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Bengel, Johann Albrecht - 2. Predigt über das Evangelium am 19. Sonntag nach Trinitatis. Matth. 9,1 - 6.

Ueberaus tröstlich und anmuthig ist es, wenn wir bey Moses die Worte von dem Liebhaber des Lebens lesen: „Ich bin der HErr, dein Arzt.“ (2. Mos. 15,26.) Gott hatte den Menschen zwar von Anfang so gemacht, daß er keines Arztes bedurfte, indem die Seele in der schönsten Vollkommenheit und der Leib in der herrlichsten Harmonie stand: durch den Sündenfall aber ist leider der Mensch mit allen seinen Nachkömmlingen in einen viel andern Zustand gesetzt worden, denn da hat nunmehr die Seele statt des unbefleckten Ebenbildes Gottes eine schändliche und sündliche Gestalt, welche Jesajas 1, 5. 6. zu unserm Abscheu also beschreibet: „das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt. Von der Fußsohle an bis auf's Haupt ist nichts Gesundes an ihm, sondern Wunden und Striemen und Eiterbeulen, die nicht geheftet, noch verbunden, noch mit Oel gelindert sind.“ Und der Leib hat solches sündlichen Jammers auch zu entgelten, indem er wieder zu Erde werden muß, von der er genommen ist, und auch vorher öfters mit mancherley Krankheiten und Beschwerden, welche Vorboten des Todes sind, geplaget wird. Gott aber sey gedankt, der uns, als der rechte Arzt, wider solch gedoppeltes Elend auch genugsame Mittel geschenket. Für die Seele das theure Blut und die Wunden Seines Sohnes, welche uns bey Jesaias also vorgemalt werden: „Fürwahr, Er trug unsere Krankheit und lud auf Sich unsere Schmerzen, wir aber hielten Ihn für Den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber Er ist um unserer Missethat willen verwundet, und um unserer Sünden willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf Ihm, auf daß wir Frieden hatten, und durch Seine Wunden sind wir geheilet.“ Und dem Leib ist durch den theuren Erlöser also geholfen, daß derselbe nunmehr auch vielen Ungemachs entlediget ist, oder solches doch bey den Frommen aus einer Strafe in eine väterliche Züchtigung verwandelt wird. Einen satten Beweis, wie unser Heiland unser Arzt und der Meister zu helfen sey, haben wir in unserm Evangelium; denn da wird Ihm ein elender Mensch zugebracht, welchen Er sowohl am Leibe als an der Seele, ungeachtet des Widerspruches seiner Feinde, auf eine recht göttliche Weise geheilt hat. Wir wollen denn diese Wunder-Kur des himmlischen Arztes vor uns nehmen, und betrachten die Gesundmachung des Gichtbrüchigen; wie solche

  1. an der Seele angefangen,
  2. wider die unbefugten Gedanken der Schriftgelehrten vertheidigt,
  3. an dem Leibe des Kranken herrlich vollendet worden ist.

Meine lieben Zuhörer wollen die Wichtigkeit der von unserem Text an die Hand gegebenen göttlichen Wahrheit einzig und allein bedenken, Gott aber dieselbe durch die Kraft Seines guten Geistes recht tief in unsere Herzen schreiben. Amen!

1.

Wenn wir die Gesundmachung des Gichtbrüchigen betrachten wollen, so führt uns unser Text darauf, daß wir besehen, wie die Kur bey der Seele angefangen worden ist. Die Worte lauten also: „Und siehe, da brachten sie zu Ihm einen Gichtbrüchigen, der lag auf seinem Bette.“ Aus den Umständen ersehen wir, daß die Hauptabsicht dieser Leute darauf gieng, daß der langwierige Gichtbrüchige von Christo, der wegen Seiner Worte und Thaten bereits hochberühmt war, möchte geheilt werden. Dennoch fängt der Heiland die Sache bey etwas Anderem an; Er heilet zuerst seine Seele, und läßt die Kur des Leibes anstehen, indem Er zu ihm spricht: „sey getrost, mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Die Sünde ist die Ursache der Krankheiten und alles unseres Ungemachs: was Wunders ist es also, daß Christus vorher die Ursache der Krankheit, die Sünde, aufgehoben hat! Nun konnte er, der Vergebung seiner Sünden versichert, getrosten Muthes seyn, die Scheidewand von Gott, der Quelle alles Trostes, war jetzt aufgehoben. Nun wir sind gerecht worden durch den Glauben, sagt der Apostel, so haben wir Friede mit Gott durch unsern HErrn Jesum Christum. Ja wir sind nun versichert, daß wir nun auch Gottes Kinder sind, daher Jesus den Gichtbrüchigen jetzt anredet: „Mein Sohn!“

Solches Alles aber wird der Leute ihrem Glauben zugeschrieben, denn es heißt ausdrücklich: „da Jesus ihren Glauben sah.“ - Nicht als ob Christus ihren Glauben erst aus ihren Werken hatte schließen müßen, sondern Er sah ihnen eben sowohl in das Herz als den Arges denkenden Schriftgelehrten. Dieser ihr Glaube gefiel nun Christo dergestalt, daß Er sogleich willig war, es den armen Patienten genießen zu lassen. Zwar in dem Geistlichen, und namentlich in der Rechtfertigung, hat einer nicht den Glauben des Andern sich beizumessen, denn der Gerechte wird seines Glaubens leben: aber in dem Zeitlichen kann es wohl seyn, daß zum Exempel ein Kranker, wie hier der Gichtbrüchige, um des Glaubens und Gebetes seiner Anverwandten und Freunde willen von Gott erhalten wird.

Uebrigens lernen wir aus diesem Verfahren unseres Heilandes, wie wir in unserem ganzen Leben um unsere Seele allermeist müssen besorgt seyn. Weil nun diese, wie wir oben gehört haben, durch die Sünde auf eine so elende Art vergiftet worden ist, so muß das unsere vornehmste Sorge seyn, wie wir hievon durch Christus, als den rechten Arzt, befreiet werden, und weil die Starken des Arztes nicht, sondern die Kranken bedürfen, so müssen wir unser großes Elend, darein wir leider durch die Erbsünde und durch so viele wissentlich und unwissentlich begangene Sünden gerathen sind, erkennen, und glauben, daß wir damit nicht nur die Krankheiten und Schmerzen des Leibes, sondern auch den Fluch und Zorn Gottes, die Hölle verdient haben, um deßwillen herzlich darüber uns entsetzen und erschrecken, eine Bitterkeit und innigen Abscheu darüber empfinden, und uns herzlich leid seyn lassen, daß wir nicht sowohl Gottes Zorn auf uns geladen, sondern vornehmlich, daß wir das so liebreiche, treugesinnte Vaterherz unseres Schöpfers, Erhalters, Erlösers und Trösters beleidigt und erzürnt haben. Wo das Herz vorher so beschaffen, und die Krankheit also erkannt wird, da ist es Zeit, zu dem Arzt zu gehen. Alsdann bringe dein Herz und Seele, so mürbe, elend und schändlich es ist, zu Ihm, entdecke Ihm, und nach Gestalt der Sachen auch Seinem Diener in der Kirche, den Zustand deiner Seele ohne Scheu, und klage Ihm, dem treuen Heilande, deine Noth, bitte Ihn um Hülfe, nahe dich zu Ihm durch wahren Glauben, so wird Er dich annehmen. Er wird deine Krankheit heilen, deine Wunden verbinden, deine Striemen mit dem köstlichen Bade Seines Blutes abwaschen, und dich ohne Flecken vor Seinen himmlischen Vater darstellen. Er ist willig und bereit dazu; beim Gichtbrüchigen hat's nicht viel Worte gebraucht.

Dieses, meine Lieben! ist der rechte gesunde Zustand unserer Seele, dieses ist's, worauf unsere größte Sorge zielen soll, daß wir nicht ablassen noch ruhen, bis wir die Vergebung unserer Sünden durch das Blut Christi erlangen, der Kindschaft Gottes und der Gemeinschaft mit Christo versichert, und unser Gewissen munter und getrost gemacht worden: kurz, daß wir in Wahrheitsgrund auch rühmen können, Christus habe zu uns gesprochen: „Sey getrost, mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben.“ Solches erlangen wir aber nicht anders als durch die von Gott vorgeschriebene und unumgängliche Ordnung der Buße und des Glaubens, wie wir denn auch aus unserm Texte erkennen. Die Augen des HErrn sehen auf den Glauben; ohne Glauben ists nicht möglich, Gott zu gefallen.

Damit aber Niemand sich selbst betrüge, und einen leeren Traum und Einbildung, oder fleischliches Vertrauen für den wahren Glauben halte, so müssen wir wissen, daß derselbe ein solcher Glaube sey, der durch die Liebe thätig ist, der sich, wie bey den Freunden des Gichtbrüchigen, in guten Werken an den Tag legt, und wie bey dem Gichtbrüchigen selbst, durch williges Befolgen der Vorschriften Jesu.

Zu dieser Sorge für unsere Seele haben wir hohe und wichtige Ursachen. Bedenket mit mir, ihr Lieben! warum hat uns Gott in dieses Leben gesetzt? Vielleicht darum, daß wir etliche Jahre uns darin sollten umsehen, nach den Gütern und tasten der Welt uns bekümmern, unsern gebrechlichen Leib eine Zeitlang pflegen, oder einen Haufen Geld und Gut zusammenscharren; oder hat Er's nicht darum gethan, daß wir Ihm dienen, auf die Ewigkeit uns bereiten, die wir ein Tempel und Wohnung Seiner göttlichen Herrlichkeit seyn und durch die selige Gemeinschaft mit Ihm unzertrennlich vereinigt und verbunden seyn sollen? Wie kommt nun unser Leben mit diesem Zweck überein? Bedenken wir auch den hohen Ursprung und göttlichen Adel unserer Seele, welche sich nicht mit vergänglichen Gütern sättigen läßt? Müssen wir nicht mit der Zeit, vielleicht Morgen, diese Welt verlassen, da wir nichts mitnehmen werden; der Leib muß wieder zur Erde werden: aber wie wird der unsterbliche Geist, die Seele, zu Gott wieder kommen? Es liegt nun einmal mehr als an hundert Welten daran, ob unsere Seele vor Seinen Thron, als zu einem versöhnten Vater, oder als zu einem zornigen Richter kommen wird. „Denn was hälfe es dem Menschen“ - sagt unser Heiland selbst - „wenn er die ganze Welt gewänne, und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ So laßt uns nun, dieweil es noch Zeit ist, bedenken, wie es mit uns steht? Ist's nicht so, daß wir schon großentheils unsere Jahre und Tage zugebracht und dieses niemals betrachtet haben? Ist's nicht so, daß wir vielmehr bedenken, wie wir dieses Lebens Güter, Gemächlichkeit, Wollüste und Ergötzungen finden möchten, als daß wir darum besorgt wären, wie wir möchten würdig werden, jene Welt zu erlangen? Haben wir nicht vielmehr die Welt, und was in der Welt ist, lieb gehabt, als daß wir sollten die gegenseitige Liebe des Vaters gesuchet haben, wie Johannes warnt: „Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. So Jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters“ u. s. w. Ist nicht das unsere größte Sorge, wie wir mögen die an sich unverwerfliche und von Gott auferlegte äußerliche Arbeit zu unserm Nutzen also richten, daß wir dabey des Reiches Gottes vergessen? Oder lassen wir das unsere Speise mit Christo seyn, daß wir thun den Willen des himmlischen Vaters, und Sein Werk vollenden? Haben wir von uns selbst eine ungegründete hohe Einbildung, oder trachten wir, daß wir mögen gründlich versichert seyn in unserm Gewissen von der Gnade Gottes, von der Gemeinschaft mit Christo und Seinen Nachfolgern? Bedenken wir auch ernstlich, daß einmal eine Auferstehung unserer Leiber seyn werde, entweder zum Leben, wenn wir Gutes, - oder zum Gericht, wenn wir Böses gethan haben? O möchten wir doch fleißig bedenken, daß der Mensch dasjenige, was er säet, sey es Gutes oder Böses, auch erndten werde, daß uns in dem Himmel ein so köstliches Kleinod und eine unverwelkliche Krone vorgehalten würde, daß unser Wandel und Bürgerrecht im Himmel sey; möchten wir einen reinen Vorschmack von diesem herrlichen Erbe haben, wie würden wir so bald einen größern Eifer fassen, für unsere Seele zu sorgen, und alle Zeit und Augenblicke für verloren halten, darin wir nicht daran gedachten, und unser Thun und Lassen darnach richteten.

2.

Wir gehen aber weiter und betrachten, II. wie Christus Seine Cur wider die unbefugten Gedanken der Schriftgelehrten vertheidigt. Diesen kam es wunderlich vor, daß dieser Jesus, an welchem sie äußerlich nichts als einen pur lautern Menschen sahen, sich die Gewalt anmaßen sollte, Sünden zu vergeben; sie konnten auch aus der Schrift wissen, daß Gott allein Macht habe, Sünden zu vergeben, weil ja die Sünde auch wider Ihn begangen wird; sie wußten es also nicht anders, denn als eine Gotteslästerung anzusehen. Aber ob sie gleich solches bey sich nur gedachten, und nicht heraussagten, so wußte doch Christus wohl, was im Menschen war, und bedurfte nicht, daß es Ihm Jemand sagte. Er hält ihnen also ihre argen Gedanken öffentlich vor, und beweiset Seine Gewalt, Sünde zu vergeben, mächtiglich, gleich als wollte Er sagen: Ihr Schriftgelehrten sehet zwar nichts an mir als einen pur lautern Menschen, aber ihr sollt wissen, daß Ich zugleich wahrer Gott bin, darum habt ihr keine Ursache, solche argen Gedanken über mich zu führen. Ich will euch jetzt gleich den Glauben an die Hand geben, daß ich darf Sünden vergeben: denn Ist's nicht also, daß einen gichtbrüchigen Menschen mit Einem Worte zu heilen ein göttliches Werk ist, und solches von einem gewöhnlichen Menschen nicht verrichtet werden kann? Darum müßt ihr mir auch das, was eben so leicht ist, nämlich die Vergebung der Sünden, gestatten. Worauf Er dann die Wunderkur an dem Gichtbrüchigen vollzog. Wir bleiben hier noch ein wenig stehen, und lernen an dem Exempel der Schriftgelehrten, wie ein Christ sich auch in seinen Gedanken dergestalt verwahren müsse, damit er sich nicht an seinem Gott oder auch an dem Nächsten versündige. Zwar geht es unter den Menschen so zu, daß man einen Jeden denken läßt, was er will. Man kann auch böse Gedanken, so lange sie nicht in Worten und Werken sich äußern, nicht bestrafen; denn die Menschen können nicht in die Herzen sehen, sondern nur richten, was vor Augen ist. Aber Gottes Wege sind nicht unsere Wege. Vor Seinem strengen Richterstuhl sind auch zutheuerst die innersten Gedanken des Herzens nicht zollfrey; Er Ist's, der die Herzen und Nieren prüfet; Er ist's, von dem es heißt: „HErr! Du erforschest mich und kennest mich; Du siehst meine Gedanken von Ferne.“ Darum wollen wir uns Alle vor Ihm fürchten und uns scheuen, auch mit unsern Gedanken Ihn zu beleidigen. Solches aber geschiehet nicht nur, wenn wir an Seiner Wahrheit, Allmacht, Gerechtigkeit und allgemeinen Liebe zweifeln, sondern auch durch böse Lüste und Begierden des Herzens, die wider Seine heiligen Gebote streiten, die aus unserm Herzen entspringen, diejenigen Stücke, die uns vor Ihm verwerflich machen: arge Gedanken, Mord, Ehebruch u. s. w., wie aus einer giftigen Quelle ein ungesundes Wasser fließt.

Insonderheit sollen wir meiden die lieblosen, argen Gedanken gegen unsern Nächsten, daß wir nicht alsobald Alles, was wir an ihm sehen, am wenigsten aber das Gute, verwerfen, oder übel auslegen: denn man kann sich auf solche Weise gar leicht an ihm versündigen. Wie unrecht that Eli der frommen Hanna, da er sie als ein trunkenes Weib ansah, während sie doch von ganzem Herzen zu Gott betete; wie unrecht that jener Pharisäer Christi und dem Weibe, das Ihn salbete, da er dachte: „wäre dieser ein Prophet, so wüßte er, daß das Weib, das ihn anrühret, eine Sünderin ist.“

Wie unrecht thaten die Leute auf Melite Paulo, als sie wegen der, aus dem Feuer an die Hand ihm gefahrenen Schlange dachten: „dieser Mensch muß ein Mörder seyn, weil ihn die Rache nicht leben läßt.“ Ja wie unrecht thaten hier die Schriftgelehrten Christo. Es erfordert also die Liebe, daß man sich bemühe, alles Thun seines Nebenmenschen aufs Beste auszulegen. Zum Exempel, es kann geschehen, und soll auch billig also seyn, daß ein Christ den andern freundschaftlich bestraft, wenn er ihn sieht seine Zeit mit Müßiggang oder andern Sünden zubringen, oder schandbare Worte und Narrentheidungen treiben; da muß nun derjenige, welcher gefehlt hat, und ob er auch älter, vornehmer und klüger wäre, dennoch dem Andern nicht solches als einen Hochmuth, Schimpf, Unrecht oder übermüthigen Befehl auslegen, sondern solche wohlgemeinte Erinnerung gut aufnehmen. Also wenn einer sieht, daß sein Nebenmensch vor Andern mit vielem Kreutz von Gott beladen wird, muß er nicht denken, daß derselbe gottloser und schlimmer, als Andere, seyn müsse. -

Wenn Einer sieht, daß ein Anderer sich aus Sachen ein Gewissen macht, da es nicht gerade Noth wäre, muß er nicht alsbald es für einen Eigensinn, Stolz oder Sonderbarkeit auslegen, sondern Geduld mit ihm haben. Solches alles erfordert die Art der rechtschaffenen Christenliebe, von der es heißt 1. Kor. 13. „Sie vertraget, glaubet, hoffet, duldet Alles.“ Wie könnte auch ein solches liebloses und übel auslegendes Herz Gott gefallen, welchem eben sowohl die Bosheit desselben, als die gute Absicht und redliche Meinung des Mitchristen bekannt ist. Vielmehr soll ein Jeder darauf sehen, wie er in seinem eigenen Herzen mit Gott siehe, ob er mit wahrer Aufrichtigkeit vor Ihn treten und sagen könne: „Erforsche mich Gott, und erfahre mein Herz; prüfe mich und erfahre, wie ich es meine,“ oder ob Ihm nicht vielmehr Jesus, wie den Schriftgelehrten, sagen könnte: „Warum denkest du so Arges in deinem Herzen.“

3.

Es ist nun noch übrig, daß wir auch III. betrachten: wie Christus die wundersame Kur an dem Leibe des Gichtbrüchigen vollzogen hat. Nachdem Er sich mit kräftigen Worten gegen die Schriftgelehrten vertheidigt hatte, so greift Er nun zu dem Werk selbst, und beweiset vor Allen, wie Er eine göttliche Allmacht habe, eine solche schwere Krankheit zu heilen, und folglich auch Sünde zu vergeben. Indem Er also getrost in Seinem Werke fortfahrt, und sich an die argen Gedanken Seiner Gegner nicht kehret, gibt Er uns ein Vorbild, wie auch wir in unserem Christenlauf und in treuer Verrichtung unseres Berufes durch anderer Leute verkehrte Urtheile und böse Exempel uns nicht sollen irre machen lassen, sondern uns damit begnügen, daß uns Gott und unser Gewissen mit einem guten Zeugnisse lobt.

Christus sprach zu dem Kranken: „Stehe auf, hebe dein Bett auf und gehe heim.“ Dieses diente dazu, daß man öffentlich sehen konnte, es wäre nicht ein leeres Gerede, sondern ein Allmachtswort, das Er sprach; ein Wort, welches auch die Seelen und Gewissen durch die Sündenvergebung heilen kann; ein Wort, welchem Wind und Meere gehorchen, welches die Augen den Blinden, die Zunge den Stummen, die Ohren den Tauben und das Grab den Todten eröffnet. Solchen Worten konnte denn auch der Gichtbrüchige Folge leisten, und sobald Christus sagt: stehe auf und gehe heim, so ist er gehorsam, er stehet auf, geht heim; und es ist zu glauben, er werde auch in der folgenden Zeit Christi Diener geblieben seyn. Ihn geehrt, geliebt und vor Jedermann gerühmt haben. Wir wollen hieran lernen, wie auch wir uns zu verhalten haben, wenn uns Gott aus mancherley Leibes- und Seelen-Noth väterlich geholfen hat. Da ist es nämlich höchst billig, daß wir Seine Gnade dankbarlich erkennen, und darnach trachten, unsern Leib und unsere Seele, die Er uns gleichsam auf's Neue wieder geschenkt, zu Seinem Dienste, Lob, Ehre, Preis und Verherrlichung anzuwenden und aufzuopfern. Da haben wir wieder neue Ursachen, als Seine Erlösten Ihn zu preisen an unserm Leibe und an unserm Geiste. Von Petri Schwieger lesen wir, daß sie, nachdem Christus sie vom Fieber geheilt hatte, aufgestanden sey, und Ihm gedient habe; so müssen auch wir unsere Glieder Gott geben zu Waffen der Gerechtigkeit und zu einem wohlgefälligen Opfer. Zwar sind wir als Feinde Gottes hiezu nicht tüchtig, aber wenn Er in unserer Wiedergeburt auch zu uns sagt: „Stehe auf!“ so gibt Er uns auch die Kräfte dazu, wie dem Gichtbrüchigen; denn wir sind Sein Werk. Wenn Gott unser Leben vom Verderben errettet, soll es heißen: „O HErr! ich bin Dein Knecht! hilf mir, so wollen wir meine Lieder singen, so lange wir leben in Deinem Hause.“ (Jes. 38, 20.) Der vornehmste Dank aber ist das, wenn wir unser Leben selbst zu Seinem Preise anstellen, so daß es heißt: „wenn Du mich tröstest, so laufe ich den Weg Deiner Gebote.“ Sodann werden wir auch trachten, unsere Nebenmenschen der Wohlthat, die uns widerfahren, theilhaftig zu machen. Hat uns Gott durch Sein Wort neugeboren und erleuchtet, so müssen wir auch als ein Volk des Eigenthums verkündigen die Tugenden Deß, der uns berufen hat von der Finsterniß zu Seinem wunderbaren Lichte. Da müssen wir der Erinnerung Christi nachkommen: „Wenn du dich dermaleinst bekehrest, so stärke deine Brüder.“ Da sollen wir des Sinnes seyn wie Paulus, welcher als ein seliges Kind Gottes in seinen Banden vor dem König Agrippa freymüthig sprach: „Ich wünsche, daß nicht allein du, sondern Alle, die mich hören, solche würden wie ich bin, ausgenommen diese Bande.“ Ist uns dem Leibe nach Hülfe widerfahren, so müssen wir auch dem nothleidenden Nächsten mit unsern Kräften zu Statten kommen, gedenkend, daß Gott uns dieselbe eben deßwegen verliehen habe.

Sehet, meine Lieben, das ist der ernstliche Wille Gottes an uns, das ist es, was Er von uns fordert, und nicht in unsere Willkühr gestellt hat. Darum müssen wir solches nicht nur so obenhin anhören, und gleich wieder vergessen, sondern in unserm ganzen Leben daran gedenken. Wohlan denn, so lasset uns nochmalen ermahnt seyn zum seligen Dienst und Gehorsam Gottes, so werden wir dereinst erfahren, was jene große Verheißung Christi auf sich hat, da Er spricht: „Selig sind die Knechte, die der HErr, so Er kommt, wachend findet. Wahrlich, ich sage euch: Er wird Sich aufschürzen und wird sie zu Tische setzen, und ihnen dienen.“ Wir werden, wenn wir die uns geliehenen Gaben und Kräfte zum Nutzen unseres Nächsten anwendeten, erfahren, daß Er es eben so anstehet und belohnet, als hätte man es Ihm selbst gethan. Und auch schon im Leiblichen werden wir die Früchte der Gottseligkeit zu genießen bekommen, wie wir ja eben an dem Gichtbrüchigen im heutigen Evangelium sehen und die H. Schrift in vielen Stellen verheißt. „Es ist ein großer Gewinn, wer gottselig ist, und lässet ihm begnügen. Die Gottseligkeit hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens.“ - Wir werden häufig sehen, daß es frommen Christen, die Gott herzlich lieben und fürchten, und fleißig zu Ihm beten, auch im Zeitlichen viel besser geht, als dem, der frühe aufstehet und lange sitzet, und isset sein Brod mit Sorgen: denn Seinen Freunden gibt Er's schlafend.„ Wenn's mit den Weltkindern hoch kommt, so bringen sie sich glücklich durch die Welt, dagegen haben fromme Menschen, die ihre Seele stets in den Händen tragen, einen gedoppelten Segen von Gott: sie erlangen nicht nur das Reich Gottes, nach dem sie am Ersten trachten, sondern auch das Uebrige, nämlich die Güter des Lebens werden ihnen als eine geringe Zugabe zu dem Hauptstück dazu geworfen. Sollte es auch zuweilen hie und da fehlen, so wird ihnen solches dereinst im Himmel umso reichlicher ersetzt werden. Denn sie, die ihres Heilandes vom Himmel warten, werden an ihren Leibern verkläret werden, „daß sie ähnlich werden Seinem verklärten Leibe nach der Wirkung, da Er kann alle Dinge Ihm unterthänig machen.“ Da werden sie leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich, ewige Freude wird über ihrem Haupte seyn, und sie werden Gott, die höchste Lieblichkeit, schauen von Angesicht zu Angesicht.

Gott gebe, daß wir stets hieran gedenken, und unser Leben also führen, daß es uns dereinst nicht reuen möge.

Hört und merkt, ihr lieben Kinder,
Die jetzund Gott ergeben sind;
Laßt euch die Müh' nicht reuen:
Halt't stets am heiligen Gottes-Wort,
Das ist eu'r Trost und höchster Hort,
Gott wird euch schon erfreuen!
Amen!

Quelle: Burk, Johann Christian Friedrich - Dr. Johann Albrecht Bengel's Leben und Wirken