Monod, Adolphe - Jesus Christus
Wenn man sich vergegenwärtigt, was Gott uns in Seinem geliebten Sohn gegeben hat, so möchte man in Stillschweigen verharren oder dieser Feier des HErrnmahls nur Worte der Anbetung und Danksagung hinzufügen. Da der HErr uns aber auch verpflichtet, von Seiner Wahrheit Zeugnis abzulegen, fahre ich mit Gottes Hilfe fort, euch die Wahrheit zu verkündigen, wie ich sie im Herzen trage, bis der Tag kommt, an dem mir der HErr den Mund schließen und sprechen wird: Es ist genug; Du hast genug geredet, ruhe aus von deiner Arbeit im Schoße deines Erlösers!
Bei einem besonders wichtigen Punkt, den wir kürzlich ausführlich besprochen haben, verweile ich heute nicht: bei der Sünde. Zuerst müssen wir eine klare, gründliche Einsicht in unseren Sündenzustand vor Gott haben, nicht nur, weil wir die Überzeugung besitzen, gegen Sein heiliges Gesetz gesündigt zu haben, sondern weil wir angefangen haben, die ganze Größe unserer Sünde, den Schrecken der göttlichen Gerichte und die Tiefe des Abgrundes zu ermessen, aus dem wir gezogen werden mußten. Sind wir dann von dem bitteren Gefühl der Sünde so durchdrungen, daß wir keine Entschuldigung und Erklärung für sie finden, so müssen wir gestehen: „An Dir, an Dir allein habe ich gesündigt!“ Dann fassen wir, meine Freunde, das ganze Evangelium zusammen in einem einzigen Wort oder vielmehr in einem einzigen Namen: Jesus Christus - wie der Apostel sagt: „Denn ich hielt nicht dafür, daß ich etwas wüßte unter euch als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten“ (1. Korinther 2,2).
Wer ist Jesus Christus? Wie ist Er? Welche Vorstellung habt ihr von Ihm?
Wenn wir auf Jesus Christus schauen, so betrachten wir Ihn zunächst als Menschen; aber wir bemerken bald, daß Er kein gewöhnlicher Mensch ist. Wir finden in Ihm eine unendliche Barmherzigkeit, eine Güte, die immer bereit ist, uns zu helfen, und eine Macht, die ausreicht, uns zu erlösen; wir finden in Ihm einen HErrn und Befreier, der die Gebrechen des Körpers heilt, um zu zeigen, daß Er auch die tiefsten und verborgensten Leiden der Seele zu heilen vermag; eine Heiligkeit ohne Makel, ja die zur Erde hernieder gekommene Heiligkeit Gottes. Mit einem Wort: wir finden in einem menschlichen Körper und Geist die göttliche Wahrheit, Stärke und Liebe, die nie ein Mensch besessen noch geahnt hat, die uns unwillkürlich zu Ihm hinzieht als zu Dem, der uns die Erlösung bringt.
Sobald wir aber die Heilige Schrift ausforschen und Ihn selbst hören, beginnt dies Geheimnis sich aufzuklären, aber nur durch ein anderes, noch tieferes Geheimnis. Wir erfahren, daß unser HErr Jesus Christus - denn wir haben Ihn haben als Menschen betrachtet - auf übernatürliche Weise geboren, nicht nur Menschensohn, sondern zugleich Gottessohn ist: Menschensohn, d.h. Mensch; Gottessohn, d.h. Gott. Wenn Er göttliche Jugend, göttliche Macht, göttliche Heiligkeit und Güte besitzt, so ist Er Gott. „Er ist das Ebenbild Gottes und der Abglanz Seiner Herrlichkeit, und die Fülle der Gottheit wohnt in Ihm leibhaftig.“ Das ist das gottselige Geheimnis: Gott geoffenbart im Fleisch; so konnte Er zu Seinen Jüngern sagen: „Wer mich sieht, der sieht den Vater.“ Das ist, meine lieben Freunde, recht eigentlich der Schlüssel und der Grund des ganzen Evangeliums nach meiner inneren, stets zunehmenden Überzeugung und nach der Überzeugung des gläubigen Volkes von Anfang bis zu Ende, der Propheten, der Erzväter, der Apostel, der Zeugen, der Märtyrer, der Väter der Kirche, der Reformatoren, der Diener und Dienerinnen des HErrn zu allen Zeiten. Von diesem Punkt gehen all die unzähligen Wege aus, die zu den Taten des Glaubens und Gehorsams führen, zu denen wir berufen sind. Auf diesem Grunde, auf Jesus Christus, dem im Fleische geoffenbarten Gott, ruht das ganze christliche Leben, so daß ohne diesen Grund des Glaubens nicht allein Jesus Christus, sondern Gott selbst entthront wird. Der lebendige Gott lebt dann nicht mehr; man setzt an Seine Stelle eine gedachte Naturseele und Weltallseele, einen Vernunftgott - der ein toter Gott ist, der nie einen Menschen erlöst, geheiligt und getröstet hat. Der wahre Gott ist Derjenige, der Sich uns offenbart, ja noch mehr: der Sich uns in Jesus Christus zu eigen gibt, wie jemand gesagt hat: in der Schöpfung zeigt Gott uns Seine Hand, aber in der Erlösung gibt ER uns Sein Herz.
Jesus Christus - Gott und doch Mensch, wahrer, wirklicher Mensch, wahrer und vollkommener Gott - diese Aussage dünkt viele eine unsichere Lehre, die ohne Bedeutung für das praktische Leben ist; das ist aber nicht so. Diese Tatsache ist vielmehr der Grund der christlichen Tätigkeiten und des christlichen Lebens. Auch Paulus, obgleich er diese Lehre ein Geheimnis nennt, nennt sie ein „gottseliges Geheimnis“. Ohne diese Lehre gibt es kein christliches Leben, keine christliche Heiligkeit, keinen christlichen Trost, keine christliche Kraft, kein christliches Sterben; sie ist der Grundstein unseres Glaubens. Die Gnade unseres HErrn Jesus Christus, die in unser Herz ausgegossen ist, ist unsere einzige Kraft und Hoffnung.
Deshalb sollt ihr es wissen, und ich bekenne es, daß ich in Jesus Christus meinen Gott sehe, vor dem ich mich mit Thomas niederwerfe und ausrufe: „Mein HErr und mein Gott!“, und von dem ich mit Johannes bezeuge: „Er ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben“, oder mit Paulus: „Er ist Gott über alles, gelobet in Ewigkeit.“ Ich ehre Ihn, wie ich den Vater ehre, und ich weiß, daß der Vater Wohlgefallen daran hat, wie an einer Ehre, die man Ihm selbst gibt, denn Er will, „daß alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren“. Ich bestrebe mich, in der Gemeinschaft Jesu Christi und in Seinem Frieden zu leben, indem ich zu Ihm spreche, ihn höre - mit einem Wort: indem ich Tag und Nacht Zeugnis von Ihm ablege; dies alles würde Abgötterei sein, wenn Er nicht Gott wäre, wenn Er es nicht wäre in dem höchsten, einzigen Sinne, den der menschliche Geist diesem erhabenen Namen zu geben vermag. Jesus Christus ist Der, der ist: „Ich bin - Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ - das ist Jesus Christus, das ist Er für mich. Das Wenige, das ich an Glauben, an Trost, an Heiligkeit und Liebe besitze - und das Gott in mir vermehren wolle -, habe ich erst erhalten, seitdem ich gelernt habe, Jesus Christus als meinen Erlöser und meinen Gott anzubeten.
Gründe ich mich auf diesen festen Glauben, so finde ich in Jesus Christus meinen Freund, der nach dem treffenden Ausdruck des 84. Psalms „meine Sonne und mein Schild“ ist. Von allen Seiten beschirmt Er mich; zu Ihm darf ich sagen: Ich bin Dein und Du bist mein; ich weiß, daß Du mein Gott und mein Bruder bist, und Du weißt, daß ich Dein Kind und Dein Knecht bin, der trotz Schwäche und Krankheit an Dich glaubt und der sich danach sehnt, Dich in den schwersten Prüfungen zu verherrlichen. - Jesus Christus schämt Sich nicht, mich Seinen Bruder zu nennen. Ich werde nie ausdrücken können, wie tief, wie zart, wie geheimnisvoll diese Verbindung Gottes mit dem Menschen ist.
Das, meine Freunde, ist Jesus Christus für mich geworden; dazu hat Gott Ihn in Seiner Gnade für mich gemacht. Er hat Sich verschiedener Erziehungsmittel bedient, um mich auf mannigfache Weise von einer Klarheit zur andern zu leiten und mich für alle Ewigkeit in Seiner Gnade zu gründen. Ich weiß, daß Er mich vorlängst darauf vorbereiten und mir Kraft geben wollte, das zu erdulden, was Er mir jetzt zu tragen gibt, und daß die gegenwärtige Heimsuchung vielleicht - ich sage: vielleicht! - die Krone Seiner Prüfungen für mich sein wird.
Ich beschwöre euch: fraget und erforschet euch selbst, ob Jesus Christus für euch das ist, was Er ist für Seine bluterkaufte Gemeinde, was er gewesen ist für die Glaubensväter, für die Propheten und Apostel, für die Blutzeugen, Reformatoren und Heiligen aller Zeiten, was Er ist nach Seinem Selbstzeugnis, nach dem Worte Gottes, nach dem Zeugnis Seines Vaters! Dann haltet inne - aber nicht früher. Denn keiner darf ruhen, der nicht gelernt hat, am Fuße des Kreuzes seines Heilandes und Erlösers zu ruhen, und sollte er durch widrige Stürme dahin getrieben werden gegen seinen eigenen Willen, und sollte er matt und müde niedersinken - er wird gewiß diese Stelle nie mehr zu verlassen wünschen! Denn am Kreuze des Heilandes ist allein ein sicherer Stand, da ist Ruhe für die Müden und Erquickung für die Verschmachteten.
Jesusnam, wer kann ergründen,
Deine Tiefe, Deine Höh,
wer die Gnad und Lieb verkünden,
deren End ich nirgend seh!
Unausforschlich bleibet hier
Deines Namens Fülle mir.
Jesusname, Kraft der Schwachen,
Ruh der Müden, Trost im Schmerz;
bist im Sturm ein sichrer Nachen,
Heilung für ein wundes Herz,
Manna, das die Seele nährt,
Zuflucht, wenn Versuchung währt.
Karl Brockhaus, 1822-1899.