Spurgeon, Charles Haddon - Die Doxologie des Paulus

Gehalten am Sonntag, den 7. November 1875

„Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles, das wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die da in uns wirket. Dem sei Ehre in der Gemeine, die in Christo Jesu ist, zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“ – Epheser 3,20.21

Dieses Kapitel schließt einen ganzen Gottesdienst in sich ein. Es enthält sicherlich eine Predigt, denn Paulus hält einen sehr ernsten Vortrag über die Enthüllung des verborgenen Geheimnisses, dass die Heiden Mitgenossen sind der Verheißung in Christo durch das Evangelium: es enthält ein Gebet, denn einer der Verse beginnt: „Derhalben beuge ich meine Knie“, und in den Versen, die wir betrachten wollen, schließt es mit einem Lobgesang, einem Gesang von unvergleichlichem Preise. So haben wir in dem Rahmen eines kurzen Kapitels alle die Übungen, die in unseren gottesdienstlichen Versammlungen so bekannt sind, nämlich Unterricht, Bitte und Preis. Es war sehr passend, dass der Apostel das Kapitel so schloß, denn die hier gegebene Doxologie wächst aus dem Kapitel heraus; sie ist dessen natürlicher Beschluss und krönt das Ganze, wie die Blume der Lilie von dem Stamm getragen wird, ihn vollendet und schmückt. Das Kapitel würde ganz unvollständig gewesen sein ohne die Hinzufügung des Preises – vielleicht nicht in seiner Verständlichkeit, aber gewiss in seiner geistlichen Entwicklung. Der Berg Zion besaß ohne Zweifel an sich Ruhm sowohl wie Schönheit, aber der Tempel auf seiner Spitze verlieh ihm seinen heiligsten Reiz; so ist bei diesem erhabenen Kapitel die Doxologie eine göttliche Höhe, die allem Übrigen Herrlichkeit und Heiligkeit verleiht.

Wenn ihr das Kapitel überblickt, so werdet ihr sehen, dass der Apostel das Evangelium von verschiedenen Seiten darstellt mit Beziehung auf verschiedene Personen und dabei gewöhnlich diese mit dem Dativ 1) einführt. Im fünften Vers spricht er davon, wie es den Menschenkindern geoffenbart ist. Es war ihnen in den vorigen Zeiten nicht so klar kundgetan wie jetzt, aber nun ist es in seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist geoffenbart, und wir leben in seinem hellen Licht, wofür wir große Ursache zur Dankbarkeit haben. Es wäre ein guter Gegenstand, um dabei zu verweilen – die Beziehung des Evangeliums zu den Menschenkindern. Der Apostel spricht ein wenig weiter unten im achten Vers von der Beziehung des Evangeliums zu ihm selber: „Mir, dem Allergeringsten unter den Heiligen ist gegeben diese Gnade.“ Was das Evangelium für andere Menschen tun kann, ist von großer Wichtigkeit für uns zu wissen, aber dies Wissen wird uns wenig nützen, wenn wir nicht davon zeugen können, was es für jeden von uns persönlich getan hat. Alle Goldminen von Kalifornien sind einem Menschen weniger wert als das Geld, das er selber besitzt. Könnt ihr, geliebte Hörer, jeder für sich sprechen und sagen von dem Evangelium: „Mir ist diese Gnade gegeben?“ Weiter unten spricht der Apostel von den Engeln und sagt im zehnten Vers: „Auf dass jetzt kund würde den Fürstentümern und Herrschaften in dem Himmel, an der Gemeine die mannigfaltige Weisheit Gottes.“ Das Evangelium steht in Beziehung zu den Engeln; sie haben immer etwas damit zu tun gehabt, denn vor alters her wünschten sie, da hinein zu schauen und von unserm Herrn steht geschrieben, er sei „erschienen den Engeln“; wir wissen auch, dass sie sich über bußfertige Sünder freuen und dass sie an dem Preise teilnehmen, den die Erlösten im Himmel dem Lamme Gottes darbringen. Dann weiter weilt der Apostel bei der Beziehung des Evangeliums zu denen, an die er schrieb, wenn er erklärt, dass er zu dem Herrn gebetet, ihnen Kraft zu geben nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen. Nachdem er so beschrieben, wie das Evangelium sich verhält zu der Menschheit im Ganzen, zu den inspirierten Schriftstellern, zu ihm selber, zu den Engeln, und dann zu den Heiligen, an die er schrieb, so kehrt er mit vollem Herzen zu Gott und dem Verhältnis des Evangeliums zu ihm zurück. Und nun sind es nicht länger: „Fürstentümer und Herrschaften“, nicht einmal länger „mir“ oder „den heiligen Aposteln und Propheten“, sondern sein Thema ist: „Dem aber.“ Ich bitte Gott, den heiligen Geist, meinen Wunsch zu erfüllen, dass ein jeder von uns, der geschmeckt hat, dass der Herr gnädig ist, ganz allein zu dem Herrn aufblicken möge, und die kurze für die Predigt bestimmte Zeit in ehrfurchtsvoller Anbetung dessen zubringe, von dem alle Gnade kommt und zu dem aller Ruhm deshalb zurückkehren sollte, denn „von ihm und durch ihn und zu ihm hin sind alle Dinge“. Wenn ihm die Ehre gegeben werden soll in der Gemeinde zu aller Zeit, so sollte ihm in dieser Gemeinde in diesem Augenblick die Ehre gegeben werden. O Herr, hilf uns dazu!

In unserem Text haben wir Anbetung, nicht Gebet, der Apostel hat das beendet: Anbetung – nicht so sehr das wirkliche Preisen als die volle Empfindung, dass ihm Preis gebührt und viel mehr, als wir je geben können. Ich weiß kaum, wie ich Anbetung beschreiben soll. Der Preis ist ein Fluss, der freudig in seinem Bette dahin fließt, mit Ufern an beiden Seiten, damit er seinem einen Ziele zueile, aber die Anbetung ist derselbe Fluss, der alle Ufer überflutet, die Seele fortreißt und das ganze Wesen mit seinen Wassern bedeckt; und diese nicht so sehr in Bewegung und Erregung, als in tiefer Ruhe still stehend, die Herrlichkeit wiederspiegelnd, die auf sie scheint, wie eine Sommersonne auf ein Meer von Glas; nicht die göttliche Gegenwart suchend, sondern sich ihrer bewusst in einem unaussprechlichen Grade, und deshalb voll von Ehrfurcht und Frieden, wie das galiläische Meer, als seine Wellen die Berührung der heiligen Füße fühlten. Anbetung ist die Fülle, die Höhe und Tiefe, die Länge und Breite des Preises. Die Anbetung scheint mir den gestirnten Himmeln gleich zu sein, die beständig die Ehre Gottes erzählen und doch „es ist keine Sprache noch Rede, da man ihre Stimme nicht höre“. Es ist das beredte Stillschweigen einer Seele, die zu voll für Worte ist. Sich in Demut in den Staub niederwerfen und doch sich hoch hinauf schwingen in erhabenen Gedanken; ins Nichts sinken und doch mit aller Fülle Gottes erfüllt sein; keinen Gedanken haben und doch ganz Gedanke sein: sich in Gott verlieren: das ist Anbetung. Dies sollte ein Zustand sein, in dem sich eine erneuerte Seele oft befindet. Wir sollten viel mehr Zeit bestimmen für diese heilige Beschäftigung, oder wie sollen wir es nennen? Handlung oder Zustand? Es würde zu unserer höchsten Bereicherung dienen, wenn wir es unser tägliches Gebet sein ließen, dass der heilige Geist uns öfter ganz aus uns selbst hinausführen und uns über all diese Kleinigkeiten erheben wollte, die uns umgeben, bis wir nichts fühlten als Gott und seine große Herrlichkeit. O, dass er uns in der Gottheit tiefstes Meer tauche, bis wir in seiner Unendlichkeit verloren wären und nur in Staunen ausrufen könnten: „O, die Tiefen! O, die Tiefen!“ In diesem Geiste wünsche ich dem Text zu nahen, und ich bitte euch, eure Augen von allem andern weg auf ihn zu wenden, auf den allmächtigen Gott und das Lamm. Ich bitte euch nicht, daran zu gedenken, was das Evangelium für euch tut, als nur so weit, um dafür Preis zu geben; ich bitte euch nicht, das Evangelium in seiner Beziehung zu Menschen und Engeln zu betrachten, sondern nur den Herrn selber zu betrachten und ihm die Ehre dafür zu geben, dass er segnen, reich machen und heiligen kann über alles Bitten und Verstehen. Lasst uns allein auf den Herrn schauen und ihm nahen im Geist und in der Wahrheit.

I.

Unsere erste Betrachtung soll sein: Bei welchem Teil deines herrlichen Wesens soll unsre Seele verweilen?

Der Text führt uns zu dem göttlichen Vermögen. „Der aber, der überschwänglich tun kann“ und erhebt das göttliche Vermögen, zu segnen hervor, „nach der Kraft, die da in uns wirket.“ Dies ist also der Gegenstand.

Was sagt der Apostel davon? Er erklärt, dass das göttliche Vermögen zu segnen noch über das hinausgeht, was wir bitten. Wir haben zu unserer Zeit um große Dinge gebetet. Wir erinnern an die Zeit, wo es uns das erdenklich Größte schien, zu sagen: „Vater, vergib mir.“ Wir baten um eine große Sache, als wir um die Verzeihung all unsrer Sünden baten, und um eine ebenso große, als wir um die Reinigung unserer Sünden baten. Wenn wir fühlten, dass unser Herz hart und unsere Natur verderbt war, so schien es fast ein zu großes Gut, zu hoffen, dass dies steinerne Herz in ein fleischernes verwandelt würde. Wir flehten indes um eine gnadenvolle Erneuerung und das Gebet ward erhört. Viele Male haben wir seitdem in tiefer Not zu dem Herrn um große Befreiung geschrieen; in äußerstem Elend suchten wir große Hilfe und in furchtbarem Dilemma haben wir um große Leitung gebeten und wir haben all dieses wieder und wieder erhalten. Die Segnungen, um die wir gebeten und die wir empfangen, sind weder selten noch gering gewesen.

Einigen von uns könnte es vielleicht scheinen, als wenn wir bis an die Grenzen des Bittens gegangen wären in den Dingen, um die wir den Herrn anflehten; wir haben in Zeiten heiliger Kühnheit und freien Zugangs um Großes gebeten, wie man nur vor einem großen König bitten kann: und doch ist die Schnur unsres Bittens zu kurz gewesen, um an den Grund des göttlichen Könnens zu reichen, er kann tun über alles, was wir bitten. Unser kühnstes und bestes Gebet hat noch manche Schranke. Es ist oft durch unser Gefühl von unsrer Bedürftigkeit beschränkt; wir wissen kaum, was wir brauchen; wir haben es nötig, darüber belehrt zu werden, was wir bitten sollen, sonst bitten wir nie auf rechte Art. Wir irren uns über unsern Zustand, wir wissen nicht, wie tief und zahlreich unsere Bedürfnisse sind. Unserer Seele Hunger ist nicht stark genug, die Sünde hat unser geistliches Verlangen abgestumpft, darum sind unsere Gebete gehemmt und verkümmert: aber, gelobt sei Gott, er wird nicht beschränkt durch unser Gefühl der Bedürftigkeit; seine Gäste bitten nur um Brot und Wasser, aber siehe, seine Ochsen und sein Mastvieh sind geschlachtet und ein Fest ist bereitet, „ein fettes Mahl, von Mark, von Wein, darinnen keine Hefen sind.“

Ja, und unser Bedürfnis selbst ist beschränkt. Wir haben nicht alles nötig. Leer, wie wir sind, gibt es doch einige Dinge, die uns bis zur Sättigung füllen; aber Gott kann über das hinausgehen, was uns unbedingt notwendig ist, und er hat das schon oft getan. Er hat seinen Erlösten mehr gegeben, wie sie als Geschöpfe notwendig brauchten, um glücklich und gesegnet zu sein. Wir hätten in den vollen Stand der ungefallenen Menschheit zurückversetzt werden und infolgedessen sein können, was Adam vor seinem Fall war; aber, Wunder der Wunder, der Herr hat mehr getan, denn er hat uns zu seinen Kindern gemacht und zu seinen Erben, Erben Gottes und Miterben Jesu Christi. Dies ist nicht die Versorgung mit dem Notdürftigen, es ist eine Verleihung von Ehre, Würde und überaus großer Herrlichkeit. Und nun, obgleich unsre Bedürfnisse an sich furchtbar sind und viel größer, als dass etwas Geringeres als Allgenugsamkeit sie befriedigen könnte, so kann doch Gott überschwänglich mehr tun, als wir wirklich nötig haben, und er will es tun. Er will uns nicht behandeln wie Menschen einen pensionierten Mann behandeln, dem sie gerade genug zum Leben anweisen und sich großmütig dünken, wenn sie das tun, sondern er will uns wie Könige und Fürsten behandeln und überschwänglich mehr tun, als wir nötig haben. So lässt er unsere Gebete weit hinter sich zurück, indem er sowohl unser Gefühl der Bedürftigkeit als auch unseren Bedarf selber übertrifft in seinem Geben.

Unser Gebet ist auch durch unsere Wünsche beschränkt. Selbstverständlich betet ein Mensch nicht weiter, als seine Wünsche gehen und diese sind nicht immer so aufgeweckt, wie sie sein sollten. Wir sind mitunter sehr kalt und träge in dem Wunsche nach guten Dingen; die niederen Brunnen lassen uns die oberen Quellen vergessen. Ach, gleich dem törichten König von Israel schießen wir nur zwei oder drei Pfeile ab, wenn wir unseren Köcher hätten ausleeren sollen. Wir bringen nur kleine Becher zum Brunnen und nehmen nur wenig Wasser heim. Unser Mund ist nicht weit genug offen, denn unsere Herzen sind nicht warm genug, um das Eis zu schmelzen, das unsere Lippen schließt; aber gelobt sei Gott, er ist nicht durch unsere Wünsche beschränkt; er kann uns segnen über das hinaus, was unsere Seele bis jetzt noch gelernt hat, zu wünschen.

Und, ach, wenn wir große Dinge wünschen, ist unser Glaube oft schwach, und dadurch werden wir zurückgehalten; wir können nicht glauben, dass Gott gut genug sei, um uns solche unaussprechliche Segnungen zu geben und so gehen wir derselbigen verlustig. Wieviel wir dadurch verlieren, bei der Betrachtung darf ich kaum verweilen. Unser Unglaube macht uns sehr arm. Ja, selbst wenn der Glaube mehr wächst und zuweilen tut er das, doch bürge ich euch dafür, dass seine Größe nie die Höhe der Verheißung erreicht. Kein Mensch hat Gott je so geglaubt, wie ihm geglaubt werden kann, noch seiner Verheißung so unbedingt getraut, wie er’s könnte, oder einen so großen Bau auf dem göttlichen Worte aufgerichtet, wie es trägt. O, Brüder, wir haben Gott zu danken, dass er durch unsern engen Glauben nicht eingeschränkt ist, sondern selbst über das hinausgeht, was wir von ihm glauben.

Wie oft sind wir auch im Geist beschränkt durch unsern Mangel an Verständnis; wir verstehen nicht, was Gott meint. Fragt nach, ob eine einzige Verheißung in dem ganzen Gnadenbund ist, die irgend ein Kind Gottes vollkommen versteht. Es ist eine Bedeutung in den Bundesverheißungen, eine Breite, eine Länge, eine Höhe, eine Tiefe, die noch nicht ausgemessen ist. Gott lässt sich herab, menschliche Sprache zu reden und für uns bedeuten die Worte Silber, aber er braucht sie in einem goldenen Sinne. Er meint nie weniger als er sagt. Hierfür lasst uns den Herrn erheben! Seine Kraft, uns zu segnen, ist nicht eingeengt durch unsere Kraft, den Segen zu verstehen. Die Gnade wird uns nicht zugemessen nach unserer Fähigkeit, zu empfangen, sondern nach seinem Vermögen, zu verleihen. Er kann unser Herz weiter machen, meine Brüder! O, dass er jetzt so täte! Das Gebet ist eine Übung, welches unsern Geist ausdehnen und unser Herz erweitern sollte. Hat der Herr nicht gesprochen: „Tue deinen Mund weit auf, lass mich ihn füllen“? Doch, der am weitesten aufgetane Mund ist nicht das Maß dessen, was er uns geben kann; unser kühnstes Gebet ist nicht die Grenze dessen, was er zu verleihen imstande ist. Betet bis aufs Äußerste wie Elia auf dem Berg Karmel; betet wie ihr wollt, bis die Schlüssel im Himmels an eurem Gürtel zu hängen scheinen, dennoch könnt ihr nie jener Segensallmacht einen Vorsprung abgewinnen, die in dem Herrn, dem allmächtigen Gott wohnt.

Der Apostel geht dann weiter und sagt, dass das Vermögen Gottes, zu segnen, über alles ist, was wir denken. Nun, wir können an einige Dinge denken, um die wir nicht zu beten wagen. Der Gedanke ist frei und kaum kann der Raum ihn einschränken, seine Flügel tragen ihn weit über alles Sichtbare hinaus, er kann sich sogar in das Unmögliche schwingen; doch kann der Gedanke nicht die Macht von Gottes Segen erfassen, denn diese ist unermesslich. Seid ihr nicht zu Zeiten voll großer Gedanken gewesen von dem, was Gott mit euch tun könnte? Habt ihr euch nicht vorgestellt, wie er euch für seine Ehre gebrauchen könnte? Er kann mehr tun als ihr geträumt habt! Verwandelt eure angenehmen Träume in brünstige Gebete, und es mag dem Herrn vielleicht noch gefallen, euch in erstaunlicher Gnade nützlich zu machen, so dass ihr euch verwundern werdet über das, was ihr ausrichtet. Wenn er aus einem niedrigen Hirtenknaben einen David machte, kann er das Gleiche mit euch tun. Habt ihr nicht zu andern Zeiten große Vorstellungen von dem gehabt, was der Herr aus euch machen wird, wenn ihr gewaschen, gereinigt, von der Sünde befreit und in den Himmel erhoben seid, um ihm zu dienen? Ach, ihr habt keine Idee von dem, was ihr sein werdet; ihr wisst nicht, wenn eure Vermutungen auf das Höchste steigen, wie vollkommen und rein und selig ihr in eures Vaters Hause droben sein werdet, wenn er in euch all das Wohlgefallen seines Willens vollendet hat. Ihr habt zuweilen gesungen: „Jerusalem, du meines Königs Stadt.“ Und eure Gedanken und Vorstellungen sind sehr weit gegangen, um die Ruhe, die Sicherheit, den Reichtum, die Freude, die vollkommene Befriedigung des Himmels euch auszumalen. Ach ja, aber der Herr kann mehr tun, als je in euer Herz gekommen ist. Da, werft den Zügen auf den Nacken eurer Einbildungskraft und lasst sie gleich einem Flügelross nicht bloß über die Ebenen der Erde dahineilen, sondern durch die Wolken fliegen und über die Sterne hinaufsteigen; doch wird ihr weitester Flug auf dem schnellsten Flügel euch nicht den Grenzen dessen, was bei Gott möglich ist, nahebringen. Eure Gedanken, wenn sie auch aufs Höchste steigen, sind nicht seine Gedanken; so hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch sind seine Gedanken über eure Gedanken, denkt, was ihr wollt. Was für einen staunenswerten Gegenstand haben wir nun vor uns? Wie könnten meine Worte angemessen das göttliche Vermögen zu segnen schildern, wenn sowohl das Adlerauge des Gebets als auch der Adlerflügel des Gedankens seine Grenzen nicht entdecken kann.

Nun will ich eure Aufmerksamkeit auf jedes Wort dieser Stelle richten, denn jedes Wort ist voll Nachdruck. „Der da überschwänglich tun kann über alles, was wir bitten oder verstehen;“ nicht über einige unserer trüben Vorstellungen, unserer niedrigen Gedanken, sondern über „alles“, was wir verstehen. Nun legt einmal alles zusammen, um das ihr je gebetet habt. Häuft es auf und dann türmt auf der Spitze desselben alles auf, was ihr je über den Reichtum der göttlichen Gnade gedacht habt. Welch ein Berg! Hier haben wir Hügel auf Hügel, Pelion auf Ossa, als wenn eine Alpe auf die andere gestellt würde, um eine Treppe zu bauen oder eine Jakobsleiter bis zu den Sternen hinauf. Geht weiter! Geht weiter! Es ist kein Babylonischer Turm, den ihr baut und doch wird seine Spitze nicht bis in den Himmel reichen. So hoch auch diese Pyramide von Gebeten und Betrachtungen aufgetürmt sein mag, doch ist Gottes Vermögen zu segnen noch höher – über alles, was wir bitten oder verstehen. Einige übersetzen es: „Dem aber, der da über alle Dinge tun kann überschwänglich“ usw. Wohl, nehmt es so. Gott kann uns über alle Dinge segnen; über alle Segnungen, die andere uns geben könnten – das ist wenig; über alle Freude, die in den Geschöpfen vorhanden ist – das ist groß, aber nicht mit dem zu vergleichen, was ER tun kann: über alle Segnungen, die uns durch alle Kreaturen, die uns nützlich und wohltätig sind, zuteil werden können – er kann über alle guten Dinge für uns tun. O, Herr, hilf uns, all dieses zu verstehen; gib uns Glauben, dies festzuhalten und dann dich zu erheben und anzubeten. Ach, unsere Anbetung kann nie deiner Güte angemessen sein!

Nun weilt bei einem andern Wort: „er kann überschwänglich tun über alles, das wir bitten oder verstehen. Dieses wir bezieht sich sowohl auf die Apostel wie auf uns. Paulus war ein gewaltiger Beter. Was für ein wundervolles Gebet enthält dieses Kapitel – wie schließt er es: „auf dass ihr erfüllt werdet mit allerlei Gottesfülle.“ Ich will jeden herausfordern, die Bedeutung dieser Worte völlig darzulegen. Doch, als er dieses Gebet getan, fühlte Paulus, dass Gott viel weiter als sein Verständnis desselben gehen könne. Ich weiß nicht wie, aber er sagt so – über alles, was wir bitten, und natürlich schließt dies ihn selber ein. Paulus mag in diesem „wir“ als die Apostel einbegriffen angesehen werden, wir, die Zwölfe, die Jesu am nächsten gekommen sind und von ihm persönlich gelehrt wurden, wie wir beten sollen, wir, die wir ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen haben und auf denen der Geist besonders ruht – „er kann überschwänglich tun über alles, was wir bitten!“ Die Apostel waren inspiriert; der Geist Gottes war in einem ungewöhnlichen Grad in ihnen, ihre Gedanken waren umfassender als die unsern, aber, sagt Paulus, er kann tun über alles, was wir verstehen. Selbst wir, seine Apostel, die besten, die heiligsten, die geistlichsten der Christen! O dann, Brüder, bin ich gewiss, dass er überschwänglich über alles tun kann, was wir bitten oder verstehen, denn wir müssen furchtbar tief hinabsteigen, um von der Apostel Bitten und Verstehen zu dem unsern zu kommen. Er muss überschwänglich über das Bitten und Verstehen solcher armseligen, schwächlichen Heiligen, wie wir es sind, tun können.

Nun, beachtet ferner, wie der Apostel das Wort „überflüssig“ 2) gebraucht. Er sagt nicht nur, dass Gott geben kann über das, was wir bitten oder denken, sondern „überflüssig“. Wir können von einem Menschen sagen: „er habe viel gegeben, aber er hat noch etwas übrig.“ Dieser Ausdruck würde sehr unzureichend sein, wenn er auf den höchsten angewandt würde: er hat nicht nur etwas übrig, sondern hat noch einen Überfluss. Wir haben bisher nur noch einen Teil seiner Wege verstanden. Wir sind nur noch fähig gewesen, bloße Bruchstücke seiner herrlichen Gnade zu begreifen; aber das noch aufbehaltene Gute, die Dinge, die Gott bereitet denen, die ihn lieben, übersteigen weit unsere Gedanken. unser Apostel, nicht zufrieden mit dem Wort „überflüssig“, fügt ein anderes Wort hinzu und sagt: „außerordentlich überflüssig.“ Er hat hier im Griechischen einen Ausdruck gebildet, der ganz sein eigener ist. Keine Sprache war kräftig genug für den Apostel – ich meine für den heiligen Geist, der durch den Apostel redete –, denn Paulus hatte oft Worte und Ausdrücke zu formen, um seiner Meinung die rechte Schattierung zu geben, und hier ist einer, „der da tun kann außerordentlich überflüssig,“ so überflüssig, dass es über Maß und Beschreibung hinausgeht. Jenes Schiff ist auf dem Meer, und das Meer kann es tragen, obgleich es mehrere tausend Tonnen wiegt. Nimmt euch das wunder, Brüder? Nein, denn ihr wisst, dass der Ozean nicht bloß ein solches Schiff tragen kann, sondern eine ganze Flotte, ja, und mehr Flotten, als ihr zählen könntet, wenn ihr den ganzen langen Tag fortfahrt zu zählen. Das weite Weltenmeer kann unzählige Schiffe auf seinem Busen tragen, es hält sie „außerordentlich überflüssig“. Gott ist wie der große Ozean. Was ihr ihn habt tun sehen, das ist nur gewissermaßen das Tragen einer einzelnen Barke, aber was er tun kann, ah, das ist „außerordentlich überflüssig“ über das, was ihr bittet oder denkt. Dort fließt unser herrlicher Fluss zwischen den Wiesen und das Kind taucht seinen Becher hinein, um zu trinken, und ist völlig erfrischt, doch alles, was ein Kind nehmen kann, ist nichts im Vergleich mit dem, was noch übrig bleibt, und wenn an den Ufern der alten Themse Haufen Durstiger sich versammelten und tränken, beides, Menschen und Vieh, bis sie genug hätten, doch würde alles, was sie von ihren Wassern nehmen könnten, nur in sehr geringem Verhältnis stehen zu der Quantität, die stets noch ins Meer fließen würde. Siehe, ich schaue Tausende der Erlösten sich drängen zu der Allgenugsamkeit Gottes; ich sehe sie sich niederlegen und trinken wie Menschen, die lange und tiefe Züge tun müssen oder sterben; aber nachdem sie alle getrunken haben und alle lebendige Geschöpfe versorgt sind, sehe ich keine Verminderung des Segens, der von dem Thron Gottes und des Lammes strömt, der nur in diesen Worten beschrieben werden kann: „Er kann außerordentlich überflüssig tun über alles, das wir bitten oder selbst denken.“

Nun, um euch zu helfen, den Herrn anzubeten – denn das ist mein einziger Zweck heute morgen – denkt daran, wie selig ihr seid, einen solchen allgenugsamen Gott zu haben. Es ist immer angenehm, aus dem Vollen zu nehmen und zu wissen, dass, was ihr empfangt, andere nicht ihres Anteils beraubt. Wer mag an einem Tisch sitzen, wo jedes Stück gezählt werden muss, denn wenn du mehr hast, so muss ein anderer weniger haben. Es ist ein kärgliches Fest, wo der Vorrat genau abgemessen ist. Hier, an dem Tische unseres Gottes, ist keine solche Sparsamkeit nötig. „Esset, o Freunde, trinket, ja trinket reichlich, o Geliebte,“ denn das Fest ist eines Königs Fest und seine Vorräte sind unendlich.

So sehen wir, dass keine Grenze für unser Gebet da zu sein braucht. Ihr braucht nie von euren Knien aufzustehen und zu sagen: „Vielleicht war ich vermessen; vielleicht habe ich um mehr gebeten als Gott geben will.“ Nieder auf deine Knie, Bruder, und bitte Gott, dir zu vergeben, dass du ihm Unehre antust, indem du einem solchen Gedanken Raum gibst. Er ist imstande, außerordentlich überflüssig zu geben über alles, was ihr bittet.

So sehen wir auch, dass er uns noch segnen kann, auf die das Ende der Welt gekommen ist, denn wenn er zu des Apostels Zeit außerordentlich überflüssig tun konnte, so kann er es noch stets ebenso wohl und wir können ohne Furcht zu ihm kommen. Nun sehe ich auch, dass wenn ich in einem sehr besonderen Fall bin, ich doch nicht zu zittern oder den Mangel zu fürchten brauche. Wie, wenn ich mehr als überflüssige Gnade nötig habe? Ich kann sie haben. Wenn ich außerordentlich überflüssige Hilfe brauche, so kann ich sie haben. Ach, wenn ich mehr Gnade brauche, als ich zu erbitten wage, so kann ich sie haben, denn mein Herr kann sie mir geben, und was er geben kann, das ist er willig, zu tun.

Welchen Trost sollte dies armen Sündern gewähren, die weit weg von Gott sind? Er vermag euch große Vergebung für die größten nur möglichen Sünden zu gewähren; Sünden, von denen ihr noch nicht gedacht habt, dass er sie verzeihen könnte. Kommt nur zu Gott in Christo Jesu und ihr werdet finden, dass er immerdar selig machen kann. Wenn dieser kleine Wink von einem verzweifelten Herzen erfasst wird, so kann er ihm augenblicklich Frieden geben. Es kann nicht wahr sein, dass Gott nicht vergeben kann, denn in Christo Jesu „kann er überschwänglich tun über alles, was wir bitten und verstehen.“

II.

Unser zweites Geschäft ist, die Frage zu beantworten:

Auf welche Art nehmen wir dies Vermögen wahr?

Wir können nicht wohl das preisen, was wir nicht in irgend einem Maße erkennen. Der Apostel sagt: „nach der Kraft, die in uns wirket“. Wir wissen, dass Gott uns mehr geben kann, als wir bitten oder denken, denn er hat uns mehr gegeben, als wir je gebeten oder gedacht haben. Unsere Wiedergeburt ward uns gegeben vor dem Gebet, denn das Gebet war das erste Zeichen der schon gegebenen neuen Geburt. Um Leben zu bitten, ist keine Fähigkeit der Toten, sondern die Wiedergeburt gibt uns den lebendigen Wunsch und das geistliche Verlangen. Der erste Anfang des uns mitgeteilten Lebens erweckt die Sehnsucht nach mehr Leben. Wir waren tot in Sünden und fern von Gott, und Er überraschte uns mit seiner zuvorkommenden Gnade und in uns ward das Wort erfüllt: „Ich ward gefunden von denen, die nicht nach mir suchten.“ In diesem Fall hat er für uns über das, was wir baten oder dachten.

Erlösung wiederum – wer hat die je gesucht? Wäre sie nicht von Ewigkeit her versehen gewesen, wer würde gewagt haben, den Herrn zu bitten, seinen Sohn zum Stellvertreter zu geben, um für die Menschen zu bluten und zu sterben? O, Menschen, als der Herr uns einen Stellvertreter versehen hat, ehe denn die Welt gegründet ward, da ist er schon über der Menschen Gedanken und Bitten hinausgegangen. Dank sei ihm für seine unaussprechliche Gabe. Er gab uns Christum und gab uns darauf seinen heiligen Geist, eine andere staunenswürdige Gabe, von welcher der Mensch es nicht als möglich gedacht haben würde, dass er sie erhalten könnte. Nachdem er das getan, was wir nie gesucht, woran wir nie gedacht, ist er noch stets vermögend, uns mit unerwarteter Gnade in Staunen zu setzen.

Überdies, wo Gebet dargebracht ist, da ist unser himmlischer Vater immer weit über das hinausgegangen, was wir gebeten oder gedacht haben. Ich sagte zum Herrn in der Angst meiner Seele, wenn er mir meine Sünden vergeben würde, so wollte ich zufrieden sein, der geringste Diener in seinem Hause zu sein und wollte gern meinganzes Leben lang im Gefängnis liegen und von Brot und Wasser leben; aber seine Gnade verfuhr nicht in dieser kärglichen Weise, denn er setzte mich unter seine Kinder und gab mir ein Erbteil. „Mache mich zu einem deiner Tagelöhner“, ist ein Gebet, das der Vater nicht hört; er legt seine Hand auf des Kindes Mund, wenn es so zu sprechen anfängt und sagt: „Bringet das beste Kleid hervor und tut es ihm an und gebt ihm einen Fingerreif an seine Hand und Schuhe an seine Füße. „Wir haben um einen Stein gebeten und er hat uns Brot gegeben; wir haben um trockenes Brot gebeten und er hat uns Engelspeise gegeben. Für Erz hat er Silber gegeben und für Silber Gold. Wir sahen nach einem Tropfen aus und der Regen hat die Teiche gefüllt; wir suchten einen Bissen und er hat uns mit Gutem gesättigt; und deshalb haben wir eine Bürgschaft, wenn wir erwarten, dass er in Zukunft unsere Gebete übertreffen wird.

Blickt auf den Heilsplan darnach und ihr werdet sehen, wie er den Gedanken erweckt, dass Gott mehr für uns tun kann. Wer ist der, der uns erwählt hat? Wer ist der, der uns wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung? Es ist Gott, der Vater; und wenn ihr ihn als den nennt, der seine Hand an das Werk gelegt hat, so habt ihr eine weite Tür der Hoffnung aufgetan, denn was gibt es, das er nicht zu tun vermag? Er, der jene Himmel mit Sternen gefüllt hat und sie ausgestreut hat wie der Sämann den Samen sät, und der tausend Weltalle gleich voll von Welten ebenso leicht gemacht haben könnte, wie der Mensch ein Wort spricht –, hat er angefangen uns zu segnen und kann es irgendeine Grenze geben für seine Macht, gnädig mit uns zu handeln? Unmöglich!

Blickt dann auf seinen lieben Sohn. Er, der die Himmel und die Erde schuf, ist Mensch geworden und liegt in einer Krippe; er, dem Engel gehorchen, wird verachtet und verworfen von Menschen; er, der allein Unsterblichkeit hat, hängt am Kreuze und blutet und stirbt. Es muss in diesem Seufzen und diesen Schweißtropfen, und diesen Wunden, und diesem seinem Tod eine Kraft zum Seligmachen liegen, die ganz über unsere Begriffe geht. Immanuel zum Opfer gemacht! Welches Vermögen, zu segnen muss in ihm wohnen! Er muss imstande sein, überschwänglich über alles zu tun, das wir bitten oder denken.

Und wer ist dieser, der göttliche Geist, der kommt, um in uns zu wohnen? Ja, buchstäblich in diesem sterblichen Körper zu wohnen, und diese Hütten von Lehm zu seinen Tempeln zu machen! Er hat schon unsre Lüste getötet, schon unsere Herzen verändert, schon uns zu Teilnehmern an der göttlichen Natur gemacht: meine Brüder, gibt es eine Grenze für das, was dem Geist möglich ist, in uns zu wirken? Können wir nicht billig schliessen, dass wenn Gott selber kommt, in unseren Körpern zu wohnen, er uns von jeder Sünde befreien wird und uns fleckenlos machen, wie Gott fleckenlos ist, bis in uns das Gebot erfüllt ist: „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“

Blickt auf den Plan: Er ist in wunderbarer Ausdehnung entworfen. Die Dreieinigkeit in Einheit wird offenbar in dem göttlichen Wirken in uns und es muss etwas unbegreiflich Großes uns möglich sein durch das Wirken solcher mächtigen Kraft. Komm denn, lieber Freund, und denke einen Augenblick an die Kraft, die wirklich in dir wohnt. Wenn du ein Christ bist, musst du dir einer Kraft in dir bewusst sein, die viel zu groß ist, als dass geistige oder körperliche Natur sie ertragen könnte, wenn sie nicht zurückgehalten würde. Fühlt ihr nie ein unaussprechliches Seufzen, tief und furchtbar, gleich der Bewegung eines Erdbebens, als wenn alles in euch aufgelöst wäre mit außerordentlich großer Niedergedrücktheit, Angst und Geburtsarbeit? Diese Schmerzen und Wehen verraten den verborgenen Gott in euch, der eingezwängt ist in die engen Grenzen eurer neu erschaffenen und wachsenden geistlichen Natur. Habt ihr nie das Arbeiten und Streben starker Wünsche, heftigen Hungers und unauslöschlichen Durstes gefühlt? Habt ihr nie geheimnisvolle Kräfte gefühlt, die in eurem Geiste wie eingeschlossene Quellen arbeiteten, Raum und Ausweg verlangten oder drohten, euer Herz zu zersprengen? Seid ihr euch nie des Unendlichen bewusst, der in euch ringet? Habt ihr nie gefühlt, wie ein kleiner Vogel, der in dem Ei eingeschlossen ist und an der Schale pickt, um Freiheit zu erlangen? Seid ihr euch nicht bewusst, dass ihr nicht seid, was ihr einst sein werdet? Fühlt ihr nicht die Allmacht manchmal mit unaussprechlicher Freude durch euch rauschen, bis ihr rufen müsst: „Diese Freude ist nicht von Menschen – es ist die Freude Christi, die in mir erfüllt ist; und wenn ich sie länger fühle, so muss ich sterben, denn dieser Körper kann sie nicht ertragen.“

Dieses sind Entzückungen, aber wir dürfen hier nicht von ihnen reden; es sind hohe, geheimnisvolle Wonnen, von denen man kaum sprechen darf, Erhebungen, in welchen der Mensch so mit seinem Schöpfer vereinigt wird, dass er über sich selbst sich erhebt und mehr als ein Mensch wird; wie der Busch am Horeb, obgleich nur ein Busch, doch fähig gemacht wurde, mit Feuer zu brennen ohne verzehrt zu werden, und so mehr als ein Busch war, denn er glühte von der Gottheit. Sind eure Herzen nicht wohl bekannt mit diesen heiligen Geheimnissen des himmlischen Lebens? Wenn sie es sind, so vermögt ihr, des Apostels Meinung zu ahnen, wenn er sagte: „Der da überschwänglich tun kann über alles, das wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die da in uns wirket.“ Gott gebe, dass wir dies völliger erkennen.

Unsere dritte Betrachtung ist:

III.

Was soll denn Gott gegeben werden?

„Dem sei Ehre in der Gemeinde, die in Christo Jesu ist zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ „Dem sei Ehre.“ O, meine Seele, bete ihn an! Fühle seine Herrlichkeit, lass die Wärme anbetende Liebe sein! O, meine Seele, verkünde seine Güte und strahle das Licht wider, das auf dich von ihm fällt; und so gib ihm die Ehre, indem du den Menschenkindern kundtust, was er dir kundgetan! Ja, meine Seele, lass alles, was in dir ist, in dieser unbegrenzten Güte baden und dann ihm die Ehre geben durch immerwährenden Dienst. Beuge deine Stärke zum Gehorsam; helfe mit jenem mächtigen Wagen zu ziehen, auf welchem Jesus daherfährt „siegend und dass er siege“, dass er die Söhne Adams selig mache. Gott verdient Ehre in dem weitesten Sinne und in der tatsächlichen Bedeutung dieses Wortes. O, meine Brüder und Schwestern, lasst uns versuchen, sie ihm zu geben.

Aber der Apostel fühlte, dass er nicht sagen dürfe: „Ihm sei Ehre in meiner Seele.“ Er wünscht dies, aber seine eine Seele gewährt viel zu wenig Raum und so rief er aus: „Dem sei Ehre in der Gemeinde!“ Er ruft das ganze Volk Gottes auf, den göttlichen Namen zu preisen. Wenn die ganze übrige Welt stumm wäre, so müsste die Kirche doch immer die Ehre Gottes verkünden. Wenn Mond und Sterne und Sonne und Meer nicht mehr die Majestät des Schöpfers widerstrahlen, so lasst doch die Erlösten des Herrn ihn preisen, die, welche er aus der Hand des Feindes erlöst hat. Wie Israel am roten Meer sang, mit Tanzen und Zimbeln, so lasset die Kirche Gottes jauchzen, denn er hat uns durch das Meer geführt und unsere Gegner ertränkt: „Die Tiefe hat sie bedeckt, es ist nicht einer übrig geblieben.“ Du, o Jesus, hast unsere Seelen mit Blut erkauft, hast die Gefangenen frei gemacht und uns zu einem königlichen Priestertum gemacht, deshalb muss deine Kirche dich ohne Aufhören preisen.

Aber, als wenn er fühlte, dass die Gemeinde selber der Aufgabe nicht gewachsen sei, obgleich sie dazu bestimmt ist, die göttliche Ehre kundzumachen, sehet, wie er hinzufügt: „in der Gemeinde durch Christum Jesum.“ 3) Du, Herr Jesus, bist allein unter den Menschen beredt genug, die Ehre Gottes auszusprechen. Gnade ist über deine Lippen ergossen und du kannst den Preis für uns darbringen. Brüder gedenkt ihr daran, wie unser Herr gelobte, den göttlichen Namen unter seinen Brüdern zu rühmen. Leset den zweiundzwanzigsten Psalm, und ihr werdet sehen, wie er der erste Sänger, der Führer des Chors des Seligen wird. Durch Christum steigt unser Preis zum Himmel auf, er ist unser Sprecher, unser Dolmetscher, der Eine aus Tausenden vor dem Thron der unendlichen Majestät. O Christus – wir sind dein Leib, und jedes Glied deines Leibes preist Gott, aber du bist das Haupt und du musst für uns sprechen mit jenem teuren Lippen, die wie Rosen sind, die mit fließenden Myrrhen triefen; du musst unseren Preis darbringen dem großen Hohenpriester und er wird von deinen Händen angenommen werden.

Doch der Apostel war noch nicht befriedigt, denn er fügt hinzu: „… dem sei Ehre in der Gemeinde, durch Christum Jesus, zu aller Zeit“; und im Griechischen lautet es genau: „in allen Geschlechtern des Zeitalters der Zeitalter.“ Vielleicht erwartete der Apostel halb, dass die Welt noch manche Zeitalter hindurch bestehen würde, obgleich er nicht wusste, wann Christus kommen würde und deshalb wachend seiner harrte. Auf jeden Fall wünschte er, dass Geschlecht nach Geschlecht die Ehre Gottes verkündigen möchte, und wenn es keine aufeinanderfolgenden Geschlechter der Menschen mehr gäbe, so wünschte er, dass jenes Zeitalter der Zeitalter, das goldene Zeitalter, Gottes Zeitalter, das Zeitalter des Friedens, der Freude und Seligkeit, durch was für Gestalten es auch gehen möge, doch nie aufhören möge, von dem Ruhme Gottes wiederzuschallen. O, selige Worte des Apostels! Wir können ihre Bedeutung nicht ergründen, und wenn wir es könnten, so würde doch diese Bedeutung hinter dem zurückbleiben, was Gott verdient.

„Halleluja, Lob, Preis und Ehr’,
Sei unserm Gott je mehr und mehr,
Und seinem großen Namen!
Stimmt an mit aller Himmelsschar,
Und singet nun und immerdar
Mit Freuden Amen, Amen!“

Unsere Kinder sollen nach uns folgen und sie sollen den Herrn preisen, und ihre Kinder, und sie sollen ihn preisen, und ihre Kinder, und sie sollen ihn preisen; und wenn die Zeit kommt, da die Erde alt wird, und Christus selber vom Himmel kommt, um alles neu zu machen, so sollen seine Heiligen ihn erheben, wenn er kommt. Wenn er seine Feinde schlägt und sie in Stücke bricht wie des Töpfers Gefäße, so werden seine Heiligen ihn noch anbeten. Und wenn das Ende kommt und er alle Macht Gott dem Vater übergeben haben wird, dann wird noch der ewig währende Gesang zu Gott und dem Lamme hinaufsteigen; und durch die Ewigkeiten der Ewigkeiten hindurch, wenn Gott Alles in Allem sein wird, wird es die Seligkeit jedes Erlösten sein, für immer und immer zu sprechen: „Ihm sei Ehre, Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.“

IV.

Ich bin fertig, wenn ihr fertig seid und der letzte Punkt betrifft das, was ihr zu tun habt. Was sollen wir zu all diesem sagen?

Der Text sagt es in einem Worte. Er schließt mit eurem Anteil daran – Amen. Einige von euch sind erst vor kurzem neugeboren, ihr seid Kindlein im Hause Gottes, ich bitte euch, ihn heute morgen zu rühmen, der für euch außerordentlich überflüssig tun kann über alles, was ihr bittet oder denkt. Sagt „Amen“, weil wir uns vereinigen, ihm die Ehre zu geben. Und ihr, meine Brüder, die ihr gleich in der Stärke der Mannesjahre seid, in der Blüte des Lebens, für Gott arbeitend, lasst uns von Herzen sagen „Amen“, wie wir es wohl tun mögen; denn alle Gnade, die wir gehabt haben, die wir noch haben, kommt von ihm. Und ihr, meine ehrwürdigen Brüder und Schwestern, die ihr dem Himmel euch schon nähert, es ist mehr Weichheit in eurer Stimme als in der unseren; denn es ist eine Reise und Vollendung in eurer Erfahrung, darum sagt ihr zuerst und vor allem: „Ihm sei Ehre in der Gemeinde!“ Sagt es jetzt, alle Klassen von Gläubigen: ihr, die ihr euch im Herrn freut heute morgen, und ihr, die ihr traurig und gebeugt seid, sagt „Amen“. Obgleich ihr jetzt nicht Freude habt, sagt „Amen“ in der Erwartung derselben.

Keiner von euch sei träge zu sagen: „Ihm sei Ehre in der Gemeinde von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ Sage es, o Gemeinde hienieden, ohne Ausnahme; sagt es all ihr Streitenden. Ihr Heiligen, die auf ihrem Krankenbett liegen und ihr, die ihr dem Tod nahe seid, sagt doch „Amen“. O Gemeinde droben, wiederhole das große „Amen“. Ihr Triumphierenden, die ihr eure Kleider in dem Blut des Lammes gewaschen habt, ich brauche euch nicht aufzufordern „Amen“ zu sagen, denn ich weiß, ihr tut es lauter und lieblicher als die Heiligen hienieden.

Ihr Sünder, die ihr seine Gnade noch nicht geschmeckt habt, ich meine, ich könnte euch beinahe drängen, „Amen“ zu sagen, denn wenn ihr noch nicht Gnade erlangt habt, so ist ER fähig, sie euch zugeben. Ihr seid heute morgen hierher gekommen, durstig wie Hagar und Gott sieht euch. Ihr sucht ein wenig Wasser, eure Flasche zu füllen. Seht, dort ist ein Brunnen, ein Brunnen, der frei fließet. Trinkt daraus, trinkt und lebt und sagt „Amen“, wenn ihr den Herrn lobt, der in Liebe auf euch blickt. Vielleicht kamt ihr hierher wie Saul und sucht eures Vaters Eselinnen oder andere geringe Dinge. Siehe, ER gibt euch ein Königreich – er gibt es nach dem Reichtum seiner Gnade. Nehmt es an und sprecht „Amen“. O, mit einem Herzen und einer Seele lasst alle unter euch, die von Tod und Hölle erlöst sind oder nur hoffen, es zu werden, in diesen Gesang einstimmen:

„Ehre dem Herrn, der hört das Flehen,
Weit über Bitten und Verstehen!
Preist IHN, Gemeinde allezeit
Durch seinen Sohn in Ewigkeit.“

Amen und Amen.

sprachlich angepasst durch Fritz

1)
Anm.: in der engl. Bibel das Wort: „unto“
2)
Anm.: Im engl. „der da außerordentlich überflüssig über alles tun kann, was wir bitten oder denken.“
3)
engl. Übers.
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