Luther, Martin - An die Königin Maria von Ungarn.

Der Durchlauchtigsten, Hochgebornen Frauen, Frauen Maria, geborne Königin zu Hispanien, Königin zu Ungarn und Böhmen, meiner gnädigsten Frauen.

Gnade und Trost von Gott unserm Vater und Herrn Jesu Christo. Gnädigste Frau Königin, ich hatte mir vorgenommen durch frommer Leute Angeben Ew. königl. Maj. diese vier Psalmen zuzuschreiben zur Vermahnung, daß Ew. königl. Maj. sollte frisch und fröhlich anhalten das heilige Gotteswort in Ungerland zu fördern, weil mir die gute Mähre zukam, daß Ew. Königl. Maj. dem Evangelio geneigt wäre, und doch durch die gottlosen Bischöfe, welche in Ungarn mächtig und fast das Meiste drinnen haben sollen, sehr verhindert und abgewendet würde: also daß sie auch etlich unschuldig Blut haben vergießen lassen und gräulich wider die Wahrheit Gottes getobet.

Aber nun sich indeß leider die Sache durch Gottes Gewalt und Vorsehung also gekehret hat, daß der Türke diesen Jammer und Elend hat angerichtet und das edle, junge Blut König Ludwig Ew. Königl. Maj. liebes Gemahl niedergeschlagen, hat sich mein Fürnehmen auch müssen so umkehren.

Wie Sankt Paulus schreibt an die Römer, daß die heilige Schrift sei eine tröstliche Schrift und lehre uns Geduld, so habe ich dennoch fortgefahren und dieselbigen Psalmen lassen ausgehen, Ew. Königl. Maj. zu trösten, so viel Gott uns tröstet und giebt, in diesem großen, plötzlichen Unglück und Elend, damit der allmächtige Gott Ew. Königl. Maj. zu dieser Zeit heimsucht, nicht aus Zorn oder Ungnaden, als wir billig sollen hoffen, sondern zu züchtigen und zu versuchen, auf daß Ew. Königl. Maj. lerne trauen allein auf den rechten Vater, der im Himmel ist und sich trösten des rechten Bräutigams Jesu Christi, der auch unser Bruder, ja unser Fleisch und Blut ist, und sich ergötzen mit den rechten Freunden und Gesellen, den lieben Engeln, die um uns sind und unser pflegen.

Denn wiewohl es Ew. königl. Maj. ein bitter schwerer Tod ist und billig sein soll, so frühe eine Wittwe und des lieben Gemahls beraubt zu werden: so wird doch wiederum die Schrift, sonderlich die Psalmen, Ew. königl. Maj. dagegen viel gutes Trostes geben und den süßen, lieblichen Vater und Sohn gar reichlich zeigen, darin das gewisse und ewige Leben »erborgen liegt. Und sürwahr, wer da mag hinkommen, daß er des Vaters Liebe gegen uns in der Schrift kann sehen und fühlen, der kann auch leichtlich ertragen alles Unglück, das auf Erden fein mag. Wiederum wer dieselbige nicht fühlet, der kann auch nicht recht fröhlich sein, wenn er gleich in aller Welt Wollust und Freuden schwämme. Es kann ja keinem Menschen solch groß Unfall widerfahren, als Gott dem Vater selbst widerfahren ist, daß man sein liebstes Kind für alle seine Wunder und Wohlthat zuletzt verspeit, verflucht und des allerschändlichsten Todes am Kreuz tödtet; wiewohl einem Jeglichen sein Unglück das größte dünkt und mehr zu Herzen geht, denn Christi Kreuz, wenn er gleich zehn Kreuz hätte erlitten. Das macht, wir sind nicht so stark von Geduld, als Gott ist: darum thun uns geringere Kreuze mehr wehe, denn Christus Kreuze. Aber der Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes wolle Ew. Königl. Maj. trösten in seinem Sohn Jesu Christo durch seinen heiligen Geist, daß sie dieses Elendes bald vergessen oder doch männlich tragen könne, Amen. Zu Wittenberg am ersten des Wintermondes 1526.

Ew. königl. Maj.

williger Diener Martinus Luther.

Quelle: Hase, Carl Alfred - Luther-Briefe

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