Spurgeon, Charles Haddon - Die Wunder des Todes unsres Herrn.

„Aber Jesus schrie abermal laut, und verschied. Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriß in zwei Stücke, von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber thaten sich auf, und standen auf viele Leiber der Heiligen, die da schliefen, und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung, und kamen in die heilige Stadt, und erschienen vielen.“ Mt. 27, 50-53.

Der Tod unsres Herrn ist ein Wunder und gleich einem kostbaren Edelstein von einer Anzahl andrer Juwelen-Wunder eingefaßt. Wie die Sonne inmitten der sie umgebenden Planeten dieselben weit überstrahlt, so ist der Tod Christi wundervoller als die Wunder, welche sich zur selben Zeit zutrugen. Doch nachdem wir die Sonne gesehen haben, macht es uns Freude, auch die Planeten zu studieren; ebenso finden wir, die wir an den einzigartigen Tod Christi glauben und auf Ihn, als auf den Gekreuzigten, unser Vertrauen setzen, großes Vergnügen daran, im einzelnen jene vier planetenartigen Wunder zu prüfen, die im Text erwähnt sind und die große Sonne des Todes des Herrn selbst umgeben.

Hier sind sie: der Vorhang im Tempel wurde zerrissen; die Erde erbebte; die Felsen zerrissen; die Gräber thaten sich auf.

I. Wir beginnen mit dem ersten dieser Wunder. Ich kann mich des Weiteren darüber nicht ergehen, sondern wünsche nur Gedanken anzuregen.

Beachtet den zerrissenen Vorhang, oder Geheimnisse aufgedeckt. Durch den Tod Christi zerriß der Vorhang im Tempel von oben bis unten in zwei Stücke, und die Geheimnisse, welche lange Zeiten hindurch im Allerheiligsten verborgen gewesen waren, wurden dem Blick aller Gläubigen enthüllt. Gleichsam oben in der Gottheit Christi beginnend, wurde der Vorhang bis hinab zu dem unteren Teil der Menschheit Christi zerrissen, und jedem geistlichen Auge wurde alles aufgedeckt.

1. Dies war das erste Wunder Christi nach dem Tode. Das erste Wunder Christi im Leben war bedeutungsvoll und lehrte uns vieles. Er verwandelte Wasser in Wein, als wollte Er zeigen, daß Er das gewöhnliche Leben zu einem höheren Grade erheben und in alle Wahrheiten eine Kraft und Köstlichkeit lege, die ohne Ihn nicht hätte darin sein können. Aber dieses sein erstes Wunder nach dem Tode steht über dem ersten Wunder seines Lebens, weil jenes in seiner Gegenwart gewirkt wurde. Aber im Tempel war Jesus als Mensch nicht. Das Wunder geschah in seiner Abwesenheit und wurde dadurch erhöht. Beide Ereignisse waren gleich wunderbar, aber bei diesem zweiten zeigt sich ein auffallender Zug: Er war nicht da, um zu sprechen und so den Vorhang zu zerreißen. Seine Seele hatte seinen Leib verlassen, und weder sein Leib noch seine Seele befand sich in dem geheimen Zelt des Allerhöchsten, und doch genügte sein Wille, aus der Entfernung den dicken kunstvoll gewirkten Vorhang zu zerreißen.

Das Wunder der Verwandlung des Wassers in Wein wurde in einem Privathause, inmitten der Familie und der damit befreundeten Jünger gewirkt; aber dieses Wunder geschah im Tempel Gottes. Es war daran so etwas besonders Heiliges, weil es eine Wunderthat an dem erhabensten und geheimnisvollsten Ort, dem Mittelpunkt geheiligter Anbetung, der Wohnung Gottes, war. Sieh’! Er stirbt und am Eingange zu Gottes hohem Heiligtum reißt Er den Vorhang entzwei. Es ist etwas so Feierliches in diesem Wunder, das vor Jehovah gewirkt wurde, , daß ich es nicht in Worte kleiden kann; aber ihr werdet es in euren Seelen empfinden.

Vergesset auch nicht, daß es von dem Heiland nach seinem Tode gewirkt wurde, und dieser Umstand stellt das Wunder in ein merkwürdiges Licht. Er zerreißt den Vorhand im Augenblick des Todes. Jesus gab den Geist auf, und siehe, der Vorhang des Tempels zerreißt. Dreißig Jahre lang schien er sich auf das erste Wunder seines Lebens vorbereitet zu haben; sein erstes Wunder nach dem Tode wirkt Er im Augenblick des Sterbens. In demselben Augenblick, da seine Seele von seinem Leibe schied, ergriff unser geliebter Herr den großen Vorhang des symbolischen Hauses seines Vaters und riß ihn in zwei Stücke.

2. Dieses erste Wunder nach dem Tode steht an einer solchen Stelle, daß wir ohne ernste Gedanken nicht daran vorübergehen können. Als an der Spitze von dem stehend, was ich eine neue Einrichtung (Dispensation) nennen möchte, war es sehr bezeichnend. Was meint es?

Meint es, daß der Tod Christi die Offenbarung und Erklärung von Geheimnissen ist? Alle Vorbilder und Schatten des Zeremonialgesetzes verschwinden, weil sie in dem Tode Christi erfüllt und erklärt sind. Der Tod des Herrn Jesu ist der Schlüssel aller wahren Philosophie: Gott ward Fleisch und starb für Menschen – wenn das ein Geheimnis nicht erklärt, kann es nicht erklärt werden. Der Tod Christi ist der große Zerreißer des Vorhangs, der große Offenbarer der Geheimnisse.

Er ist auch der große Eröffner der Eingänge. Da war kein Weg in das Heilige, bis der sterbende Jesus den Vorhang zerriß; der Weg ins Allerheiligste war bis zu seinem Tode nicht offenbar geworden. Wenn ihr Gott zu nahen wünscht – der Tod Christi ist der Weg zu Ihm. Wenn ihr Zutritt zu der innigsten Gemeinschaft haben wollt, die ein Mensch mit seinem Gott haben kann, siehe, das Opfer Christi offenbart euch den Weg. Jesus sagt nicht nur: „Ich bin der Weg,“ sondern Er macht auch den Weg, indem Er den Vorhang zerreißt. Nachdem der Vorhang seines Fleisches zerrissen, ist der Weg zu Gott jeder gläubigen Seele sehr klar gemacht.

Ferner ist das Kreuz die Beseitigung aller Hindernisse. Christus hat durch den Tod den Vorhang zerrissen. Dann bleibt zwischen seinem Volke und dem Himmel kein Hindernis, oder wenn da solche sind, die neue Befürchtungen erfinden, so fährt Christus fort, sie zu beseitigen. Er zerbricht die ehernen Thore und die eisernen Riegel. Siehe in seinem Tode „den Durchbrecher vor ihnen herauf fahren.“ Er hat den Weg gebahnt und sein erwähltes Volk kann Ihm zu dem herrlichen Throne Gottes folgen.

Dies ist bezeichnend für den Geist des Zeitalters, in welchem wir jetzt leben. Die Hindernisse sind beseitigt; die Schwierigkeiten sind gelöst; der Himmel steht allen Gläubigen offen.

3. Das Wunder war Christi würdig. Halt einen Augenblick inne und bete deinen sterbenden Herrn an. Zeichnet Er seinen Tod durch solch ein Wunder aus? Beweist das nicht seine Unsterblichkeit? Es ist wahr, Er hat sein Haupt im Tode geneigt. Dem Willen seines Vaters gehorsam, beugte Er sein Haupt in williger Ergebung, als Er wußte, daß die Zeit des Sterbens für Ihn gekommen war; aber in dem Augenblick, da ihr Ihn als tot bezeichnet, zerreißt Er den Vorhang des Tempels. Ist in Ihm nicht Unsterblichkeit, obgleich Er stirbt?

Und neben der Kraft, welche Er in seiner äußersten Schwäche offenbart, siehe seine Weisheit, denn in diesem Augenblick eröffnet Er uns, die wir die That geistlich betrachten, alle Weisheit und legt die Geheimnisse bloß. Die Decke, welche Moses vor sein Angesicht nahm, beseitigte Christus im Augenblick seines Todes. Die wahre Weisheit hielt in ihrem Sterben ihre erhabenste Predigt, indem sie wegnahm, was die höchste Wahrheit vor dem Blick aller gläubigen Augen verbarg.

Geliebte, wenn Jesus dies in seinem Tode für uns thut, dann werden wir sicherlich durch sein Leben selig werden. Jesus, welcher starb, ist lebendig, und wir vertrauen Ihm, daß Er uns in das Heilige führen werde, „das nicht mit Händen gemacht ist.“

II. Gehen wir nun zu dem zweiten Wunder über: “Die Erde erbebte. Das Unbewegliche wurde durch den Tod Christi erregt. Christus berührte die Erde nicht; Er war an dem Kreuze aufgerichtet. Er starb, aber selbst im Akt des Sterbens, als Er seine Kraft niederlegte, machte Er die Erde unter Ihm erzittern. Was lehrt das?

Meinte das nicht zunächst, daß das physische Universum die letzte schreckliche Erschütterung seines Urteils im voraus fühlte? Der Tag wird kommen, da der Christus auf Erden kommen wird, und da zu seiner Zeit alles, was da ist, gleich abgetragenen Kleidern zusammengerollt und abgethan werden wird. Noch einmal will Er sprechen, und dann will Er nicht allein die Erde, sondern auch den Himmel bewegen. Was nicht bewegt werden kann, wird bleiben, aber dazu gehört diese Erde nicht; sie wird von ihrem Platz bewegt werden. „Die Erde und die Werke, so darinnen sind, werden verbrennen. Nichts wird vor Ihm bestehen. Er allein ist! Diese andren Dinge scheinen nur zu sein, und vor dem Schrecken seines Angesichts werden alle Menschen zittern, und der Himmel und die Erde werden davor fliehen. So schien die Erde, als Er starb, ihr Urteil im voraus zu empfinden, und sie zitterte vor Ihm. Wie wird sie zittern, wenn Er, der da lebt, mit all der Herrlichkeit Gottes wieder kommen wird! Wie wirst du erbeben, mein Zuhörer, wenn du in der zukünftigen Welt ohne einen Heiland erwachen solltest! Wie wirst du zittern an dem Tage, da Er kommen wird, um die Welt in Gerechtigkeit zu richten und da du vor dem Heiland erscheinen mußt, den du verachtet hast! Ich bitte dich, denke darüber nach.

Meinte dies Wunder nicht auch, daß die geistliche Welt durch das Kreuz Christi bewegt werden soll? Er stirbt am Kreuz und erschüttert die materielle Welt als eine Prophezeiung davon, daß sein Tod die Welt erschüttern werde, die im Argen liegt und daß er Erschütterungen im moralischen Reiche herbeiführen werde. Brüder, bedenkt das. Wir sagen von uns: „Wie werden wir je die Welt bewegen?“ Die Apostel warfen diese Frage nicht auf. Sie hatten Vertrauen auf das Evangelium, welches sie predigten. Die sie hörten, merkten das Vertrauen, und als sie ihren Mund aufthaten, sagten sie: „Diese, die den ganzen Weltkreis erregen, sind auch hergekommen.“ Die Apostel glaubten, daß die Welt unter der einfältigen Predigt des Evangeliums erbeben werde. Glauben wir das doch auch. Wird das Kreuz Christi Einfluß auf die ungeheuren Regionen Chinas, Indiens, Afrikas haben? Ja, mein Bruder, denn es hat die Erde erbeben gemacht, und es wird noch die großen Massen der Menschheit erschüttern. Wenn wir nur Glauben daran und Ausdauer in der Predigt des Wortes haben, so ist es nur eine Frage der Zeit, da der Name Jesu allen Menschen bekannt sein wird, und da jedes Knie sich vor Ihm beugt, und jede Zunge bekennt, daß Er Christus ist, zur Ehre Gottes des Vaters. Die Erde erbebte unter dem Kreuz und es wird wieder geschehen. Der Herr sei dafür gepriesen.

Diese alte Welt – ich kann nicht sagen, wie viele Jahre sie existiert hatte, denn von dem im ersten Verse der Bibel erwähnten Anfang können wir nicht Berechnungen anstellen. Aber wie alt sich auch war, sie mußte erbeben, als der Erlöser starb. Dies trägt uns über eine andre Schwierigkeit hinweg. Das System des Bösen ist so alt und grau, daß wir oft zu uns sagen: „Wir können gegen so alte Vorurteile nicht viel thun.“ Aber es war die alte, alte Erde, die unter dem sterbenden Christus zitterte und bebte, und so wird es wieder geschehen. Großartige Systeme, die durch Philosophie und Poesie aufrecht erhalten werden, müssen der verhältnismäßig neuen Lehre des Kreuzes nachgeben. Sie wird neu genannt, ist es aber nicht, sondern ist älter, als die Erde selbst. Es ist Gottes eignes, ewiges Evangelium. So wahr der Herr lebt, wird es das Alte und Ehrwürdige erschüttern, und die Prophezeiung davon sehe ich in dem Erbeben der Erde unter dem Kreuze.

Scheint es nicht unmöglich, daß die bloße Predigt Christi das thun kann? Und deshalb müssen gewisse Männer die Predigt Christi mit den Hilfsmitteln der Musik und andren Dingen verbinden, bis das Kreuz Christi unter menschlichen Erfindungen erstickt und unter Menschenweisheit begraben wird. Aber was war es, das die Erde erbeben machte? Einfach der Tod unsres Herrn und keine Beigabe von menschlicher Kraft oder Weisheit. Das schien ein unangemessenes Mittel, ein so großes Resultat zu erzeugen; aber es war hinlänglich, denn „die göttliche Schwachheit ist stärker, denn die Menschen sind und die göttliche Thorheit ist weiser, denn die Menschen sind,“ und Christus in seinem Tode reicht aus, die Erde unterm Kreuz erzittern zu machen. Laßt uns keine Waffe, als das Evangelium, keine Streitaxt, als das Kreuz gebrauchen. Könnten wir es nur glauben, daß die alte, alte Geschichte die einzige Geschichte ist, die erzählt werden muß, um die Menschen mit Gott zu versöhnen! Christus starb an der Sünder Statt, der Gerechte für die Ungerechten – eine glänzende Darstellung der Gnade und Gerechtigkeit in einem einzigen Akt. Könnten wir uns nur daran halten, so würden wir sehen, wie unsrem überwindenden Herrn der Sieg bald werden muß.

III. Nur einige Andeutungen über das dritte Wunder: die Felsen zerrissen.

Man hat mir gesagt, daß in Jerusalem noch bis zum heutigen Tage gewisse Felsenzerreißungen der ungewöhnlichsten Art zu sehen seien. Reisende haben erzählt, daß es nicht derartige seien, wie sie gewöhnlich durch Erdbeben oder andre Ursachen entstehen. Darüber will ich nur wenig sagen, aber es ist wunderbar, daß, als Jesus starb, als seine Seele von seinem Leibe gerissen wurde, als der Vorhang im Tempel zerriß, auch die Erde, und zwar der felsige und festeste Teil derselben, in einem einzigen Augenblick zerklüftete. Was zeigt uns dies Wunder anders, als daß das Gefühllose erschrak? Wie, konnten Felsen fühlen? Und doch zerrissen sie angesichts des Todes Christi. Menschenherzen erwiderten nichts auf die Angstrufe des sterbenden Erlösers, aber die Felsen antworteten: die Felsen zerrissen. Er starb nicht für Felsen, und doch schienen Felsen zärtlicher als die Herzen der Menschen, für die Er sein Blut vergoß. Felsen konnten zerspringen, aber mancher Menschen Herzen öffnen sich beim Anblick des Kreuzes nicht. Jedoch, Geliebte, hier ist der Punkt, den ich hier gleichsam sehen kann: daß Hartnäckigkeit und Verstockung durch den Tod Christi überwunden wird. Ihr mögt einem Menschen über den Tod predigen, und er mag trotz der Gewißheit und des Ernstes desselben nicht zittern; doch versucht es damit bei ihm. Ihr mögt einem Menschen über die Hölle predigen; er aber will gleich Pharao sein Herz gegen das Gericht des Herrn verhärten; doch versucht es damit bei ihm. Alles, das einen Menschen bewegen kann, sollte angewandt werden. Aber das, was auch die Verstocktesten und Halsstarrigsten rührt, ist die große Liebe Gottes, die sich so eigenartig in dem Tode des Herrn Jesu Christi zeigt. Ich will mich dabei nicht aufhalten, euch zu zeigen, wie das zugeht, aber ich erinnere euch daran, daß es so ist. Dies war es, was vielen von uns Thränen der Buße in die Augen trieb und was uns dahin brachte, uns dem Willen Gottes zu unterwerfen. Ich weiß, daß das bei mir der Fall gewesen ist. Ich blickte auf tausend Dinge und zerschmolz nicht; aber als ich Einen blutend am Kreuze sah, der für mich starb, da schlug ich an meine Brust und ich trauerte, wie jemand, der über seinen Erstgebornen trauert. Ich bin sicher, eure eignen Herzen bekennen, daß der große Felsenzerreißer der sterbende Heiland ist.

Und wie es bei euch ist, so werdet ihr es auch bei andren Menschen finden. Wenn ihr euer Bestes gethan und keinen Erfolg gehabt habt, so bringet diesen letzten Hammer: das Kreuz Christi. Ich habe auf Teilen von Kanonen oft diese Inschrift in lateinischen Worten gesehen: „Der letzte Beweisgrund der Könige.“ Das heißt, daß Kanonen der letzte Beweisgrund der Könige sind. Aber das Kreuz ist der letzte Beweisgrund Gottes. Wenn ein sterbender Heiland dich nicht bekehrt, was wird es dann thun? Wenn die blutenden Wunden dich nicht zu Gott hinziehen, was wird dann im stande sein, es zu thun? Wenn Jesus unsre Sünden an seinem Leibe auf das Holz wegträgt und wenn dich das nicht mit dem Bekenntnis der Sünde und dem Haß gegen sie zu Gott führt, dann bleibt nichts andres mehr für dich übrig. „Wie wollen wir entfliehen, so wir eine solche Seligkeit nicht achten?“ Das Kreuz ist der Felsenzerreißer. Brüder und Schwestern, fahret fort, die Liebe des sterbenden Sohnes Gottes zu lehren. Ihr werdet damit für Christum den Eingang in die innersten Herzen der Menschen finden, obgleich sie so hart sind, wie Diamant; und dies geschieht durch die Predigt des Kreuzes in der Kraft des Heiligen Geistes.

IV. Aber nun schließe ich mit dem letzten Wunder. Diese Wunder häufen sich, und eines hanget von dem andren ab. Das Erdbeben der Erde bewirkte ohne Zweifel das Zerreißen der Felsen, und dieses wieder half zu dem vierten Wunder. “Die Gräber thaten sich auf.“ Die Gräber thaten sich auf, - und die Toten wurden lebendig. Das ist unser vierter Teil. Es ist die große Folge des Todes Christi. Die Gräber thaten sich auf. Der Mensch ist das einzige animalische Wesen, das um ein Grab sorgt. Manche Personen plagen sich darüber, wie sie begraben werden sollen. Das ist nun das letzte, das mir in den Sinn kommen kann. Darüber brauchen wir uns keine Sorge machen. Aber der Mensch hat durch sein Grab oft seinen Stolz gezeigt. Das ist ein seltsames Ding. Einen Galgen mit Blumen schmücken ist meines Wissens wohl noch nicht vorgekommen; aber Marmor und köstliche Statuen auf dem Grabe errichten – was ist das anders als einen Galgen schmücken, oder des Menschen große Erhabenheit zu zeigen, wo allein seine Kleinheit offenbar wird. Staub, Asche, Verwesung, Fäulnis, und dann eine Statue und allerlei feine Dinge, um euch denken zu machen, daß das Geschöpf, das zum Staube zurückkehrt, nach allem etwas Großes ist. Nun, als Jesus starb, wurden Gräber aufgethan und die Toten wurden bloß gelegt; was meint das?

Ich denke, wir haben in diesem letzten Wunder „die Geschichte eines Menschen.“ Da liegt er, tot, verderbt, tot in Übertretung und Sünden. Aber welch ein schönes Grab ist es, darinnen er liegt! Er ist ein Kirchgänger oder ein Dissident – wie ihr wollt. Er ist ein sehr moralischer Mensch, ein Bürger, ein Herr, der eines Tages Bürgermeister wird; er ist so gut – o, so gut! Und doch hat er keine Gnade in seinem Herzen, keinen Christus in seinem Glauben, keine Liebe zu Gott. Ihr seht, in welchem Grabe er liegt – eine tote Seele in einem vergoldeten Grabe. Durch sein Kreuz spaltet der Herr dies Grab und zerstört es. Was sind unsre Verdienste angesichts des Kreuzes wert? Der Tod Christi ist der Tod der Selbstgerechtigkeit. Jesu Tod ist etwas Überflüssiges, wenn wir uns selbst selig machen können. Wenn wir so gut sind, daß wir des Heilandes nicht bedürfen, warum verblutete dann Jesus sein Leben am Holze? Das Kreuz bricht die Gräber der Heuchelei, des Formenwesens und der Selbstgerechtigkeit auf. Die Erde teilt sich. Da liegt der tote Mensch; er wird dem Lichte offenbar. Das Kreuz Christi thut das! Der Mensch ist noch nicht durch die Gnade lebendig gemacht, aber er ist sich selbst aufgedeckt. Er weiß, daß er in dem Grabe seiner Sünde liegt; er ist nicht gleich der Leiche, die mit Marmor bedeckt ist, sondern gleich der, von welcher der Totengräber den Rasen und die Erde weggenommen, die er nackt dem Tageslicht überlassen hat. O, es ist etwas Großes, wenn das Kreuz so die Gräber öffnet! Ihr könnt Menschen nicht anders von der Sünde überzeugen, als durch die Predigt von einem gekreuzigten Heiland. Der Speer, mit welchem wir die Herzen der Menschen erreichen, ist derselbe Speer, der des Heilandes Herz durchstach. Wir müssen die Kreuzigung gebrauchen als das Mittel, die Selbstgerechtigkeit zu kreuzigen und den Menschen zu dem Bekenntnis zu bringen, daß er tot in Sünden ist.

Was folgt, nachdem die Gräber erbrochen und geöffnet sind? Es wurde Leben mitgeteilt. „Und standen auf viele Leiber der Heilligen, die da schliefen.“ Sie waren zu Staub geworden; aber wenn ihr ein Wunder habt, so könnt ihr ebensogut ein großes haben. Ich wundere mich darüber, daß Leute, die ein Wunder glauben können, hinsichtlich eines andren Schwierigkeiten machen. Laß die Allmacht handeln, und die Schwierigkeiten haben aufgehört. So in diesem Wunder. Die Lieber kamen plötzlich zusammen und sie waren vollständig da und fertig zum Auferstehen. Welch ein wunderbares Ding ist die Einpflanzung des Lebens! Ich möchte davon in ein totes Herz hineinsprechen. O Gott, sende Dein Leben in diesem Augenblick, da ich spreche, in etliche tote Herzen! Das, was Leben in tote Seelen bringt, ist der Tod Jesu. Während wir das Sühnopfer sehen und den Herrn betrachten, wie Er an unsrer Statt blutet, wirkt der Heilige Geist auf die Menschen ein und haucht das Leben in sie. Er nimmt das steinerne Herz hinweg und gibt ein fleischernes, das in einem neuen Leben schlägt. Dies ist das Wunderwerk des Kreuzes: durch den Tod unsres Herrn wird Menschen die Wiedergeburt zu teil. Ohne diesen einen Tod gäbe es keine neuen Geburten. Wenn Jesus nicht gestorben wäre, hätten wir tot bleiben müssen. Wenn Er sein Haupt nicht gebeugt hätte, würde keiner von uns sein Haupt aufrichten können.

Nun geht weiter, und ihr werdet sehen, wie jene Personen, welche Leben empfingen, zu seiner Zeit ihre Gräber verließen. Es steht geschrieben, daß sie aus den Gräbern gingen. Natürlich thaten sie das. Welcher lebende Mensch wollte wünschen, in seinem Grabe zu bleiben? Und ihr, meine lieben Zuhörer, werdet, wenn der Herr euch lebendig macht, nicht in euren Gräbern bleiben. Wenn ihr an starke Getränke oder an andre anklebende Sünden gewöhnt waret, werdet ihr sie aufgeben, ihr werdet keine Anhänglichkeit an euer Grab empfinden. Wenn ihr in gottloser Gesellschaft gelebt und an zweifelhaften Plätzen Vergnügen gefunden habt, werdet ihr euch in euren Gräbern nicht aufhalten. Wir werden nicht nötig haben, euch nachzugehen, um euch von euren alten Verbindungen hinwegzuholen. Ihr werdet selber eilen, davon loszukommen. Wenn jemand hier lebendig begraben sein und in seinem Sarge entdeckt werden sollte, ehe er den letzten Atem ausgehaucht hat, so bin ich sicher, daß er, sobald der Rasen beseitigt und der Sargdeckel abgenommen ist, nicht erst nötig hat, viel darum gebeten zu werden, aus seinem Grabe herauszukommen. Das Leben liebt das Gefängnis des Todes nicht. Möchte denn Gott geben, daß der sterbende Heiland euch aus den Gräbern hole, in welchen ihr noch lebt, und wenn Er euch lebendig macht, bin ich dessen gewiß, daß der Tod unsres Herrn euch veranlassen wird, zu achten, daß, so einer für alle gestorben ist, so sind sie alle gestorben, und daß Er darum für alle gestorben ist, auf daß die, so da leben, hinfort nicht ihnen selbst leben, sondern Dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.

Welchen Weg schlugen diese Leute ein, nachdem sie aus ihren Gräbern gekommen waren? Uns wird gesagt: “Sie kamen in die heilige Stadt.“ Genau so. Und wer die Kraft des Kreuzes empfunden hat, mag wohl den Weg zur Heiligkeit einschlagen. Er wird sich sehnen, sich mit dem Volke Gottes verbinden zu können; er wird wünschen, zum Hause Gottes ziehen und Gemeinschaft mit dem dreimal heiligen Gott haben zu können. Ich würde nicht erwarten, daß Lebendiggewordene anders wohin gehen. Jedes Geschöpf geht zu seinesgleichen, das Raubtier zu seinem Lager, der Vogel zu seinem Nest, und die Wiedergebornen bahnen sich den Weg zur heiligen Stadt. Zieht nicht das Kreuz hin zur Gemeinde Gottes? Ich möchte nicht wünschen, daß einer aus einem Beweggrunde sich der Gemeinde anschließt, der nicht von den Wunden und der blutenden Seite Jesu hergeleitet ist. Wir geben uns zuerst Christo und dann um seinetwillen seinem Volke. Es ist das Kreuz, welches dazu veranlaßt.

Es wird uns gesagt – um diese wunderbare Geschichte zu schließen – daß sie in die heilige Stadt gingen “und erschienen vielen“. Ich zweifle nicht daran, daß manche von denen, welche von den Toten auferweckt worden waren, ihren Weibern erschienen. Welche Entzücken, als diese die geliebten Männer wiedersahen! Es mag sein, daß manche dem Vater und der Mutter erschienen, und ich zweifle nicht daran, daß manche lebendig gemachte Mutter oder mancher Vater zuerst den eignen Kindern erschien. Was lehrt uns das anders, als daß, wenn des Herrn Gnade uns von den Toten auferweckt, wir Sorge tragen müssen, das kundzugeben? Laßt uns vielen erscheinen. Laßt das Leben, das Gott uns gegeben hat, offenbar werden. Laßt es uns nicht verbergen, sondern laßt uns zu unsren früheren Freunden gehen und ihnen erscheinen, wie Christus es gethan hat. Um seiner Ehre willen laßt uns sein Leben andren offenbaren. Ehre sei dem sterbenden Heilande! Alles Lob sei dem großen Sühnopfer!

O, daß diese meine armen, schwachen Worte euer Interesse für meinen sterbenden meister wach rufen möchten! Seid bereit, für Ihn zu sterben. Und ihr, die ihr Ihn nicht kennt – gedenket dieses großen Geheimnisses, daß Gott eure Natur annehmen und Mensch werden und sterben mußte, damit ihr davon frei werden könntet. Kommt und vertraut heute meinem Herrn, ich bitte euch. Während das Volk Gottes sich zum Brotbrechen um den Tisch schart, laßt eure Seelen eilen, nicht zum Tisch und Sakrament, sondern zu Christo selbst und zu seinem Opfer. Amen.

„Seel’ und Leben, Leib und Glieder
Giebst Du alles für mich hin:
Sollt’ ich Dir nicht schenken wieder
Alles, was ich hab’ und bin?
Ich bin Deine ganz alleine!
Dir verschreib’ ich Herz und Sinn.

Zieh’ durch Deines Todes Kräfte
Mich in Deinen Tod hinein!
Laß mein Fleisch und sein Geschäfte
Mit Dir angenagelt sein,
Daß mein Wille sanft und stille,
Und die Liebe werde rein.“

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