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| - | ======Tholuck, | ||
| - | **Warum ist diese Liebe die größeste unter allen Tugenden?** | ||
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| - | Der heutige Sonntag findet uns, andächtige Gemeinde, vor demselben Abschnitte des Wortes Gottes versammelt, welchen wir am vorigen Sonntage mit einander erwogen haben. (1. Cor. 13.) | ||
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| - | Diese Worte der Schrift, welche wir in unserer letzten Betrachtung beherzigten, | ||
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| - | Wenn wir von christlichen Tugenden reden, müssen wir uns wohl hüten, uns das innere Leben des Christen als ein künstliches Gemälde zu denken, wie ihr es ja wohl schon gesehen habt, zusammengefügt aus mancherlei buntem Gestein, so daß du den einen und den andern Stein könntest herausnehmen, | ||
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| - | So lasset uns denn diese heilige Dreizahl christlicher Tugenden näher mit einander betrachten. Glaube, meine Andächtigen, | ||
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| - | Und was ist nun das Wesen der Hoffnung? Von ihr und von der Liebe lesen wir keine Erklärung in heiliger Schrift. Diese beiden Worte werden in der Schrift in keinem andern Sinne gebraucht, als im gewöhnlichen Leben, nur daß der Gegenstand christlicher Liebe und christlicher Hoffnung ein gar anderer ist, denn der aller andern Liebe und Hoffnung. Wollet ihr einmal sehen, wie Christenmenschen von allen andern sich unterscheiden, | ||
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| - | Was unter Liebe die Schrift versteht, das ist wohl im Ganzen kein anderer Begriff der Liebe, als wir ihn kennen; aber freilich ist in Christo jene Liebe in einer Fülle erschienen, welche aufzufassen unser Sinn zu eng ist. Paulus bittet auf den Knieen Gott, daß er die Gemeinde dahin führen möge, zu erkennen „welches da sei die Länge und Breite und Höhe und Tiefe der Liebe Christi,“ von der er selbst sagt, „daß sie über alles Erkennen hinausgehe.“ Was ist die Liebe? Sie ist das Streben, hinzugeben Alles, was du Herrliches hast, an den Geliebten als Opfer, leer zu werden von dir selber, und dagegen voll von dem Geliebten und aller seiner Fülle. Habt ihr wohl an dem Abbilde, auch zuweilen an dem Zerrbilde der ewigen Liebe, wahrgenommen, | ||
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| - | Sehet da den heiligen Dreiklang der ersten der christlichen Tugenden, in welchen ihr den Wiederschein habt der göttlichen Dreieinigkeit selbst; denn wie der Glaube, welcher die Gewißheit von dem Reiche der ganzen übersinnlichen Welt ist, sich auf den Urgrund der Gottheit bezieht, von dem Alles ausgegangen, | ||
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| - | Warum - so fragen wir uns denn also - ist unter den ersten der christlichen Tugenden die erste die Liebe? Die Liebe ist die größeste unter den dreien 1) weil sie bleibet, wenn Glaube und Hoffnung zu Ende gehen; 2) weil sie die Geburtsstätte ist des Glaubens und der Hoffnung; 3) weil sie die Stätte ist, wo der Glaube und die Hoffnung vollendet werden. | ||
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| - | Der Apostel hat in unserm Texte nur den ersten Grund uns angegeben: daß die Liebe bleibet, wenn Glaube und Hoffnung zu Ende gehen; doch gerade darin, daß die Liebe etwas Ewiges ist im Menschen, liegt eben auch der Grund, warum sie vorangeht dem Glauben und der Hoffnung und warum sie Glauben und Hoffnung vollendet. Die Gewißheit, welche wir gegenwärtig von der unsichtbaren Welt haben durch den Glauben, ist eine Gewißheit, die im Widerspruche steht mit Allem, was vor unserm sinnlichen Auge liegt. Unermeßlich zieht sich die Kette von Ursach und Würkung durch alles Geschaffene hin und scheint Ursach und Grund zu geben für Alles, was da geschieht. Du aber sollst glauben, daß ihr letztes Glied an dem unsichtbaren Finger des Vaters Jesu Christi hängt, und daß sein unsichtbarer Odem es ist, der alle Glieder in Bewegung setzt. Als Könige und Herren des Schicksals scheinen sie über die Erde zu wandeln, die Menschenkinder allzumal - das gekrönte Haupt des Frevlers stürzt Tausende in den Abgrund des Elends nach eigener Wahl; frei zieht der Vater der Lüge samt seinen Kindern über die Erde hin und streut seinen Unkrautssamen bei Tage wie bei Nacht, und du sollst glauben, daß von jedem Haupte und von jeder Hand ein unsichtbarer Faden nach den Wolken geht, welche Fäden alle in der Hand einer ewigen Weisheit und Gerechtigkeit zusammenlaufen - sollst glauben, daß über all dem Jammer, Gewirre und Streit ein König thront, der in jedem Augenblick in die brandenden Wogen hineinrufen kann: bis hieher und nicht weiter! Hier stehest du den, der nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegte, und sollst glauben, daß die Zügel des Weltregiments in seinen durchgrabenen Händen liegen ,^ den Menschensohn, | ||
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| - | Es glänzet der Christen inwendiges Leben,\\ | ||
| - | Wenn gleich es verhüllet ihr irdischer Stand; \\ | ||
| - | Was ihnen der König des Himmels gegeben, \\ | ||
| - | Ist Keinem als ihnen nur selber bekannt; \\ | ||
| - | Was Niemand verspüret, Was Niemand berühret, \\ | ||
| - | Hat ihre erleuchteten Sinne gezieret, \\ | ||
| - | Und sie zu der göttlichen Würde geführet. | ||
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| - | So wird der Glaube einst untergehen im Schauen und mit ihm die Hoffnung, denn eine Zukunft wird ja dann nicht mehr seyn, sondern eine ewige Gegenwart. Die Liebe aber wird bleiben. Ja nicht bloß bleiben wird sie, sondern der schmale Streif des Baches, der hier aus tief verborgener Quelle floß, wird dort zum breiten Strome werden. Hier konnte die Liebe sich nur erhalten, indem das Glaubensauge sich die unsichtbare Welt vergegenwärtigte. Versuche es, schließe auf einen Augenblick dieses innere Auge, gib mit deinem Blicke dich bloß der sichtbaren Welt hin, und du wirst nur lieben, was du flehest. Ach warum anders hangen sie nur an dem irdischen Geschöpf und verlangen darnach, als weil ihr Glaubensauge nicht offen bleibt, und sie die unsichtbare Herrlichkeit des Ebenbildes des Vaters nicht sehen! Könnten sie sie sehen, so müßten sie auch dieselbe lieben: den Unsichtbaren sehen und ihn lieben ist Eins. Wenn es nun aber dieser Anstrengung nicht mehr bedürfen, wenn der schwere Nebel des Erdenthales auf das Glaubensauge nicht mehr drücken wird, wenn überall um uns her es vor Augen stehen wird. | ||
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| - | Was wir in der Schwachheit hier glaubten: o wie wird das Lieben dann so leicht seyn! Der Tod der Gläubigen ist auch für ihren Glauben und für ihre Hoffnung der Tod, aber die Auferstehungsstunde für ihre Liebe. | ||
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| - | Dies ist es, was uns der Apostel als den Grund erkennen läßt, warum die Liebe die erste unter den ersten der Tugenden sei. Doch eben, weil sie die ewig bleibende ist, so erweist sie sich auch noch in anderer Beziehung als die erste. Die Liebe nämlich ist die Stätte, wo der Glaube geboren wird, und wo der Glaube seine Vollendung findet. - Sie ist die Stätte, wo der Glaube geboren wird. Lasset mich euch zurückrufen, | ||
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| - | Aber auch die Stätte seiner Vollendung findet der Glaube in der Liebe. Je größer nämlich die Gewißheit von dem Gegenstande unserer Liebe, desto inniger die Hingebung an denselben; je inniger die Hingebung, desto reicher die Erfahrung; je reicher die Erfahrung, desto lebendiger die Gewißheit. So sehet ihr es ja wohl an betagten Jüngern des Herrn, denen etwa eine siebenzigjährige Erfahrung, was sie glaubten, gewiß gemacht hat, wie sie am Ende mit den unsichtbaren Dingen so vertraut umgehen, als lägen sie vor ihren Augen; wie sie kaum mehr zu sagen brauchen: „Ich glaube“, wie ihnen fast die Gewißheit des Schauens zu Theil geworden, je mehr sich an ihnen jenes erhabene Wort des Apostels erfüllet: „Es spiegelt sich in uns des Herrn Klarheit mit aufgedecktem Angesicht, und wir werden verkläret in dasselbige Bild von einer Klarheit zur andern, als vom Herrn, der der Geist ist.“ - Du saßest in einem dunkeln, unterirdischen Kerker, und in deinem Herzen war ein Trieb nach Licht. Der war für dich eine Prophezeihung, | ||
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| - | Noch einmal, meine Brüder, ihr, die ihr das Land des Glaubens nicht kennt: nicht um ein Land, nicht um einen Erdtheil, um eine ganze Welt seid ihr ärmer! Darum vor Allen ihr, künftige Lehrer der Gemeinde, die ihr hinüberführen sollt in diese geheiligte und gesegnete Welt des Glaubens, saget mir: habt ihr empfangen den Sinn, den neuen Sinn, von welchem Johannes sagt, daß man damit erkennet den Wahrhaftigen? | ||
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