Spurgeon, Charles Haddon - Die neue Art und Weise.

„Und alsbald stand er auf, nahm sein Bette und ging hinaus vor Allen; also, daß sie sich alle entsetzten und priesen Gott und sprachen: wir haben Solches noch nie gesehen.“
(„Wir sahen es nie auf diese Art.“ Engl. Ueb.) Marc. 2,12.

Es ist sehr natürlich, daß vieles Ueberraschende im Evangelium ist, denn es ist über alle Maßen merkwürdig, daß überhaupt ein Evangelium da ist. So bald ich beginne, darüber nachzudenken, so rufe ich mit Bunyan auf: „O Welt der Wunder, weniger kann ich nicht sagen;“ und ich fordere euch alle auf, der Menge beizustimmen, indem ihr mit unsrem Texte sagt: „Wir haben Solches noch nie gesehen.“ Als der Mensch gesündigt hatte, da hätte Gott augenblicklich unser aufrührerisches Geschlecht zerstören können oder hätte ihm gestatten können, fort zu existiren, wie die gefallenen Engel, in einem Zustande der Feindschaft gegen alles Gute und in dem daraus folgenden Elende. Aber er, der an den Engeln vorüber ging, nahm den Samen Abraham’s an sich und blickte auf den Menschen – diesen unbedeutenden Punkt in den Reihen der Schöpfung – und beschloß, daß der Mensch errettet werden und an ihm die göttliche Gnade sich zeigen sollte. Es war ein wundervolles Ding gleich zu Anfang, daß es ein Evangelium für die Menschen gab; und wenn wir daran denken, daß das Evangelium die Gabe des eingebornen Sohnes Gottes in sich schloß, wenn wir uns erinnern, daß es nöthig war, daß Gott, der unsichtbare Geist, sich in menschliches Fleisch einhüllte, daß der Sohn Gottes der Sohn Marien’s ward, Schmerzen, Schwachheit, Armuth und Schande auf sich nahm – wenn wir an all’ dieses denken, so können wir erwarten, daß große Wunder diese staunenswürdige Thatsache umgeben.

Wenn wir Gott im menschlichen Fleische sehen, so scheinen uns Wunder nicht länger wunderbar, denn die Menschwerdung Gottes übertrifft weit alle andern Wunder. Aber wir müssen ferner daran gedenken, daß, um das Evangelium uns zu bringen, es nöthig war, daß Gott in unserer Natur die Sühne für die menschliche Sünde darbrachte. Denkt daran! Der heilige Gott bringt Sühne für die Sünde dar! Als die Engel zuerst davon hörten, müssen sie sich in Staunen verloren haben, denn sie „hatten Solches noch nie gesehen.“ Soll der Beleidigte für den Beleidiger sterben? Soll der Richter die Strafe des Verbrechers tragen? Soll Gott die Uebertretungen seines Geschöpfes auf sich nehmen? Doch ist es so gewesen und Jesus Christus hat die Strafe der Sünde, - nein, die Sünde selbst, getragen, damit wir sie immer tragen möchten. „Da er um die Missethat meines Volkes geplagt war.“ Jesus ward für uns zum Fluch gemacht, denn es steht geschrieben: „Verflucht ist Jedermann, der am Holz hänget.“ Nun, man kann sich das nicht denken, daß ein ganz gewöhnliches Resultat aus einem Evangelium entspringen wird, das zu aufrührerischen Menschen gesandt ist und das die Menschwerdung und den Tod des Sohnes Gottes enthält. Alles in Gottes Schöpfung steht in einem bestimmten Verhältnisse zu einander. Es giebt ein solches für den Thautropfen auf der Rose, wie für den majestätischsten jener Weltkörper, welche die Stirne der Macht schmücken. Gesetze ordnen Alles, von dem einzelnen Wassertropfen bis zum Ocean. Alles ist gegeneinander abgemessen, und deshalb sind wir überzeugt, daß in einer Sache, bei welcher der Anfang gemacht wird mit einem menschgewordenen Gott und einer unendlichen Versöhnung, sehr viel Auffallendes sein muß, wir sollten darauf gefaßt sein, oft auszurufen: „Wir haben Solches noch nie gesehen.“ Gewöhnliches ist dem Evangelium fremd; wir sind in’s Land der Wunder eingetreten, als wir die Liebe Gottes in Christo Jesu sahen. Erdichtung ist noch übertroffen durch das Evangelium. Was für Wunder Menschen auch erdenken können, die Thatsachen der staunenswerten Gnade Gottes sind außergewöhnlicher, als irgend etwas, was die Einbildungskraft je erfunden.

Ich wünsche jetzt zwei oder drei Dinge denen zu sagen, die nicht mit dem Evangelium vertraut sind. Einige sind hier herein gekommen, denen das Evangelium, wie wir glauben, etwas ganz Neues ist. Ich möchte ihnen sagen, zuerst, verwerft es nicht, weil es euch als etwas sehr Sonderbares auffällt. Zweitens, bedenkt, daß im Evangelium erstaunliche und überraschende Dinge sein müssen; und wir werden versuchen, sie euch darzulegen, in der Hoffnung, daß, weit entfernt, sie zu verwerfen, der Glaube in eurer Seele gewirkt werden möge, während ihr sie hört. Und drittens, wenn euch einige dieser sonderbaren Dinge begegnet sind und ihr zu sagen habt: „Wir haben solches nie gesehen,“ dann preiset Gott und gebt seinem Namen neue Ehre.

I.

Zuerst also, verwerft das Evangelium nicht, weil es euch in Staunen setzt. Gedenkt zuerst daran, daß nichts wirklicher Erkenntniß so sehr im Wege steht, als Vorurtheil. Unser Geschlecht hätte sehr viel mehr wissenschaftliche Thatsachen kennen gelernt, wenn es nicht in so großen Maße von wissenschaftlichen Voraussetzungen eingenommen und gefangen gehalten gewesen wäre. Nehmt Bücher über die meisten Wissenschaften zur Hand und ihr werdet finden, daß der größte Theil des Inhalts eine Antwort ist auf verschiedene Theorien, die in vergangenen Zeiten aufgestellt sind oder in neuere entsprungen. Theorien sind die Hindernisse der Wissenschaft; der Schutt, der hinweg geräumt werden muß, damit die werthvollen Thatsachen bloßgelegt werden können. Wenn ihr an das Studium eines Gegenstandes geht und euch sagt: „Diese Gestalt muß die Sache annehmen,“ und vorher schon bei euch ausgemacht habt, was die Thatsachen sein sollten, so habt ihr euch eine Schwierigkeit in den Weg gestellt, die größer ist, als irgend eine, die der Gegenstand euch bereiten könnte. Vorurtheil ist das Hinderniß des Fortschritts, Glauben, daß wir wissen, ehe wir wissen, hindert uns, wirkliche Entdeckungen zu machen und zu richtiger Erkenntniß zu kommen. Als ein Beobachter zuerst die Flecken an der Sonne entdeckte, gab er davon Bericht, aber er wurde vor seinen Beichtvater gerufen und getadelt, daß er so etwas gesagt hätte. Der jesuitische Vater sagte, er habe den Aristoteles mehrere Male durchgelesen und hätte im Aristoteles keine Erwähnung der Sonnenflecken gefunden und deshalb könne es deren nicht geben; und als der Getadelte erwiederte, daß er diese Flecken durch ein Glas gesehen, sagte ihm der Vater, er müsse seinen Augen nicht glauben; er müsse ihm glauben; weil es von vornherein gewiß sei, daß, wenn Aristoteles keine Flecken angegeben hätte, es keine Flecken geben könne und er dürfe es nicht glauben. Nun, es giebt Einige, die kommen, um das Evangelium in diesem Geiste zu hören. Sie haben eine Vorstellung von dem, was das Evangelium sein sollte – ein recht starkes und gußeisernes Glaubensbekenntniß von eignem Machwerk, oder ein ererbtes, das sie mit dem alten Erbschrank übernommen haben; und sind deshalb nicht vorbereitet, freimüthig zu hören und zu lernen, ebensowenig wenden sie sich zu der Schrift, um das zu verstehen, was der Geist Gottes meint, sondern um Tünche für ihre Vorurtheile zu finden. Es ist leicht, Jemanden ein Ding zu zeigen, wenn er seine Augen aufthun will, aber wenn er seine Augen schließt und entschlossen ist, nicht zu sehen, so ist die Aufgabe schwer. Ihr könnt ein Licht rasch genug anzünden, aber ihr seid nicht dazu im Stande, wenn ein Löschhütchen darüber ist; und es giebt Leute, die ihre Seelen ausgelöscht haben und sie mit Vorurtheilen bedeckt haben. Sie machen sich zu Richter über das, was das Evangelium sein sollte, und daher sind sie, wenn irgend etwas gesagt wird, das zu ihren vorgefaßten Ideen nicht paßt, sofort beleidigt. Dies ist sehr abgeschmackt, und bei einer Sache, die unsere Seelen betrifft, ist es schlimmer als lächerlich; es ist gefährlich im höchsten Grade. Wir sollten zu der Predigt des Wortes kommen mit dem Gebot: „Herr, lehre du mich, Heiliger Geist, leite mich in alle Wahrheit. Laß mich sehen, daß eine Lehre in deinem Worte enthalten ist, und ich will sie annehmen, ob sie auch allen meinen Vorurtheilen widerspricht. Obgleich sie mir als etwas ganz Neues erscheinen sollte, doch, wenn sie klar das Wort Gottes ist, so bin ich gewillt, sie anzunehmen und mich darüber zu freuen.“ Gott gebe uns einen solchen Geist, so daß, wenn wir mit dem Text sagen müssen: „Wir haben Solches noch nie gesehen,“ doch unsere Vorurtheile uns nicht hindern mögen, die Wahrheit anzunehmen.

Laßt uns bedenken, lieben Freunde, daß unsere Väter viele Dinge, von denen wir wissen, daß sie wahr sind, nicht geglaubt haben würden, wenn sie ihnen enthüllt worden wären. Ich bin gewiß, daß viele Generationen von Engländern, wenn ihnen mitgetheilt wäre, daß Menschen vierzig bis fünfzig Meilen die Stunde reisen würden, von einer Dampfmaschine, ohne Pferde gezogen, ihre Häupter geschüttelt und solche Vorhersagung verlacht hätten. Selbst vor Kurzem noch, wenn da Jemand prophezeiht, daß wir im Stande sein würden, über den Atlantischen Ocean in einem Augenblick hinweg zu sprechen, und rasch eine Antwort zu erhalten durch ein Kabel, das auf den Grund des Oceans gelegt wäre, so hätten wir selber das nicht für möglich gehalten. Wie könnte das sein? Und doch sind diese Dinge jetzt alltägliche Thatsachen für uns. Laßt uns daher erwarten, daß, wenn wir es mit Dem zu thun haben, was wunderbarer als die Schöpfung ist und viel wunderbarer, als irgend welche menschliche Erfindungen, wir Dinge antreffen werden, die schwer zu glauben sind. Laßt uns willig Herz und Seele hingeben, den Stempel der Wahrheit zu empfangen und beständig einfachen Glauben an das haben, was Gott offenbart.

Es ist wohl bekannt, daß es viele Dinge gibt, die unzweifelhafte Thatsachen sind, welche aber gewisse Menschenklassen schwer zu glauben finden. Vor einiger Zeit hatte ein Missionar seiner schwarzen Gemeinde erzählt, daß im Winter das Wasser in England so hart würde, daß man darauf gehen könne. Nun glaubten sie ein gut Theil von dem, was er gesagt, aber sie glaubten dies nicht, und sie flüsterten einander zu, daß der Missionar ein großer Lügner sei. Einer von ihnen ward nach England hinüber gebracht. Er kam hierher mit der vollen Ueberzeugung, daß es höchst lächerlich sei, zu meinen, daß je Menschen über einen Fluß gehen können. Endlich kam der Frost, der Fluß war übergefroren und der Missionar führte seinen schwarzen Freund zu demselben. Der gute Mann stand selber auf dem Eise, aber er konnte seinen Neubekehrten nicht überreden, es zu wagen. „Nein,“ sagte der Andere, „komm’ mit mir! Komm’ her!“ „Nein,“ sagte er, „Ich sah es aber nie so. Ich habe 50 Jahre in meinem Vaterlande gelebt und sah noch niemals einen Menschen auf einem Flusse gehen.“ „Aber ich thue es ja jetzt,“ sagte der Missionar, „komme her,“ und damit ergriff er seine Hand und zog so kräftig, daß der Afrikaner zuletzt das gefrorne Wasser probirte und fand, daß es sein Gewicht trüge. So ward die Behauptung darum nicht weniger wahr erfunden, weil sie der Erfahrung widersprach, und dieselbe Regel gilt für’s Evangelium. Ihr müßt erwarten, gewisse Dinge darin zu finden, die ihr nicht hättet gleuben können; aber wenn Einige von uns sie als Thatsachen erfahren haben und im täglichen Genusse derselben leben, so weigert euch nicht hartnäckig, sie selber zu versuchen. Wenn wir euch liebreich bei der Hand nehmen und sagen: „Kommt auf diesen Strom des Lebens, er wird euch tragen, ihr könnt hier in Sicherheit wandeln, wir thun es und haben es seit Jahren gethan,“ so behandelt uns nicht, als wenn wir Betrüger wären, und weist uns nicht mit der albernen Behauptung ab, daß das Evangelium nicht wahr sein könne, weil ihr es bisher nicht erprobt habt und deshalb nicht seine Kraft erfahren. Wohl, mein lieber Freund, es kann darum doch wahr sein, gerade wie das Eis eine Thatsache war, obgleich der afrikanische Freund es nie gesehen. Er fand, daß das Eis etwas Wirkliches war, als er sich darauf wagte, und ihr werdet Jesum Christum und die Schätze des Evangeliums gewiß und fest und wahr finden, wie wir sie gefunden haben, wenn ihr nur eure Seele darauf wagen wollt.

Ich habe nur diese Dinge erwähnt, um euch auf die volle Ueberzeugung vorzubereiten, daß die Thatsache, daß eine Ankündigung des Evangeliums neu und erstaunlich scheint, keinen Unglauben in der Seele erzeugen sollte. Mein geliebter Freund, es mag sein, daß du ausrufst: „Ich kann nicht hoffen, daß meine Sünde vergeben werden könne. Ich kann mir nicht denken, daß mein Herz verwandelt werden könne. Ich kann es nicht für möglich halten, daß ich durch die einfache That des Glaubens errettet werden könne.“ Nein, aber siehst du nicht, daß jeder Mensch die Dinge nach seinem Maßstabe mißt? und es giebt ein Wort, das uns sehr sanft deshalb zurechtweist: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und meine Wege sind nicht eure Wege, spricht der Herr.“ Was ich von Gott erwarten zu dürfen meine, kann, sehr natürlich, etwas weit Verschiedenes von dem sein, was Gott mir geben will. Vielleicht meine ich, sein Verfahren gegen mich werde nach meinem Verdienste sein und was habe ich dann zu erwarten? Oder vielleicht beurtheile ich seine Barmherzigkeit nach meiner eignen, und wenn ich erwäge, ob ich vergeben könnte bis zu siebenzig mal sieben – ob, wenn oft beleidigt, ich immer noch die Sünde übersehen könnte, so finde ich in meinem eignen Herzen keine große Fähigkeit zum Vergeben, und dann schließe ich, daß Gott ebenso hart und abgeneigt zum Verzeihen sei, wie ich es bin. Aber wir dürfen so nicht richten. O Sünder, ihr müßt das nicht thun! Wenn ich nach einer großen Errettung verlangt, so sitzt nicht nieder und beginnt die Gottheit nach Zollen zu berechnen und das Verdienst Christi nach der Elle auszumessen und auszurechnen, ob er dies thun könne und das thun könne. Ein Gott – was giebt es, das er nicht thun kann? Brachte Jesus eine Sühne dar, grenzenlos wie er selber? Welche Sünde giebt es dann, die seine Sühne nicht hinweg waschen kann? Beurtheile nicht den Herrn nach menschlichem Urtheil. Wisse, o Mensch, daß er kein Bächlein oder Teichlein ist, das du messen kannst und dessen Fähigkeit du berechnen kannst; er ist ein Meer ohne Grund und ohne Ufer, und all’ deine Gedanken versinken, wenn du es unternimmst, ihn zu messen. Erhebe deine Gedanken so hoch du nur willst und denke Großes von Gott und erwarte Großes von Gott, und wenn du deine Erwartung vergrößert hast und dein Glaube bis zum Aeußersten gewachsen ist, so kann Gott noch überschwenglich mehr thun, als wir bitten und verstehen. „Kannst du Gott ergründen?“ Meinst du, du könntest ihn übertreffen und mehr wünschen und mehr hoffen, als er fähig ist zu geben? O, das kann nicht sein. Erwäge dies – du wirst dich sehr leicht irren in Betreff dessen, was dein Evangelium ist, weil deine Art, es abzuschätzen, natürlich eine falsche sein muß, da du nur nach dem urtheilst, was du weißt und wessen du fähig bist, während Gott unendlich über alles ist, was du weißt oder begreifen kannst.

Ferner laß mich dich erinnern, lieber Freund, der du dem Evangelium fremd bist, daß, wenn wir direkt darüber zu sprechen anfangen, du es nicht um seiner Fremdartigkeit willen verwerfen mußt, denn es ist klar, daß Viele sich geirrt haben in Betreff dessen, was das Evangelium ist. Die Juden, die in unsres Heilandes Tagen lebten, hörten den besten Prediger, der je predigte, aber sie verstanden ihn nicht. Es war nicht aus Mangel an klarer Darstellung, denn „es hatte noch nie ein Mensch geredet, wie dieser,“ aber dennoch mißverstanden sie alles, was er sagte. Sie glaubten, seine Meinung zu fassen, aber sie thaten es nicht. Und selbst seine eignen Jünger und Apostel, bis sie durch den Geist Gottes erleuchtet waren, mißverstanden die Meinung ihres Meisters und wußten nur wenig nach all’ seinen Lehren. Würdest du denn dich wundern, wenn du dich geirrt hättest, lieber Freund – du, der du niemals Freude und Friede im Glauben gefunden hast? Ist es nicht möglich, daß du doch noch im Irrthum gewesen bist? Die Juden hörten den Heiland selbst und verstanden doch nicht die Wahrheit. Ihrer Einige waren Männer von Genie und wohl unterrichtet. Es war besonders Einer, der ein Oberster war – einer gelehrter Doctor unter den Juden – der diese Dinge nicht verstand; und als der Heiland zu ihm sagte: „Ihr müsset von Neuem geboren werden,“ da nahm er es als buchstäblich; er konnte die geheimnißvolle Wandlung nicht verstehen, die der Heiland beschreiben wollte. Nun, wenn der Nikodemus es nicht wußte und sehr viele die dem Nikodemus gleichen, kann es denn nicht auch der Fall sein, daß du das Geheimniß noch nicht ausgefunden hast und bis zu diesem Augenblick nicht in den Besitz desselben gelangt bist? Du bist vielleicht ein Mann von sehr viel Bildung und von besonderen Gaben und Talenten. Mein lieber Freund, wenn irgend welche in Gefahr sind, den wahren Sinn des Evangeliums nicht zu verstehen, so sind es Solche, wie du bist. Es ist sonderbar, sagst du, daß ich diese Bemerkung mache, aber die Beobachtung ist auf Thatsachen gegründet. „Nicht viel Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige sind erwählt.“ Nicht viele von den Gelehrten dieser Welt lernen je von Christo. Er lehrt die Unwürdigen, aber er läßt die Weisen sich ihrer Thorheit rühmen. Die Weisen des Morgenlandes machten einen Umweg, den Heiland zu finden, sogar mit einem Stern als Führer verfehlten sie ihren Weg; aber die niedrigen Hirten von den Ebenen Bethlehems gingen ohne Stern augenblicklich zu dem Ort, wo Jesus war. Ah, es war eine gute und wahre Bemerkung Augustinus, als er sagte: „Während die Gelehrten umhertappen, die Klinke zu finden, sind die Einfältigen und Armen schon in’s Himmelreich eingegangen.“ Einfalt des Herzens hilft mehr zum Verstehen des Evangeliums, als Bildung des Geistes. Bereit sein, sich lehren zu lassen, ist eine bessere Fähigkeit, als im Stande sein, zu lehren. Jene theologische Doctorwürde kann dir im Wege sein, um die Theologie zu verstehen; und der Grad classischer Gelehrsamkeit, den du dir erworben, kann es dir um so schwerer machen, das zu begreifen, was der Arme, ob er gleich ein ganz Unwissender ist, auswendig weiß. Da es sich sicher so verhält, so thue ich dir keinen Schimpf an, lieber Freund, wenn ich sage, daß du vielleicht dich im Irrthum befunden hast, und daß du deshalb, wenn dir zu irgend einer Zeit das Evangelium gesagt wird, wohl thätest, ihm ein billiges Gehör zu schenken und es nicht zu verwerfen, weil es dir neu scheint.

Noch eine Bemerkung, dann will ich zum nächsten Theile übergehen, es ist diese. Der, welchen ich jetzt anrede, und ich glaube, es sind solche Leute hier, muß, wenn er derjenige ist, den ich meine, bekennen, daß die Religion, die er jetzt besitzt, nicht viel für ihn gethan hat. Du meinst, das Evangelium zu kennen, aber sage – könntest du sterben auf das, was du weißt? Könntest du jetzt sterben – jetzt – glücklich und zufrieden mit der Hoffnung, die du hast? Wenn du es könntest, so danke ich Gott und wünsche dir Glück. Hat die Hoffnung, welche du besitzest, dein Herz getröstet? Fühlst du und weißt du gewiß, daß deine Sünden dir vergeben sind? Blickst du auf Gott wie auf deinen Vater? Bist du gewohnt, mit ihm zu reden, wie ein Kind mit seinem Vater redet, auf ihn zu bauen und alle Sorgen und Noth ihm zu klagen? Wenn es so ist, mein lieber Freund, so freue ich mich mit dir; aber wenn die Religion Jesu Christi nicht die deinige ist, so weiß ich, du hast nicht solchen Frieden gefunden. Es giebt viele Formen dessen, was „Religion“ genannt wird; viele, viele Formen; aber sie laufen alle darauf hinaus: sie bringen den Menschen in einen Zustand, in dem er fühlt, daß er ungefähr so gut ist als andere Leute und eben sowohl auch in geistlichen Dingen, als durchschnittlich die Anderen sind; und wenn er sein Bestes thut, und nach seiner Erkenntniß und seiner Einsicht handelt, so wird er zweifelsohne besser werden; und vielleicht wird er, wenn es an’s Sterben geht, möglicherweise durch den Beistand eines Geistlichen oder Priesters – vielleicht durch eine merkwürdige Erfahrung, die ihm bei dem Gebrauch der Sakramente werden mag – in den Himmel kommen. Es ist die allgemeine Religion der Menschen, daß sie auf einer Bahn sind, die sie zu verfolgen haben, und indem sie fleißig und sorgfältig darauf weiter gehen, werden sie möglicherweise sich selbst erretten, durch die gnädige Hülfe des Herrn Jesu Christi; sie heften dies gewöhnlich an, natürlich, um ihre Selbstgerechtigkeit ein wenig anständiger aussehen zu machen. Nun, ich sage mit Bedacht, wie im Angesichte Gottes, daß solche Religion keinen einzigen Pfennig werth ist. Die Religion des Herrn Jesu Christi giebt dem Menschen vollständige, volle, freie, unwiderrufliche Vergebung aller seiner Sünden auf Einmal, und dabei die Umwandlung seiner Natur, die Einpflanzung eines neuen Lebens und die Aufnahme in die Gotteskindschaft; und sie giebt ihm dies alles so, daß er weiß, er hat es und bewußter Weise sich dessen freut und in der Kraft und dem Geiste desselben lebt, und demüthig dem Herrn dient, der so große Dinge für ihn gethan hat. Dies ist die Religion Christi und dies ist es, wovon wir nun ausführlicher sprechen wollen, während wir einige Dinge erwähnen, die Menschen dahin bringen, zu sagen: „Wir haben Solches noch nie gesehen.“

II.

Unser zweiter Punkt sollte sein, daß sehr sonderbare und überraschende Dinge im Evangelium sind. Laßt uns einige derselben erwähnen.

Eins ist dieses, - daß das Evangelium zu Leuten kommt, die es als unfähig betrachtet. In der Erzählung, die wir vor uns haben, verwunderten sie sich darüber, daß der Herr Jesus es mit einem Krüppel und Gichtbrüchigen zu thun hatte, der so elend war, daß er nicht in Christi Nähe kriechen konnte, sondern von Vieren getragen werden mußte. Seht ihn, er ist unfähig und unheilbar. Alles, was er thun kann, ist, auf dem Bette zu liegen, auf dem die Güte der Freunde ihn gelegt hat, und da muß er bleiben, er kann nichts thun. Nun, das Evangelium betrachtet jeden Menschen, zu dem es kommt, als unfähig, irgend etwas Gutes zu thun. Es redet euch an, nicht blos als Gelähmte, sondern es geht weiter und beschreibt euch als todt. Das Evangelium spricht zu den Todten. Ich habe oft sagen hören, die Pflicht eines christlichen Predigers sei, die Thätigkeit der Sünder zu erwecken. Ich glaube gerade das Gegentheil; er sollte lieber streben, ihre selbstvertrauende Thätigkeit todt zu schlagen und sie wissen zu lasen, daß alles, was sie aus sich selbst thun können, schlimmer als nichts ist. Sie können nichts thun, denn wie können die Todten sich in ihren Gräbern bewegen? Wie können, die in Sünden todt sind, sich selbst lebendig machen? Die Macht, welche retten kann, liegt nicht in dem Sünder; sie liegt in seinem Gott. Und wenn einige von euch unbekehrt sind, so komme ich nicht, um euch etwas zu sagen, was ihr thun könnt, wodurch ihr euch selber retten könnt, sondern ich warne euch, ihr seid verloren, ruinirt, vernichtet; ihr habt die Macht irre zu gehen, wie verlorene Schafe, aber wenn ihr je zurückkehren sollt, so muß euer Hirte euch zurückbringen, ihr werdet von selber nie zurückkehren. Ihr hattet die Macht, euch zu verderben und ihr habt diese macht gebraucht; aber nun liegt eure Hülfe nicht in euch, sie liegt in eurem Gott. Es ist ein sonderbares Ding, daß das Evangelium den Menschen in einer so verzweifelten Lage darstellt, aber es ist Thatsache; und obgleich es Staunen erregt, so laßt es nicht bezweifelt werden.

Ein ebenso merkwürdiges Ding ist es, daß das Evangelium den Menschen befiehlt, zu thun, was sie nicht thun können, denn Jesus Christus sagte zu dem Gichtbrüchigen: „Ich sage dir, steht auf, nimm dein Bette und gehe heim.“ Er konnte nicht aufstehen, konnte nicht sein Bett aufnehmen, und konnte nicht gehen, und doch ward ihm geheißen, es zu thun. Und es ist eins von den sonderbaren Dingen des Heilsweges:

„Sein Wort heißt Todte sich erheben,
Die Sünder hören’s und sie leben,
Neu wird verdorretes Gebein,
Und fleischern wird das Herz von Stein.“

Wir haben im Namen Jesu zu sagen zu dem Mann mit dem verdorrten Arm – dessen Arm so verdorrt ist, daß wir wissen, er hat keine Macht darin: „Strecke deine Hand aus;“ und wir sagen es in dem Namen Gottes. Einige meiner Brüder von einer gewissen Denkweise sagen: „Es ist lächerlich! Wenn ihr zugebt, daß der Mensch es nicht thun kann, so ist es lächerlich, ihm zu sagen, daß er es thun solle.“ Aber es macht uns nichts aus, lächerlich zu sein; wir kümmern uns wenig um die Kritik des menschlichen Urtheils. Wenn Gott uns einen Auftrag giebt, so wird dieser Auftrag es verhindern, daß wir ernstlich von dem Spotte Anderer leiden. „Ezechiel, siehst du nicht dieses Thal voll verdorreter Gebeine vor dir?“ „Ja,“ spricht er, „es sind sehr viele und sehr verdorret. Siehe! Manchen Sommer lang hat die Sonne sie ausgedörrt, und manchen Winter lang haben die rauhen Winde sie getrocknet, bis sie sind, als wenn sie in einem Ofen gewesen wären.“ „Prophet, was kannst du thun mit diesen Gebeinen? Wenn Gott sie zum Leben erwecken will, so werden sie erweckt werden; deshalb laß sie in Ruh’. Was kannst du thun?“ Hört ihm zu, wenn er feierlich ausruft: „So spricht der Herr: Ihr verdorreten Gebeine, werdet lebendig!“ „Lächerlich, Ezechiel, sie können nicht lebendig werden, warum willst du zu ihnen reden?“ Er weiß, daß sie auch sich selbst nicht lebendig werden können, aber er weiß auch, daß sein Meister ihm gebeut, ihnen zu sagen, daß sie leben, und er thut, was sein Meister ihm gebietet. So soll im Evangelium der Prediger die Menschen glauben heißen und soll sagen: „Thut Buße und glaubet an das Evangelium.“ Allein, aus diesem Grunde sagen wir: „Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du selig.“ Das Evangelium heißt dich leben, ob du auch in Uebertretungen und Sünden todt bist. „Ich kann es nicht verstehen,“ sagt Jemand. Nein, und du wirst es nicht, bis Gott es dir offenbart; aber wenn der Herr kommt und Wohnung bei dir macht, so wirst du es vollkommen verstehen und sehen, wie der Glaube des Predigers, der das Evangelium verkündet, einen Theil des göttlichen Werkes ausmacht, durch welches todte Seelen erweckt werden.

Ein anderes und noch merkwürdigeres Ding ist dies: daß, wenn das Evangelium zu unfähigen und todten Menschen kommt und sie thun heißt, was auch sich selbst sie nicht thun können, so thun sie es wirklich; das ist das Wunder. Im Namen Jesu sprechen wir zu dem gelähmten Mann: „Nimm dein Bette und gehe hin,“ und er nimmt sein Bette und geht hin; denn mit dem Wort, das gläubig gesprochen wird, in Zuversicht auf Gott, kommt die ewige Kraft in den Menschen, der keine eigne Kraft hatte; und die Erwählten Gottes, die durch die Predigt des Evangeliums berufen werden, hören die Botschaft vom Himmel und die Kraft kommt zu derselben Zeit, da sie die Botschaft hören, so daß sie ihr gehorchen und leben. Todt, wie sie waren, werden sie lebendig. O, wunderbares Werk dieses – daß in dieser Versammlung, während ich sage: „Glaubt an den Herrn Jesum Christum,“ einige sind, die glauben werden und errettet seien. Diejenigen, die glauben werden, haben von Natur nicht mehr Kraft zu glauben, als Andere; sie sind von Natur alle in demselben Zustand des Todes; aber zu Gottes Auserwählten kommt das Wort mit Kraft, begleitet von dem Heiligen Geist, und sie glauben und leben.

Hier sind drei sonderbare Dinge. Es ist ein sonderbares Ding, daß wir euch guten Leuten, die zur Kirche oder zu den Dissidenten gehören, die ihr Alles immer so wohl gethan habt, sagen müssen, daß ihr, wenn ihr nicht bekehrt seid, todt in Uebertretungen und Sünden seid, und alle eure guten Werke nur eben so viele Grabgewänder sind, in die euer Leichnam eingewickelt ist und weiter nichts; und es ist sonderbar, daß wir verpflichtet sind, euch aufzufordern, an Jesum zu glauben, wenn wir euch schon gesagt haben, daß ihr kein geistliches Leben habt; und es ist merkwürdig, daß uns befohlen ist, euch zu warmen, daß ihr in großer Sünde lebt, wenn ihr nicht an Jesum glaubt. Noch seltsamer dünkt es euch vielleicht, daß wir der Zuversicht sind, daß die aufrichtige und einfache Verkündigung dieser Dinge im Namen Gottes von dem Geiste Gottes gesegnet werden wird und euch dahin führen, an Jesum zu glauben und auf ihn zu trauen. Es scheint sonderbar, aber es ist so.

Noch merkwürdiger für die Masse war ohne Zweifel dies – daß dieser Gichtbrüchige sogleich geheilt ward. Wenn je eine Heilung eines vom Schlage Gelähmten (eng. Ueb.) stattfindet – und es ist sehr selten, daß dies geschieht – so glaube ich nicht, daß es jemals in einem Augenblick geschehen ist. Dieser Mann ist unfähig, Hand oder Fuß zu bewegen; aber Jesus spricht: „Nimm dein Bett und gehe heim,“ und er steht auf, als wenn er nie gelähmt gewesen. Jede Sehne ist an ihrem Platze; jede Muskel augenblicklich zur Bewegung fertig. Man hätte gedacht, dazu gehörte ein Monat oder zwei, und viel Reiben und Versuchen, um das Blut wieder in gesunde Bewegung zu bringen, ihn wieder auf zu bringen, und zum Leben zu erwärmen; aber es war nicht so: er hörte nur diese fremde Stimme, die ihn thun hieß, was er nicht thun konnte, und er that, was er nicht thun konnte durch eine Kraft, die dieses Gebot begleitete, stand auf und war sogleich geheilt. Und hier ist das Wunder des Evangeliums. Ein Sünder hört das Evangelium, alle Sünden seines ganzen Lebens sind in einem Augenblick verschwunden, und er ist so rein vor dem Throne Gottes, als wenn nie eine Sünde ihn verunreinigt hätte. Er war bis zur Zeit seiner Annahme des Evangeliums, ein Feind Gottes durch gottlose Werke; aber er nimmt das Zeugniß Gottes über seinen Sohn Jesum an, er ruht in Jesu und sein Herz wird wie das Herz eines kleinen Kindes. In einem Augenblick ist der Stein hinweggenommen und das fleischerne Herz gegeben. Er wird eine neue Creatur in Christo Jesu. Die Finsterniß verschwindet wie die uranfängliche Finsterniß vor dem fiat floh, das sprach: „Es werde Licht.“ Es ist geschehen – geschehen in einem Augenblick.

Ihr werdet dies nicht begreifen, bin ich gewiß, bis ihr es erfahrt. O, wie danke ich Gott, daß ich vor Jahren, als ich die Botschaft Gottes hörte: „Seht auf mich, so werdet ihr selig, aller Welt Ende,“ in Stand gesetzt ward, hinzusehen und zu leben. Ich schmachtete und sehnte mich nach Erlösung, und arbeitete viel und betete viel, um sie zu erlangen, aber ich kam nie einen Zoll weiter. Doch die Botschaft kam – „Sieh!“ – wie konnte ich sehen? Meine Augen waren blind; aber ich sah, denn die Kraft zum Sehen kam mit dem Gebot zum Sehen, und in dem Augenblick, wo ich sah, war ich so gewiß, daß mir vergeben war, als ich meines Daseins gewiß war. Es war Leben für mich in einem Blick auf den Gekreuzigten. Vergebung, gewisse, sichere, meinem Gewissen versiegelte Vergebung ward mir in demselben Augenblick, als ich auf Jesum in seinem blutigen Schweiß blickte, Jesum am Kreuze, Jesum von den Todten auferstanden und Jesum eingegangen in die Herrlichkeit. Ein Blick auf ihn und alles war gethan. Ihr hattet das nicht gedacht, sagt ihr, und selbst jetzt setzt es euch in Staunen. Ihr dachtet, ihr hättet das Sakrament zu nehmen und mit Besuchen des Gottesdienstes fortzufahren, und so euch allmählig aus eurem gelähmten Zustande herauszuarbeiten. Das ist des Menschen Weg zum Heil; aber Christi Heilsweg ist eine augenblickliche Aenderung des Herzens und eine augenblickliche Vergebung der Sünde.

Ein Anderes, was sie noch nie so gesehen hatten, war, daß der Mann ohne irgend eine Ceremonie geheilt ward; denn die richtige Weise, einen Gelähmten zu heilen, wäre gewesen, den Priester herbei zu holen und Wasser zu bringen oder das Blut eines Ochsen zu vergießen und es zu opfern und dann durch endlose Ceremonien zu gehen und allmählig hätte der Mann durch die geheimnißvolle Kraft der Ceremonien vielleicht geheilt werden können. Aber hier war keine einzige Ceremonie. Es war nur dies: „Nimm dein Bette und gehe heim.“ Der Mann, obgleich er nicht sein Bette aufnehmen und gehen kann, glaubt doch, daß der, welcher ihn dies thun hieß, ihm die Kraft geben wird, es zu thun und er nimmt sein Bett auf und geht: das ist das Ganze in einer Nußschale. Er glaubt und handelt nach diesem Glauben; und er wird hergestellt. Und dies ist der ganze Heilsglauben. Du glaubst dem Evangelium und thust im Glauben was es befiehlt, und du bist errettet – errettet in dem Augenblick, wo du das Zeugniß Gottes über seinen Sohn Jesus Christus annimmst. Aber ist keine Taufe da? Ja, für die Erretteten; aber keine Taufe, um das Heil zu erlangen. Wenn du errettet bist – wenn du an Jesum glaubst – dann wird die lehrreiche Ordnung des Hauses Gottes dir nützlich; aber Gott verhüte, daß wir je die Taufe als ein Mittel zur Seligkeit ansehen. Gott verhüte, daß wir je des Herrn Abendmahl so ansehen. Mögen wir bewahrt bleiben vor allem, was sich dem Vertrauen auf Gebräuche und Formen nähert. Wenn ihr errettet seid, dann sind die Ordnungen des Hauses, in das ihr gekommen seid, die Ordnungen der Familie, deren Mitglieder ihr seid, für euch; aber sie sind nicht für euch und können auch keinerlei Nutzen bringen, bis ihr errettet seid. Errettung von dem Tode in Sünden hat nichts mit Ceremonien zu schaffen. Glaube und lebe, ist die einzige Vorschrift des Evangeliums.

Eine andere merkwürdige Sache war dies, daß dieser Mann vollkommen hergestellt ward – nicht nur hergestellt in einem Augenblick, sondern auch vollkommen. Eine theilweise Herstellung würde nicht den zehnten Theil so denkwürdig gewesen sein. Ich habe liebe Freunde gekannt, die als sie halb gelähmt waren, nach einiger Zeit sich durch göttliche Fügung wieder etwas erholt haben; aber eine Verziehung des Mundes, eine Schwäche des Auges oder der Hand ist zurückgebliebne als Zeichen der stattgehabten Lähmung. Doch dieser Mann ward vollkommen gesund und sogleich. Die Herrlichkeit des Heils ist dies, daß, wer an den Herrn Jesum glaubt, vollkommene Vergebung hat. Nicht nur einige Sünde ist hinweggethan, sondern alle. Ich sehe es gern so an, wie der theure Kent, wenn er sing:

„Vergang’ne Sünd’ wird hier vergeben,
Wie drohend sie sich mag erheben,
Und hier, mein Herz, mit Staunen finde,
Vergebung für zukünft’ge Sünde.“

Wir werden eingetaucht in den Brunnen des erlösenden Blutes und gereinigt von jeder Furcht, daß wir je vor dem lebendigen Gott schuldig erfunden werden möchten. Wir sind angenommen in dem Geliebten durch die Gerechtigkeit Jesu Christi, gerechtfertigt ein für alle Mal vor des Vaters Angesicht! Christus sagte: „Es ist vollbracht,“ und vollbracht ist es. Und, o, was für eine Seligkeit ist dies – eins von den Dingen, die wohl diejenigen stutzig machen können, die es nie zuvor gehört; aber laßt sie es nicht zurückweisen, weil es sie stutzig macht, laß sie lieber sprechen: „dieser wunderbare Plan, der errettet und völlig errettet in einem Augenblick, einfach dadurch, daß wir von uns selber absehen und auf Christum schauen, ist ein Plan, würdig der göttlichen Weisheit, denn er verherrlicht die Gnade Gottes und giebt dem Menschen alles, dessen er bedarf.“

Noch Eins setzte ohne Zweifel bei diesem Manne in Staunen - daß seine Heilung ganz klar ersichtlich war. Es war keine Täuschung dabei, denn er rollte die Matraze auf, auf welcher er gelegen, nahm sie auf, ging damit fort, heim in sein Haus. Es war kein Zweifel an seiner völligen Genesung, denn er trug eine Last auf dem Rücken. Und hier ist da Herrliche – wenn ein Mensch an Jesum Christum glaubt, so ist kein Zweifel an seiner Bekehrung; ihr seht es in seinen Handlungen. Sie sagen mir, ein Kind sei wiedergeboren in der Taufe. Sehr gut; laßt mich einen Blick auf dieses Kind werfen; ist irgend ein Unterschied an ihm zu sehen? Einige von euch haben vielleicht Kinder gehabt, die wiedergeboren wurden in der Weise des Sakraments. Meine waren es nicht; ich kann deshalb nicht aus Erfahrung sprechen. Ich möchte wissen, ob eure sich als besser erwiesen haben, wie meine – ob in der That die wässerige Wiedergeburt irgend einen Unterschied in ihnen gemacht hat. Ich bin überzeugt, ihr könnt nicht behaupten, irgend ein Resultat gesehen zu haben. Es ist eine Art Wiedergeburt, die sich im Leben nicht zeigt und in der That gar keinen Erfolg ergiebt; denn diese trefflichen wiedergeborenen Kindlein und wiedergeborenen Knaben und Mädchen sind gerade eben so wie die unwiedergeborenen Knaben und Mädchen; es ist kein Strohhalm Unterschied zwischen ihnen. Schickt sie in dieselbe Schule, und ich will es unternehmen, euch sehr oft zu zeigen, daß einige von denen, welche nie durch die Taufe wiedergeboren wurden, besser sind, als die, bei denen dies der Fall war; denn wahrscheinlich haben sie christliche Eltern gehabt, die sich mehr Mühe gegeben haben, sie zu unterweisen, als jene abergläubischen Eltern, die nur auf die äußere Ceremonie sich verließen. Nun, diese Wiedergeburt, die keine Wirkung hervorbringt, ist nichts – weniger als nichts. Es wäre, als wenn man sagen wollte: „Dieser Mann ist von der Lähmung geheilt.“ „Wohl, aber er liegt auf seinem Bett.“ „Ja, er liegt auf dem Bette ebenso wie vorher; aber,“ sagt ihr, „er ist – er ist befreit von der Lähmung.“ „Aber wie wißt ihr das?“ „Wohl, natürlich, es mag keine wirkliche Heilung sein, aber es ist eine Heilung dem Wesen nah, denn eine Ceremonie ist an ihm vollzogen worden und deshalb muß es so sein; ihr habt es zu glauben.“ Dies sind schöne Reden; aber als der Mann aufstand, sein Bett aufrollte und es auf seinem Rücken trug, das war ein gut Theil mehr überzeugend. Nun, wenn Gottes Vorsehung einen Mann in dieses Haus bringt, der ein Trunkenbold gewesen ist, und er das Evangelium von Jesu Christo gehört, an Jesum glaubt, seinen Becher umkehrt und ein mäßiger Mann wird, da ist etwas daran. Wenn hier ein Mann kommt, der stolz ist, hochmüthig, ein Hasser des Evangeliums, ein Mann, der fluchen kann und der den Sabbath nicht achtet, und so gläubig wird und zu Hause sanft wie ein Lamm, so daß sein Weib ihn kaum als denselben Mann erkennt, und er am Sabbath sich freut, in's Gotteshaus zu gehen, darin ist etwas zu sehen, nicht wahr? – etwas Wirkliches und Greifbares? Hier ist ein Mann, der euch betrügt in seinem Geschäft, sobald er euch nur ansieht: aber die Gnade Gottes kommt zu ihm und er wird gewissenhaft ehrlich. Hier ist ein Mensch, der sich den Allerverworfensten zuzugesellen pflegte, er nimmt das Evangelium Jesu Christi an, sucht gottesfürchtige Gefährten und liebt nur die, deren Gespräch lieblich, rein und heilig ist. Nun, ihr könnt es sehen; ihr könnt es sehen. Und dies ist die Art des Heils, die wir in diesen Tagen nöthig haben, ein Heil, das gesehen werden kann – das den gelähmten Sünder sein Bett aufrollen und es hinwegtragen läßt – ihn zum Sieger über schlechte Gewohnheiten macht – ihn aus der Knechtschaft seiner Sünden befreit und sich in dem äußern Leben zeigt für alle, die nur auf ihn blicken wollen. Ja, Brüder, dies ist’s, was das Evangelium für uns gethan hat; und wenn ich heute Abend zu einigen rede, welche die Religion als eine Art Schutzmittel betrachten, das sie brauchen können, während sie in ihren Sünden fortfahren, so wünsche ich, daß sie sehen, was für eine ganz andere Sache sie ist. Christus ist gekommen, euch von euren Sünden zu erretten; nicht, euch in dem Feuer zu halten und euch vor dem Brennen zu bewahren, sondern euch wie einen Brand aus dem Feuer zu reißen. Er ist gekommen, euch zu neuen Creaturen zu machen, und dies kann er in diesem Augenblick thun, während ihr in euren Stühlen sitzet, wenn in euch, während ihr das Wort hört: „Glaube an den Herrn Jesum Christum,“ ein williges Herz gefunden wird, das seine Gnade euch gegeben, so daß ihr ihm vertraut, so sollt ihr errettet werden, so gewiß Christus lebt.

Dies sind sonderbare Dinge, aber verwerft sie nicht, weil sie sonderbar sind. Sie sind Dinge, die eines Gottes würdig sind.

III.

So, zuletzt, wenn euch je eins von diesen Dingen begegnet ist und ihr zu sagen hattet: „Wir haben Solches noch nie gesehen,“ dann gehet und preiset Gott. Erhebet ihn in eurer innersten Seele.

Wenn die Seligkeit durch Werke wäre und wir unsern Weg dahin uns durch eignes Verdienst erkämpfen könnten, so würde ich, Einer aus Vielen, wenn ich dahin käme, meine Mütze in die Höhe werfen und rufen: „Wohlgethan! Ich habe etwas verdient und ich habe es erhalten;“ aber da die Seligkeit von Anfang bis zu Ende aus Gnaden ist, und nicht von Menschen, noch durch Menschen, noch durch den Willen des Fleisches, weder durch das Blut, noch durch die Geburt – da der Herr anfängt, fortführt und vollendet – laßt uns ihm alle Ehre geben. Und wenn er uns je, wie er es thun wird, eine Krone des Lebens giebt, die nimmer welket, so wollen wir gehen, sie zu seinen Füßen zu werfen und sprechen: „Nicht uns, nicht uns, sondern deinem Namen gieb Ehre auf ewig.“ Laßt uns in diesem Geiste leben, lieben Freunde. Wer an die Lehre von der Gnade glaubt und doch hoch von sich selber denkt, ist sehr inkonsequent. Wer glaubt, daß die Seligkeit ganz aus Gnaden ist und doch Gott nicht beständig die Ehre giebt, handelt gegen seine eigne Ueberzeugung. „Preiset mit mir den Herrn und laßt uns mit einander seinen Namen erhöhen.“ Er zog uns aus „der grausamen Grube und aus dem Schlamm“ und stellete unsere Füße auf einen Fels, daß wir gewisse Tritte thun können. Er gab ein neues Lied in unsern Mund, zu loben ihn immerdar. Preis sei ihm, denn er hat es gethan und er soll erhoben werden.

O, ihr könnt ihn nicht preisen, ihr, die ihr sein Heil nicht kennt, und ich ermahne euch nicht, es zu versuchen: sondern, zu allererst, mögt ihr selber dies Heil kennen lernen. Ihr könnt es erkennen. Gelobt sei Gott, ich hoffe, daß einige von euch heute Abend erkennen werden, indem sie von sich selber absehen, alles Vertrauen aufgeben auf irgend etwas, das sie thun, sein oder fühlen können, und sich in die Arme Jesu werfen, auf seinem vollbrachten Werke ruhen und auf ihn vertrauen. Er will, er muß euch retten, wenn ihr ihm vertraut und dann werdet ihr ihn preisen. Gott segne euch, lieben Freunde, um Christi willen. Amen.

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