Spurgeon, Charles Haddon - Pauli erstes Gebet.

„Denn siehe, er betet.“
Apgesch. 9, 11.

Es fehlt Gott nicht an Wegen, die Verfolgung auszulöschen. Er duldet nicht, daß Seine Gemeinde durch ihre Widerwärtigen verletzt oder durch ihre Feinde überwältigt wird; und Er besitzt viele Mittel, um den Weg der Gottlosen zu verkehren oder ihn ganz zu Nichte zu machen. Auf zweierlei Art erreicht Er gewöhnlich Seinen Zweck: Zuweilen durch die Demüthigung des Verfolgers, und zu andern Malen, auf eine gesegnetere Weise, durch seine Bekehrung. Zuweilen verwirrt Er Seine Feinde und schlägt sie darnieder; Er macht den Wahrsager zum Narren; Er läßt den Mann, der sich wider Ihn erhebt, in sein eigenes Verderben rennen und umkommen, und lacht dann triumphirend der Menschen, die zur Gemeine Gottes schadenfroh zu sagen hofften: „Eja, das sehen wir gerne.“ Doch zu andern Malen, wie im vorliegenden Falle, bekehrt Er den Verfolger. So verwandelt Er den Feind in einen Freund; Er macht den Menschen, der ein Bekämpfer des Evangeliums war, zu einem Streiter für dasselbe. Aus der Finsternis; ruft Er das Licht hervor; aus dem Fresser weiß Er Speise zu ziehen; ja, aus steinernen Herzen erweckt Er dem Abraham Kinder. So war es mit Saut der Fall. Man kann sich keinen wüthenderen Verfolger denken. Er war mit dem Blute des Stephanus bespritzt worden, als sie ihn zu Tode steinigten; so geschäftig war er in seiner Grausamkeit, daß die Zeugen ihre Kleider zu den Füßen eines Jünglings ablegten, der Saulus hieß. Da er zu Jerusalem in der Schule des Gamaliel wohnte, kam er beständig in Berührung mit den Jüngern des Mannes von Nazareth; er verlachte sie, er verhöhnte sie, wenn sie auf der Straße gingen; er verschaffte sich Verhaftbefehle gegen sie, daß er sie zum Tode führte; und jetzt, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wird dieser Währwolf, nachdem er einmal Blut gekostet hat, ganz närrisch, er entschließt sich, nach Damascus zu gehen, um sich mit dem Blute von Männern und Weilern vollzutrinken; er will die Christen binden und sie nach Jerusalem bringen, damit sie da erdulden, was er als eine gerechte Strafe ihrer Ketzerei und ihres Abweichens von ihrer alten Religion betrachtete. Doch ach, wie wunderbar war die Macht Gottes! Jesus hält diesen Mann in seiner thörichten Laufbahn auf; gerade als er mit eingelegter Lanze gegen Christum anstürmte, trat ihm Christus entgegen, hob ihn aus dem Sattel, warf ihn zu Boden und fragte ihn: „Saul, Saul, was verfolgest du mich?“ Dann nahm Er gnadenreich sein ungehorsames Herz von ihm - gab ihm ein neues Herz und einen gewissen Geist - gab seinem Wollen und Begehren eine andere Richtung - führte ihn nach Damascus - warf ihn für drei Tage und drei Nächte in den Staub - sprach mit ihm - ließ geheimnißvolle Töne durch seine Ohren gehen - entzündete seine ganze Seele; und als er endlich aus jener dreitägigen Entzückung erwachte, und zu beten anfing, da stieg Jesus vom Himmel herab, erschien dem Ananias im Gebet, und sprach: „Stehe auf, und gehe in die Gasse, die da heißt die Richtige, und frage in dem Hause Judas nach Saul mit Namen, von Tarsen; denn siehe, er betet.“

Unser Text enthalt erstens eine Ankündigung: „Siehe, er betet;“ dann aber auch einen Grund: „Denn siehe, er betet.“ Zum Schluß wollen wir eine Anwendung unseres Textes auf unsere Herzen machen. Es ist dieß zwar Gottes Werk allein; wir vertrauen Ihm aber, daß Er sich zu dem Worte bekennen werde, das heute wieder unter uns gepredigt werden soll.

I.

Erstens haben wir hier eine Ankündigung: „Gehe in das Haus eines Saulus von Tarsen; denn siehe, er betet.“ Lasset mich euch ohne Umschweife sagen, daß hier Etwas verkündigt wurde, was den Himmel in Bewegung setzte, worüber sich die Engel freuten, worüber Ananias in Verwunderung gerieth, und was für den Saulus selbst eine Neuigkeit war.

Es wurde hier Etwas verkündigt, das den Himmel in Bewegung setzte. Der arme Saul fühlte sich angetrieben, um Barmherzigkeit zu schreien, und im Augenblick, wo er zu beten anfing, sing Gott an, zu hören. Habt ihr beim Lesen des Kapitels wahrgenommen, wie aufmerksam Gott auf Saul war? Er wußte die Straße, wo er wohnte: „Gehe in die Gasse, die da heißt die Richtige.“ Er wußte das Haus, in welchem er sich aufhielt: „Frage in dem Hause Judas.“ Er wußte seinen Namen; er hieß Saul. Er wußte, woher er kam: „Frage nach Saul von Tarsen.“ Und Er wußte, daß er gebetet hatte. „Siehe, er betet.“ O, es ist eine herrliche Thatsache, daß der Himmel auf unsere Gebete Acht hat. Da ist ein armer Sünder, der zerbrochenen Herzens sein Kämmerlein aufsucht, seine Knie beugt; seinen Schmerz aber nur in der Sprache der Seufzer und Thränen ausdrücken kann. Doch siehe, dieser Seufzer hat alle Himmelsharfen in Bewegung gesetzt; diese Thräne ist von Gott aufgefaßt und in den Thränensack des Himmels gethan worden, um da für immer aufbewahrt zu werden. Der Beter, der vor lauter Furcht nicht zu Worten kommen kann, findet bei Jehovah ein geneigtes Gehör. Er mag nur Eine schnelle Thräne vergießen; doch „Gebet ist das Fallen einer Thräne.“ Thränen sind die Diamanten des Himmels; Seufzer bilden einen Theil der Musik im Heiligthume; denn obgleich Gebete

„Die schlichten Worte sind,
Die Kinder lallen können,“

so sind sie doch auch

„Die hellen Melodien,
Die zu dem Himmel klingen.“

Laßt mich einen Augenblick bei diesem Gedanken verweilen: Man hat im Himmel auf unsere Gebete Acht. O ich weiß, welchen Gedanken Viele unter euch sich hingeben. Ihr sprechet in eurem Wahn: „Was nützt es, daß ich mich zu Gott wende, daß ich Ihn suche? Ich bin ja ein so unbedeutender, so schuldiger und elender Mensch, daß ich mir gar nicht denken kann, warum Er auf mich Acht haben sollte.“ Lieben Freunde, lasset diese heidnischen Vorstellungen fahren. Unser Gott ist kein Gott, der in einem beständigen Traum dasitzt; auch kleidet Er sich nicht in so dicke Finsterniß, daß Er nicht sehen kann; Er ist nicht gleich dem Baal, der nicht höret. Wahr ist es, Er mag die Schlachten nicht sehen; Er will nichts von der Pracht und Herrlichkeit der Könige; Er hört nicht auf die Töne kriegerischer Musik; Er kümmert sich nicht uni den Triumph und Stolz des Menschen; wo aber ein Herz voll Traurigkeit ist, wo ein Auge in Thränen schwimmt, wo eine Lippe vor Angst bebt, wo man in Buße seufzt und stöhnt, da ist Jehovah's Ohr weit offen. Er zeichnet es in das Register Seines Gedächtnisses ein; Er legt unsere Gebete wie Rosenblätter in Sein Gedenkbuch hinein, und wenn das Buch dereinst geöffnet wird, wird ein köstlicher Wohlgeruch daraus aufsteigen. O, armer Sünder von der schlimmsten und schwärzesten Art, Gott hört deine Gebete, und eben jetzt hat Er von dir gesagt: „Siehe, er betet.“ Wo war es? In einer Scheune? Wo war es? Im Kämmerlein? War es an deinem Bette heute Morgen oder in diesem Gotteshause? Schaust du jetzt gerade zum Himmel auf? Sprich, armes Herz; habe ich deine Lippen eben jetzt es flüstern hören: „Gott sei mir Sünder gnädig?“ Ich sage dir, Sünder, es gibt etwas, das schneller läuft, als der Telegraph. Ihr wisset, daß wir jetzt in einigen Minuten eine Botschaft absenden und Antwort darauf erhalten können; doch ich lese von etwas in der Bibel, das noch geschwinder ist, als der electrische Strom: „Ehe sie rufen, will Ich antworten; wenn sie noch reden, will Ich hören.“ Gott hat also Acht auf dich, armer Sünder; ja, du wirst von Dem gehört, der auf dem Throne sitzt.

Wiederum war dicß die Ankündigung einer Thatsache, die dem Himmel Freude machte. Unserem Text geht das Wort: „Siehe,“ voran, denn ohne Zweifel blickte unser Heiland selbst mit Freude darauf hin. Nur einmal lesen wir von einem Lächeln auf dem Angesichte Jesu, als Er Sein Auge zum Himmel aufhob und ausrief: „Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde, daß du solches den Weisen und Klugen verborgen hast, und hast es den Unmündigen geoffenbaret. Ja, Vater, denn es ist also wohlgefällig gewesen vor dir.“ Der Hirte unserer Seelen freut sich, wenn Er sehen darf, wie eines Seiner Schafe sicher zur Heerde gebracht ist, Er triumphirt im Geist, wenn Er einen Sünder vom Irrthum seines Weges bekehrt. Ich kann mir denken, daß, als Er diese Worte zu Ananias sprach, ein Lächeln des Paradieses Ihm aus den Augen geschienen haben muß. „Siehe,“ ich habe das Herz meines Feindes gewonnen, ich habe meinen Verfolger gerettet, eben jetzt beugt er sein Knie vor meinem Thron; „siehe, er betet.“ Jesus selbst führte den Reigen, und freute sich über den Neubekehrten mit Gesang. Jesus Christus war froh und freute sich mehr über dieses verlorene Schaf, denn über neunundneunzig, die nicht irre gingen. Und die Engel freuten sich auch. Ja, wenn einer von Gottes Auserwählten geboren wird, umstehen Engel seine Wiege. Er wächst auf und geräth in Sünden hinein; die Engel folgen und gehen ihm überall nach; sie sehen mit Betrübniß auf seine vielen Verirrungen; der Schutzengel läßt eine Thräne fallen, so oft sein Geliebter sündigt. Jetzt aber leiht der Mensch der Predigt des Evangeliums sein Ohr. Der Engel sagt: „Siehe, er fängt an zu hören.“ Er wartet eine kleine Weile; das Wort sinkt in sein Herz, Thränen rollen seine Wangen herab, und endlich ruft er aus seiner innersten Seele: „Gott, sei mir gnädig!“ Siehe, der Engel schlägt seine Flügel zusammen, er stiegt zum Himmel empor und spricht: „Ihr Engel, liebe Brüder, höret mich; sehet, er betet!“ Dann lassen sie die Himmelsglocken klingen; sie feiern ein Freudenfest in der Herrlichkeit; sie singen im Westen Ton, denn wahrlich, ich sage euch: „Es ist Freude im Himmel bei den Engeln Gottes über Einen Sünder, der Buße thut.“ Sie warten, bis wir beten, und wenn wir beten, sagen sie: „Siehe, er betet.“

Ueberdieß, meine Lieben, mag es noch andere Geister im Himmel geben, die sich freuen, außer den Engeln. Diese Personen sind unsere Freunde, die vor uns heimgegangen sind. Ich habe nicht viele Verwandte im Himmel; doch habe ich Eine, die ich innig liebe, die zweifellos oft für mich gebetet hat, denn sie verpflegte und erzog mich während eines Theils meiner Kindheit, und jetzt sitzt sie als eine Selige vor dem Throne - plötzlich von hinnen gerufen. Es ist mir, als schaute sie auf ihren lieben Enkelsohn herab, und als sie ihn auf den Wegen der Sünde, des Lasters und der Thorheit sah, konnte sie nicht weinend herabschauen, denn es gibt keine Thränen in den Augen der Verklärten; sie konnte nicht bekümmert herabschauen, denn von einem solchen Gefühl weiß man vor dem Throne Gottes nichts; doch ach, in dem Augenblick, wo ich durch die Gnade des Höchsten genöthigt wurde zu beten, wo ich ganz allein mein Knie beugte und mit Gott rang, da däuchte es mich, ich sehe sie, wie sie sprach: „Siehe, er betet; siehe, er betet.“ O, ich kann mir ihr Angesicht vorstellen. Sie schien zwei Himmel für einen Augenblick zu haben, eine doppelte Seligkeit, einen Himmel in mir sowohl, als in sich, - als sie sagen konnte: „Siehe, er betet.“ Du Jüngling, in jenen Himmelsweiten wandelt deine Mutter durch Salems goldene Gassen. Sie schaut in dieser Stunde aus dich herab; sie Verpflegte dich: an ihrer Brust lagst du als ein hülfloses Kind, und sie weihte dich dem Herrn Jesu. Vom Himmel aus hat sie dich mit jener ernsten Sorgfalt überwacht, die sich recht wohl mit der Seligkeit verträgt; diesen Morgen schaut sie auf dich herab. Was sagst du, Jüngling? Spricht Christus diesen Morgen in dein Herz hinein: „Komm zu mir?“ Läßt du Thränen der Buße fallen? Mich däucht, ich sehe deine Mutter, wie sie ausruft: „Siehe, er betet.“ Noch einmal beugt sie sich vor dem Throne Gottes und spricht: „Ich danke Dir, o Du gnädiger Gott, daß der, welcher mein Kind auf Erden war, jetzt Dein Kind im Lichte geworden ist.“

Doch wenn Jemand im Himmel ist, den die Bekehrung eines Sünders ganz besonders freut, so ist es ein Prediger des Evangeliums, einer von Gottes redlichen Knechten. O, meine Zuhörer, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie lieb ein solcher Knecht Gottes eure Seelen hat. Vielleicht denket ihr, es sei etwas Leichtes, hier zu stehen und euch zu predigen. Gott weiß, wenn das Alles wäre, es leicht genug wäre; doch wenn wir daran denken, daß wenn wir zu euch reden, eure Seligkeit oder Verdammniß einigermaßen von dem abhängt, was wir sagen, - wenn wir erwägen, daß, wenn wir untreue Wächter sind, Gott euer Blut von unsern Händen fordern wird - o guter Gott, wenn ich bedenke, daß ich Tausenden, vielen Tausenden in meinem Leben gepredigt und vielleicht Vieles gesagt habe, das ich nicht hätte sagen sollen, erschreckt es mich, macht es mich zittern und beben. Luther sagte, er könne seinen Feinden in's Auge sehen; aber er könne nicht seine Kanzel hinaufgehen, ohne daß seine Kniee zusammenschlotterten. Predigen ist kein Kinderspiel; es ist nicht etwas, das man leicht und sorglos thun kann; es ist etwas Feierliches, etwas furchtbar Verantwortliches, wenn man es in seinen Beziehungen zur Ewigkeit betrachtet. Ach, wie ein redlicher Seelsorger für euch betet! Wenn ihr unter den Fenstern seines Studierzimmers hättet horchen' können, würdet ihr ihn jeden Sonntag Abend über seine Predigten haben seufzen hören, weil er nicht eindringlicher gesprochen hatte; ihr hättet ihn mit Gott ringen und sagen hören: „Wer glaubt unserer Predigt? Wem ist der Arm des Herrn offenbar?“ Ach, wenn er euch beobachtet von seiner Ruhe im Himmel - wenn er euch beten sieht, wie wird er seine Hände zusammenschlagen und sagen: „Siehe, das Kind, das Du mir gegeben hast, siehe, es betet!“ Ich bin sicher, daß, wenn wir Jemand sehen, dem wir zur Erkenntnis; des Herrn haben verhelfen dürfen, es uns fast zu Muth ist wie demjenigen, der einen Mitmenschen vom Tode des Ertrinkens errettet hat. Ich sehe einen armen Menschen im Wasser; er kämpft mit den Wellen; er sinkt unter, er muß ertrinken; doch ich springe hinein, fasse ihn entschlossen an, bringe ihn an das Ufer und lege ihn auf den Boden; der Arzt kommt; er sieht ihn au, befühlt ihn und sagt: „Ich fürchte, er ist todt.“ Wir wenden alle Mittel an, die in unserer Gewalt sind, wir thun Alles, was wir können, um ihn in's Leben zurückzurufen. Ich fühle, daß ich dieses Mannes Erretter gewesen bin, und o, wie beuge ich mich nieder und lege mein Ohr an seinen Mund! Endlich sage ich: „Er athmet, er athmet!“ Was für eine Wonne liegt in diesem Gedanken: Er athmet; es ist noch Leben da! So ist es, wenn wir einem betenden Menschen begegnen; wir rufen aus: er athmet; er ist nicht todt, er lebt; denn so lang ein Mensch betet, ist er nicht todt in Sünden und Übertretungen, sondern Min Leben gebracht, lebendig gemacht durch die Macht des Geistes. „Siehe, er betet.“ Dieß war eine fröhliche Botschaft im Himmel, und darauf hatte Gott Acht.

Dann war dieß aber weiter ein Ereignis;, das auch den Menschen höchst erstaunlich vorkam. Ananias hob seine beiden Hände verwundernd empor. „O mein Herr, von diesem Manne würde ich am allerletzten geglaubt haben, daß er betete! Ist es möglich?“ Ich weiß nicht, wie es bei andern Predigern ist; doch zuweilen schaue ich auf Den und Jenen in der Gemeinde und sage: „Nun, sie geben mir viel Hoffnung; ich glaube, mein Meister wird sie mir schenken. Ich bin fast sicher, daß etwas in ihnen vorgeht, und ich hoffe, sie bald erzählen zu hören, was der Herr an ihren Seelen gethan hat.“ Bald aber sehe ich vielleicht nichts mehr von ihnen und muß sie endlich ganz vermissen; doch an ihrer Statt sendet mir mein Herr Einen, für den ich keine Hoffnung hatte - einen Ruchlosen, einen Trunkenbold, einen Auswürfling, zum Preis Seiner herrlichen Gnade. Dann hebe ich meine Hände verwundernd empor und denke: „An dich würde ich am allerletzten gedacht haben.“ Ich erinnere mich eines Umstandes, der sich erst vor Kurzem zutrug. Es war ein armer Mann, ungefähr sechzig Jahre alt; er war ein roher Matrose gewesen, einer von den schlimmsten Männern im Dorfe; er war dem Trunk ergeben, und es schien ihm Freude zu machen, wenn er recht fluchen und schwören konnte. Er kam indeß au einem Sonntag in die Kirche, als gerade einer meiner nahen Verwandten über den Text predigte, in welchem Jesus über Jerusalem weint. Und der arme Mann dachte: „Was? Hat Jesus über einen so elenden Menschen, wie ich bin, geweint?“ Er meinte, er sei zu schlecht, als daß Christus sich um ihn bekümmern sollte. Endlich kam er zu dem Prediger und sprach: „Lieber Herr, sechzig Jahre bin ich unter der Fahne des Teufels gesegelt; es ist Zeit, daß ich einen neuen Herrn bekomme; ich will das alte Schiff in den Grund bohren und ganz versenken; dann werde ich ein neues Schiff bekommen und unter der Fahne des Fürsten Immanuel segeln.“ Von diesem Augenblick an war dieser Mann ein Beter, der vor Gott in aller Aufrichtigkeit wandelte. Und doch war er der allerletzte Mensch, an den man gedacht haben würde. Es ist Gottes Art, so zu verfahren. Er kümmert sich nicht um den Diamanten, sondern hebt die Kieselsteine auf, denn Er ist im Stande, „dem Abraham aus Steinen Kinder zu erwecken.“ Gott ist weiser, als der Chemist. Er reinigt nicht bloß das Gold, sondern verwandelt das unedle Metall in köstliche Juwelen; Er nimmt die Schmutzigsten und Elendesten und bildet sie zu herrlichen Wesen, macht die zu Gerechten, die Sünder gewesen sind, und heilig, die unheilig gewesen sind.

Die Bekehrung des Saulus war etwas Wunderbares, Geliebte, doch nicht wunderbarer, als daß ich und ihr Christen geworden sind. Lasset mich euch fragen, was ihr geantwortet haben würdet, wenn noch vor wenigen Jahren euch Jemand gesagt hätte, ihr würdet zur Bürgerschaft Israels gehören und Glieder am Leibe Jesu sein? „Unsinn, Narrenpossen,“ würdet ihr gesagt haben, „ich bin keiner von euren singenden Methodisten; ich will vom Christenthum nichts wissen; ich will denken und handeln, wie mir's gefallt.“ Haben wir nicht so gesprochen, und wie in aller Welt sind wir hierher gekommen? Wenn wir die Veränderung ansehen, die mit uns vorgegangen, so erscheint es uns wie ein Traum. Gott hat Viele in unsern Familien übergangen, die besser waren als wir, und warum hat Er uns erwählt? O, ist es nicht wunderbar? Könnten wir nicht, wie Ananias, unsere Hände voll Erstaunen aufheben und sprechen: „Siehe, siehe, siehe, es ist ein Wunder auf Erden, ein Wunder im Himmel“?

„Wenn wir bequem, nach feiger Sitte,
Nur fröhlich sind in Freundesmitte,
Und tausend abgestorb'ne Sünder
Hinschätzen in das ew'ge Nichts;
Dann wandelt Er als Heilsverkünder
Im Strahle Seines Angesichts
Durch's Reich des Todes, zu beleben,
Was wir dem Tode schon gegeben.“

Das Letzte, was ich hier zu sagen habe, ist, daß diese Thatsache für Saul selbst eine Neuigkeit war: „Siehe, er betet.“ War denn das etwas Ungewöhnliches? Saul pflegte zweimal des Tages, um die Stunde des Gebets, in den Tempel zu gehen. Wenn ihr ihn hättet begleiten können, würdet ihr ihn schön haben reden hören, etwa in folgenden Worten: Herr, ich danke dir, daß ich nicht bin wie andere Leute; ich bin kein Räuber, kein Zöllner; ich faste zweimal in der Woche, und gebe den Zehnten von Allem, das ich habe;„ und so fort. O, ihr hättet ihn finden können, wie er eine künstliche Rede vor dem Throne Gottes hielt. Und doch heißt es: „Siehe, er betet.“ Was? hatte er denn vorher nie gebetet? Nein, nie. Alles, was er vorher gethan hatte, war ohne Werth; es war kein Gebet. Ich habe von einem alten Herrn gehört, den man als Kind folgendes Gebet lehrte; „Ich bitte Dich, lieber Gott, segne meinen Vater und meine Mutter,“ und dieses Gebet betete er siebenzig Jahre fort, als seine Eltern längst todt waren. Hernach gefiel es Gott in Seiner unendlichen Barmherzigkeit, sein Herz zu rühren, und er gelangte zu der Einsicht, daß trotz der Zähigkeit, mit der er an der Form festhielt, er gar nicht gebetet hatte; er hatte oft seine Gebete hergesagt, aber nicht gebetet. So war es mit Saul. Er hatte seine prächtigen Reden gehalten; doch hatten sie lediglich keinen Werth. Er hatte lange Gebete vorgewendet und damit gar nichts erreicht. Nun kommt eine ernstlich gemeinte Bitte, und es heißt: „Siehe, er betet.“ Siehst du jenen Menschen, der gerne Gehör bei seinem Schöpfer erlangen möchte? Wie er dasteht! Er spricht schöne und zierliche Verse vor des Allmächtigen Thron; doch Gott sitzt in ruhiger Gleichgültigkeit da und achtet gar nicht darauf. Dann versucht es der Mensch auf eine andere Weise; er kauft sich ein Buch, beugt seine Kniee abermal und betet das beste alte Gebet, das je zusammengesetzt werden konnte; doch der Allerhöchste kehrt sich nicht an seine leeren Formalitäten. Endlich wirft der Arme das Buch weg, vergißt seine schönen Verse und sagt: „O Herr, höre mich, um Christi willen.“ „Ihn hören?“ sagt Gott, ich habe ihn gehört. Ich gewähre dir deine Bitte. Ein herzliches Gebet ist besser als zehntausend Formen. Ein Gebet, das aus der Seele kommt, ist besser als eine Myriade kalter Vorlesungen. Die Gebete, die nur dem Munde und Kopfe entspringen, verabscheut Gott; Er mag die, welche aus der Tiefe des Herzens kommen. Vielleicht würdet ihr mich für unverschämt halten, wenn ich euch sagte, daß Hunderte diesen Morgen hier sind, die nie in ihrem Leben gebetet haben. Von Einigen bin ich es ganz gewiß. Es sitzt ein junger Mensch da drüben, der seinen Eltern beim Abschied versprach, er würde jeden Morgen und Abend sein Gebet hersagen. Doch er schämt sich dessen jetzt und hat es aufgegeben. Nun, Jüngling, was willst du thun, wenn du sterben mußt? Wirst du das Losungswort an den Thoren des Todes haben? Wirst du dich zum Himmel cinbeten? Nein; du wirst nichts haben und nichts erlangen, sondern von Christo weggetrieben und verworfen werden.

II.

Zweitens haben wir hier einen Grund. „Denn siehe, er betet.“ Es war dieß vor allen Dingen ein Grund für Ananias Sicherheit. Der arme Ananias fürchtete sich, zu Sau! zu gehen; er dachte, es sei dieß eben so gut, als wenn er in eine Löwenhöhle träte. „Wenn ich in sein Hans gehe,“ dachte er, „ergreift er mich, sobald er mich sieht, und führt mich nach Jerusalem, denn ich bin einer von Christi Jüngern; ich kann nicht gehen.“ Gott aber sagt: „Siehe, er betet. „Nun,“ sagt Ananias, „das genügt mir. Wenn er betet, wird er mir nichts zu leid thun; wenn seine Andacht eine wahre ist, bin ich sicher.“ Ja, einem Menschen, der betet, darf man immer trauen. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß selbst gottlose Menschen einen redlichen Christen stets hochachten. Ein Herr hat gern einen gläubigen Knecht; wenn er auch selbst nichts auf die Religion halt, so hat er doch gern einen frommen Knecht, und wird ihm eher trauen, als einem andern. Es ist wahr, es gibt Leute, die immer vom Gebet herunterreden, und keinen Gebetsgeist in sich haben. Doch wo ihr einen Menschen findet, der wirklich betet, dem dürft ihr vollkommen trauen: denn wenn er wirklich betet, braucht ihr euch nicht vor ihm zu fürchten. Wer im Geheimen mit Gott verkehrt, dem darf man öffentlich trauen. Es ist mir immer wohl bei einem Menschen, von dem ich weiß, daß er vor dem Gnadenthron erscheint. Ich habe eine Anekdote von zwei Herren gehört, die mit einander die Schweiz bereisten. Ihr Weg führte sie durch dichte Wälder, und ihr wisset, was für schauerliche Geschichten man sich von den darin befindlichen Wirthshäusern erzählt, wie mancher Reisende dort schon ermordet worden sei. Als sie nun vor einem solchen Wirthshaus ankamen, sagte der eine von ihnen, ein Ungläubiger, zu dem andern, der ein Christ war: „Hier mag ich gar nicht einkehren; es ist wirklich sehr gefährlich.“ „Nun,“ sagte der andere, „wir wollen es einmal versuchen.“ Sie gingen also in das Haus; aber es sah so verdächtig aus, daß es ihnen bange wurde, und sie dachten, wie viel besser es wäre, zu Hause im lieben Vaterlande zu sein. Sogleich aber sagte der Wirth: „Meine Herren, ich pflege vor Schlafengehen mit meiner Familie zu lesen und zu beten; darf ich es heute Abend auch so halten?“ „Ja,“ erwiederten sie, „es ist uns ganz erwünscht.“ Als sie die Treppe hinaufgingen, sagte der Ungläubige: „Jetzt fürchte ich mich gar nicht mehr.“ „Warum?“ fragte der Christ. „Weil unser Wirth gebetet hat.“ „O,“ sagte der andere, „dann halten Sie doch etwas auf die Religion; weil ein Mensch betet, können Sie in seinem Hause schlafen.“ Und es war wunderbar, wie gut sie schliefen. Sie hatten liebliche Träume, denn sie fühlten, daß, wo das Haus mit Gebet bedacht und von der Andacht ummauert worden war, sich kein lebendiger Mensch finden könnte, der ihnen hätte Schaden zufügen wollen. Dieß war also ein Grund für den Ananias, warum er sicher in Sauls Haus gehen konnte. Doch noch mehr als das war es auch ein Grund für die Aufrichtigkeit des Paulus. Herzensgebet beweist am allerbesten, daß es uns mit unserm Christenthum ein Ernst ist. Wenn Jesus zu Ananias gesagt hätte: „Siehe, er predigt,“ würde Ananias gesagt haben: „Das mag er thun und doch ein Betrüger sein.“ Wenn Er gesagt hätte: „Er wohnt einer Versammlung in der Gemeinde an,“ würde Ananias gesagt haben: „Er kann als ein Wolf in Schafskleidern hineingegangen sein.“ Doch als Er sagte: „Siehe, er betet,“ ließ sich nichts mehr einwenden. Ein junger Mensch kommt und sagt mir, was er gefühlt und was er gethan habe. Endlich sage ich: „Knie nieder und bete.“ „O, das mag ich nicht.“ „Du sollst aber.“ Er fallt auf seine Kniee nieder, er kann kaum ein Wort herausbringen; er fängt an zu seufzen und zu schreien, und da liegt er auf seinen Knieen, bis er endlich herausstammelt: „Herr, sei mir Sünder gnädig; ich bin der größeste Sünder; sei mir gnädig!“ Dann bin ich etwas mehr befriedigt und sage: „Ich habe auf all' dein Gerede nicht geachtet, ich wollte dich beten hören.“ Doch o, wenn ich ihm jetzt nach Haufe folgen, wenn ich ihn allein beten sehen konnte, dann wäre ich ganz beruhigt, denn wer im Verborgenen betet, ist ein wahrer Christ. Das bloße tägliche Lesen aus einem Andachtsbuch beweist nicht, daß du ein Kind Gottes bist; wenn du aber im Verborgenen betest, dann ist es dir mit deinem Christenthum Ernst; und ein kleines Wörtlein, tief empfunden aus dem Herzen Gottes und in die Ewigkeit hineingeseufzet, ist besser als Berge von Gebetsformularen. Herzensfrömmigkeit ist die beste Frömmigkeit. Wer betet, hört auf zu fündigen, und wer sündigt, hört auf zu beten. Innerliches, verborgenes Gebet beweist, daß du wirklich bekehrt bist. Ein Mensch kann bei aller Redlichkeit doch irren. Paulus trug der Wahrheit ein redliches Herz entgegen. „Siehe, er betet,“ war der beste Beweis, daß es ihm mit seiner Religion Ernst war. Wenn Jemand von mir verlangte, ihm mit Einem Worte zu sagen, was das Christenthum sei, würde ich antworten: „Gebet.“ Wenn man mich fragte, was die ganze christliche Lebenserfahrung in sich begreife, würde ich antworten: „Gebet.“ Ein Mensch muß von der Sünde überzeugt werden, ehe er beten kann; er muß einigermaßen hoffen, daß Gnade für ihn vorhanden sei, ehe er beten kann. In Wahrheit, alle christlichen Tugenden sind in das Wort „Gebet“ eingeschlossen. Sage mir nur, daß du betest, und ich werde dir sogleich antworten: „Mein Lieber, ich zweifle nicht, daß du ein redlicher und aufrichtiger Christ bist.“

Nur noch einen Gedanken, und ich will diesen Gegenstand verlassen. Es war ein Beweis von dieses Mannes Erwählung, denn ihr leset sogleich darauf: „Siehe, er ist mir ein auserwähltes Rüstzeug.“ Ich begegne oft Leuten, die sich mit der Lehre von der Gnadenwahl viel zu thun machen. Ich bekomme hie und da einen Brief von dem Einen und dem Andern, die mich tadeln, daß ich über die Gnadenwahl predige. Alles, was ich antworten kann, ist: „Da steht sie in meiner Bibel; gehet und fraget meinen Meister, warum Er sie hineingesetzt hat. Ich kann es nicht anders machen. Ich bin bloß ein Diener und bringe euch eine Botschaft vom Himmel. Wenn ich ein Bedienter wäre, würde ich meines Meisters Botschaft an der Thüre nicht ändern. Nun bin ich aber ein Gesandter des Allerhöchsten, und darf die Botschaft nicht ändern, die ich empfangen habe. Wenn sie nicht recht ist, so beschwert euch im himmlischen Hauptquartier. Sie lautet einmal so und ich kann sie nicht ändern. So viel zur Erklärung.“ Einige fragen: „Wie kann ich wissen, ob ich ein Erwählter Gottes bin? Ich fürchte, ich bin kein Erwählter Gottes.“ Wenn man von dir sagen kann: „Siehe, er betet,“ so kann man auch sagen: „Siehe, er ist ein auserwähltes Rüstzeug.“ Hast du Glauben, so bist du ein Erwählter. Dieß sind die Merkmale der Erwählung. Wenn du keines von diesen Merkmalen an dir trägst, so hast du keinen Grund anzunehmen, daß du zum Volk des Eigenthums gehörst. Möchtest du gerne glauben? Wünschest du, Christum zu lieben? Hast du den millionsten Theil eines Verlangens, zu Christo zu kommen? Und ist es dir Ernst mit diesem Verlangen? Treibt es dich an, inbrünstig und mit Thränen zu beten? Wenn du diese Fragen bejahen kannst, darfst du an deiner Erwählung nicht zweifeln, denn wer in Aufrichtigkeit betet, ist von Gott vor Grundlegung der Welt erwählt, daß er heilig und unsträflich vor Christo sein sollte in der Liebe.

III.

Nun wollen wir das Gesagte auf uns anwenden. Erlaubet mir, noch einige Worte an euch zu richten, ehe ich euch entlasse. Ich bedaure, daß ich nicht tiefer in den Gegenstand eingehen kann; doch mein göttlicher Meister will ja nur, daß ein Jeder gibt, nachdem er hat, und nicht nachdem er nicht hat. Ich bin mir vollkommen bewußt, daß ich euch die Wahrheit nicht so feierlich und eindringlich predige, wie ich sollte, „obwohl meine Sache des Herrn, und mein Amt meines Gottes ist,“ und der jüngste Tag offenbaren wird, daß mein Irrthum nur in mangelhafter Erkenntniß und nicht in aufrichtiger Liebe zu euren Seelen lag.

Zuerst erlaubt mir, mit den Kindern Gottes zu reden. Sehet ihr nicht, meine lieben Brüder, daß, wenn ihr fleißig betet, dieß das beste Kennzeichen eurer Gotteskindschaft ist? „Siehe, er betet.“ Nun denn, folgt daraus nicht nothwendig, daß, je mehr ihr vor dem Gnadenthron erscheinet, desto sicherer auch eure Erwählung ist? Vielleicht habt ihr das Zeugniß verloren; ihr wisset nicht, ob ihr Kinder Gottes seid oder nicht; ich will euch sagen, wo ihr es verloren habt - in eurem Kämmerlein. So oft ein Christ rückfällig wird, fängt sein Abweichen im Kämmerlein an. Ich spreche aus der Erfahrung. Ich habe mich oft von Gott wegverirrt - nicht so, daß ich ganz aus der Gnade gefallen wäre, ich weiß es, aber ich habe oft den süßen Wohlgeruch Seiner Liebe verloren, und mußte sagen:

„Seele, einstmals warst du selig,
Christus war dein Trost und Licht;
Ach, wie war dein Wandel fröhlich
Vor des Retters Angesicht!
Doch der Glaub' ist erloschen, die Liebe verglommen,
Die Seele in Trauer und Dürre verkommen;
Wo ist doch mein Heiland? ich sehe Ihn nicht;
Wann leuchtet mir wieder Sein huldreich Gesicht?

Ich bin in Gottes Haus gegangen, um zu predigen, doch ohne Kraft und Nachdruck; ich habe die Bibel gelesen, doch ohne erleuchtet zu werden; ich habe es versucht, Gemeinschaft mit Gott zu pflegen, doch es hat mich Alles nichts genützt Soll ich euch sagen, wo das anfing? Es fing in meinem Kämmerlein an. Ich hatte gewissermaßen aufgehört zu beten. Hier stehe ich und bekenne meine Fehler; ich gestehe, daß mein Abweichen von Gott immer im Kämmerlein beginnt. O Christen, möchtet ihr glücklich sein? Betet viel. Möchtet ihr siegen? Betet noch mehr.

„O Gott, mein Vater, Deinen Geist,
Der für und für mich beten heißt,
Gib mir in vollem Maaße;
So bet' ich viel und nicht zu viel,
Und wandle nach dem besten Ziel
Dahin die rechte Straße!“

Eine fromme Frau pflegte zu sagen: „Ich ließe mich für tausend Welten nicht aus meinem Kämmerlein heraus locken.“ Ein gottseliger Mann sagte: „Wenn die zwölf Apostel in deiner Nähe wohnten und du Zutritt zu ihnen hättest, der Umgang mit ihnen aber dich am Gebet im Kämmerlein hinderte, so waren sie ein wirklicher Schaden für deine Seele.“ Das Gebet ist das Schiff, das die reichste Fracht nach Hause bringt. Es ist der Boden, der die reichste Ernte gibt. Bruder, wenn du des Morgens aufstehst und dein Geschäft so drangt, daß mit einem oder zwei flüchtigen Worten du dich in das Gewühl der Welt stürzest, und Abends, matt und müde, Gott nur die Hefen des Tages, gibst, so ist das eben ein Beweis, daß du keine Gemeinschaft mit Ihm hast. Wenn wir ein so laues und schläfriges Christenthum führen, so kommt dieß eben daher, weil wir nicht mehr beten. Ihr Lieben, ich halte nichts auf die Gemeinden unsrer Tage, die nicht beten. Ich gehe hier in London von einem Gotteshause zum andern und ich sehe ziemlich große Versammlungen, doch wenn ich in ihre Betstunden an Werktag Abenden gehe, finde ich vielleicht zwölf Personen. Kann Gott uns segnen, kann Er Seinen Geist über uns ausgießen, so lange solche Dinge vorgehen? Er könnte wohl; aber es wäre gegen Seinen heiligen Willen, denn Er spricht: „Wenn Zion Wehen kriegt, werden ihr Kinder geboren.“ Gehet in eure Kirchen und Kapellen mit dem Vorsatz, daß ihr mehr beten wollet. Viele von euch haben hier nichts zu thun. Ihr solltet in euern eigenen Kirchen und Kapellen sein. Ich will die Leute nicht von andern Gotteshäusern wegstehlen; ich habe Zuhörer genug. Doch, obgleich ihr diesen Morgen gesündigt habt, solltet ihr euch meine Predigt möglichst zu Nutze machen. Gehet heim und saget eurem Pfarrer: „Herr Pfarrer, es muß mehr gebetet werden.“ Treibet die Leute an, daß sie mehr beten. Haltet Betstunden, und wenn ihr auch ganz allein wäret; und wenn man euch fragt, wie Viele dagewesen seien, könnet ihr sagen: „Vier!“ „Vier! wie so?“ „Nun, ich war da, und Gott der Vater, Gott der Sohn und Gott der heilige Geist, und wir haben reichen und gesegneten Umgang mit einander gehabt.“ Ein rechter Gebetsgeist muß über uns ausgegossen werden, oder was soll aus vielen unserer Gemeinden werden? O, möge Gott uns Alle erwecken und uns zum Beten antreiben, denn wer betet, der siegt. Ich möchte euch diesen Morgen nehmen, wie Simson die Füchse nahm, möchte die Bränder des Gebets an euch binden und euch in das Korn hineinschicken, bis Alles verbrannt wäre. Ich möchte durch meine Worte ein Feuer anzünden und jede Gemeinde in Brand stecken, bis Alles wie ein Opfer zu Gottes Thron aufstiege. Wer betet, beweist, daß er ein Christ ist; je weniger ihr betet, desto schlimmer steht es um euer Christenthum, und wenn ihr im Beten ganz laß geworden seid, habt ihr zu athmen aufgehört und müßt fürchten, daß ihr überhaupt nie geathmet habt.

Und nun mein letztes Wort an die Gottlosen. O Freunde, ich möchte lieber an jedem andern Orte denn hier sein, denn wenn den Frommen zu predigen schon schwer ist, um wie viel mehr den Unbekehrten und Unwiedergeborenen. Wir fürchten einerseits, wir möchten so zu euch reden, daß ihr im falschen Vertrauen auf eure eigene Kraft bestärkt werdet, während wir auf der andern Seite sorgen, wir möchten euch in den Schlaf der Trägheit und Sicherheit einlullen. Ich glaube, den Meisten von uns sind die Schwierigkeiten, euch recht zu predigen, nicht verborgen - nicht als ob wir zweifelten, daß euch etwas Anderes als das Evangelium gepredigt werden dürfe - aber unser Wunsch ist, es so zu thun, daß wir dadurch eure Seelen gewinnen. Es geht mir wie einem Wächter, der, während er eine Stadt bewacht, vom Schlaf gequält wird; wie ist er so ernstlich bemüht, sich wach zu erhalten und der Schwachheit sich zu erwehren, die ihn übermannen möchte. Der Gedanke an seine Verantwortlichkeit läßt ihm keine Ruhe. Es mangelt ihm nicht an gutem Willen, sondern an Kraft; und so, hoffe ich, sind alle Wächter des Herrn bemüht, treu zu sein, während sie zu gleicher Zeit ihre Unvollkommenheit kennen. Es geht dem Diener Christi wirklich, wie jenem alten Wärter im Leuchtthurm zu Eddystone. Das Leben entfloh ihm schnell; doch raffte er alle seine Stärke zusammen und kroch noch einmal rings umher, um die Lichter anzuschüren, ehe er starb. O möge der heilige Geist uns in den Stand setzen, das Lärmfeuer helle zu erhalten, um euch vor den Felsen, Untiefen und dem Flugsand zu warnen, die euch umgeben, und möchten wir euch immer auf Jesum hinweisen und nicht auf den freien Willen oder die eigene Gerechtigkeit. Wenn meine Freunde wüßten, wie sehr es mir um göttliche Leitung in einer so wichtigen Sache wie die Bußpredigt zu thun gewesen ist, würden sie sich nicht gebahren, wie es wenigstens schon Einzelne gethan haben, die da wähnen, meine Lehre sei falsch. Ich will Gottes Befehl Folge leisten, und wenn Er mir sagt, ich solle den verdorrten Gebeinen predigen und sie werden leben, so muß ich es thun, wenn es auch Andern nicht gefällt, denn sonst würde ich in meinem eigenen Gewissen und von Gott verdammt werden. Nun lasset mich mit allem Ernst, der einem Menschen zu Gebote steht, euch sagen, daß eine Seele die nicht betet, eine christuslose Seele ist. So wahr als der Herr lebet, ihr, die ihr nie gebetet habt, seid ohne Gott, ohne Hoffnung und Freude von der Bürgerschaft Israels. Ihr, die ihr nie erfahren habt, was ein Seufzer oder eine rollende Thräne ist, seid ohne göttliches Leben. Laßt mich euch fragen, ob ihr je bedacht habt, in welchem furchtbaren Zustande ihr euch befindet? Ihr seid fern von Gott und deßwegen zürnt euch Gott, denn „dem Gottlosen zürnt Gott den ganzen Tag.“ O Sünder, hebe .deine Augen auf und siehe das drohende Angesicht Gottes, denn Er zürnt mit dir. Und ich beschwöre dich bei der Liebe, die du zu dir selbst hast, nur einen Augenblick zu erwägen, was aus dir werden wird, wenn du sterben solltest, wie du gelebt hast, das heißt ohne Gebet. Denke nicht, ein einziges Gebet auf dem Todtenbett könne dich selig machen. Das Gebet auf dem Todtenbett ist gewöhnlich nur ein Possenspiel und hat keinen Werth; es ist eine Münze, die im Himmel nicht klingt, sie trägt das Gepräge der Heuchelei an sich und ist von unedlem Metall. Sehet euch wohl vor. Was wollet ihr anfangen, ihr, die ihr nie gebetet habt? Es wäre gut für euch, wenn der Tod ein ewiger Schlaf wäre; doch er ist es nicht. Wenn ihr in der Hölle seid, welche Qualen und Marter werdet ihr da erdulden müssen; doch will ich euch eine Schilderung derselben ersparen. Möge Gott euch Gnade geben, daß ihr nie die Pein der Verlorenen fühlen müßt. Denket nur an den Unglücklichen, der aus den Flammentiefen herausruft: „O nur einen Tropfen Wasser, daß ich meine verdorrte Zunge kühle!“ Sehet, wie seine Zunge zwischen seinen verbrannten Lippen heraushängt! Wie sein Wurm, sein Feuer nicht vergeht! Sehet, wie er um einen Tropfen Wasser schreit! Wie ihn Schreckbilder jeder Art grauenvoll umstehen! Doch genug hievon. Ich will zum Schluß dir nur noch sagen, armer Sünder, daß die Hölle der Höllen der Gedanke: „ewig, ewig,“ für dich sein wird. Du wirst zum Throne Gottes aufschauen, und es wird daran geschrieben stehen: „ewig, ewig!“ Wenn die Verdammten die brennenden Ketten ihrer Qualen rasseln lassen, werden sie sagen: „ewig, ewig!“ Wenn sie heulen, ruft das Echo: „ewig, ewig!“

„O Ewigkeit, o Ewigkeit,
Wie lang bist du, o Ewigkeit!
So lang und lang Gott Gott wird sein,
So lang wird sein der Holle Pein,
So lang wird folgen ew'ges Leid
Dem, der verscherzt die Gnadenzeit.

Schmerzlicher Gedanke: „Wenn ich nur herauskommen könnte, dann würde ich glücklich sein. Wenn Hoffnung einer Erlösung vorhanden wäre, könnte ich mich zufrieden geben; doch hier muß ich ewig bleiben!“ Ihr Lieben, wenn ihr den ewigen Qualen entfliehen, wenn ihr unter der Zahl der Gesegneten erfunden werden möchtet, es gibt hierzu nur ein Mittel - Gebet zu Jesu, Gebet um den heiligen Geist, Bitten und Flehen vor dem Gnadenthrone. „Bekehret euch, bekehret euch; warum wollt ihr sterben, ihr vom Hause Israel? So wahr, als ich lebe, spricht der Herr Herr, Ich habe keinen Gefallen am Tode des Sterbenden, sondern daß er sich zu mir bekehre und lebe.“ „Der Herr ist gnädig und barmherzig, geduldig und von großer Güte.“ Wir wollen zu Ihm gehen und sagen: „Bekehre du uns, so sind wir bekehret; hilf du uns, so ist uns geholfen.“ O, wenn ich heute nur Eine Seele gewinne, will ich zufrieden nach Haufe gehen! Wenn ich aber nur Zwanzig gewinne, will ich mich freuen. Je mehr Seelen ich gewinne, desto mehr Kronen werde ich tragen. Tragen? Nein, ich werde sie alle nehmen und zu Jesu Füßen werfen und sagen: „Nicht mir, Herr, sondern Deinem Namen sei Ehre in Ewigkeit.“ Amen.

„Wie ein lebendig Angesicht
Im Spiegel seinem Bild entspricht,
So leuchte, Herr, im Herzen mein,
Und drück' Dein eig'nes Bild hinein.
So lang' ich hier ein Pilger bin,
Weck' mir durch Liebe Geist und Sinn;
Sei Du mein Freund, der mich regiert
Und näher stets zum Ziele führt.
Zeig' stündlich, was ich solle thun;
Laß stets in Deiner Kraft mich ruh'n;
Laß leben mich auf Dein Gebot,
Und sterben Deines Volkes Tod.“

autoren/s/spurgeon/p/pauli_erstes_gebet.txt · Zuletzt geändert: von aj