Spurgeon, Charles Haddon - Unfehlbarkeit - wo sie zu finden und wie sie zu gebrauchen ist

„Es stehet geschrieben.“
Mat. 4,4

Denkende Menschen verlangen sehnlich nach einem festen Glaubenspunkt. Jener alte Philosoph forderte einen Stützpunkt für seinen Hebel und glaubte, wenn er diesen nur erhielte, könnte er die Welt bewegen. Es ist unbehaglich, immer auf dem Meere zu sein; wir möchten gerne die terra firma entdecken und unsern Fuß auf einen Felsen stellen. Wir können nicht ruhig sein, bis wir etwas ausfindig gemacht haben, was sicher, gewiss, ausgemacht, entschieden ist und nicht länger zur Frage steht. Manches Gemüt hat hinein geschaut in die neblichte Region des Nationalismus und hat Nichts vor sich gesehen, als immerwährenden Dunst und Nebel, und, schaudernd in dem Frost und der Kälte dieser Polarregionen des Skeptizismus, hat es sich gesehnt nach einem klarern Lichte, einem wärmeren Führer, einem greifbareren Glauben. Diese Sehnsucht hat Menschen zu sonderbaren Arten des Glaubens geführt. Satan, der ihren Heißhunger sah, hat sie einen Stein anstatt Brotes ergreifen lassen. Manche haben behauptet und behaupten noch, daß es möglich ist, eine solche unfehlbare Grundlage in dem Papst zu Rom zu finden. Mich wundert es nicht, daß sie lieber einen unfehlbaren Menschen haben wollen, als ganz und gar ohne eine Richtschnur der Wahrheit sein; doch ist es so ungeheuerlich, daß Menschen an die päpstliche Unfehlbarkeit glauben, daß wir es für eine große Beleidigung halten würden, sie dessen zu beschuldigen, wenn sie es nicht selber eingeständen. Durch welche Verrenkungen es einem menschlichen Verstande möglich ist, sich in eine Stellung hineinzuzwängen, in welcher er solchen Glauben anzunehmen vermag, - das ist eins von den Mysterien der Menschennatur. Wie? die Päpste irren in Kleinigkeiten, wie viel mehr denn in großen Dingen? In Disraeli´s „Kuriositäten der Literatur“ findet sich folgender amüsante Fall unter dem Titel: „Druckfehler:“ - „Einer der erstaunlichsten literarischen Blunder ist die Ausgabe der Vulgata von Sixtus V. Seine Heiligkeit sah sorgfältig jeden Bogen durch, wenn er aus der Presse kam; und zum Staunen aller Welt hatte das Werk seines Gleichen nicht - es wimmelte von Druckfehlern! Eine Menge kleiner Papierstreifen wurden gedruckt und über die fehlerhaften Stellen geklebt, um den wirklichen Text zu geben. Das Buch nimmt sich seltsam aus mit diesen Flicken; und die Häretiker frohlockten über diesen Erweis päpstlicher Unfehlbarkeit! Die Exemplare wurden aufgekauft und gewaltsame Versuche gemacht, sie zu unterdrücken; einige wenige sind noch erhalten zum Entzücken biblischer Sammler; kürzlich kam bei einer Auktion die Bibel von Sixtus V. über sechzig Guineen - nicht zu viel für ein Buch, das aus lauter Versehen besteht. Die Welt amüsierte sich höchlich an der Bulle des päpstlichen Herausgebers, die vorn im ersten Teile angeheftet war, und alle Buchdrucker verdammt, welche bei dem Wiederabdruck des Werkes irgend welche Veränderung in dem Text machen würden! Der Gedanke, daß Unfehlbarkeit in einem sterblichen Menschen wohnet, ist des Irrenhauses würdig und verdient kaum eine ernsthafte Erörterung. Ihr könnt beinahe keine Seite in solchen Geschichtswerken lesen, die von den Katholiken selbst als authentisch anerkannt werden, ohne zu entdecken, daß die Päpste Menschen gewesen sind und nicht Götter, und ihre Bullen so voll Versehen und Irrtümern, wie die Dekrete weltlicher Fürsten. So lange der Mensch einen klaren Verstand hat, kann er nicht auf die eingebildete Unfehlbarkeit eines Priesters vertrauen.

Andre indessen weilen hoffnungsvoll bei der Idee einer unfehlbaren Kirche. Sie glauben an die Aussprüche der allgemeinen Konzilien und hoffen, dort den Felsen der Gewissheit zu finden. Anscheinend ist dies leichter, denn bei der Menge der Ratgeber ist Weisheit, aber in Wirklichkeit ist es ebenso widersinnig; denn wenn ihr eine Anzahl Menschen zusammen bringt, von denen Jeder fehlbar ist, so ist es klar, daß ihr der Unfehlbarkeit nicht näher gekommen seid. Es ist ebenso leicht, zu glauben, daß Ein Mann inspiriert ist, als daß fünf oder sechshundert es sind. Die Wahrheit ist, daß Gemeinden ebenso wohl Missgriffe gemacht haben, wie einzelne Männer und in schwere Irrtümer, in der Praxis wie in der Lehre, geraten sind. Blickt auf die Gemeinden in Galatien, Korinth, Laodicea, Sardis u. s. w.; ja, wir finden, daß die ersten Jünger unsers Herrn, welche die wahrhaft ursprüngliche und apostolische Kirche ausmachten, nicht unfehlbar waren, sie verstanden einen einfachen Ausspruch des Herrn sehr falsch. Er sagte von Johannes: „So ich will, daß er bleibe, bis ich komme, was gehet es dich an?“ - „Da ging eine Rede aus unter den Brüdern: Dieser Jünger stirbt nicht. Und Jesus sprach nicht zu ihm: Er stirbt nicht, sondern: So ich will, daß er bleibe, bis ich komme, was gehet es dich an?“ Selbst die Apostel konnten irren und irrten. Sie waren unfehlbar in dem, was sie schrieben, wenn sie unter der Inspiration des heiligen Geistes standen, aber zu keiner andern zeit. Doch, Brüder, mich wundert es nicht, daß in der großen Not, in welche die Seele oft gerät, sie es besser findet, an eine unfehlbare Kirche zu glauben, als der bloßen Vernunft überlassen und hin und her geworfen zu werden, gleich dem herrenlosen Gut eines untergegangenen Schiffes, von den immer wechselnden Winden, über die furchtbaren Weiten der zweifelnden Fragen getrieben, die sich in dem ruhelosen Ozean des Unglaubens finden. Nach einem sichern Grunde mich sehnend, wie ich es tue und beides, Päpste und Konzilien, verwerfend, wohin soll ich blicken?

Wir haben ein festeres Wort des Zeugnisses, einen Fels der Wahrheit, auf dem wir ruhen, denn unser unfehlbares Richtmaß liegt in dem: „Es stehet geschrieben.“ Die Bibel, die ganze Bibel und nichts als die Bibel ist unsre Religion. Von diesem inspirierten Buche sagen wir: - Es ist

„Der Richter, der den Streit entscheidet,
Wo die Vernunft uns hülflos´ lässt.“

Man sagt, sie sei schwer zu verstehen, aber sie ist es nicht für die, welche die Leitung des Geistes Gottes suchen. Es sind große Wahrheiten in ihr, die über unsre Fassungskraft hinaus liegen und da hinein gelegt sind, um uns zu zeigen, wie flach unsre endliche Vernunft ist, aber in Haupt- und Fundamental-Punkten ist die Bibel weder schwer zu verstehen, noch bietet sie eine Entschuldigung für die Menge von Irrtümern, welche die Menschen behaupten, aus ihr geschöpft zu haben. Ein Anfänger in der Gnade, der von Gottes Geist gelehrt ist, kann den Willen des Herrn in Bezug auf unsre Seligkeit wissen und seinen Weg zum Himmel, allein von dem Worte geleitet, finden. Aber mag es tief oder einfach sein, das ist nicht die Frage; es ist das Wort Gottes und ist reine, irrtumsfreie Wahrheit. Hier ist Unfehlbarkeit und nirgend anders.

Ich wünsche heut Morgen über dies großartige, unfehlbare Buch zu sprechen, das unser einziges Appellationsgericht ist, und ich möchte ganz besonders zu den Neubekehrten sprechen, die während der letzten Tage den Heiland gefunden haben, denn sie müssen dieses Buch als das Schwert des Geistes brauchen in den geistlichen Kämpfen, die ihrer warten. Ich möchte sie inständig ermahnen, diesen Teil der ganzen Rüstung Gottes zu ergreifen, damit sie im Stande seien, dem großen Feinde ihrer Seelen zu widerstehen.

„Es stehet geschrieben.“ Ich werde diese Waffe, die uns nie im Stiche lässt, dem Gebrauch unsrer jungen Streiter empfehlen, indem ich sie darauf aufmerksam mache, daß sie unseres Vorkämpfers eigene Waffe ist; zweitens werde ich sie bitten, zu beachten, wozu er diese Waffe brauchte; und drittens wollen wir beachten, wie er sie handhabte.

I.

Ich empfehle jedem Christen hier den beständigen Gebrauch des unfehlbaren Wortes, weil unser Vorkämpfer diese Waffe wählte, als er von dem Satan in der wüste angegriffen ward. Er hatte eine große Auswahl won Waffen, mit denen er gegen den Satan fechten konnte, aber er nahm keine als dies Schwert des Geistes. „Es stehet geschrieben.“ Unser Herr hätte den Satan durch Engelmächte besiegen können. Er brauchte nur seinen Vater zu bitten und er würde ihm zwölf Legionen Engel gesandt haben, gegen deren mächtigen Angriff der Erzfeind keinen Augenblick hätte Stand halten können. Wenn der Herr nur die Macht seiner Gottheit gebraucht hätte, so würde ein einziges Wort den Versucher in seinen höllischen Kerker zurückgeschickt haben. Aber anstatt göttlicher oder Engel-Macht brauchte er das: „Es stehet geschrieben,“ und lehrte so seine Kirche, daß sie niemals die Hülfe der Gewalt herbeirufen oder fleischliche Waffen gebrauchen soll, sondern nur der Allgewalt vertrauen, die in dem gewissen Wort des Zeugnisses ruht. Dies ist unsre Streitaxt und unsre Kriegswaffe. Die Schirmherrschaft oder der Zwang der Staatsgewalt sind nicht für uns; ebenso wenig dürfen wir Bestechungen oder Drohungen brauchen, um Menschen zu Christen zu machen: ein geistliches Reich muss allein durch geistliche Waffen aufgerichtet und erhalten werden.

Unser Herr hätte den Versucher niederwerfen können, indem er seine eigne Herrlichkeit enthüllte. Der Glanz der göttlichen Majestät war verborgen in der Niedrigkeit seiner Menschheit, und wenn er den Schleier einen Augenblick gelüftet, würde der böse Feind in so gänzliche Verwirrung geraten sein, wie Eulen und Fledermäuse, wenn die Sonne in ihr Gesicht scheint. Aber Jesus ließ sich herab, noch seine hohe Majestät zu verbergen und sich nur mit dem: „Es stehet geschrieben,“ zu verteidigen.

Unser Meister hätte auch Satan mit Rhetorik und Logik angreifen können. Warum argumentierte er nicht mit ihm über die Sachen, so wie sie vorgebracht wurden? Hier waren drei Vorschläge zu erörtern, aber unser Herr beschränkte sich auf das Eine Argument: „Es stehet geschrieben.“ Nun, Geliebte, wenn unser Herr und Meister bei all seiner Auswahl von Waffen, die er hätte haben können, doch diese echte Jerusalemer Klinge des Wortes Gottes wählte, so lasst uns keinen Augenblick zögern, sondern diese Eine, einzige Waffe der Heiligen aller Zeiten ergreifen und festhalten. Werft das hölzerne Schwert fleischlicher Vernunftschlüsse weg; vertraut nicht auf menschliche Beredsamkeit, sondern bewaffnet euch mit den feierlichen Aussprüchen Gottes, der nicht lügen kann, dann braucht ihr den Satan und alle seine Heere nicht zu fürchten. Jesus, dessen können wir gewiss sein, wählte die beste Waffe. Was für ihn am besten war, ist´s auch für euch.

Diese Waffe, das muss beachtet werden, brauchte unser Herr beim Beginn seiner Laufbahn. Er hatte noch nicht sein öffentliches Lehramt angetreten, aber, wenn ich den Ausdruck brauchen darf, als seine junge Hand noch ungeübt in der öffentlichen Kriegsführung war, ergriff er sogleich die Waffe, die für ihn geschmiedet und bereit war und sagte kühn: „Es stehet geschrieben.“ Ihr jungen kürzlich bekehrten Christen seid wahrscheinlich schon versucht worden oder werdet es in Kurzem werden, denn ich erinnere mich, daß ich schon in der ersten Woche, nachdem ich den Heiland gefunden, einer sehr grimmigen geistlichen Versuchung ausgesetzt war, und es sollte mich nicht Wunder nehmen, wenn euch das Gleiche begegnete. Nun, ich bitte euch, tut, was Jesus tat und ergreifet fest das: „Es stehet geschrieben.“ Es ist des Kindes Waffe ebenso sehr als es die Verteidigung des starken Mannes ist. Wenn ein Gläubiger so groß wie Goliath von Gath ist, braucht er kein besseres Schwert als dieses und wenn er eine bloße Pygmäe in göttlichen Dingen ist, wird dies Schwert ebenso wohl für seine Hand passen und für die Defensive wie die Offensive gleich wirksam sein. Welche Gnade ist es für dich, junger Christ, daß du nicht zu beweisen, sondern zu glauben hast, nicht zu erfinden, sondern anzunehmen. Du hast nur in deiner Bibel nachzuschlagen, einen Spruch zu finden und diesen auf den Satan zu schleudern, wie einen Stein aus Davids Schleuder und du wirst das Feld behalten. „Es stehet geschrieben,“ und was geschrieben stehet, ist unfehlbar; hier liegt eure Stärke in der Beweisführung. „Es stehet geschrieben;“ Gott hat es gesagt das ist genug. O, gesegnetes Schwert und Schild, das ein kleines Kind schon brauchen kann, das auch für die Ungelehrten und Einfältigen passt, den Verzagten Kraft gibt und den Schwachen Sieg.

Bemerkt ferner, daß wie Christus diese Waffe aus allen andern auswählte und in seinem ersten Kampfe brauchte, so brauchte er sie auch, als kein Mensch gegenwärtig war. Der Wert der heiligen Schrift wird nicht allein im öffentlichen Lehren oder Kämpfen für die Wahrheit gesehen, ihre sanfte, leise Stimme ist ebenso mächtig, wenn der Knecht des Herrn persönliche Anfechtungen in der einsamen Wüste erduldet. Die schwersten Kämpfe eines wahren Christen sind gewöhnlich Allen außer ihm selber unbekannt. Nicht im häuslichen Kreise kommen die schärfsten Versuchungen an uns heran, sondern im Kämmerlein; nicht so sehr in der Werkstatt, als in der Abgeschiedenheit unsers Geistes kämpfen wir „mit Fürsten und Gewaltigen.“ Für diese furchtbaren Zweikämpfe ist das beste Schwert und der beste Schild: „Es stehet geschrieben.“ Die Schrift ist gut, um einen andern damit zu überführen; aber die Schrift tut am meisten Not, um unsre eigne Seele zu trösten, zu verteidigen und zu heiligen. Ihr müsst die Bibel in der Einsamkeit zu brauchen und den schlauesten aller Feinde damit zu treffen verstehen, denn es gibt einen wirklichen und persönlichen Teufel, wie die meisten Christen aus Erfahrung wissen, weil sie ihm Mann gegen Mann gegenübergestanden sind und seine spitzfindigen Eingebungen, schrecklichen Einflüsterungen, lästerlichen Behauptungen und teuflischen Anklagen kennen. Wir sind von Gedanken verfolgt worden, die aus einem kräftigeren, erfahreneren und listigeren Geiste kommen, als aus unserm eignen und gegen diese gibt es nur Eine Verteidigung - das unfehlbare: „Es stehet geschrieben.“ Kämpfe haben vielfältig stattgefunden zwischen den Knechten Gottes und dem Satan, die in den unveröffentlichten Annalen der heiligen Geschichte, welche Gott aufzeichnet, denkwürdiger sind als die tapfersten Taten der alten Helden, welche die Menschen in ihren Nationalliedern preisen. Der, welcher mit dem Schall der Trompeten begrüßt wird, dessen Statue auf den öffentlichen Plätzen steht, ist nicht der einzige Sieger: es gibt Überwinder, die mit Engeln gefochten und obgesiegt haben, deren Tapferkeit Luzifer selbst mit Grimm anerkennen muss. Diese Alle schreiben ihre Siege der Gnade zu, die sie lehrte, das unfehlbare Wort Gottes zu gebrauchen. Lieber Freund, du musst das: „Es stehet geschrieben“ immer zur Hand haben. Einige laufen, sobald ein geistlicher Kampf beginnt, zu einem Freunde, um Hülfe zu suchen. Ich will dies nicht verdammen, aber es würde weit besser sein, wenn sie sich zu dem Herrn und seinen gewissen Verheißungen wendeten. Einige geben schon beim ersten Angriff, alle Hoffnung auf. Handelt nicht so memmenhaft; sucht Gnade, um wie ein Mann zu widerstehen. Ihr müsst streiten, wenn ihr zum Himmel eingehen wollt; blickt auf eure Waffe, sie kann sich nicht biegen oder stumpf werden, schwingt sie kühn und stoßt sie in das Herz eures Feindes. „Es stehet geschrieben“ wird durch Seele und Geist schneiden und den alten Drachen selber verwunden.

Beachtet, daß unser Herr diese Waffe unter den schwierigsten Umständen brauchte und sie als genügend empfand. Er war allein; kein Jünger war da, der Teilnahme für ihn hatte, aber das Wort war die Hülfe seiner rechten Hand, die Schrift verband sich mit ihm. Er war hungrig, denn er hatte vierzig Tage und Nächte gefastet, Hunger ist ein nagender Schmerz und oft sinkt der Geist darnieder, wenn es dem Körper an Nahrung mangelt; doch das „Es stehet geschrieben“ hielt den Wolf des Hungers in Schranken; das Wort nährte den Kämpfer mit einer Speise, die nicht bloß alle Schwäche vertrieb, sondern ihn stark im Geiste machte. Er war von seinem Gegner in eine sehr gefährliche Stellung gebracht, oben auf die Zinne des hohen Hauses des Herrn, doch da stand er und brauchte keinen sichern Stützpunkt für seine Füße, als den, welchen die Verheißungen Gottes ihm boten. „Es stehet geschrieben,“ das machte ihn fähig, von der schwindelnden Höhe niederzublicken und des Versuchers Pläne zu vereiteln. Er ward hingestellt da, wo die Reiche der Welt zu seinen Füßen ausgebreitet lagen, ein unvergleichliches Panorama, das oft genug die Augen großer Männer geblendet und sie ins Verderben getrieben hat; aber das: „Es stehet geschrieben“ warf alle Schlingen des Ehrgeizes bei Seite und lachte über das Blendwerk der Macht. Ob in der Wüste, ob auf dem Tempel, ob auf dem hohen Berge, kein Wechsel in der Art seiner Kriegsführung war nötig; das unfehlbare: „Es stehet geschrieben“ half in jeder Lage, in welcher er sich befand und so wird es auch mit uns sein.

Ernstlich empfehle ich euch das Wort Gottes, die ihr erst kürzlich unter das Banner meines Gottes eingereiht seid. Wie David von Goliath´s Schwert sagte: „Es ist seines Gleichen nicht,“ so sage ich dies von der heiligen Schrift. Unser Herr war in allen Dingen versucht, gleichwie wir und hierin hat er Mitleid mit uns, aber er widerstand den Versuchungen und hierin ist er unser Vorbild; wir müssen ihm gänzlich folgen, wenn wir seine Triumphe mit ihm teilen wollen.

Bemerkt auch, das unser Heiland fortfuhr, dieses Eine Verteidigungsmittel zu brauchen, obgleich sein Gegner häufig seine Angriffsweise änderte. Der Irrtum hat viele Formen, die Wahrheit ist Eine. Der Teufel versuchte ihn zum Misstrauen, aber der Pfeil ward aufgefangen mit dem Schilde des: „Es stehet geschrieben: der Mensch lebet nicht vom Brot allein; sondern von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes gehet.“ Der Feind suchte einen Streich auf ihn zu führen von der Seite der Vermessenheit, indem er ihn versuchte, sich von dem Tempel hinabzulassen, aber wie furchtbar fiel jenes zweischneidige Schwert auf das Haupt des bösen Geistes: „Es stehet geschrieben: du sollst Gott, deinen Herrn nicht versuchen.“ Der letzte unverschämte Hieb ward auf unsern Herrn gerichtet mit der Absicht, ihn auf seine Knie zu bringen: - „Falle nieder und bete mich an;“ aber er ward pariert und mit zermalmender Stärke zurückgegeben durch das: „Es stehet geschrieben: Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn und ihm allein dienen.“ Das traf den Leviathan ins Herz. Diese Waffe ist gut überall; gut für die Verteidigung und für den Angriff, unsre ganze Persönlichkeit zu schützen oder auch den Gegner durch Mark und Bein zu treffen. Gleich dem Schwert des Seraphs vor Edens Tor wendet es sich nach jeder Richtung. Ihr könnt euch in keiner Lage befinden, für die das Wort Gottes nicht im Voraus gesorgt hätte; es hat so viele Gestalten und Augen, wie die Vorsehung selbst. Ihr werdet es untrüglich finden zu allen Zeiten eures Lebens, in allen Umständen, in allen Gemeinschaften, in allen Prüfungen, und unter allen Schwierigkeiten. wäre es fehlbar, so würde es nutzlos in Fällen der Not sein, aber seine nie irrende Wahrheit macht es kostbar über alle Schätzung hinaus für die Streiter des Kreuzes.

Ich empfehle euch also, Gottes Wort in eurem Herzen zu bergen, es in euren Seelen zu „bewegen.“ „Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit.“ Seid gewurzelt und gegründet und befestiget in seiner Lehre und wie durchtränkt mit seinem Geist. Für mich ist es eine hohe Freude, fleißig in meines Vaters Buch der Gnade zu forschen. Sie wird täglich stärker in mir. Es ward in alten Zeiten auf Eingebung des Geistes geschrieben, aber ich habe gefunden, während ich meine Nahrung aus demselben schöpfte, daß es nicht nur inspiriert war, als es geschrieben wurde, sondern es ist noch immer so. Es ist nicht ein bloßes geschichtliches Dokument, es ist ein Brief an mich, frisch aus der Feder Gottes. Es ist nicht eine Predigt, einst gehalten und nun beendet, es redet noch jetzt. Es ist nicht eine Blume, die getrocknet und in dem hortus siccus aufbewahrt wird, deren Schönheit vergangen und deren Wohlgeruch verflogen ist; sondern es ist eine frisch blühende Blume indem Garten Gottes, so lieblich und duftend, als da er sie pflanzte. ich sehe die Schrift nicht wie eine Harfe an, die einst von geschickten Fingern gespielt ward und nun als ein Erinnerungszeichen an die Wand gehangen ist: nein, sie ist ein Instrument mit zehn Saiten, das noch in des Sängers Hand ist und noch den Tempel des Herrn mit göttlicher Musik erfüllt, der diejenigen, welche Ohren haben, zu hören, mit Entzücken horchen. Die heilige Schrift ist ein Äolsharfe, durch welche der segenbringende wind des Geistes beständig fährt und geheimnisvolle Musik erzeugt, wie sie keines Menschen Ohr anderswo vernimmt, und sie auch hier nicht einmal vernimmt, wenn nicht sein Ohr durch das heilende Anrühren des großen Arztes geöffnet ist. Der heilige Geist ist in dem Worte und es ist daher lebendige Wahrheit. O Christen, seid gewiss und lasst deshalb das Wort eure auserlesene Kriegswaffe sein.

II.

Unser Herr Jesus Christus lehrt uns, wozu wir dieses: „Es stehet geschrieben“ brauchen sollen. Bemerkt zuerst, daß er es brauchte, um seine Sohnschaft zu verteidigen. Der böse Feind sagte: „Wenn du Gottes Sohn bist,“ und Jesus erwiderte: „Es steht geschrieben.“ Das war die einzige Antwort, deren er ihn würdigte. ER brachte keine Beweise vor, um seine Sohnschaft zu belegen; er erwähnte nicht einmal jene Stimme aus der Herrlichkeit, die da sprach: „Dies ist mein lieber Sohn.“ Nein, sondern: „Es stehet geschrieben.“ Nun, mein lieber, junger, erst kürzlich bekehrter Bruder, ich zweifle nicht, daß du schon von diesem infernalischen „Wenn“ zu leiden gehabt hast. O, wie glatt kommt es von Satans Lippen. Es ist sein Lieblingswort, der beste Pfeil in seinem Köcher. Er ist der Fürst der Skeptiker und diese beten ihn an, während er ins Fäustchen über sie lacht, denn er glaubt und zittert. Eins der unheilvollsten Werke, die er tut, ist, daß er die Menschen zu Zweifeln bringt. „Wenn“ - mit welchem boshaften Lächeln wispert er dies schon in das Ohr des Neubekehrten. „Wenn,“ sagt er, „wenn.“ „Du sagst, dir sei vergeben, du seiest gerechtfertigt und angenommen; aber wenn! Könntest du nicht doch dich getäuscht haben?“ Nun, liebe Freunde, ich bitte euch, lasst Satan euch nimmer von dem festen Grunde des Wortes Gottes abbringen. Wenn er euch erst dahin bringt, zu denken, nur durch das, was ihr in euch selber wahrnehmen könnt, wäre es möglich, zu beweisen, daß Christus der Heiland der Sünder sei, so werdet ihr bald in Verzweiflung gestürzt sein. Der Grund, warum ich an Jesum glauben muss, liegt in Jesus, nicht in mir. Ich soll nicht sagen: „Ich glaube an der Herrn Jesum, weil ich mich so glücklich fühle,“ denn in einer halben Stunde kann ich mich elend fühlen; sondern ich glaube an meine Seligkeit durch Christum, weil geschrieben stehet: „Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du selig.“ Ich glaube an das Heil in Christo, nicht weil es mit meiner Vernunft übereinstimmt und meiner Gemütsart zusagt, sondern weil geschrieben stehet: „Wer an ihn glaubet, der wird nicht gerichtet.“ „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben.“ Nichts kann diese Wahrheit ändern, sie stehet fest und wird für immer stehen. Gläubiger, bleibe dabei, komme, was da wolle. Der Satan wird euch sagen: „Ihr wisst, es gibt viele Beweise, könnt ihr sie darlegen?“ Sagt ihm, er solle sich um seine eignen Angelegenheiten kümmern. Er wird die sagen: „Du weißt, wie unvollkommen du gewesen bist, selbst nach deiner Bekehrung.“ Antworte ihm, daß er nicht so überaus vollkommen ist, daß er dich zu tadeln brauchte. Wenn er sagt: „Ach, wenn du wirklich ein andrer Mensch geworden wärst, würdest du nicht solche Gedanken und Empfindungen haben;“ disputiere nicht mit ihm, sondern bleibe dabei, daß geschrieben stehet: „Jesus Christus kam in die Welt, um die Sünder selig zu machen und wer an ihn glaubt, soll nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Wenn du an ihn glaubst, kannst du nicht verloren werden, sondern hast das ewige Leben, denn so stehet es geschrieben. „Es stehet geschrieben,“ darauf stelle dich und wenn fünfzig Teufel in dem Einen wären, so könnte er dich nicht überwinden. Auf der andern Seite, wenn du das „Es stehet geschrieben“ verlässest - Satan versteht das Disputieren besser als du, er ist weit älter, hat die menschliche Natur sehr gründlich studiert und kennt alle unsre wunden Punkte, deshalb wird der Kampf ein ungleicher sein. Streite nicht mit ihm, sondern schwinge ihm ins Angesicht das Banner: „Es stehet geschrieben.“ Der Satan kann die unfehlbare Wahrheit nicht ertragen, denn sie ist der Tod der Falschheit, deren Vater er ist. So lange Gottes Wort wahr ist, ist der Gläubige sicher; wenn das umgestürzt ist, so ist unsre Hoffnung verloren, aber, Gott sei gelobt, nicht eher. Flieht in eure feste Burg, ihr, die ihr versucht werdet.

Unser Herr brauchte dann auch die Schrift, um eine Versuchung zu besiegen. Er ward zum Misstrauen versucht. Da lagen Steine zu seinen Füßen, die in den Augen der Welt dem Brote glichen; es war kein Brot da, er war hungrig und das Misstrauen sagte: „Gott hat dich verlassen; du wirst vor Hunger sterben; deshalb höre auf, ein Diener zu sein, werde Herr und befiehl, daß diese Steine Brot werden.“ Indessen, Jesus trat der Versuchung, sich voll Misstrauen selber zu versorgen, entgegen, indem er sagte: „Es stehet geschrieben.“ Nun, junge Christen oder alte Christen, die Vorsehung mag euch an einen Ort gestellt haben, wo ihr fürchtet, in Mangel zu geraten und wenn ihr dann bange seid, daß Gott nicht für euch sorgen werde, so wird die dunkle Eingebung aufsteigen: „Ich will es machen, wie die Ungerechten und mir so einen behaglichen Wohlstand schaffen.“ Es ist wahr, die Handlung würde unrecht sein, aber Viele würden sie begehen und deshalb flüstert Satan: „Not hat kein Gebot; ergreif´ die Gelegenheit, die sich dir bietet.“ In einer solchen Stunde schlagt den Feind ab mit: „Es stehet geschrieben: du sollst nicht stehlen.“ Es ist uns geheißen, niemals Übergriffe zu machen oder unsern Nächsten zu betrügen. Es stehet geschrieben: „Hoffe auf den Herrn und tue Gutes, so sollst du in dem Lande wohnen und sollst dich wahrlich nähren.“ (Ps. 37,3, engl. Übers.) Es stehet geschrieben: „Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.“ Auf diese Weise allein kannst du sicher der Versuchung zum Misstrauen entgegentreten.

Darauf versuchte Satan den Herrn zur Vermessenheit: „Bist du Gottes Sohn, so lass dich herab,“ sagte er; aber Christus hatte ein Schriftwort bereit, um den Stoß zu parieren. Viele kommen in die Versuchung, vermessen zu werden. „Du bist Einer von Gottes Auserwählten, du kannst nicht umkommen; du kannst deshalb Sünde tun; du brauchst nicht so sehr sorgfältig zu sein, da du nicht endgültig fallen und verderben kannst,“ - so wispert der Satan und nicht immer kann der ununterrichtete Gläubige auf diese niedrigen Sophistereien sogleich antworten. Wenn wir zu irgend einer Zeit versucht sind, einem derartigen Ansinnen nachzugeben, lasst uns daran denken, daß geschrieben stehet: „Wachet und betet, auf daß ihr nicht in Anfechtung fallet.“ Es stehet geschrieben: „Behüte dein Herz mit allem Fleiß, denn daraus gehet das Leben.“ (Spr. 4,23) Es stehet geschrieben: „Darum sollt ihr heilig sein, denn ich bin heilig.“ „Darum sollt ihr vollkommen sein gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Hebe dich hinweg, Satan, wir dürfen nicht sündigen um der Barmherzigkeit Gottes willen; das wäre in der Tat eine diabolische Vergeltung für seine Güte; wir verabscheuen die Idee, zu sündigen, damit die Gnade desto mächtiger werde.

Darnach wird der Satan uns anfechten mit der Versuchung, Verräter an unseren Gott zu werden und andere Götter anzubeten. „Bete mich an,“ spricht er, „und wenn du dies tust, wird dein Lohn groß sein.“ Er stellt uns irgend einen irdischen Gegenstand vor die Augen, den wir zum Abgott machen, irgend einen selbstsüchtigen Zweck, den wir verfolgen sollen. Zu einer solchen Zeit ist das gewisse Wort Gottes unsere einzige Verteidigung; „Es stehet geschrieben: Du sollst Gott, deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt.“ „Ihr seid nicht euer selbst, denn ihr seid teuer erkauft.“ „Begebet eure Leiber zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei, welches sei euer vernünftiger Gottesdienst.“ „Kindlein, hütet euch vor den Abgöttern.“ Wenn wir Worte wie diese mit unserem ganzen Herzen anführen, so werden wir nicht fallen. Geliebte, wir müssen uns von der Sünde frei halten Wenn Christus uns wirklich von der Sünde erlöst hat, können wir nicht den Gedanken ertragen, in dieselbe zu fallen. Wenn Einige von euch Freude an der Sünde finden können, so seid ihr keine Kinder Gottes. Wenn ihr Kinder Gottes seid, so hasst ihr sie mit einem vollkommnen Hass und eurer ganzen Seele ekelt vor ihr. Um euch von der Sünde frei zu halten, waffnet euch mit diesem ganz heiligen und reinen Worte Gottes, welches euren Wandel reinigen wird und euer Herz der Stimme des dreimal heiligen Gottes gehorsam machen.

Ferner brauchte unser Herr das Wort als Richtschnur für seinen Weg. Dies ist ein sehr wichtiger Punkt. Zu Viele richten ihren Weg nach dem, was sie Fügungen nennen. Sie tun Unrechtes und sagen: „Es schien eine solche Fügung.“ Ich möchte wissen, ob Jonas, als er hinab nach Joppe kam, um nach Tarsis zu fliehen, es als eine Fügung betrachtete, daß ein Schiff gerade im Begriff war, zu segeln. Wenn das, so gleich er nur zu Vielen heutzutage, die suchen, ihre Schuld auf Gott zu werfen, indem sie erklären, daß sie sich verpflichtet gehalten , zu handeln, wie sie taten, weil die Fügung ihnen den Gedanken dazu eingab. Unser Herr ließ sich nicht durch die Umstände, in denen er sich befand, in seinem Verhalten leiten. Jeder Andre, als unser heiliger Herr, würde dem Versucher gehorcht und dann gesagt haben: „Ich war sehr hungrig und saß in der Wüste, und es schien solche Fügung, daß ein Geist mich dort ausfindig machte und mir höflichst gerade das vorschlug, was ich brauchte d. h. die Steine in Brot zu wandeln.“ Es war eine Fügung, aber es war eine prüfende Fügung. Wenn ihr versucht werdet, Böses zu tun, um eurer Not abzuhelfen, sprecht zu euch selber: „Diese Fügung stellt mich auf die Probe, aber sie zeigt mir keineswegs an, was ich tun soll; denn meine Regel ist: „Es stehet geschrieben.“ Wenn ihr scheinbare Fügungen zu eurem Führer macht, so werdet ihr tausendmal irren, aber wenn ihr dem: „Es stehet geschrieben“ folgt, so wird „euer Gang gewiss sein in seinem Wort.“ (Ps. 119,133)

Eben so wenig sollen wir unsre besonderen Gaben und besondern Vorrechte unsere Führer sein lassen. Christus ist auf der Zinne des Tempels und es ist möglich, nein, es ist gewiss, daß es ihm gefallen, sich herab zu lassen, er es mit Sicherheit hätte tun können; aber er brauchte keine besondern Vorrechte nicht als einen Grund zur Vermessenheit. Es ist wahr, daß die Heiligen bewahrt bleiben sollen: das Erhalten in der Gnade bis ans Ende ist, glaube ich, unzweifelhaft die Lehre des Wortes Gottes,; aber ich soll auf einen Lehrsatz hin nicht vermessen handeln, ich soll der Vorschrift gehorchen. Wenn ein Mann sagt: „Ich bin ein Kind Gottes, ich bin sicher, deshalb lebe ich, wie es mich gelüstet,“ so beweist er damit, daß er überhaupt gar kein Kind Gottes ist, denn die Kinder Gottes verkehren die Gnade Gottes nicht in Zügellosigkeit. Es wäre nur des Teufels Logik gemäß, zu sagen: „Ich bin mehr als Andre begnadigt, deshalb darf ich den Herrn mehr als sie erzürnen.“ Es stehet geschrieben: „Lasset uns ihn lieben, denn er hat uns zuerst geliebet,“ und “ das ist die Liebe zu Gott, daß wir seine Gebote halten.“

Darauf versuchte Satan, den eignen persönlichen Vorteil zum Führer unsers Herrn zu machen. „Dies alles will ich dir geben,“ sprach er, aber Christus richtete sich in seinen Handlungen nicht nach seinem persönlichen Vorteile, sondern antwortete: „Es stehet geschrieben.“ Wie oft habe ich Leute sagen hören:„ Ich bleibe nicht gern n einer Kirche, mit der ich nicht übereinstimme, aber mit meinem nützlichen Wirken wäre es ganz vorbei, wenn ich aus ihr austräte.“ Nach diesem System hätte unser Herr, wenn er bloßer Mensch gewesen, sagen können: „Wenn ich niederfalle und diesen kleinen ritualistischen Akt vornehme, werde ich eine noble Sphäre für meine Wirksamkeit haben. alle Reiche de Welt werden mein sein! Da sind all´ diese armen, unterdrückte Sklaven: ich könnte sie in Freiheit setzen. Die hungrigen und die Durstigen, wie könnte ich sie mit dem Nötigen versorgen; die Erde würde glücklich sein, wenn ich ihr König wäre. Dies ist in der Tat ja gerade Das, wofür ich im Begriffe bin, zu sterben, und wenn es so leicht erreicht werden kann, in einem Nu, dadurch daß ich das Knie vor diesem Geiste beuge, warum sollte ich es nicht tun?! Weit, weit entfernt war unser Herr von dem bösen Geiste des Kompromisses. Ach, zu Viele sagen jetzt: „Wir müssen in kleinen Punkten weichen und nachgeben; es hilft nichts, allein zu stehen und sich so absurd in seine eignen Ideen zu verrennen; es geht Nichts über das Nachgeben in Kleinigkeiten, um in größern Dingen unsern Willen durchzusetzen.“ So schwatzen Viele heutzutage, aber nicht so sprach unser Herr. Obgleich die ganze Welt zu seiner Verfügung gestanden, wenn er nur Einmal sein Haupt vor dem Feinde beugte, so wollte er es nicht tun. „Es stehet geschrieben“ war sein Führer; nicht seine nützliche Wirksamkeit oder sein persönlicher Vorteil. Mein lieber Bruder, es wird zuweilen vorkommen, daß es dir sehr schrecklich erscheinen wird, das Rechte zu tun; dein Vermögen wird Schiffbruch leiden und du wirst in Not geraten, aber ich beschwöre dich, tue das Rechte, was es auch koste. Anstatt geehrt und geachtet zu sein und als ein Führer in der christlichen Kirche betrachtet zu werden, wirst du als exzentrisch und bigott angesehen werden, wenn du gerade heraus sprichst, aber sprich gerade heraus, unbekümmert um das, was darnach kommt. Ihr und ich, wir haben nichts damit zu tun, was aus uns wird oder aus unserm Ruf, oder was aus der Welt wird oder was aus dem Himmel selber wird; unsre alleinige Aufgabe ist es, unsers Vaters Willen zu tun. „Es stehet geschrieben“ soll unsre Richtschnur sein und mit steifer Hartnäckigkeit, wie die Menschen es nennen, aber mit entschlossener Hingabe, wie es in Gottes Augen ist, durch Schlamm und Sumpf, durch Fluten und durch Flammen, lasst uns Jesu und dem unfehlbaren Worte folgen. Folgt dem geschriebenen Wort gänzlich und verderbt niemals die Vollkommenheit eures Gehorsams gegen ihn um eurer nützlichen Wirksamkeit willen oder wegen irgend einer andern winzigen Ausrede, die Satan euch in den Weg stellt.

Beachtet ferner, daß unser Herr das „Es stehet geschrieben“ brauchte, um seinen eigenen Geist aufrecht zu halten. Ich liebe es, an die Ruhe Christi zu denken. Er ist nicht im Geringsten außer Fassung gebracht. Er ist hungrig und ihm wird vorgeschlagen Brot zu erschaffen, und er antwortet: „Es stehet geschrieben.“ Er wird auf die Spitze des Tempels gehoben, aber er spricht: „Es stehet geschrieben,“ gerade so ruhig, als ihr oder ich in einem Lehnstuhl sitzend, es vielleicht sagen würden. Da steht er, die ganze Welt zu seinen Füßen, auf ihre Herrlichkeit blickend, aber er ist nicht geblendet. „Es stehet geschrieben“ ist auch da seine ruhige Antwort. Nichts gibt einem Menschen so viel Selbstbeherrschung, macht ihn so kühl und gelassen in allen Ereignissen, als wenn er immer wieder auf das unfehlbare Buch zurückkommt und der Aussprüche Jehovas, der nicht lügen kann, gedenkt. Ich bitte euch, Brüder, tut dies.

Der letzte Gedanke über diesen Punkt ist: unser Herr lehrt uns die Schrift gebrauchen, um den Feind zu besiegen und hinweg zu jagen. „Geh,“ sagte er zu dem bösen Geist, „denn es stehet geschrieben.“ Auch ihr werdet die Versuchung verjagen, wenn ihr fest daran haltet: „Gott hat es gesagt, Gott hat es verheißen; Gott kann nicht lügen, sein Wort der Gnade ist so stark, als das, welches die Himmel aufbaute.“

III.

Wie unser Herr die Waffe auswählte und uns ihren Nutzen lehrte, so zeigte er uns, wie sie zu handhaben sei: Wie sollen wir dieses Schwert des: „Es stehet geschrieben“ handhaben? Zuerst, mit tiefster Ehrfurcht. Lasst jedes Wort, das Gott gesprochen, Gesetz und Evangelium für euch sein. Spiele nie damit; versuche nie, seiner Stärke auszuweichen oder seine Meinung zu ändern. Gott spricht zu euch in diesem Buch ebenso sehr, als wenn er wieder auf den Gipfel des Sinai herabkäme und seine Stimme im Donner erhöbe. Ich mag gern die Bibel öffnen und beten: „Herr, lass die Worte von dem Blatte in meine Seele hinüberspringen und mache du sie selber lebendig, belebend, mächtig und frisch in meinem Herzen.“ Unser Herr selber fühlte die Macht des Wortes. Es war nicht so sehr der Teufel, welcher die Macht des „Es stehet geschrieben“ fühlte, als Christus selber. „Nein,“ sprach er, „ich will nicht den Steinen befehlen, daß sie Brot werden; ich traue auf Gott, der mich ohne Brot erhalten kann. Ich will mich nicht vom Tempel herablassen; ich will nicht den Herrn, meinen Gott versuchen. Ich will den Satan nicht anbeten, denn Gott allein ist Gott.“ Die Menschheit Christi fühlte einen heiligen Schauer vor dem Worte Gottes und so wurde es eine Macht für ihn. Die Schrift gering schätzen heißt: euch ihres Beistandes berauben. Ehrt sie, ich bitte euch und blickt mit andächtiger Dankbarkeit auf zu Gott, dafür, daß er sie euch gegeben.

Dann: habt sie immer bereit. Unser Herr Jesus Christus hatte seine Antwort bereit, sobald er angegriffen wart - „Es stehet geschrieben.“ Ein schneller Rechner ist sehr schätzbar in einem Geschäftshause und ein bibelfester Christ ist sehr nützlich im Hause Gottes. Ihr müsst Schriftworte an den Fingern herzählen können; besser noch, ihr müsst sie im Mittelpunkt eures Herzens haben. Es ist gut, im Gedächtnis viele Stellen des Wortes aufzuspeichern - genau die Worte selbst. Ein Christ sollte ebenso wenig einen Fehler machen, wenn er ein Schriftwort zitiert, wie ein Philologe, wenn er Virgil oder Homer zitiert. Der Gelehrte liebt es, die ipsissima verba zu geben und wir sollten es auch, denn jedes Wort ist uns teuer. Unser Herr wusste so Vieles aus der Schrift, daß er aus einem einzigen Buche, dem fünften Buch Mosis, alle Stellen entnahm, womit er den Kampf der Wüste stritt. Er hatte einen weitern Kreis, denn das Alte Testament war vor ihm; aber er hielt sich an Ein Buch, wie wenn er Satan wissen lassen wollte, daß es ihm nicht an Munition mangelte. Hätte es dem Teufel beliebt, die Versuchung fortzusetzen, so hatte der Herr noch reiche Verteidigungsmittel in Reserve. „Es stehet geschrieben“ ist eine Rüstkammer, worin tausend Schilde hangen, alles Schilde mächtiger Männer. Es ist nicht bloß eine, sondern tausend, nein, zehntausend Waffen. Es hat Sprüche jeder Art, die bei allen Ereignissen für unsre Hilfe passen und stark genug sind, um jeden Angriff abzuschlagen. Brüder, studiert das Wort Gottes recht und habt es fertig zur Hand. Es nützt nichts, es mit der Bibel zu machen, wie der Narr mit seinem Anker, den er zu Hause gelassen, als er in einem Sturm war: habt den unfehlbaren Zeugen an eurer Seite, wenn der Vater der Lügen sich nähert.

Bemüht euch, die Bedeutung desselben zu verstehen, und so zu verstehen, daß ihr zwischen seiner Bedeutung und seiner Verkehrung unterscheiden könnt. Die Hälfte alles Unheils in der Welt und vielleicht mehr, wird nicht durch eine augenscheinliche Lüge angerichtet, sondern durch eine verdrehte Wahrheit. Der Teufel, der dies weiß, nimmt einen Spruch der Bibel, beschneidet ihn, fügt etwas hinzu und greift Christum damit an; aber unser Herr verachtete nicht die Schrift, weil der Teufel sie selbst zitieren kann, sondern antwortete ihm mit einem flammenden Text gerade ins Angesicht. Er sagte nicht: „Das Andre steht nicht geschrieben, du hast es geändert;“ sondern er gab ihm zu fühlen, was „Es steht geschrieben“ wirklich ist und brachte ihn so in Verwirrung. Tut daßelbe. Forscht in dem Wort, sucht das rechte Verständnis zu gewinnen und erwerbt Unterscheidungsvermögen; so daß ihr keinen Fehler macht, wenn ihr sagt: „Es stehet geschrieben,“ denn es gibt Einige, die ihr Glaubensbekenntnis für schriftgemäß halten und doch ist es dies nicht. Bibelsprüche, aus dem Zusammenhang gerissen, verdreht und verfälscht, sind kein: „Es stehet geschrieben,“ die klare Bedeutung des Wortes sollte man kennen und verstehen. O, leset das Wort und betet um die Salbung des heiligen Geistes, damit ihr die Bedeutung desselben lernt, denn dann werdet ihr gegen den Feind kämpfen.

Brüder, lernt auch, die Schrift euch selber anzueignen. Einen der Sprüche, die unser Herr anführte, ändert er ein wenig. „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.“ Im Original heißt es: „Ihr sollt den Herrn, euren Gott, nicht versuchen.“ Aber der Singular liegt in dem Plural und es ist immer ein Segen, wenn wir ihn darin finden können. Lernet die Schrift so gebrauchen, daß ihr alle ihre Anweisungen, alle ihre Vorschriften, alle ihre Verheißungen, alle ihre Lehren auf euch selber bezieht; denn das Brot, welches ihr esset, was euch wirklich erhält.

Wenn ihr die Worte euch angeeignet habt, so steht zu ihnen, was immer es euch koste. Wenn das Aufgeben eines Spruches euch in Stand setzte, Steine in Brot zu wandeln, gebt ihn nicht auf; wenn das Verwerfen einer Vorschrift euch fähig machte, durch die Luft zu fliegen wie ein Seraph, verwerft sie nicht. Wenn ein Handeln gegen das Wort Gottes euch zum Kaiser der ganzen Welt machte, nehmt das bestehende Geschenk nicht an. Zu dem Gesetz und dem Evangelium, dazu steht! Sei ein Mann der Bibel, geh so weit die Bibel geht, aber nicht einen Zoll darüber hinaus. Ob Calvin euch winken sollte und ihr ihn schätzt, oder Wesley winken sollte und ihr ihn schätzt, haltet euch an die Schrift; an die Schrift allein. Wenn euer Prediger irre gehen sollte, betet, daß er wieder zurückgebracht werde, aber folgt ihm nicht. Wenn gleich wir oder ein Engel vom Himmel ein andres Evangelium predigten, als dieses Buch lehrt, schenkt uns, ich bitte euch, keine Aufmerksamkeit - nein, keinen einzigen Augenblick. Hier ist die einzige Unfehlbarkeit; - das Zeugnis des heiligen Geistes in diesem Buche.

Gedenkt zuletzt noch daran, daß unser Herr zu dieser Zeit voll des Geistes war. „Jesus aber, voll heiligen Geistes“ ging, um versucht zu werden. Das Wort Gottes ohne den heiligen Geist, wird euch von keinem Nutzen sein. Wenn ihr ein Buch nicht versteht, wisst ihr den besten Weg, seine Meinung zu fassen? Schreibt an den Verfasser und fragt ihn, was er meinte. Wenn ihr ein Buch zu lesen habt und der Verfasser für euch stets zugänglich ist, braucht ihr nicht zu klagen, daß ihr es nicht verstehen könnt. Der heilige Geist ist gekommen, um immerdar bei uns zu bleiben. Forscht in der Schrift, aber bittet um des Geistes Licht und lebt unter seinem Einfluss. So stritt Jesus, voll des Geistes, mit dem alten Drachen. Er schlug den Leviathan mit dieser Waffe weil der Geist Gottes auf ihm war. Geht ihr mit dem Worte Gottes als zweischneidigem Schwerte in eurer Hand, aber ehe ihr in die Schranken tretet, bittet den heiligen Geist, das er euch in sich selber hineintaufe, so werdet ihr alle eure Gegner überwinden und bis ans Ende triumphieren. Möge Gott euch segnen, um Jesu willen. Amen.

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