Spurgeon, Charles Haddon - Warum die Menschen nicht an Christum glauben können

„Wie könnet ihr glauben, die ihr Ehre von einander nehmet? Und die Ehre, die von Gott allein ist, suchet ihr nicht?“
Joh. 5,44

Unser Heiland redete mit den Pharisäern, die ihn nicht aufnehmen wollten und die ohne Zweifel geltend machten, daß sie nicht an ihn glauben könnten. Sie hatten ihn eben eine sehr auffallende Wundertat verrichten sehen: Ein Mann, der viele Jahre krank gewesen war, war plötzlich geheilt und das durch ein Wort. Diese Wundertat, die von derselben Art war wie die wunderbaren Werke des großen Vaters, ein Wunder der Barmherzigkeit und der Allmacht, hätte sie überzeugen sollen, daß Christus der Sohn Gottes wäre. Sie sahen indes das Wunder, und anstatt den richtigen Schluß zu ziehen, begannen sie den Meister zu bekritteln, weil er es am Sabbat getan hatte: Was unseres Herrn wunderbares Werk des Erbarmens und der Macht lehrte, war an ihnen verloren; sie konnten, sie wollten den Finger Gottes nicht sehen. Ehe dies Wunder geschah, war Johannes der Täufer gekommen, der Elias, der als Herold des Messias vorher verkündigt war. Diese Pharisäer hatten einen teilweisen Glauben an Johannes gehabt und die Volksstimme zwang sie, jeden etwaigen Unglauben zu ersticken, der in Betreff seiner noch in ihnen geblieben. Sie wagten nicht, zu sagen, daß sein Amt ganz von Menschen sei, und wurden daher in Verwirrung gesetzt durch des Heilands Frage: „Woher war die Taufe Johannis? War sie vom Himmel oder von den Menschen?“ Sie konnten nicht darauf antworten, denn, wenn sie seine Sendung leugneten, so hätte das Volk dies mißbilligt, und auf der andern Seite, wenn sie bekannten, daß Johannes vom Himmel gekommen sei, würde unser Herr erwidert haben: „Warum glaubtet ihr ihm denn nicht und nahmet sein Zeugnis von mir nicht an?“ Sie hatten daher noch neben dem Wunder, das Jesus verrichtet hat, das Zeugnis Johannes des Täufers, aber doch konnten sie nicht glauben. Überdies waren diese Männer außerordentlich gut mit der Schrift vertraut. Die Schriftgelehrten hatten es zu ihrem Geschäft gemacht, das Alte Testament abzuschreiben; sie lernten Kapitel und Bücher auswendig. Viele von ihnen waren wohl so bekannt mit dem Buchstaben der Schrift, daß sie auch sagen konnten, welches der mittelste Vers in jedem Buche sei, und sie haben uns masoretische Arten hinterlassen, die uns sagen, welches der mittelste Vers der Bibel und der mittelste Buchstabe sei und dergleichen Kleinigkeiten. Sie waren sehr genau und sorgfältig in Betreff aller kleinen Jota und Tüttel in den heiligen Handschriften. Nun, diese Bücher sprechen deutlich von Christo. Es ist zum Verwundern, daß Menschen, die mit dem Alten Testament vertraut waren, Jesum Christum sehen konnten, sein Tun beobachten, und nicht entdecken, daß er der Messias sei,, von dem Moses im Gesetz und die Propheten schrieben. Welches Zeugnis kann deutlicher sein als das des Jesaja? Hier war Zeugnis auf Zeugnis und doch im Angesicht aller dieser wird Christus verworfen.

Es gibt noch immer Leute dieser Art in der Welt. Sie glauben, daß die Schrift das Wort Gottes ist, obwohl sie nicht an den Herrn Jesum Christum glauben. Sie nehmen die Erzählung des Evangeliums an; sie hegen keinerlei Zweifel, daß Jesus, der Sohn Gottes, auf Erden ein vollkommenes Leben geführt und als ein stellvertretendes Opfer gestorben sei. Sie glauben auch, daß er von den Toten auferstanden und in die Herrlichkeit eingegangen sei und alle Macht, selig zu machen, habe: sie glauben, daß die Botschaft des Evangeliums wahr sei und doch glauben sie nicht an den Herrn Jesum: ich meine, sie glauben nicht so an ihn im Geist und in der Wahrheit, daß sie zur Seligkeit glauben. Sie bleiben stehen bei der Kenntnis der äußeren Tatsachen und sie kommen nicht mit ihrem Herzen und verlassen sich auf ihn als ihr ganzes Heil; und wenn ihr sie fragt, warum nicht, werden sie nicht sagen, daß sie nicht wollen und nicht mögen, sondern, daß sie nicht können. Sie machen einen Mangel an Fähigkeit geltend und versuchen, so gut sie können, sich hinter diesem Mangel an Fähigkeit zu verstecken.

Es ist widernatürlich, über alle Dinge widernatürlich, daß ein Mensch behauptet, er sei gezwungen, Gott geradezu Lügen zu strafen. Es ist zum Erstaunen, daß ein Mensch wirklich als Entschuldigung für sein Verharren in der Feindschaft gegen Gott sich darauf beruft, daß er ihm nicht glauben könne; das heißt, er bringt in Wahrheit die große Sünde, Gott zum Lügner zu machen, als Entschuldigung für seine Empörung vor. Was ist dies anders, als die Majestät des Himmels mit einer Entschuldigung zu beleidigen, die in sich selber die größte Unverschämtheit ist? Zu sagen, ich kann einem Menschen nicht glauben, das heißt, ihm den höchsten nur denkbaren Schimpf antun. Welche Höhe vermessener Verwegenheit hat das Menschenherz erreicht, wenn es dreist Gott sagt, daß es seinem Zeugnis von seinem Sohn nicht glauben kann; und obwohl er spricht: „Glaubt an meinen Sohn und ihr seid errettet“, ihm zu antworten wagt: „Wir können nicht an deinen Sohn glauben“, als wenn auch der Christ Gottes ein Lügner wäre, und ihm, der für uns starb und das beste Pfand seiner Liebe gab, nicht getraut werden könnte. Wehe unserem Geschlecht! Ist es in der Tat so weit gekommen, daß es uns hart dünkt, sich auf Jemanden zu verlassen, der uns nicht betrügen kann; und schwer, unser Vertrauen auf Jemanden zu setzen, der immerdar selig machen kann?

Nun, ich möchte so sanft, wie ich nur darf, mit denen reden, die Unfähigkeit geltend gemacht haben. Es ist wahrscheinlich wahr, daß ihr nicht glauben könnt; laßt uns versuchen, den Grund dafür zu finden. Die Schwierigkeit liegt nicht in der Wahrheit, die geglaubt werden soll, denn diese ist weder ungereimt noch unglaublich; ebensowenig liegt sie in dem Mangel einer geistigen Fähigkeit zum Glauben. In eurem Falle ist die Schwierigkeit keine geistige, denn ihr glaubt schon an den göttlichen Ursprung der Bibel, an die Sendung Christi usw.; eure Schwierigkeit ist eine moralische, und ich werde gewissenhaft mit euch verfahren und versuchen, meinen Finger darauf zu legen, gerade wie Christus redlich gegen diese Leute handelte und auf die moralische Schwierigkeit hinwies. „Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre von einander nehmet?“ Möge der Heilige Geist Kraft in meine Worte legen.

Zuerst laßt uns reden von dem Hindernis, das diesen Pharisäern im Wege lag; und dann zweitens, laßt uns einige Vermutungen aufstellen über die Hindernisse, die einigen von euch, die nicht glauben können, im Wege liegen.

I.

Zuerst das Hindernis, das den Pharisäern im Wege lag. Es ist vielleicht auch einigen von euch hier im Wege und deshalb laßt uns es sorgfältig betrachten. Sie nahmen Ehre von einander. Nun, die bloße Tatsache, daß man Ehre annimmt, selbst wenn diese Ehre mit Recht erwiesen wird, kann den Glauben an Christum sehr schwer machen. Ein Mann beginnt zu fühlen, daß er etwas ist, wenn andere ihn ehren, und dies ist gefährlich; denn einMensch kommt nie zum Glauben an Jesum, bis er weiß, daß er selber nichts ist. Wenn andere uns loben, wenn sie bei dem Guten, das wir haben, verweilen, wenn sie unserem Rang Ehrfurcht bezeugen, wenn sie unsere Geschicklichkeiten und Talente hervorheben, so sind wir sehr geneigt, zu denken, daß es einen besonderen Weg für uns zum Himmel gäbe - einige reservierte Billetts, durch die wir in die Hintertür eingelassen werden, ein wenig gesondert von dem gewöhnlichen Haufen der Sünder, weil wir so achtungswert sind; und wenn das Evangelium spricht: „du mußt als ein Sünder errettet werden oder gar nicht, du mußt allen Anspruch an Verdienst aufgeben und alles Vertrauen auf das, was du tun kannst, sonst kannst du nie errettet werden,“ dann wird ohne Zweifel die bloße Tatsache, daß wir Ehre von Anderen angenommen haben, es schwieriger für uns machen, eine Lehre zu glauben, die dem Menschen keine Ehre gibt, sondern allen Stolz auf den Ruhm brandmarkt und die menschliche Vortrefflichkeit in den Staub wirft.

Es ist noch gefährlicher, wenn wir, indem wir die Ehre annehmen, dahin kommen, sie zu erwarten, wie diese Leute taten. Sie erwarteten, daß ihre Landsleute ihnen Huldigung darbrächten. Wurden sie nicht von ihren Brüdern „groß“ und „ausgezeichnet“ und „gelehrt“ genannt? Hatten sie nicht den Titel „Doktor“ und „Rabbi“ und dergleichen? Sie kamen dahin, zu denken, daß die Leute sie ehren und hochschätzen müßten, und so gingen sie einen Schritt tiefer in die gefährlichen Fluten; denn wenn ein Mann fühlt, daß er geehrt zu werden verdient, so ist er in außerordentlicher Gefahr. Ich habe einige gekannt, die großer Ehre werth waren und sie empfangen haben, ohne sich irgendwie dadurch erhaben zu fühlen; mit geziemender Bescheidenheit haben sie den Ruhm gemieden, der ihnen folgte, und sind errötet, wenn er ihnen zu Teil ward; aber es ist nicht allen Menschen gegeben, die schwere Prüfung der Ehre zu tragen: zu viele, die Ehre annehmen, kommen dahin, sie zu erwarten, und der, welcher Ehre annimmt, ist nicht in einer Gemütsverfassung, die es leicht macht, vor dem Gnadenthron auf die Knie zu fallen und zu rufen: „Gott sei mir Sünder gnädig!“

Nun, einige von euch mögen in ihren Familien sehr hochgeschätzt sein - mich freut, daß ihr es seid; aber vielleicht schleicht sich ohne euer Wissen das Gefühl in euch ein, daß es euch gebührt, geachtet zu werden. Dann, lieber Freund, nimm dich in Acht, damit du nicht in einen gefährlichen Stolz verstrickt wirst, der dein Verderben sein würde. Ihr kennt die einfache Geschichte (ich darf wohl annehmen, daß ihr sie gehört habt) von dem Sklavenbesitzer, der zur Erkenntnis seiner Sünde gelangt war und der einen Sklaven hatte, welcher gleichfalls erweckt worden war. Aber der arme Sam fand Christum und den Frieden lange, ehe sein Herr es tat, worüber dieser seine Verwunderung ausdrückte. Der Sklave erwiderte: „Sehen Sie, Massa, wenn der Engel daher kommt mit einem weißen Kleide, sagt er zu Massa: „Hier ist ein neues Kleid für euch“. Massa sieht seinen Rock an; ein wenig abgetragen, ein paar Löcher darin, aber doch noch ziemlich gut. „Ah!“ sagt Massa, „Er wird sich ausbessern lassen und ein wenig länger halten.“, so bekommt Massa nicht das neue Kleid. Der Engel kommt zu Sam und sagt: „Sam, neu Kleid für Dich!“ Sam sagt: „Ah, ich bin ganz zerlumpt - ich bin ganz zerlumpt; danke dir!“ und zieht sogleich das neue Kleid an, Massa.“ Nun,. es ist eben diese Besorgnis da, daß die Liebenswürdigkeit eures Charakters und die Achtung, die sie euch verschafft, euch desto länger abhält, die Gerechtigkeit Jesu Christi anzunehmen. Hier mag vielleicht gerade jetzt die Schwierigkeit liegen, die ihr zu überwinden habt; und wenn das, lieber Freund, so demütige dich unter die gewaltige Hand Gottes und er wird dich zu seiner Zeit erhöhen; „denn Gott widerstehet den Hoffärtigen, aber den Demütigen gibt er Gnade“. Bedenkt, ihr mögt vielleicht Anderen durchaus keinen Anstoß durch Hochmut geben, und doch kann in den Augen Gottes viel Stolz in eurem Herzen sein, und dieser kann euch hindern, das einfache, köstliche Evangelium zu glauben, das für die Schuldigen, die Verlorenen und Elenden bestimmt ist und das, liebe Freunde, wirklich für euch bestimmt ist, wenn ihr nur euren eigenen Zustand kenntet.

Bei den Pharisäern war indes noch etwas mehr als das. Sie nahmen nicht bloß Ehre an und erwarteten Ehre, sondern diese Ehre war auch ganz unverdient. Diese Männer gewannen Achtung durch einen falschen Schein, O, sie waren wunderbar gute Menschen und erstaunlich religiös! Sie wollten für zwei Groschen halbe Pfennige weggeben und bliesen eine Posaune in der Straße, damit jedermann sagte: „Was für ein freigebiger Mann ist dieser Rabbi Ben Simeon! Er hat Geld an der Straßenecke verteilt!“ Wenn sie ihren Zehnten bezahlten, hielten sie streng darauf, den Diener in den Garten zu schicken, um genau den zehnten Teil von Minze, Dill und Kümmel abzuschneiden. Es ist wahr, das Ganze war nicht zwei Pfennig wert, es würde in hundert Jahren keinen Dukaten gemacht haben; aber jedermann sollte ihre strengen Grundsätze sehen. Alle Leute sagten: „Rabbi Ben Simeon ist ja so genau mit der Zahlung seines Zehnten. Er ist solch ein heiliger Mann, er bat sogar den Steuereinnehmer, ihm einen halben Kreuzer zu wechseln, damit er ja richtig bezahle und keinen Stengel Kümmel auf seinem Gewissen habe. Er ist sehr heilig; seht nur den Saum seines Gewandes an - andere Leute tragen ihn ungefähr einen Zoll breit, aber seiner ist wenigstens sechs Zoll. Sein Schneider sagt, er sei einer der gottesfürchtigsten Männer, die er je gekannt, und wende sehr viel an Kleiderbesatz. Er ist sehr heilig und beobachtet alle Fasttage; ihr könnt das an seinem sauren Gesicht sehen. Er fastet zweimal die Woche. Wer hat je von solcher Selbstverleugnung gehört? Es ist wahr, er hat einen gewaltigen Appetit an den anderen fünf Tagen; aber doch ist er ein sehr heiliger Mann.“

Sie priesen sich gegenseitig hoch um dieser zur Schau gestellten Religiosität willen - dieser wundervollen Frömmigkeit; aber wenn ihr den Pharisäer in seinem Privatleben gesehen hättet, hättet ihr entdeckt, daß er in der Wirklichkeit kein Wort des Lobes verdiene, denn da, hinter der Tür, was ißt er da? Unser Heiland sagt es euch: es ist das Vermögen einer Witwe. „Ihr fresset der Witwen Häuser und wendet lange Gebete vor“. Er hat seine Hände gewaschen, weil er auf dem Markt gewesen ist, und sie haben es nötig, denn die Plünderung einer Waise hat sie befleckt. Er wäscht sorgfältig, ehe er Brot ißt, aber obwohl er das Äußere an Becher und Schüssel rein gemacht hat, ist doch das Innere voller Unflat. Obwohl er so streng auf die Zeremonien hielt, lehrte er die Menschen, Gottes Gebote bei Seite zu setzen und statt dessen Menschengeboten zu folgen. Der Geselle hätte wegen seiner Heuchelei hinausgezischt werden sollen, anstatt Lob zu erhalten. Nun, seid dessen gewiß, wenn ein Mann einen guten Namen hat, aber ihn nicht verdient - wenn er diese Unehrlichkeit immer fortbestehen läßt, so wundere ich mich nicht, daß er nicht an Jesum Christum glauben kann. Wie sollte er? Ein Mensch, der so durch und durch falsch ist - wie sollte er der Wahrheit glauben? Wenn jemand sein ganzes Leben im Dunkeln zugebracht hat, wundert ihr euch dann, wenn das Licht seinen Augen wehe tut, und wenn er es deshalb haßt? Wenn jemand von seiner Geburt an sich im Schlamm gewälzt und sich darin wohl befunden, so ist's kein Wunder, wenn er Reinheit für etwas ganz Überflüssiges hält. An Jesum Christum glauben? Mann, so lange du eine so schändliche Rolle spielst, ist's kein Wunder, daß du nicht an einen aufrichtigen, wahrhaftigen Heiland glauben kannst. Wohlan, ist hier jemand, der vor Menschenaugen einen guten Namen hat, und doch im Geheimen etwas ganz anderes ist, als was er sein sollte? O Mann, wenn du nicht glauben kannst, so verstehe ich sehr wohl, was es für dich so schwierig macht; aber, o, möge Gott dich aufrichtig machen, möge er dich in den reinen und guten Boden wandeln, auf dem der Same wachsen kann, denn der wird nimmer in eines Heuchlers Herzen wachsen, predigen wir ihm auch, so lange wir wollen.

Bei diesen Leuten, die Ehre von einander nahmen, fand sich noch eine andere Schwierigkeit, nämlich: indem sie immer diese unverdiente Ehre empfingen, redeten sie sich selber in den glauben hinein, daß sie dieselbe verdienten. Ein Mensch, der andere täuscht, kommt allmählich dahin, sich selber zu täuschen. Der Betrüger macht erst andere zu Narren und wird dann doch zuletzt sein eigener Narr.

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