und Geringen.

Ruth war nun in Bethlehem. Als sie mit Naemi dort eingezogen war, hatte sich die ganze Stadt über ihnen erregt. (Kap 1, 19.) Ein allgemeines Aufsehen war entstanden. Aber als sie nicht mehr die Naemi vor sich sahen, die Liebliche, die voll und reich war; als ihnen vielmehr eine rechte Mara entgegentrat, welche der Herr mit Bitterkeit gespeist hatte, da war bald Alles wieder still geworden und in die eigene wohnliche Hütte zurückgekehrt, und hatte die beiden Witwen ziehen lassen, wohin sie wollten. Und wo hatten sie wohl ihr Haupt niedergelegt? Wahrscheinlich doch in dem alten Hause des Eli-Melech. Es waren dieselben behäbigen Räume, wie ehedem. Aber sie standen jetzt leer und öde.

Es war wohl um die Zeit, da die Gerstenernte anging; aber sie hatten keine Felder, wo sie schneiden konnten. Andere Häuser füllten sich. Ihre Kammern blieben leer. Hunger und Not waren die täglichen Gäste.

Wie wird sich die Treue der Gottesfürchtigen in solcher Lage offenbaren?

Durch die stille, gläubige Achtsamkeit auf die Winke und Verheißungen, welche Gott der lieben Armut und allen, die verlassen sind, gegeben hat. Siehe nur auf Ruth.

„Es war auch ein Mann in Bethlehem, der Naemi Mannes Freund, vom Geschlecht Eli-Melechs, mit Namen Boas, der war ein weidlicher Mann,“ (Kap. 2, 1.) ein Freund also und Verwandter der beiden Witwen, reich, angesehen und dabei von edler Gesinnung. Ist nicht hierdurch den Armen der Weg zur Hilfe gewiesen? Werden sie nicht alsbald zu ihm hineilen, um sich an seinen Tisch zu setzen? - Sie tun es nicht. Etwa aus Stolz nicht, weil das Bitten ihnen zu hart ankommt, oder sie die wehtuende Antwort des Reichen scheuen? Sie waren beide gründlich gedemütigt - das wissen wir - Eitelkeit also kann nicht die Quelle ihres Tuns gewesen sein. Was war es denn?

Boas selbst, welcher doch nur wenig und gerüchtweise von Ruth gehört hatte, sagt gleichwohl mit aller Bestimmtheit zu ihr: „Du bist gekommen zum Gott Israels, dass du unter seinen Flügeln Zuversicht hättest.“ (V. 12.) Hier wird uns das Herz der Moabitin aufgedeckt. Sie war nicht deshalb aus ihrem Vaterlande und ihrer Verwandtschaft gegangen, um in Israel bei Menschen Schutz zu suchen. Sie wollte unter den Flügeln des Gottes Israels ihre Hütte bauen, auf seinen Flügeln sich tragen lassen, wie ein Adler seine Jungen ausführt. Und dieser Gott Israels ist gerade der Armen Gott, der Verlassenen Berater und Versorger, und ein Vater der Witwen und der Fremdlinge.

„Wenn du ein Land einerntest, spricht dieser Gott, sollst du es nicht an den Enden umher abschneiden auch nicht alles genau aufsammeln. Also auch sollst du deinen Weinberg nicht genau lesen, noch die abgefallenen Beeren auflesen, sondern dem Armen und Fremdling sollst du es lassen; denn ich bin der Herr, euer Gott!“ (3 Mos. 19, 9. 10.) Und abermals spricht er: „Wenn ihr euer Land erntet, sollt ihrs nicht gar auf dem Felde einschneiden, auch nicht alles genau auflesen, sondern sollt es den Armen und Fremdlingen lassen.“ (3 Mos. 23, 22.) Und noch einmal: „Wenn du auf deinem Acker geerntet und eine Garbe vergessen hast auf dem Acker, so sollst du nicht umkehren, dieselbe zu holen, sondern sie soll des Fremdlings, des Waisen und der Witwe sein, auf dass dich der Herr, dein Gott segne in allen Werken deiner Hände. - Wenn du deine Ölbäume hast geschüttelt, so sollst du nicht nachschütteln. Es soll des Fremdlings, der Waisen und der Witwe sein. Wenn du deinen Weinberg gelesen hast, so sollst du nicht nachlesen. Es soll des Fremdlings, der Waisen und der Witwe sein. Und sollst gedenken, dass du Knecht in Ägyptenland gewesen bist; darum gebiete ich dir, dass du solches tust.“ (5 Mos. 24, 19 ff.)

Solcher Gottes-Ordnung gedachte Ruth, und sprach zu Naemi: „Lass mich aufs Feld gehen und Ähren auflesen, dem nach, vor dem ich Gnade finde.“ Und Naemi sprach zu ihr: „Gehe hin, meine Tochter!“ Beide also, Mutter und Tochter, bekannten ihre Niedrigkeit und Armut, und schämten sich nicht murrend ihres Standes, darein Gott sie gesetzt hatte. Sie warfen sich aber schlecht und recht und voll Vertrauen in dieselben barmherzigen Gotteshände, von denen sie in den Elends- und Armutsstand hineingesetzt waren.

Also machte sich Ruth frühe auf und kam auf einen Acker und sammelte Ähren von Morgen bis zur Essenszeit und feierte wenig. Und von der Essenszeit sammelte sie weiter bis zum Abend. Dann schlug sie aus, was sie gelesen hatte, und es war bei einem Epha Gerste. Das hub sie auf ihre Schulter und trug es in die Stadt, gab es Naemi, und zog noch hervor, was ihr an Bröcklein war übergeblieben von der Mahlzeit, womit Boas sie erquickt hatte. Und solches tat sie nicht einen Tag bloß, sondern sie las, bis dass die Gerstenernte und Weizenernte aus war. (V. 23.)

Mit Herzenslust weilt unser Auge auf der fleißigen, ausdauernden Ährenleserin Und doch ist dies liebliche Bild nur erst die Schale; der innere Kern ist weit schöner und süßer. Denn der ist die treue Liebe, welche nicht bloß einmal in einem großen Augenblick leuchtend aufflammt, sondern die ohne Aufhören auch in den kleinen und unbedeutenden Verhältnissen, in den Sorgen und Nöten, die jeder Tag mit sich bringt, durch ihre stille Glut Licht und Wärme um sich verbreitet. Es ist ohne Zweifel leichter, einmal eine große Tat der Selbstverleugnung und Treue zu üben, als Tag für Tag und in immer wiederkehrenden Kleinigkeiten Aufopferung und Liebe zu beweisen. Auch gehört größere Geisteskraft und mehr Mut dazu, unter kleinen, aber jahrelangen Kümmernissen wie ein Christ auszudauern, still und fest, als einmal einen großen Schmerz mit Mannhaftigkeit zu tragen. „Stellen sie mich vor die brüllenden Kanonen, rief mir einmal ein sorgenbeladener Hausvater zu, kein Haar an mir soll beben; aber diese tägliche Misere in meinem Hause treibt mich zum Verzweifeln!“

Mancher Fels hat einer stürmischen Brandung siegreich widerstanden, den hernach sickernde Tröpflein ausgehöhlt haben, und Mancher, der sein Leben in die Schanze schlagen konnte für seinen Freund, vermochte nicht die unbedeutenden Lasten und Demütigungen des Alltagslebens mit ihm zu tragen.

Darum mag man wohl fragen: wo zeigt sich stärkere Treue, als Ruth fest und entschlossen zu Naemi sprach: „Rede mir nicht darein, dass ich dich verlassen sollte!“ oder als sie, die arme Fremde, auf des Reichen Acker Woche für Woche unverdrossen und still und fröhlich die Ähren las, um der trübseligen Mutter von Tag zu Tag das Leben zu fristen? Eine Ährenleserin ist eine geringe Gestalt; aber die ausdauernde Liebestreue im Stande der Armut und Niedrigkeit hat ewige Bedeutung.

Der Treue begegnet Treue, die Treue Gottes und die Treue der Menschen: Ruth wurde nach Gottes Rat von der Freundlichkeit und Leutseligkeit des Boas überschüttet, wie die junge Blume vom Licht der Maiensonne. Und siehe, nun erst entfaltet sich die Treue Ruths in ihrem Armutsstande zu vollster Lieblichkeit; denn auch bei der Herablassung des Boas und seinen Lobsprüchen bleibt jede Überhebung ihr so fern, dass der stille Glanz der Demut und herzlichen Dankbarkeit in doppelter Helle aus ihrem Wesen strahlt. Das ist der untrügliche Prüfstein der lauteren Treue.

Wenn auch die Frühlingswärme kein Unkraut aus dem Acker hervorlockt, dann ist er gewiss gereinigt, und wenn die Milde und die Anerkennung der Höheren den Armen und Geringen nicht durch aufsteigende Hoffartsgedanken verwirrt, sondern ihn im Geist stiller Bescheidenheit und demütigen Dankes fortwandeln lässt, dann ist fürwahr seine Standes- und Berufstreue echt und ungeschminkt.

Es ist nicht leicht für den Geringen, den ihm von Gott angewiesenen Lebenspfad in fröhlicher Genügsamkeit unter Last und Beschwerden weiter zu pilgern, wenn das freundliche Wohlwollen des Höheren sich einmal zu ihm herabgelassen hat. Denn wenn ein Knecht von Jugend auf zärtlich gehalten wird, so will er darnach ein Junker sein.“ (Spr. 29, 21.) Die menschliche Hoffart und eben darum auch die Standesuntreue ist so groß, dass gar Mancher ein Junker sein möchte, wenn er auch nur einmal zärtlich gehalten wird. Wie anders ist das bei Mahlons Witwe! Als Boas mit Freundlichkeit ihr begegnete, da fiel sie auf ihr Angesicht und betete an zur Erde und sprach zu ihm: „Womit habe ich die Gnade gefunden vor deinen Augen, dass du mich erkennest, die ich doch fremd bin?“ Da siehst du Demut und Dank, und Dank und Demut im innigsten Verein. Beide lassen sich ja auch nicht trennen; die Demut ist jederzeit voll Dankes, und der Dankbare wandelt ohne Aufhören in der Demut.

Da kommt eine schwere Versuchung über die Ährenleserin. Der Reiche lässt sich nicht allein zu dem armen Fremdlinge herab; er krönt ihr Haupt mit einem schimmerndern Ruhmeskranz; er wird ein Herold ihrer verborgenen Liebestat, ein Spiegel, in welchem die schlichte, die nie sich bespiegelt hatte, plötzlich ihr eignes, schönes Seelenbild erblickt. „Es ist mir, sprach Boas zu ihr, es ist mir angesagt Alles, was du getan hast an deiner Schwieger nach deines Mannes Tode, dass du verlassen hast deinen Vater und deine Mutter und dein Vaterland, und bist zu einem Volke gezogen das du zuvor nicht kanntest. Der Herr vergelte dir deine Tat, und müsse dein Lohn vollkommen sein bei dem Herrn, dem Gott Israels, zu welchem du gekommen bist, dass du unter seinen Flügeln Zuversicht hättest!“

Und Ruth? Wird sie von diesem Lobspruch ihrer Frömmigkeit und Selbstverleugnung berauscht, aufgebläht, aus dem Geleise gedrängt, zu einer Untreue gegen den von Gott ihr gewiesenen Stand verleitet? Ruth sprach: „Lass mich Gnade vor deinen Augen finden, mein Herr, denn du hast mich getröstet und deine Magd freundlich angesprochen, so ich doch nicht bin, als deiner Mägde eine!“

Wenn solche dankbare Demut, solche Demut atmende Dankbarkeit die Treue in den kleinen Dingen des täglichen Berufslebens umgeben, und durch alle Ereignisse, welche wohl zur Überhebung verlocken könnten, nur zu noch ungefärbterem Glanze angefacht werden, dann ist die Treue probehaltig.

Bei der Beurteilung Ruths darf man nicht vergessen, dass sie, einst das Weib Mahlons, nicht durch die Geburt dem Stande der Geringen angehörte. Sie war samt Naemi von Gottes gewaltiger Hand aus der Höhe in die Tiefe gestoßen. In solchen Fällen wird es dem Menschenherzen doppelt schwer, in der Niedrigkeit heimisch zu werden, und zwiefach nahe liegt die Versuchung, wenn man Lust kriegt, dem engen, unscheinbaren Lebenskreise, worin die Hand des Herrn uns gebannt hält, mindestens in Gedanken zu entlaufen und also das Herz mit Untreue zu beflecken. Das gilt in besonderem Maße von Naemi, der Witwe des angesehenen Eli-Melech, deren Räume einst so voll, nun so leer waren. Aber auch sie sucht nicht die Demütigung des Herrn abzuschütteln; sie ist vielmehr gewillt, treu auszuharren in ihrem Elendsstand. Als sie durch Ruth die Mildtätigkeit des Boas erfuhr, wallte ihr das Herz über voll Lob und Dank. Sie erkennt in der Güte der Menschen die Güte des Herrn, von der sie in Freud und Leid sich umfangen fühlt. „Gesegnet sei er, so ruft sie, dem Herrn, welcher seine Barmherzigkeit nicht hat gelassen, beides an den Lebendigen und den Toten!“

Die Armen, Witwen und Fremdlinge hatten ja nach Gottes mildem Gebot ein Recht, die Ähren aufzulesen. Wenn der Geringe, kraft des Rechtes, welches nach göttlicher oder menschlicher Ordnung ihm zusteht, eine Wohltat genießt, so wird er sehr leicht gleichgültig gegen die Barmherzigkeit, die ihm in solchen Fällen widerfährt; er trotzt auf Recht, er murrt in Undankbarkeit, er jammert über die kleinen Anfänge der Hilfe, als über nichts frommende Dinge. Das ist die Untreue des Armen in seinem Stande, die allen Segen seiner Lebensführung vereitelt. Man findet sie sehr viel. Die dankenden, segnenden Naemis sind sehr selten. Sie aber haben allezeit in dem Geiste der Demut und der Dankbarkeit ihren sehr großen Lohn; denn sie sind fröhlich und selig darinnen, wenn auch nur selig in der Hoffnung, wie Naemi, da sie von Boas sprach: „Der Mann gehört uns zu, und ist unser Erbe!“ mit welchem Wort sie ahnend schon etwas weniges von dem herrlichen Ausgange andeutete, welchen ihre und Ruths Heimsuchungen nach Gottes Willen nehmen sollten.

Halten wir, liebe Mutter, einen Augenblick stille, um uns auf uns selbst zu besinnen, und auf die Unsern einen Blick zu werfen.

Wir gehören zu den niedrigen und geringen Leuten und wollen Gott dafür danken, denn die auf den hervorragenden Höhen des Lebens stehen, werden leicht vom Sturmwind oder vom Schwindel ergriffen. Hat uns der gnädige Gott durch die Stunde der Entscheidung hindurch gebracht und uns aus der Finsternis versetzt in das Reich seines lieben Sohnes, so können und wollen wir uns doch nicht verhehlen, dass die stille, ausdauernde Treue in den alltäglichen Berufsarbeiten und Mühen uns hart und sauer ankommt. Wir haben stets den Zuruf des Apostels nötig: „Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den Niedrigen!“ (Röm. 12, 16.) und es fehlt noch viel daran, dass wir mit David sprechen könnten: „Herr, mein Herz ist nicht hoffärtig, und meine Augen sind nicht stolz, und wandle nicht in großen Dingen, die mir zu hoch sind!“ (Ps. 131, 1.) Wir müssen uns gestehen, dass wir an die, nach unsern Begriffen großen und bedeutenden Arbeiten, welche von weit greifenden Erfolgen zu sein scheinen, frischer, mutiger leidenswilliger, opferfähiger herantreten, als an die scheinbar unwichtigen, mit dem Tag vergehenden Geschäfte jedes Tages. Wer sein Herz kennt, weiß auch, worin der Grund liegt. Er verwundert sich nicht zu sehr, wenn er immer die Erfahrung machen muss, dass auch solche Leute, die mit Entschiedenheit der Welt Valet gegeben und ihrem Heilande sich zugesagt haben, es öfter, als gut ist, als unwichtig verschmähen, in kleinen Dingen treu zu sein, und sich mit Ungeduld, nicht selten mit Murren, nach einer Gelegenheit sehnen, wo sie einmal in einer großen Sache auch große Treue beweisen könnten. Auch der Gläubige will gar zu gern etwas Besonderes, Außergewöhnliches tun oder leiden, wenigstens etwas, das nicht jeden Tag vorkommt, was sich ein Haar breit über den gewöhnlichen Lauf der Dinge erhebt, und wozu nicht gerade Jeder geschickt und gut genug ist, sondern eine etwas größere Begabung und Erfahrung erfordert wird. Eine Zeit lang arbeitet und duldet man in solchen besonderen und einigermaßen wichtigen Umständen willig und mit Lust, bis auch das Neue, das Seltene wieder alltäglich wird und damit zur Kleinigkeit herabsinkt. Dann ist's aus mit der Freudigkeit, und die Ungeduld und Hoffart sehnt sich aufs Neue nach einer Arbeit, deren Bedeutung mehr und schneller in die Augen fällt. Wir wissen, - und es ist doch unter Allen, die von Weibern geboren sind, keiner aufgekommen, der größer sei, denn Johannes, der Täufer, wir wissen, auch er verstand nicht die Reichsordnung Gottes. Er hatte den Herrn in jener großen Entscheidungsstunde gesehen, wo nach seiner Taufe der Himmel sich auftat, der Heilige Geist herniederschwebte, und eine Stimme rief: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“ und vermeinte nun, Christus und das Himmelreich müsse sich in einer fortlaufenden Reihe großer und augenfälliger Erscheinungen offenbaren. Als er darum im Gefängnis die Werke des Herrn hörte, welche nach seiner Meinung für den großen Zweck desselben zu vereinzelt, unscheinbar, zu wenig weit und tiefgreifend waren, da hätte er gern mit der Frage: „Bist du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Andern warten?“ den ewigen Gottessohn zu erfolgreichen, schneller und allgemeiner wirkenden Taten getrieben. Aber der, welchem alle seine Werke bewusst sind, von ihren Anfängen bis zur Vollendung, er wusste auch, dass nach den großen, Jahrhunderte lang nachwirkenden Wendepunkten im Reiche Gottes die weitere Entwicklung desselben von seinem Vater an die Treue im Kleinen, im alltäglichen Berufsleben geknüpft ist, und er selbst unterwarf sich und sein Werk dieser gnädigen Gottesordnung. Selig ist, wer sich daran nicht ärgert!

„Ein Jeglicher, mahnt der Apostel Paulus, ein Jeglicher bleibe in dem Beruf, darinnen er berufen ist. Ja, ein Jeglicher, liebe Brüder, worinnen er berufen ist, darinnen bleibe er bei Gott!“ (1 Kor. 7, 20 u. 24). Das ist wohl klar gesprochen. Doch aber dünkt es dem natürlichen Menschen noch viel klarer, dass es für das Reich Gottes und für ihn selbst besser wäre, wenn er, seinen gottgegebenen Beruf eigenmächtig gering achtend und verlassend, sich einen ausgedehnten Berufskreis schaffen könnte. Eine Magd oder ein Knecht, ein Handwerker oder eine Köchin möchten, wenn sie von der Gnade Gottes angeschienen sind, ihre Liebestreue am liebsten dadurch beweisen, dass sie ihren irdischen unbedeutenden Beruf verlassen, und wenn nicht auf den Predigtstuhl selbst, doch auf seine unteren Stufen hinaufsteigen, denn wie könnte das auch das Himmelreich fördern, wenn sie bei ihrer ungeistlichen Arbeit blieben?

Eine Lehrerin, welche zwei Kindlein unterweisen darf, möchte gern zweimal zwei haben, und statt kleiner große, statt unbegabter recht gescheite, denn ists nicht fruchtbringender für die Ewigkeit, die großen Taten Gottes in der Welt- und Kirchengeschichte zu lehren, als das A. B. C. und Ein mal Eins, und zehn Kindern den Lebensweg zu weisen, als nur zweien?

Und die Diakonissin will allezeit auf einem wichtigen, ihren Kräften, wie sie denkt, angemessenen Posten stehen, und die Hände voll Arbeit haben, damit sie viel Segen stifte, und murrt wohl, wenn ihr treuer Hirte sie aus dem zerstreuenden Treiben in heilige Stille führt. Der einen ist der Kochtopf zu materiell, und Nähen und Waschen und Scheuern zu mechanisch, und der Andern ist die liebreiche Sorge für die ganz unbedeutenden Bedürfnisse des Kindes oder der Kranken zu kleinlich.

Als vor einem Jahre deutsche, evangelische Jungfrauen aufgefordert wurden, auf den Schlachtfeldern Schleswigs den verwundeten Kriegern, auf die ganz Europa hinsah, Hilfe zu leisten, da meinten auch solche, welche für den stillen, geordneten Dienst in den Hospitälern sich zu schwach oder zu erhaben dünkten, für die ruhmvolle und in allen Zeitungen gepriesene Arbeit in den Lazaretten Weisheit und Kraft in Fülle zu besitzen Manche auch haben es ausgesprochen, dass sie die Verwundeten pflegen wollten, nicht die Kranken. Natürlich, denn dieses ist alltäglich, aber jenes etwas ganz Besonderes und Hervorragendes.

Ähnlichen Erscheinungen begegnet man in jedem Beruf. Es tut nicht not, sie im Einzelnen weiter zu verfolgen. Aber sehr not tut es, auf die Warnung zu merken:

O sage nicht in großen Proben
Will ich wohl treu vor ihm bestehn!
Das hörst du Petrum auch geloben
Und musst ihn dennoch weinen sehn.
Drum lerne recht die Treu im Kleinen,
In kleinen Kämpfen übe dich,
Sonst wirst du bald wie Petrus weinen
Um große Untreu bitterlich!

Wir haben große Ursache, liebe Mutter, sowohl für uns selbst, als für unsere teuren Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen um den Geist des Herrn zu flehen, ohne den wir stets in dem Wahne, als ob nur Großes für das Reich Gottes sich zieme, liegen bleiben, und durch den allein wir das Wort des Meisters verstehen lernen: „Wie ein großes Ding ist es um einen treuen und klugen Haushalter!“ (Luk. 12, 42.)

Ja, treu sein im Kleinen, das heißt von großer Bedeutung sein im Haushalte Gottes, wie überhaupt im Himmelreich der der Größte sein wird, welcher der Kleinste ist. Darum wandelt nur würdig eures Berufes, darinnen ihr berufen seid. Durch die Treue der Niederen und Geringen in ihrer täglichen Arbeit oder Trübsal wird, wie die Ährenleserin aus Moab uns gezeigt hat, der große Heilsplan Gottes mit dem Einzelnen und seinem ganzen Volk der Erfüllung Schritt um Schritt näher gebracht.

Damit Jeder einen Prüfstein habe, ob seine Treue im Alltagsleben rechter Art sei, möge er sich allezeit an das erinnern, was ich schon vorhin vom Zusammenhang der Treue mit der Demut und Dankbarkeit sagte. Wer untreu ist, ist anspruchsvoll, friedelos, undankbar. Darum so du von diesen Eigenschaften einen Anflug in dir spürest, da lass den Geist Gottes dir zurufen: „Die Alltagstreue wankt!“

Ich komme nun auf Boas zu reden, den weidlichen Mann, welcher der armen Moabitin begegnete. In ihm will uns die Heilige Schrift in lebendigen, greifbaren Zügen vor die Augen malen, wie

3. Die Alltagstreue der Hohen und Reichen sich gestaltet.

Sie ist auch lieblich, und dazu erquickend, wie ein gnädiger Abendregen, der das Land befruchtet.

„Der Herr mit Euch!“ sagte Boas, als er in die Mitte seiner Schnitter trat. „Der Herr segne dich!“ war ihre Antwort. Dieser eine, schlicht und kurz hingeworfene Zug ist genügend, um uns sehen zu lassen, wie dieser Mann im Alltagsleben seinen Herrenstand treulich zu benutzen verstand. Er war nicht bloß der Herr seiner Knechte und Mägde, sondern ihr geistlicher Vater und Berater; und sie waren nicht bloß seine Mägde und Knechte, sondern seine geistlichen Kinder und Schützlinge. Es band ihn an sie, und sie an ihn ein geistiges Band, und das ist der Herr selbst, der allerdings den bestimmten Unterschied der Stände und Berufsarten gewollt hat, vor dem aber gleichwohl kein Unterschied der Person gilt. Wir haben hier schon die Vorahnung der neutestamentlichen Regel: „Ein Bruder, der niedrig ist, rühme sich seiner Höhe, und der da reich ist, rühme sich seiner Niedrigkeit!“ (Jak. 1, 9. 10.)

„Ein weidlicher Mann“ heißt Boas in Luthers Übersetzung. Nach dem hebräischen Ausdruck ist er „ein Held der Kraft“, ein Wort, das im Alten Testament gemeiniglich von wackeren Kriegsleuten gebraucht wird.

Man bemerkt leicht, wie dieser Held der Kraft seine Stärke nicht in der Absonderung, sondern in der Herablassung, nicht in der Herrschaft, sondern in der Leutseligkeit sucht. Er ist der Herr und das Haupt, und auch gewillt, Herr und Haupt zu bleiben; aber doch haucht Seelenwärme aus seinem Wort und Wesen, und auch Seelenwärme, nicht Knechtesodem weht ihm aus dem Munde seiner Schnitter wieder entgegen. Die Liebe, nicht die Herrschsucht und die Furcht führt das Regiment; und auch die Liebe, nicht die Schmeichelei und Sklavenangst leistet den Gehorsam.

Des Boas Mutter war Rahab, die begnadigte Sünderin aus den Heiden, welche samt ihrem Hause die einzige war, die von den Einwohnern Jerichos gerettet und dem Volke Gottes hinzugetan ward. Das hat Boas nicht vergessen. Wenigstens hat er bedacht, warum er so hoch gestellt war, nämlich damit er dem Herrn ähnlich werde, der sich zu allerhöchst gesetzt hat und doch von seiner Höhe auf das Niedrige sieht auf Erden, und den Geringen aufrichtet aus dem Staube und den Armen aus dem Kot! Darin dem höchsten Himmelsherrn täglich nachzuahmen, das ist die rechte Alltagstreue der kleinen Herren auf Erden. Wie fein hat Boas das verstanden! Wie hat er durch Mildigkeit und Zucht seinen Knechten und Mägden einen Geistesadel und eine edle Zucht eingehaucht, und sie damit in rechter geistiger Weise über sich selbst und ihren Stand erhoben, wiewohl er sie äußerlich in ihrem Stande ließ. Auch ohne seine Gegenwart beschämen die Knaben mit keiner Silbe die fremde Arme. Ein gebietendes Wort von Boas, und sie darf sich die ganze Erntezeit hindurch still und ohne Furcht zur Seite der Schnitter setzen, und mit ihnen ihren Bissen in den Essig tunken. Mitten in jener trüben Richterzeit, wo ein Jeder tat, was ihm recht däuchte, hat die Alltagstreue im Herrenstande ein Bild des Friedens und der Zucht geschaffen, vor dessen Schlichtheit und Tiefe die Ziersucht und Künstelei unsrer Tage ebenso sehr, wie ihre Flachheit erröten muss.

Aus diesem allgemeinen Untergrunde erhebt sich in besonderer Lieblichkeit die Erzählung von der ersten Begegnung des Boas mit der Moabitin.

Der reiche Besitzer kommt auf seinen Acker. Er hat eben seine Schnitter mit einem warmen Gottesgruß erfreut, da sieht er eine Fremde die überbleibenden Ähren auflesen, wie die Armen, geschützt vom Gesetz des Herrn, es zu tun pflegten. „Wes ist die Dirne?“ fragt er den Aufseher über die Schnitter. Arme gab es viele, insbesondere in jenen Tagen, welche der langen Teuerung folgten. Die Gewohnheit stumpft ab. Wie kann der Reiche um jeden Armen sich kümmern? Ist es nicht genug, dass er ihn ungestört auf seinem Felde sammeln lässt? Dem Reichen, welcher den Sinn und die Bedeutung seines Standes begriffen hat, und nach diesem Verständnis Tag für Tag treu handeln möchte, ist das niemals genug gewesen. Er sucht sich in ein persönliches Verhältnis zu dem Armen und Niederen zu setzen, nach seinen Umständen zu fragen, seine Bedürfnisse zu erforschen, dem ähnlich, was uns von Boas erzählt wird. Denn nachdem dieser von seinem Aufseher über die Fremde einigen Bescheid erhalten hat, tritt er selbst zu ihr heran, aus deren ganzem Wesen ihm Emsigkeit, Zucht, Demut entgegen leuchtet, und spricht, wie nur ein Vater zu seinem Kinde sprechen kann: „Hörst du es, meine Tochter? Du sollst nicht gehen auf einen andern Acker aufzulesen, und gehe auch nicht von hinnen, sondern halte dich zu meinen Dirnen, und siehe, wo sie schneiden im Felde, da gehe ihnen nach. Ich habe meinen Knaben geboten, dass dich Niemand antaste. Und so dich dürstet, so gehe hin zu dem Gefäß und trinke, da meine Knaben schöpfen.“ Solche zarte und schonende Fürsorge für die Armen und Geringen kann nur derjenige Hohe und Reiche beweisen, welcher treulich bei dem allerhöchsten und doch allerzartesten Versorger und Berater der Kinder und Verlassenen in die Schule geht.

Ruth weiß nicht, wie ihr geschieht, und was die Augen des hohen, weidlichen Mannes auf sie, die doch fremd ist, hingelenkt hat. Boas selbst erst muss es ihr anzeigen. Es ist ihre Treue und Selbstverleugnung, mit der sie Vaterland und Freundschaft gelassen und ihrer Schwieger angehangen hat; es ist der Glaube und die Gottesfurcht, wodurch sie von den Götzen geschieden und in die Arme des Herrn getrieben wurde. (V. 11. u. 12.) Sie selbst hält das für selbstverständlich und ist fern davon, ihrem eigenen Werte Weihrauch zu streuen. Aber Boas erkennt unter der unscheinbaren Hülle das verborgene Kleinod. Durch die Tat bekennt er hier, was einst sein größerer Enkelsohn David in Worte fasste: „Ich mag des nicht, der stolze Gebärden und hohen Mut hat. Meine Augen sehen nach den Treuen im Lande, dass sie bei mir wohnen, und habe gerne fromme Diener!“ (Ps. 101, 5. 6.) Gottesfurcht, Treue, Demut, das ist ein Schatz und ein Schmuck, der auch den Geringen neben die Fürsten setzt, neben die Fürsten seines Volkes Boas begreift dieses Geheimnis. Und nicht das allein, er achtet es für seinen Beruf und seine Lust, Ansehen und Besitz dem Herrn als die Hand anzubieten, wodurch solche Arme und Fremdlinge, wie Ruth, geschützt und erhoben werden. „Der Herr vergelte dir deine Tat, spricht er zu jener, und müsse dein Lohn vollkommen sein bei dem Herrn, dem Gott Israels, zu welchem du gekommen bist, dass du unter seinen Flügeln Zuversicht hättest!“

Sofort schickte er sich an, seinen Stand dazu zu gebrauchen, dass diese warme Fürbitte für die Ährenleserin in Erfüllung gehe, und die Moabitin in der Tat und Wahrheit erfahre, dass der Gott Israels seine Barmherzigkeit über alle, die ihn suchen, schirmend und wärmend ausbreitet, wie die Henne ihre Flügel über ihre Küchlein deckt.

Es sind nicht große und bedeutende Dinge, es sind kleine Gaben, wenige und schlichte Worte, einfache Anordnungen, wodurch Boas die Arme erfreut und schützt und sich zum Ausrichter der Heilsgedanken macht, die Gott mit den Witwen und Waisen vorhat. Er sprach nur zu ihr: „Wenn es Essenszeit ist, so mache dich herzu, und iss des Brots und tunke deinen Bissen in den Essig!“ und er legte ihr die Sangen vor und sprach zu seinen Schnittern: „Lasst sie auch zwischen den Garben lesen, und beschämt sie nicht; auch von den Haufen lasst überbleiben, und lasst liegen, dass sie es auflese, und Niemand schelte sie darum!“

Es ist nicht die äußere Tat, welche uns, den späten Lesern dieser Geschichte, fast eben so wohl tut, wie vor Jahrtausenden der armen Moabitin, es ist die lebendige liebeswarme Seele der Tat, und die ist nichts anders als die Alltagstreue im Herrenstande! „Wie ein großes Ding ist es um einen treuen und klugen Haushalter, welchen der Herr setzt über sein Gesinde, dass er ihnen zu rechter Zeit ihre Gebühr gebe! Selig ist der Knecht, welchen sein Herr also findet tun, wenn er kommt?“ (Luk. 12, 42. 43.) Darum hat Gott Reiche und Arme gemacht, damit diese lernen, demütig und dankbar sein, und jene, Liebe üben vor ihrem Gott, nicht vornehme Liebe, sondern leutselige Liebe, wahre Liebe, wie Gott sie übt.

Alle Tage in den Geringen die gottgegebenen, ewigen Geistesschätze aussuchen, und alle Tage über die entdeckten die schirmenden Flügel ausbreiten, und sich also zu Gottes Handlangern machen, das ist der Weg, auf dem die Hohen und Herren die alltägliche Treue im Kleinen beweisen sollen und beweisen werden, wenn sie im entscheidenden Augenblick, da es hieß, für Gott oder wider Gott, schon Treue bewiesen haben.

Solche Treue ist lieblich und schön, und macht den Stand leicht und segenbringend, der ohne sie sehr schwer und gefährlich ist.

Noch Eines. Es ist ein weit verbreiteter Wahn derer, welche nun einmal ihrem Stande nach Herren sein müssen, dass die persönliche Herablassung zu den Niederen, die warme, seelenvolle Rede mit ihnen eine zwiefache Gefahr im Gefolge habe. Die Herren, sagt man, verlernen das Gebieten, und die Niederen das Gehorchen. Ich hingegen möchte sagen: Nur der Herr, welcher, wie Boas, das Geheimnis seines Standes begriffen hat, kann recht gebieten, ihm allein auch wird wahrer Gehorsam, Herzensgehorsam geleistet. Boas wenigstens verstand es sehr wohl, seinen Knaben zu gebieten, wie ausdrücklich erzählt wird (V. 9.), und sein Gebot fand einen Gehorsam, wie kein Herr ihn besser verlangen wird. Auch hat es seiner Stellung nicht geschadet, dass er die Moabitin freundlich anredete, und ihr selbst die Sangen vorlegte. Er blieb der Herr, sie die demütige Magd. Auch jener Hauptmann zu Kapernaum, der mit so persönlicher und väterlicher Liebe seines Knechtes sich annahm, hat weder Autorität noch Gehorsam eingebüßt. Wenn ich, konnte er erzählen, wenn ich sage zu Einem: „Gehe hin!“ so geht er; und zum Andern: „Komme her!“ so kommt er; und zu meinem Knecht: „Tue das!“ so tut ers. Befehl und Ausführung sind gleich bestimmt und entschieden. Die ihren Beruf, zu gebieten, wie ein Handwerk oder gar wie eine Maschine treiben, denen wird auch nur ein Gehorsam blühen, wie entweder Sklaven oder Maschinen ihn leisten.

Was wird nun, liebe Mutter, diese Auseinandersetzung frommen? Vielleicht liest sie einmal ein Reicher und Hoher und lernt in der Schule des Bethlehemiten Boas das nur selten verstandene Rätsel lösen, warum Gott ihm weichere Kleider und feineres Brot beschert hat, als seinem Mitbruder, der ihm dienen muss.

Indes können auch wir und Manche der Unsern Einiges von Boas uns zu eigen machen. Wir gehören zwar nicht zu den hohen Herren; indes fordert unser Amt und Beruf, dass wir um des Herrn willen auch dann und wann, und hie und da einmal befehlen und gebieten, und zwar öfter, als uns lieb und angenehm ist.

Was sollen wir nun tun? und was für uns und die Unsern erbitten, die in einem kleinen Kreise etwas Weniges zu leiten haben, oder denen Gott einen oder zwei der Mitbrüder untergeordnet hat?

Herr, Herr, lehre uns Alltagstreue im Stande der Geringen, und wenn du uns mit einem Fuß in den Stand der Gebietenden führen musst, dann lehre uns, wie deinen Knecht Boas, auch Alltagstreue im Herrenstand!

Alles, was wir bis jetzt von Ruth und Boas gehört haben, sind Kleinigkeiten, kaum der Rede und des Erzählens wert. Warum denn stehen sie im Worte Gottes für alle Geschlechter und bis ans Ende der Tage verzeichnet? Gott hat durch sie seinen Reichsplan gefördert, dass von Boas, dem Bethlehemiten, und Ruth, der Moabitin, David, und von Davids Samen der Heiland der Welt sollte geboren werden. Das ist die unvergängliche Bedeutung dieser unbedeutenden Geschichte, dass

sie ein so kleines und lebendiges Beispiel zu der göttlichen Reichsordnung bietet, nach welcher des Herrn Vornehmen auf Erden dann seinen Fortgang hat, wenn die Alltagstreue der Hohen und Niederen einander begegnet. Nach dieser Ordnung werden die Dinge, welche die menschliche Anschauungsweise klein nennt, sehr groß. Das führt uns darauf, noch einen allgemeinen Blick auf

4. Die Größe der Kleinigkeiten im Reiche Gottes

zu werfen.

Schon in der Natur herrscht die allgemeine Ordnung, dass Großes nur aus Kleinem wird. Der Rhein, der an uns vorüberrauscht, ist zuerst eine kleine Quelle, und der Baum, der uns mit Blüten, Frucht und Schatten labt, ist ein winziger Kern gewesen. Die Lawine, welche Dörfer verschüttet, wird aus einem leichten Schneeballen, und die Feuersbrunst, die Städte einäschert, aus einem Funken. Ein Sandkorn in einer Maschine hindert und stört das ganze Werk, ein Öltropfen fördert seinen Gang.

Alle Sünde und Schuld samt allem Unheil, was die Erde bedeckt, ist aus der kleinen Sünde Adams entsprungen, dass er die Frucht aß, die Gott ihm verboten hatte. Eine kleine Sünde nur war es, wodurch Jakob jahrelanges Elend über sich und sein Haus brachte, dass er seinem jüngeren Sohne zur Auszeichnung vor den andern einen bunten Rock machen ließ. Und wenn Judas, der Verräter, den Heiland küsst und zu ihm spricht: „Gegrüßt seist du, Rabbi!“ ist das dem äußeren Tatbestand nach nicht auch bloß eine kleine Sünde? Es ist noch kein Jammer einem Menschenkinde über den Scheitel gestürzt, der nicht aus einer Kleinigkeit, aus einer Untreue im Alltagsleben entstanden wäre.

„Werde ich dir die Füße nicht waschen, sagt der Herr Christus, so hast du kein Teil mit mir.“ Dadurch dass man der täglichen Reinigung von den kleinen, täglichen Flecken vergisst, entsteht eine große Entfremdung, eine ewige Entfernung von Gott.

Doch auf der andern Seite hat auch alles große Heil in kleinen Anfängen seine Wurzel. Rebekka tränkte aus ihrem Krug mit zuvorkommender Freundlichkeit den Knecht Abrahams samt seinen Kamelen, und ward die Stammmutter Israels. Das hebräische Dirnlein in Naemans Hause redete ein Wörtlein von dem Propheten zu ihrer Hausfrau, und ein Gewaltiger und Hoher wurde der Anbeter des lebendigen Gottes. Joseph fragte mit herzlicher Teilnahme ein paar betrübte Gefangene nach ihrem Traum, und ward der Erste nach Pharao und der Retter eines großen Volkes. Die Tochter Pharao hatte Mitleid mit einem weinenden Knäblein und erhielt der Welt einen Moses. Das ist nicht Menschenwitz und Kunst, wodurch aus so Kleinem so Großes wird. Das ist Gottes Weisheit und Gewalt, der da will, dass man seinen Finger anbetend erkenne.

Wir wissen nun, was groß ist in Gottes Augen, nämlich nicht große Taten tun, sondern treu sein in den Kleinigkeiten, die Jedem in seinem Stand und Beruf vom Morgen bis zum Abend begegnen, dem Handwerker bei seiner Hantierung, der Magd beim Wassereimer, dem Knecht in der Scheune oder auf dem Acker, der Diakonissin in der Kranken- oder Kinderstube, in der Küche oder im Gefängnis.

Der Herr möge uns, liebe Mutter, nur eine gelehrte Zunge geben, dass wir unsern Diakonissen recht herzandringend und klar, wie das Mittagslicht, bezeugen können, wie groß es vor dem Herrn geachtet ist, dass sie an ihren kleinen Posten treu erfunden werden. Wir gerade haben Ursache, die Treue im Kleinen zu erheben, die wir so oft mit Staunen angeschaut haben, mit wie großem Segen der Herr, dem wir dienen, so winzig kleine Liebesbeweise gekrönt hat.

Die Liebe ist nicht bloß gewissenhaft. Die Liebe ist auch freundlich. Gewissenhaftigkeit ist ja ohne Zweifel größer, als Freundlichkeit; aber dennoch, meine ich, hat die Freundlichkeit der Liebe, die eine so kleine Tugend ist, größere Kraft und Wirkung, als die Gewissenhaftigkeit.

Auch das möge der Herr unsern lieben Diakonissen ins Herz schreiben, dass die Kraft und Süßigkeit ihrer Gemeinschaft von der kleinen Treue im Zusammenleben unter einander abhängt.

Murrt und seufzt nicht wider einander, liebe Schwestern. Wartet nicht, bis eine von euch in große Not kommt, um ihr Liebe zu beweisen, und in schwere Schuld, um ihr zu vergeben. Wollt ihr des Herrn Dienerinnen sein und soll durch eure Arbeit sein Werk fortgehen, so sollt ihr euch unter einander die Füße waschen, kleine Sünden vergeben, kleine Lasten mit einander tragen, kleine Dienste leisten, das aber auch jeden Tag, so lange es heute heißt. So klein sein, das heißt groß sein im Himmelreich.

Alles, was Pilgrim heißt, mag wohl bedenken, dass das Ziel nicht in lauter großen Sprüngen oder gar Flügen erreicht wird. Nicht sich kräftig aufraffen, dann niedersinken, nicht rennen, dann stille stehen, nicht Sturm laufen, dann fliehen, sondern mit kleiner Kraft und kleinen Schritten vorwärts dringen das führt sicher in die große, selige Ewigkeit. Denn die auf den Herrn harren, die werden allerdings zuerst auffahren aus der grausamen Grube mit Flügeln, wie die Adler, aber sie werden vom Fliegen zum Laufen, vom Laufen zum Wandeln, und oft gar vom Wandeln zum Kriechen oder Klettern herabsteigen müssen. Denn also hat es Gott verordnet: nur durch Treue im Alltagsleben geht der Weg zur ewigen Krone, durch lauter Kleinigkeiten pilgert man zum Ziele, von einem Ziel zum andern, bis zum letzten großen Augenblick, wo der Wunderanfang zum herrlichen Ende wird.