Spurgeon, Charles Haddon - 16. Das Evangelium des Reiches - Kapitel 16

(Der König und sein erwähltes Zeichen. V. 1-4.)

1.Da traten die Pharisäer und Sadduzäer zu Ihm; die versuchten Ihn, und forderten, daß Er sie ein Zeichen vom Himmel sehen ließe.

Dem König treten wieder seine Feinde gegenüber. Zwei Sekten, die sich einander heftig bekämpften, vereinen ihre Kräfte gegen Ihn. Es ist die Weise der Gottlosen, Freunde zu werden, wenn sie das Himmelreich zu vernichten suchen.

Bei dieser Gelegenheit kommen sie nicht mit einer Frage, sondern mit der alten Forderung eines Zeichens. Diesmal muß es “ein Zeichen vom Himmel“ sein, möglicherweise ein Wunder am Himmel. Welches Recht hatten sie, Ihn auf die Probe zu stellen, wie ihre Laune sie ihnen eingab? Welche Zeichen waren noch nötig, da seiner Wunder so viele waren? Waren nicht alle seine Wunder Zeichen vom Himmel? Warf nicht diese Forderung einen Makel auf alles, was Er schon gethan hatte? War es nicht ein thatsächliches Nichtbeachten aller seiner früheren Werke der Macht? Zu oft sind auch wir in die Schwachheit gefallen, ein neues Zeichen der göttlichen Liebe zu verlangen, und so die früheren Gnaden zu unterschätzen. Wenn der Beweis, den wir schon von unsres Herrn Gnade und Macht empfangen haben, nicht genug ist, wann werden unsre Zweifel ein Ende nehmen?

In dieser Forderung eines Zeichens versuchten die Feinde unsres Herrn Ihn. Lag die Versuchung darin, daß sie Ihn drängten, seine eigne Ehre zu suchen durch eine prunkvolle Entfaltung seiner Macht, für die keine wirkliche Notwendigkeit vorhanden war? Was immer es war, unser Herr bestand ohne Schaden diese Feuerprobe, denn es war kein Stolz in Ihm. Pharisäer und Sadduzäer werden uns auch versuchen. Von ihrer List und ihrem Lächeln möge der Herr uns erlösen! Mögen wir von dem Wunsch, mit Menschen gut zu stehen, befreit werden durch unsre Liebe zu Jesu!

2.3. Aber Er antwortete und sprach: Des Abends sprecht ihr: Es wird ein schöner Tag werden, denn der Himmel ist rot; und des Morgens sprecht ihr: Es wird heute Ungewitter sein, denn der Himmel ist rot und trübe. Ihr Heuchler, des Himmels Gestalt könnt ihr urteilen; könnt ihr denn nicht auch die Zeichen dieser Zeit urteilen?

Sie konnten das Wetter an gewissen Zeichen vorher erkennen, und unser Herr Jesus nennt die Wetterzeichen Palästinas; doch konnten sie nicht die deutlicheren und häufigeren Warnungen der nahen Zukunft lesen. Wetterzeichen sind zweifelhaft, aber es waren moralische und geistliche Zeichen um sie herum, die kaum mißverstanden werden konnten, wenn sie dieselben nur beachten wollten. Jedes Land hat seine eignen Warnungen am Himmel, und die Palästinas sind von denen unsres Landes verschieden, aber die Zeichen der Zeit sind dieselben in allen Ländern. Unser Herr hob ein Beispiel hervor aus ihrer vermeintlichen Wetterweisheit. Dasselbe Zeichen, welches am Abend schönes Wetter bedeutete, war am Morgen ein Merkmal von Ungewitter. Sie konnten feine Unterschiede bemerken in der veränderlichen Gestalt des Himmels. Warum konnten sie “nicht die Zeichen der Zeit beurteilen?“ Sie hätten sehen können, wenn sie es gewollt, daß alle Weissagungen eins waren in der Erklärung, daß die Zeit der Erscheinung des Messias jetzt gekommen sei; und sie hätten auch wahrnehmen können, daß jedes Ereignis diese Weissagungen erfüllte. Aber sie waren falschen Herzens und wollten nicht sehen, und schrieen dennoch nach einem Zeichen. Zeichen waren rund um sie her, und trotzdem wiederholten sie ihren Papageienschrei: „Laß uns ein Zeichen sehen.“ Gerechterweise war der Herr unwillig über sie und tadelte sie, indem Er die strengen, aber gerechten Worte brauchte: “Ihr Heuchler!“ Heutzutage verdienen die Menschen, welche noch mehr Beweise des Übernatürlichen wollen, einen ähnlichen Tadel.

Herr, laß keinen von uns für die himmlischen Zeichen blind sein – Dein Kreuz, Deine Auferstehung, Dein Wort, Deinen Geist und Dein Gnadenwerk. Lehre uns diese Dinge sorgfältig beurteilen, als die in Wahrheit stets bleibenden “Zeichen der Zeit.“ Selbst in der wachsenden Kälte Deiner Gemeinde und der zunehmenden Schlechtigkeit der Welt laß uns die Zeichen Deiner Zukunft sehen, und warten und wachen bis zu Deiner so lange verheißenen Erscheinung.

4. Diese böse und ehebrecherische Art such ein Zeichen; und soll ihr kein Zeichen gegeben werden denn das Zeichen des Propheten Jonas. Und Er ließ sie und ging davon.

Es war nicht ein Mangel an Beweisen, sondern die traurige Verderbtheit ihrer Seelen, welche sie veranlaßte, nach einem Zeichen zu suchen, und deshalb wollte der Herr ihre krankhafte Sehnsucht nicht befriedigen. Sie wären böse in sittlicher Hinsicht und ehebrecherisch im Herzen, weil sie den einen wahren Gott verließen. Dann wandten sie sich um und rechtfertigten ihren Unglauben an den Sohn Gottes, indem sie Mangel an Beweisen vorschützen und mehr Wunder verlangten, um zu einer richtigen Schlußfolgerung kommen zu können. So ist der Betrug des menschlichen Herzens.

Unser Herr wiederholt seine frühere Antwort, Er will ihnen keine andre geben. In dem ganzen Umfang des Alten Testaments ist kein vollständigeres Zeichen unsres Herrn als Jonas. Unser Herr wußte, daß Er das Vorbild des Jonas selbst bis in die Einzelheiten erfüllen würde, und weist sie deshalb auf das Leben dieses Propheten hin. Dies ist ein Gegenstand, der unsre sorgfältige Betrachtung verdient, aber wir können hier nicht ausführlich dabei verweilen. Unser Herr blickt auf seinen Tod und seine Auferstehung und gibt den Propheten Jonas als sein Zeichen. Jesus wird begraben werden und wird am dritten Tage auferstehen und in der Kraft seiner Auferstehung wird Er die Heiden zur Buße bringen. Hierin wird Er das Gegenbild des Jonas sein, und dies soll das Zeichen sein, daß Er in der That der Christ Gottes ist. Dies hatte unser Herr schon früher gesagt, und hier wiederholt Er es, weil es eine genügende Erwiderung war. Wir brauchen uns nicht die Mühe der Abwechslung zu machen mit Leuten, die beständig dieselbe Leier spielen.

Unser Herr verließ diese Menschen, denn es war nichts mit ihnen zu machen. „Er ließ sie und ging davon,“ und dieser Ort sah Ihn nicht mehr. Herr, verlaß keinen von uns, denn das würde ein sicheres Todesurteil für uns sein!

(Der König wird von den Seinen mißverstanden. V. 5-12.)

5. Und da seine Jünger waren hinüber gefahren, hatten sie vergessen, Brot mit sich zu nehmen.

Sie hatten vergessen, ihr Boot mit Lebensmitteln zu versehen. Dies scheinen sie selbst herausgefunden zu haben, sobald sie “hinüber gefahren“ waren. Sie vergaßen selten solche zeitliche Dinge. Möglicherweise vertraute einer auf den andren, und was jedermanns Geschäft war, war niemandes Geschäft. Sie bemerkten da Versäumnis nicht während des Segelns, aber als die Stunde der Mahlzeit nahte, dachten sie an die Brote. Streitigkeiten hatten eine Zeitlang ihre Gemüter mit religiösen Dingen beschäftigt erhalten, aber der Mangel an Brot und der Hunger, der die Folge davon war, rief sie bald zu den irdischen Dingen zurück.

6. Jesus aber sprach zu ihnen: Sehet zu, und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer.

Er brauchte eine bildliche Ausdrucksweise, die sie leicht verstanden haben würden, wären nicht ihre Gemüter ganz mit dem Brotmangel beschäftigt gewesen. Er sah, daß auch sie bald den Wunsch nach einem Zeichen haben würden, nun sie Brot nötig hatten. Er fürchtete den Einfluß sowohl des Formenwesens der Pharisäer, als des Unglaubens der Sadduzäer auf seine kleine Gemeinde. Darum sein doppeltes Wort: “Sehet zu, und hütet euch.“ Die Warnung ist heute ebenso nötig wie zu unsres Herrn Zeit; möglicherweise ist sie sogar noch notwendiger und wird noch weniger beachtet werden. “Pharisäer und Sadduzäer“ durchsäuern beide die Gemeinden, und der Geist der einen ist so schlecht wie der der andren. Überall sehen wir die eine böse Kraft, die in zwei entgegengesetzten Weisen wirkt, aber rasch das Mehl der sogenannten Christenheit durchsäuert. Herr, errette Dein Volk von diesem sauermachenden und verderblichen Einfluß!

7. Da dachten sie bei sich selbst, und sprachen: Das wird es sein, daß wir nicht haben Brot mit uns genommen.

Ihre Gedanken liefen die niedrige, materielle Bahn entlang vom Sauerteig zu Brot. Bildeten sie sich ein, daß Er ihnen verböte, Sauerteig von den Pharisäern zu borgen, wenn sie begannen, ein Gebäck zu machen? Wie konnten sie irgend einen Sinn in der buchstäblichen Bedeutung des Sauerteigs finden, wenn sie ihn auf die Sadduzäer anwandten? Sie waren an die Erde gebunden durch ihre Sorge, sonst hätten sie nicht ein so thörichtes Versehen machen können. Wenn eine Anzahl hungriger Menschen beisammen ist, ist es da nicht sehr natürlich, daß sie alles mit hungrigen Augen anblicken? Ja, es ist natürlich, aber es ist den Menschen nicht natürlich, geistlich zu sein. Wir müssen beten, daß wir nicht “bei uns selbst denken“ mögen in derselben irdischen Weise, wenn wir in eine kleine Not geraten.

8-10. Da das Jesus vernahm, sprach Er zu ihnen: Ihr Kleingläubigen, was bekümmert ihr euch doch, daß ihr nicht habt Brot mit euch genommen? Vernehmt ihr noch nichts? Gedenkt ihr nicht an die fünf Brote unter die fünf tausend, und wie viel Körbe ihr da aufhobt? Auch nicht an die sieben Brote unter die vier tausend, und wie viel Körbe ihr da aufhobt?

Mangel an Glauben machte sie so unverständig und fleischlich. Mangel an Brot würde sie nicht beunruhigt haben, wenn sie mehr Gnade gehabt hätten. Unser Herr sagt ihnen in Wahrheit: „Warum Fragen aufwerfen, was in dieser kleinen Schwierigkeit gethan werden kann? Habe ich nicht aus viel größeren Verlegenheiten geholfen? Sind nicht eure persönlichen Bedürfnisse reichlich befriedigt worden? Ist euer Vorrat erschöpft worden, selbst wenn eure Gedanken nur mit der Volksmenge beschäftigt waren, und all euer Vorrat von Brot und Fischen ihr hingegeben war? Welcher Anlaß kann da zu Sorge sein in meiner Gegenwart, wenn ich stets eurem Mangel abgeholfen habe?“

Wie thöricht waren sie, aber wie sehr gleichen wir ihnen! Wir scheinen nichts zu lernen. Nach Jahren der Erfahrung hat unser Herr zu sprechen: “Vernehmt ihr nichts? Gedenkt ihr nicht?“ Zwei erstaunliche Wunder hatten diese Jünger nicht zu der Gedankenhöhe hinauf gehoben, die Gläubigen geziemt. Nach all unsren Erfahrungen und Errettungen sind wir leider ziemlich ebenso wie sie. Wie verweilt unsre Seele bei dem Brot, das uns fehlt, und wie schnell vergißt sie frühere Zeiten, wo für all solchen Mangel reichlich gesorgt wurde! Die vielen Körbe, die so reichlich bei früheren Gelegenheiten gefüllt wurden, waren der Jünger eigner Anteil und Vorrat, und deshalb hätten sie die wunderbaren Mahlzeiten nicht vergessen sollen. Selbst die leeren Körbe sollten ihr Gedächtnis aufgefrischt und sie daran erinnert haben, wie sie zweimal gefüllt wurden. Wäre nicht unser elender Kleinglaube und unser Denken bei uns selber, so würde das Andenken an frühere Errettungen uns über jeden Hang zum Mißtrauen gegen unsren Gott erheben.

O Heiliger Geist, lehre uns, sonst werden wir niemals lernen! Mache uns weise, sonst werden wir immer noch beharren in der Thorheit fleischlicher Vernünftelei!

11. Wie versteht ihr denn nicht, daß ich euch nicht sage von Brot, wenn ich sage: Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer?

Im Grunde war es Unglaube, der ihren Verstand verdunkelte. Jesus mag wohl zu Zweiflern sagen: “Ihr versteht nicht.“ Wahrlich, nichts stumpft das geistliche Wahrnehmungsvermögen mehr ab, als überwältigende Sorge um die Speise, die vergänglich ist. Wenn eine Lehre nicht verstanden wird, so mag es nicht immer der Fehler des Lehrers sein. Eine deutliche Rede wird zuweilen mißverstanden, wenn die Seele ganz mit drückendem Mangel beschäftigt ist. Es war traurig, daß die Apostel unsren Herrn buchstäblich verstanden und das augenscheinlich Bildliche seiner Worte nicht sahen. Wie konnte “der Sauerteig der Pharisäer“ ein Ausdruck sein, der in bezug auf Brot gebraucht wurde?

12. Da verstanden sie, daß Er nicht gesagt hatte, daß sie sich hüten sollten vor dem Sauerteig des Brots, sondern vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer.

Die Lehre dieser Sektierer hatte einen geheimen, leisen, durchsäuernden Einfluß, und die Jünger mußten sorgfältig wachen, damit auch nicht einmal ein weniges von ihrem Geist und ihrer Lehre in ihre Seelen käme und sich dann in ihrem ganzen Wesen verbreitete. Diese Sauerteige mögen beide zu gleicher Zeit in derselben Gemeinschaft wirken; in der That, sie sind nur ein Sauerteig. Die zwei Klassen der Gegner griffen den Herrn Jesum zu gleicher Zeit an, denn sie hatten einen gemeinsamen Boden der Abneigung gegen Ihn. Bis auf diesen Tag wirken diese zwei Formen des Bösen immer noch, entweder verborgen oder offenbar, und es thut not, uns zu allen Zeiten vor denselben zu hüten. Es ist gut, dieses zu verstehen und den alten Sauerteig des Pharisäismus auszufegen, sowohl als den neuen Sauerteig des Sadduzäismus fernzuhalten. Selbstgerechtigkeit und fleischliches Vernünfteln muß gleichermaßen hinausgeworfen werden. Der Glaube wird finden, daß beide seine tödlichen Feinde sind. Manche belustigen sich mit dem bösen Sauerteig, und ehe sie sich versehen, wird das unheilige Ding sie verunreinigen. Evangelisch zu sein und zu gleicher Zeit abergläubisch oder rationalistisch, ist fast unmöglich. Einige unsrer Zeitgenossen versuchen mit diesem Sauerteige zu backen, aber ihr Brot wird sauer sein. Hütet euch!

(Der König allein mit seinen Freunden. V. 13-28.)

13. Da kam Jesus in die Gegen der Stadt Cäsarea Philippi, und fragte seine Jünger und sprach: Wer sagen die Leute, daß des Menschen Sohn sei?

Unser Herr wußte gut genug, was die Leute von Ihm dachten, aber Er fragte seine Jünger, um sie nach der sokratischen Methode zu unterrichten, indem Er ihre eigne Meinung aus ihnen herausbrachte. Unser Herr war im Begriff, sie über seinen Tod zu belehren, und es war gut, daß sie eine sehr klare Vorstellung davon hatten, wer Er sei. Er beginnt mit der Frage: “Wer sagen sie Leute, daß des Menschen Sohn sei?“ Menschliche Meinungen über himmlische Dinge gelten wenig, doch ist es ebenso gut, sie zu kennen, damit wir bereit sind, ihnen zu widerstehen.

14. Sie sprachen: Etliche sagen, Du seiest Johannes der Täufer, die andren, Du seiest Elias; etliche, du seiest Jeremias oder der Propheten einer.

Dies waren alles Vermutungen und sehr weit von dem Richtigen entfernt; dennoch war etwas Ähnlichkeit mit der Wahrheit in allen. Herodis Meinung, daß Jesus Johannes der Täufer sei, eben von den Toten auferstanden, schien vielen eine wahrscheinliche, da unser Herr ebenso viel Mut und Treue wie Johannes hatte. Elias schien auch wiederum lebendig in unsres Herrn Feuerworten. Jeremias war wieder lebendig in seinem beständigen Schmerz; und die Propheten lebten wieder auf in seinen merkwürdigen Lehren und seinem wunderbaren Leben. Da ihrer viele Vorbilder von Ihm waren, so ist es wenig zu verwundern, daß Er derselben einer zu sein schien. Doch entdecken die Menschen durch ihre eignen Vermutungen nicht die wahre Natur des Herrn. Nur die, denen Er sich offenbart, werden Ihn kennen.

Der Irrtum hat viele Stimmen, die Wahrheit allein ist eine und eine bleibende. Die Menschen sagen verschiedene Dinge über unsren Herrn, aber sein Geist allein zeugt wirksam von dem einen wahren Christ Gottes.

15. Er sprach zu ihnen. Wer sagt denn ihr, daß ich sei?

Dies ist eine viel prüfendere Frage. Unsre persönlichen Gedanken von Jesu sind ein Hauptpunkt. Unser Herr Jesus nimmt von vornherein an, daß die Jünger nicht dieselben Gedanken haben würden wie die Menschen. Sie folgten nicht dem Geist der Zeit und bildeten ihre Ansichten nicht nach denen der „Gebildeten“ ihrer Periode. Sie hatten, jeder für sich selbst, ein Urteil, durch das, was sie gehört und gesehen, während sie bei Ihm waren. Darum fragte Er: “Wer sagt denn ihr, daß ich sei?“ Möge jeder Leser die Frage beantworten, ehe er weiter geht.

16. Da antwortete Simon Petrus und sprach: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn.

Petrus war wie gewöhnlich der Sprecher für die übrigen, und er sprach sehr gut. Er hatte des Messias Amt und die göttliche Sohnschaft seines Herrn erkannt und sprach in deutlichen Worten seinen Glauben aus. Es war ein einfaches, aber befriedigendes Glaubensbekenntnis. Wir sollten stets bereit sein, denen eine Antwort zu geben, die wissen wollen, was wir in betreff eines solchen Hauptpunktes, wie die Person und die Natur unsres Herrn, glauben. Ein Irrtum in diesem Punkte würde unsre ganze Religion zu einer verfehlten machen. Wenn Er uns nicht der Christ, des Herrn Gesalbter und “des lebendigen Gottes Sohn“ ist, so kennen wir Jesum nicht recht.

17. Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Selig bist du, Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und blut hat dir das nicht offenbart, sondern mein Vater im Himmel.

Sein alter Name wird genannt, um den Unterschied zwischen dem darzustellen, was er vorn Natur war und dem, wozu die Gnade ihn gemacht hatte. Simon, Jonas Sohn, der flatternde Sohn einer Taube, ist nun Petrus, ein Fels, geworden. Er war ein glücklicher Mann, da er von Gott über die Hauptwahrheit der Offenbarung belehrt war. Er war nicht durch bloße Vernunft zu seinem Glauben gelangt. Fleisch und Blut hatten nicht das Rätsel gelöst; es war ihm eine Offenbarung von dem Vater im Himmel geworden. Um den Herrn historisch zu kennen, dazu ist keine solche göttliche Unterweisung erforderlich, aber die völlige Gewißheit des Petrus über seines Herrn Natur und Sendung war keine Theorie in seinem Kopfe; diese Wahrheit war durch den himmlischen Geist in sein Herz geschrieben. Dies ist die einzige Kenntnis von der Person unsres Herrn, die des Habens wert ist, denn sie bringt einen Segen mit sich – einen Segen von dem Munde des Herrn Jesu: “Selig bist du.“

18. Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesem Felsen will ich bauen meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.

“Du bist Petrus,“ ein Stück Felsen, und auf diesen Felsen, von dem du ein Stück bist, “will ich bauen meine Gemeinde.“ Er war durch die Offenbarung des Vaters dahin gekommen, den Sohn zu erkennen und mit Ihm eins zu werden; so war er ein Stein von dem einen Felsen. Christus ist der Felsen und Petrus ist eins mit Ihm geworden, und “auf diesen Felsen“ ist die Gemeinde gegründet. Wenn es keine Romanisten gegeben hätte, die diese Stelle falsch verstanden hätten, so würde sie keine Schwierigkeit dargeboten haben. Jesus ist der Baumeister, und Er und seine Apostel sind die erste Lage Steine in dem großen Tempel der Gemeinde, und diese erste Lage ist eins mit dem ewigen Felsen, worauf sie ruht. In den ersten zwölf Lagen oder Gründen sind die Namen der zwölf Apostel des Lammes (Off. 21,14). Wir sind „erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist.“ Apostel sind nicht der Grund unsres Vertrauens wegen ihres Verdienstes, aber der Zeit nach bilden sie die Grundlage, und wir gründen uns auf ihr Zeugnis von Jesu und seiner Auferstehung. Jesus fügt die, welche Er um sich sammelt, zusammen; denn Er spricht: “Ich will bauen meine Gemeinde.“ Er baut auf einem festen Grunde. “Auf diesen Felsen will ich bauen.“ Was Jesus baut, ist sein eigen: „meine Gemeinde.“ Er macht sein auf einen Felsen gegründetes Gebäude zu einer Festung, welche die Mächte des Bösen beständig belagern, aber vergeblich, “denn die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“

19. Und ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein.

Das neue Königreich sollte nicht geschlossen sein wie Noahs Arche, sondern seine Thüren und Schlüssel haben. Zu praktischen Zwecken thut dem Volke Gottes die Zucht not und die Macht, Mitglieder aufzunehmen, abzuweisen, zu behalten oder auszuschließen. Von diesen Schlüsseln sagt unser Herr zu Petrus: “Ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben.“ Als der erste unter den Aposteln gebrauchte Petrus diese Schlüssel am Pfingstfeste, wo er dreitausend in die Gemeinde einließ; in Jerusalem, als er Ananias und Sapphira ausschloß; und im Hause Kornelius, als er die Heiden zuließ. Unser Herr gab seiner Gemeinde die Macht, innerhalb ihrer Grenzen für Ihn zu regieren. Nicht Thüren zu machen, sondern sie zu öffnen oder zu schließen; nicht Gesetze zu machen, sondern ihnen zu gehorchen und darauf zu sehen, daß sie befolgt werden. Petrus und die, für welche er sprach, wurden die Verwalter des Herrn Jesu in der Gemeinde, und die Handlungen wurden von ihrem Herrn genehmigt. Noch heute fährt der Herr fort, die Lehren und Handlungen seiner gesendeten Diener, jener Petrusse, welche Stücke des einen Felsens sind, zu genehmigen. Die Urteile seiner Gemeinde, wenn sie richtig gefällt werden, haben seine Bestätigung, so daß sie gültig sind. Die Worte seiner gesendeten Diener, die in seinem Namen gesprochen werden, sollen vom Herrn bestätigt werden und weder in betreff der Verheißungen noch der Drohungen, ein bloßes Stück Rednerkunst sein. Als unser Herr hier auf Erden war, nahm Er persönlich Menschen in den auserwählten Kreis seiner Jünger auf, aber am Vorabend seines Scheidens gab Er ihrem Führer, und damit auch ihnen, die Macht, andre in ihre Zahl aufzunehmen, oder sie zu entlassen, wenn sie als unwürdig befunden wurden. So war die Gemeinde oder Gesellschaft gestiftet und ihr verwaltende Gewalt für ihre inneren Angelegenheiten verliehen. Wir können nicht Gesetze geben, aber wir dürfen und müssen die Anordnungen und Gesetze des Herrn verwalten, und das, was wir in der Ausführung des göttlichen Gesetzes in der Gemeinde auf Erden mit Recht thun, wird von unsrem Herrn im Himmel bekräftigt. Eine Gemeinde würde eine bloße Täuschung sein und ihre Handlungen eine feierliche Posse, wenn das große Haupt der Gemeinde nicht alles genehmigte, was seinem Gesetzbuch gemäß gethan wird.

Wir brauchen nicht ausführlich bei den Ansprüchen des römischen Papstes zu verweilen. Selbst wenn Petrus zum Haupt der Gemeinde gemacht wäre, wie würde das den Bischof von Rom berühren? Kein vorurteilsfreier Leser der Bibel sieht eine Spur von Papsttum in dieser Stelle. Der Wein des Romanismus ist nicht aus dieser Traube zu pressen.

20. Da verbot Er seinen Jüngern, daß sie niemand sagen sollten, daß Er Jesus der Christ wäre.

Noch sollten sie Schweigen beobachten über die höchsten Ansprüche unsres Herrn, damit nicht das Volk in voreiligem Eifer Ihn durch Waffengewalt zum König einsetzte. Es war gefährlich, einer so schlecht unterrichteten Menge zu sagen, was sie sicherlich mißverstehen und mißbrauchen würde. Der Befehl, niemandem zu sagen, muß sehr seltsam in den Ohren der Jünger geklungen haben. Es war nicht ihre Sache, die Ursache des Befehls ihres Herrn zu erforschen; es war genug für sie, zu thun, was Er sie hieß. Wir haben kein solches Verbot, und deshalb wollen wir allen sagen, daß unser Herr der Heiland ist, der Gesalbte Gottes, oder wie Er selbst es ausdrückte, “Jesus der Christ.“

21. Von der Zeit an fing Jesus an und zeigte seinen Jüngern, wie Er müßte hin gen Jerusalem gehen, und viel leiden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten, und getötet werden, und am dritten Tage auferstehen.

Da die Gemeinde oder Gesellschaft jetzt wirklich geordnet war und als eine Thatsache behandelt wurde, so begann unser Herr, seine Jünger auf die Zeit vorzubereiten, wo sie als eine verbundene Körperschaft allein zu handeln hätten, weil Er von ihnen genommen sein würde. Ihre erste große Prüfung würde sein Tod sein, wovon Er dunkel schon früher gesprochen hatte. “Von der Zeit an fing Jesus an, und zeigte seinen Jüngern“ seinen Tod deutlicher. Es gibt eine passende Zeit für schmerzliche Enthüllungen, und unser Herr ist weise in der Wahl derselben. Er erwähnt das Zusammentreten seiner Feinde: “Älteste und Hohepriester und Schriftgelehrte“ werden sich eifrig verbinden. Ihre Wut wird sich in vielerlei Grausamkeit zeigen; Er wird “viel leiden.“ Er erklärt, daß sie ihre Feindschaft bis zu dem bitteren Ende treiben werden; Er wird “getötet werden.“ Er sagt vorher, daß Er “auferstehen“ wird, und Er bezeichnet die Zeit, nämlich “am dritten Tage.“ All dieses muß den Männern traurig geklungen haben, die sich immer mit Bildern von einem Reich ganz andrer Art schmeichelten. Die meisten von ihnen schwiegen weislich in ihrer Traurigkeit, doch einer war da, der eine viel zu kühne Zunge hatte.

22. Und Petrus nahm Ihn zu sich, fuhr Ihn an, und sprach: Herr, schone Deiner selbst; das widerfahre Dir nur nicht!

Dem Petrus konnte man noch nicht vertrauen als Haushalter. Er nimmt sich zu viel heraus. Seht, wie groß er ist! Er bildet sich fast ein, daß er Meister sei. Er liebte seinen Herrn so sehr, daß er nicht ertragen konnte, davon zu hören, daß Er getötet werden würde, und er wollte Ihn gern hindern, von einem so furchtbar traurigen Gegenstand zu reden. Er denkt, der Herr sei krankhaft ängstlich und lege der Feindschaft der Pharisäer mehr Wichtigkeit bei, als sie verdiene. Deshalb nimmt er den Herrn allein und rügt Ihn. Die Worte sind sehr stark: “Petrus nahm Ihn zu sich, fuhr Ihn an.“ Er meinte, des Herrn freimütiger Freund zu sein und zu gleicher Zeit das ehrfurchtsvolle Benehmen zu behaupten, das seinem Jünger geziemte, aber er nahm sich ersichtlich zu viel heraus, als er wagte, seinen Herrn zu rügen. Er konnte in dem Tode unsres Herrn nichts als den Untergang der Sache sehen, und darum hatte er das Gefühl, es dürfe nicht so sein. Er flehte die Barmherzigkeit des Himmels an, eine so furchtbare Katastrophe zu hindern. “Schone Deiner selbst.“ Es muß nicht, kann nicht so ausfallen, wie Jesus geweissagt hat. “Das widerfahre Dir nur nicht.“ Er wollte sogar den Gedanken daran aus unsres Herrn Seele treiben. Würden wir nicht dasselbe gethan haben, wenn wir da gewesen und ebenso besorgt um die Ehre unsres Herrn gewesen wären, wie Petrus es war? Würden wir nicht von Entsetzen ergriffen worden sein bei der Vorstellung, daß ein solcher wie Er einen grausamen Tod erleiden sollte? Hätten wir nicht in furchtbarem Ernst geloben können: “Das soll Dir nicht widerfahren?“

23. Aber Er wandte sich um, und sprach zu Petrus: Hebe dich, Satan, von mir! du bist mir ärgerlich; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

Unser Herr war über die Versuchung erhaben, die aus der Liebe seines Freundes erwuchs. Er wollte nicht länger an der Seite des Petrus bleiben, Er wandte sich hinweg von ihm. Da Er sah, daß der Teufel den Petrus als sein Werkzeug gebrauchte, redete Er den Satan selber an und Petrum auch, so weit er mit der bösen Eingebung eins war. “Hebe dich, Satan, von mir.“ Der Versuch war gemacht, einen Stein des Anstoßes in den Pfad der Selbstaufopferung zu legen, den Jesus sogar bis zum bitteren Ende verfolgen wollte. Er spähte das Hindernis aus und sprach: “Du bist mir ärgerlich.“ Sein liebster Freund war sein furchtbarster Feind, wenn er Ihn von seinem Lebenswerk abbringen wollte. Der Teufel glaubte, daß es ihm durch unsres Herrn soeben ernannten Vormann gelingen werde, aber Jesus machte kurzen Prozeß mit der Versuchung: Er war den Stein aus dem Wege und hinter sich, so daß Er nicht darüber straucheln konnte. Der Kern des Irrtums war der, daß Petrus die Dinge vom Standpunkt menschlichen Ruhmes und Erfolges ansah und nicht von jenem großartigen Standpunkt, in welchem die Ehre Gottes in der Errettung der Menschen alles andre weit überwiegt.

Etwas Wunderbares ist hier. Ein Mensch kann wissen, was nur der Vater offenbaren kann, und dennoch “nicht meinen, was göttlich ist.“ Wenn er nicht das Opfer des Herrn Jesu annimmt, so “meint er nicht,“ was göttlich ist. Wenn er sich nicht von Herzen über die Versöhnung freut, so nimmt er jenen lieblichen Geruch der Ruhe nicht wahr, den Gott der Herr in dem großen Opfer wahrnimmt, und hat deshalb keine Gemeinschaft mit göttlichen Dingen. Er kennt nicht den Geschmack, den Duft, das Wesen der geistlichen Dinge. Wie sehr er Jesum auch in Worten ehren mag, so ist er doch ein Feind, ja, ein wirklicher Satan für den wahren Christus, dessen eigentliches Wesen sein Werk als unser Sühnopfer ist. Die, welche heutzutage das stellvertretende Opfer unsres Herrn schmähen, lieben mehr das, was menschlich ist, als das, was göttlich ist. Sie erheben laut den Anspruch, große Menschenfreunde zu sein, aber gesunde Theologen sind sie nicht. Sie mögen die Freunde der Menschen sein, aber sie sind nicht die Diener Gottes. Mit welchem Schmerz schreiben wir diese Worte, wenn wir an die vielen Prediger denken, auf die sie Anwendung finden!

24. Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst, und nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir.

Wie unser Herr, um seine Bestimmung zu erfüllen, sich opfern mußte, so muß dies auch jeder, der sein Nachfolger sein will. Um uns dich an unsren Herrn zu halten, was Er mit den Worten “mir nachfolgen“ meint, müssen wir unser Ich aufgeben, denn Er verleugnete sich selbst, ums ein Volk zu erlösen. Wir müssen unser Ich nicht kennen und ihm nicht nachgeben, sondern jeder von uns muß “sich selbst verleugnen.“ Indem er dies thut, muß er freudig seine eigne persönliche Last von Schmerz und von Dienst auf seine Schulter nehmen und sie mit Selbstaufopferung tragen, wie Jesus sein Kreuz trug.

Er hatte ihnen von seinem Kreuz gesagt; nun sagt Er ihnen von ihren eignen Kreuzen. Sie mochten nun wiederum wählen, ob sie Ihm folgen wollten und konnten. Mit ihrer genaueren Belehrung über seine Bestimmung war ihnen wieder die Frage vorgelegt, ob sie Ihm nachfolgen oder Ihn verlassen wollten. Wenn sie dabei verharrten, seine Nachfolger zu sein, so mußten sie dies als Kreuzträger und Selbstverleugnende sein. Die Bedingungen sind auch in unsren Tagen nicht anders. Nehmen wir sie an? können wir Schritt halten in der langen Reihe der Kreuzträger oder wollen wir dem Zeitgeist beistimmen und schöne Sachen über Jesum sagen, während wir sein stellvertretendes Opfer leugnen und die Selbstverleugnung scheuen, die Er verlangt? Unsre eigne Weisheit muß, wenn sie uns dahin führt, gering von dem „teuren Blut“ zu denken, gänzlich verleugnet und selbst verabscheut werden.

25. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.

Nun sollten sie nach der Lehre handeln, die Er sie gelehrt hatte. Sie konnten ihr wirkliches Selbst nur erhalten durch den Verlust dieses gegenwärtigen Lebens. Wenn sie aber bei sich beschlössen, daß sie zuerst und zuvörderst ihr äußeres Leben erhalten müßten, so würde dies auf Kosten ihres wahren Wesens geschehen. Ihnen dies deutlich zu sagen, war ehrlich gehandelt von unsres Herrn Seite, und es sprach sehr für die Jünger, daß sie Ihm doch treu blieben. Ach, es war einer da von den erwählten Zwölfen, der wahrscheinlich in diesem Augenblick plante, wie er den Beutel behalten und doch schließlich den Folgen der Forderung seines Meisters sich entziehen könnte.

26. Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele wieder löse?

Wenn er sein wirkliches Leben verliert, was könnte es ihm nützen, selbst wenn die ganze Welt sein wäre? Der wahre Gewinn oder Verlust ist ein Gewinn oder Verlust des Lebens. Alle äußeren Dinge sind Kleinigkeiten, verglichen mit diesem wahrhaften Leben. Selbst jetzt: “Was hülfe es dem Menschen?“ Er hat kein wirkliches Leben in Christo, und was ist alles andre, was er sonst besitzt? Was andres als ein glänzender Schein, womit er seine Seele am Rande der Hölle belustigt? Und was die künftige Welt anlangt, so ist da keine Frage. Das ewige Leben zu verlieren, ist in der That ein überwältigender Verlust.

Nichts kann mit dem ewigen Leben verglichen werden. Der Seele Wert kann nicht durch gewöhnliche Berechnungen abgeschätzt werden. Welten auf Welten wären ein armseliger Preis. “Was kann ein Mensch geben, damit er seine Seele wieder löse?“ Von Schacher kann nicht die Rede sein. Die Seele ist so sehr das einzige Erbteil des Menschen, daß er, wenn er sie verloren hat, alles verloren hat.

27. Denn es wird ja geschehen, daß des Menschen Sohn komme in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln; und alsdann wird Er einem jeglichen vergelten nach seinen Werken.

Es wird ein Tag kommen, wo Christus von dem Richterstuhl herab es kund machen wird, wer weise gewesen ist in seiner Lebensart, denn alsdann wird der Lohn oder die Strafe Licht auf das frühere Verhalten des Menschen werfen. Er, der selber verachtet ward, wird der Belohner derjenigen sein, die ihr Leben um seiner Sache willen hingaben. An jenem Tage wird der gekreuzigte Menschensohn in der Herrlichkeit kommen. Diese Herrlichkeit wird die “Herrlichkeit seines Vaters“ sein, und diese göttliche Herrlichkeit wird durch Heere von begleitenden Engeln bezeugt werden. In aller Pracht des Himmels wird Er beim jüngsten Gericht den Lohn austeilen. Durch die göttliche Gnade werden die Werke der Gerechten als Beweise ihrer Liebe zu Gott angenommen werden, und den Gottlosen wird mit Gerechtigkeit ihr Schicksal nach ihren Werken bestimmt, weil diese Werke der Beweis sein werden, daß sie nicht den Glauben gehabt haben, der gute Werke hervorbringt.

Herr, durch Deinen guten Geist laß mich stets an jenen Tag der Tage gedenken, der die Ewigkeit hell von unermeßlicher Seligkeit machen wird oder dunkel von unaussprechlichem Wehe! Möge ich alle Dinge betrachten in dem Glanze des Lichtes, das Deinen Richterstuhl umgibt!

28. Wahrlich, ich sage euch: Es stehen etliche hier, die nicht schmecken werden den Tod, bis daß sie des Menschen Sohn kommen sehen in seinem Reich.

So nahe war diese Herrschaft, welche die um Christi willen erlittenen Verluste der Heiligen wieder ersetzen sollte, daß, ehe noch alle die Umstehenden tot sein würden, der Herr ein Vorspiel dieser Herrschaft geben wollte in dem Gericht über Israel durch die Belagerung und Zerstörung Jerusalems, und sein Reich aufrichten wollte, dessen Anzeichen und dessen Werkzeug der Richterstuhl ist.

Wir haben hier eine schwierige Stelle, und dies scheint die einfachste Weise zu sein, sie in ihrem Zusammenhange zu verstehen. Unser Herr scheint zu sagen: „Durch Leiden und Tod steige ich auf einen Thron, und dadurch wird man sehen, daß Verlust und Tod oft der Weg zu wahrem Gewinn und wirklichem Leben sind. Dies mein Reich ist nicht weit weg und ist wirklich da; einige von euch werden mich in der Ausübung meiner königlichen Macht sehen, ehe sie sterben.“

Doch hat man auch gedacht, es bedeute, daß einige niemals wirklich den Tod schmecken oder die Fülle seiner schrecklichen Bedeutung kennen würden bis zum Gerichtstage. Dies ist wahr, aber es kann kaum an dieser Stelle gelehrt werden.

autoren/s/spurgeon/d/dedr/kapitel_16dedr.txt · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)