Luther, Martin - An die Burgermeister und Ratherrn allerlei Städte in deutschen Landen,daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen. 1524

Gnad und Fried von Gott unserm Vater und Herrn Jesu Christo. Fürsichtigen, weisen lieben Herrn. Wiewohl ich, nu wohl drei Jahr verbannet und in die Acht getan, hätte sollen schweigen, wo ich Menschen Gebot mehr denn Gott gescheuet hätt, wie denn auch viel in deutschen Landen beide, groß und klein, mein Reden und Schreiben aus derselben Sache noch immer verfolgen und viel Bluts drüber vergießen. Aber weil mir Gott den Mund aufgetan hat und mich heißen reden, dazu so kräftiglich bei mir stehet und meine Sache ahn meinen Rat und Tat soviel stärker macht und weiter aasbreit, soviel sie mehr toben, und sich gleich stellet, als lache und spotte er ihrs Tobens, wie der ander Psalm sagt, an wilchem alleine merken mag, wer nicht verstockt ist, daß diese Sache maß Gottes eigen sein, sintemal sich die Art göttlichs Worts und Werks hie äuget, wilchs allzeit denn am meisten zunimmt, wenn man's auf höhest verfolget und dämpfen will.

Darum will ich reden (wie Jesajas sagt) und nicht schweigen, weil ich lebe, bis daß Christus' Gerechtigkeit ausbreche wie ein Glanz und sein heilbertige Gnad wie ein Lampe anzündet werde, und bitte nu euch alle, meine lieben Herrn und Fründe wölltet diese meine Schrift und Ermahnung gründlich annehmen und zu Herzen fassen. Denn ich sei gleich an mir selber wie ich sei, so kann ich doch fur Gott mit rechtem Gewissen rühmen, dass ich darinnen nicht das Meine suche, wilchs ich viel baß möcht mit Stilleschweigen uberkommen, sondern meine es von Herzen treulich mit euch und ganzem deutschen Land, dahin mich. Gott verordenet hat. Es gläube oder gläube nicht, wer do will. Und will euer Liebe das frei und getrost zugesagt und angesagt haben, daß, wo ihr mir hierin gehorchet, ahn Zweifel nicht mir, sondern Christo gehorchet. Und wer mir nicht gehorchet, nicht mich, sondern Christon veracht. Denn ich weiß ie wohl und bin gewiß, was und wohin ich rede oder lehr, so wird's auch jedermann wohl selbs spüren, so er meine Lehre recht will ansehen.

Aufs erstt erfahren wir jetzt in deutschen Landen durch und durch, wie man allenthalben die Schulen zergehen läßt, die hohen Schulen werden schwach, Klöster nehmen ab und will solichs Gras dürre werden und die Blume fällt dahin, wie Jesajas sagt, weil der Geist Gottes durch sein Wort drein webet und scheinet so heiß drauf durch das Evangelion. Denn nu durch das Wort Gottes kund wird, wie solch Wesen unchristlich und nur auf den Bauch gericht sei. Ja, weil der fleischliche Haufe siebet, daß sie ihre Söhne, Töchter und Freunde nicht mehr sollen oder mögen in Klöster und Stift verstoßen und aus dem Hause und Gut weisen und auf fremde Güter setzen, will niemand meher lassen Kinder lehren noch studiern. Ja, sagen sie, was soll man lernen lassen, so nicht Pfaffen, Münich und Nonnen werden sollen? Man laß sie so mehr lehren'', damit sie sich ernähren.

Was aber solche Leut fur Andacht und im Sinn haben, zeuget gnugsam solch ihr eigen Bekenntnis. Denn wo sie hätten nicht allein den Bauch und zeitliche Nahrung fur ihre Kinder gesucht in Klöstern und Stiften oder im geistlichen Stand und wäre ihr Ernst gewest, der Kinder Heil und Seligkeit zu suchen, so würden sie nicht so die Hände ablassen und hinfallen und sagen: Soll der geistliche Stand nichts sein, so wöllen wir auch das Lehren lassen anstehen und nichts dazu tun. Sondern würden also sagen: Ist's wahr, wie das Evangelion lehret, daß solcher Stand unsern Kindern fährlich ist? Ach, Lieber, so lehret uns doch eine ander Weise, die Gott gefällig und unsern Kindern seliglich sei, denn wir wöllten ja gerne unsern lieben Kindern nicht allein den Bauch, sondern auch die Seel versorgen. Das werden freilich rechte christliche, treue Eltern von solchen Sachen reden.

Daß aber der böse Teufel sich also zur Sache stellet und gibet solchs ein den fleischlichen Weltherzen, die Kinder und das junge Volk so zu verlassen, ist nicht wunder, und wer will's ihn verdenken? Er ist ein Fürst und Gott der Welt. Daß er nu des sollt ein Gefallen tragen, daß ihm seine Nester, die Klöster und geistliche Rotten, verstöret werden durchs Evangelion, in wilchen er allermeist das junge Volk verderbet, an wilchem ihm gar viel, ja ganz und gar gelegen ist, wie ist's müglich? Wie sollt er das zugeben oder anregen, daß man jung Volk recht aufziehe? Ja, ein Narre wäre er, daß er in seinem Reich sollt das lassen und helfen aufrichten, dadurch es aufs allerschwindest müßte zu Boden gehen, wie denn geschehe, wo er das niedliche Bißlin, die liebe Jugend, verlöre und leiden mußte, daß sie mit seiner Köste und Güter erhalten würden zu Gottes Dienst.

Darum hat er fast weislich tan zu der Zeit, da die Christen ihre Kinder christlich aufzogen und lehren ließen. Es wollt ihm der junge Haufe zu gar entlaufen und in seinem Reich ein Unleidlichs aufrichten. Da fuhr er zu und breitet seine Netze aus, richte soliche Klöster, Schulen und Stände an, daß es nicht müglich war, daß ihm ein Knabe hätt sollen entlaufen ohn sonderlich Gottes Wunder. Nu er aber siehet, daß diese Stricke durchs Gotteswort verraten werden, fähret er auf die ander Seiten und will nu gar nichts lassen lernen. Recht und weislich tut er abermal fur sein Reich zu erhalten, daß ihm der junge Haufe ja bleibe. Wenn er denselben hat, so wächst er unter ihm auf und bleibt sein, wer will ihm etwas nehmen? Er behält die Welt denn wohl mit Frieden innen. Denn wo ihm soll ein Schaden geschehen, der da recht beiße, der muß durchs junge Volk geschehen, das in Gotteserkenntnis aufwächst und Gottes Wort ausbreitet und ander lehret.

Niemand, niemand gläubt, wilch ein schädlichs, teufelisch Furnehmen das sei und gehet doch so still daher, daß niemand merkt, und will`' den Schaden getan haben, ehe man raten, wehren und helfen kann. Man furcht sich fur Türken und Kriegen und Wassern, denn da verstehet man, was Schaden und Frummen sei. Aber was hie der Teufel im Sinn hat, siehet niemand, furcht auch niemand, gehet still 'erein. So doch hie billig wäre, daß, wo man einen Gulden gebe, wider die Türken zu streiten, wenn sie uns gleich auf dem Halse lägen, hie hundert Gülden geben würden, ob man gleich nür einen Knaben kunnt damit auferziehen, daß ein rechter Christenmann würde. Sintemal ein recht Christenmensch besser ist und mehr Nutzs vermag denn alle Menschen auf Erden.

Derhalben bitt ich euch alle, meine lieben Herrn und Freunde, um Gottes willen und der armen Jugend willen, wöllet diese Sache nicht so geringe achten, wie viel tun, die nicht sehen, was der Weltfürst gedenkt. Denn es ist ein ernste, große Sache, da Christo und aller Weit viel an liegt, daß wir dem jungen Volk helfen und raten. Damit ist denn auch uns und allen geholfen und geraten. Und denkt, daß soliche stille, heimliche, tückische Anfechtunge des Teufels will mit großem christlichen Ernst gewehret sein. Lieben Herrn, muß man jährlich soviel wenden an Büchsen, Wege, Stege, Dämme und dergleichen unzähligen Stucke mehr, damit eine Stadt zeitlich Friede und Gemach habe. Warum sollt man nicht viel mehr, doch [zumindest] auch soviel wenden an die dürftige, arme Jugend, daß man einen geschickten Mann oder zween hielte zu Schulmeistern?

Auch soll sich ein iglicher Burger selbs das lassen bewegen, hat er bisher soviel Gelds und Guts an Ablaß, Messen, Vigilien, Stiften, Testament, Jahrtagen, Bettelmünchen, Bruderschaften, Wallfahrten und was des Geschwürms mehr ist, verlieren müssen und nu hinfurt von Gottes Gnaden solches Raubens und Gebens los ist, wöllt doch Gott zu Dank und zu Ehren hinfurt desselben ein Teil zur Schulen geben, die armen Kinder aufzuziehen, daß so herzlich wohl angelegt ist, so er doch hätte müßt wohl zehenmal soviel vergebens den obgenannten Räubern und noch mehr geben ewiglich, wo solch Licht des Evangelii nicht kommen wäre und ihn davon erlöset hätte, und erkenne doch, daß, wo sich das wehret, beschweret, sperret und zerret, das gewißlich der Teufel da sei, der sich nicht so sperret, daß man's zu Klöstern und Messen gab, ja, mit Haufen dahin treib. Denn er fuhlet, daß dies Werk nicht seines Dinges ist. So laßt nu dies die erste Ursach sein, alle lieben Herrn und Fründe, die euch bewegen soll, daß wir hierin dem Teufel widerstehen als dem allerschädlichsten heimlichen Feinde.

Die ander, daß, wie St. Paulus sagt 2. Kor. 6, wir die Gnade Gottes nicht vergeblich empfahen und die selige Zeit nicht versäumen. Denn Gott der Allmächtige hat furwahr uns Deutschen jetzt gnädiglich daheimen gesucht und ein recht gülden Jahr' aufgericht. Da haben wir jetzt die feinsten, gelehrtesten junge Gesellen und Männer, mit Sprachen und aller Kunst geziert, weliche so wohl Nutz schaffen künnten, wo man ihr' brauchen wöllt, das junge Volk zu lehren. Ist's nicht fur Augen, daß man jetzt einen Knaben kann in dreien Jahren zurichten, daß er in seinem funfzehenten oder achtzehenten Jahr mehr kann, denn bisher alle hohen Schulen und Klöster gekunnt haben? Ja, was hat man gelernt in hohen Schulen und Klöstern bisher, denn nür Esel, Klötz und Bloch werden? Zwänzig, vierzig Jahr hat einer gelernt und hat noch widder Lateinisch noch Deutsch gewußt. Ich schweige das schändlich, lästerlich Leben, darinnen die edle Jugend so jämmerlich verderbt ist.

Wahr ist's, ehe ich wollt, daß hohe Schulen und Klöster blieben so, wie sie bisher gewesen sind, daß kein ander Weise, zu lehren und leben, sollt fur die Jugend gebraucht werden, wöllt ich ehe, daß kein Knabe nimmer nichts lernte und stumm wäre. Denn es ist mein ernste Meinung, Bitt und Begierde, daß diese Eselställe und Teufelsschulen entweder in Abgrund versünken oder zu christlichen Schulen verwandelt werden. Aber nu uns Gott so reichlich begnadet und solicher Leut die Menge geben hat, die das junge Volk fein lehren und ziehen mügen, wahrlich, so ist not, daß wir die Gnade Gottes nicht in Wind schlahen und lassen ihn nicht umsonst anklopfen. Er stehet fur der Tür, wohl uns, so wir ihm auftun. Er grüßet uns, selig, der ihm antwortet. Versehen wir's, daß er furuber gehet, wer will ihn wieder holen?

Laßt uns unsern vorigen Jammer ansehen und die Finsternis, darinnen wir gewest sind. Ich acht, daß deutsch Land noch nie so viel von Gottes Wort gehöret habe als itzt. Man spürt ie nichts in der Historien davon, lassen wir's denn so hingehen ohn Dank und Ehre, so ist's zu besorgen, wir werden noch greulicher Finsternis und Plage leiden. Lieben Deutschen, käuft, weil der Mark fur der Tür ist, sammlet ein, weil es scheinet und gut Wetter ist, braucht Gottes Gnaden und Wort, weil es da ist. Denn das sollt ihr wissen, Gottes Wort und Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal gewesen ist. Er ist bei den Juden gewest, aber hin ist hin, sie haben nu nichts. Paulus bracht ihn in Griechenland, hin ist auch hin, nu haben sie den Türken. Rom und latinisch Land hat ihn auch gehabt, hin ist hin, sie haben nu den Papst. Und ihr Deutschen dürft nicht denken, daß ihr ihn ewig haben werdet, denn der Undank und Verachtung wird ihn nicht lassen bleiben. Drum greif zu und halt zu, wer greifen und halten kann, faule Hände müssen ein böses Jahr haben.

Die dritte ist wohl die allerhöhest, nämlich Gottes Gebot, der durch Mose so oft treibt und fodert, die Eitern sollen die Kinder lehren, das auch der 78. Psalm spricht: Wie hat er so hoch unsern Vätern geboten, den Kindern kundzutun und zu lehren Kindskind. Und das weiset auch aus das vierte Gebot Gottes, do er der Eltern Gehorsam den Kindern so hoch gebeut, daß man auch durchs Gericht töten soll ungehorsame Kinder. Und warum leben wir Alten anders, denn daß wir des jungen Volks warten, lehren und aufziehen? Es ist je nicht müglich, daß sich das tolle Volk sollt selbs lehren und halten. Darum hat sie uns Gott befohlen, die wir alt und erfahren sind, was ihn' gut ist, und wird gar schwerlich Rechnung Von uns fur dieselben fodern. Darum auch Mose befiehlt (5. Mos. 32) und spricht: Frage deinen Vater, der wird dir's sagen, die Alten, die werden dir's zeigen.

Wiewohl es Sunde und Schande ist, daß dahin mit uns kommen ist, daß wir allererst reizen und uns reizen sollen lassen, unsere Kinder und junges Volk zu ziehen und ihr Bestes denken, so doch dasselb uns die Natur selbs sollt treiben und auch der Heiden Exempel uns mannigfältig weisen. Es ist kein unvernünftig Tier, das seiner jungen nicht wartet und lehret, was ihn' gebührt, ohn der Strauß, da Gott von sagt Hiob 39, daß er gegen seine jungen so hart ist, als wären sie nicht sein, und läßt seine Eier auf der Erden liegen. Und was hülf's, daß wir sonst alles hätten und täten und wären gleich eitel Heiligen, so wir das unterwegen lassen, darum wir allermeist leben, nämlich des jungen Volks pflegen? Ich acht auch, daß unter den äußerlichen Sunden die Welt fur Gott von keiner so hoch beschweret ist und so greuliche Strafe verdienet als eben von dieser, die wir an den Kindern tun, daß wir sie nicht ziehen.

Da ich jung war, fuhret man in der Schulen ein Sprichwort: Non minus est negligere scholarem, quam corrumpere virginem. Nicht geringer ist es, einen Schuler versäumen denn eine Jungfrau schwächen. Das sagt man darum, daß man die Schulmeister erschrecket, denn man wißte dazumal kein schwerer Sunde, denn Jungfrauen schänden. Aber, lieber Herr Gott, wie gar viel geringer ist's, Jungfrau oder Weiber schänden (wilchs doch als ein leibliche erkannte Sunde mag gebüßet werden) gegen dieser, da die edlen Seelen verlassen und geschändet werden, da soliche Sunde auch' nicht geachtet noch erkennet und nimmer gebüßet wird? 0 wehe der Welt, immer und ewiglich. Da werden täglich Kinder geborn und wachsen bei uns daher und ist leider niemand, der sich des armen jungen Volks annehme und regiere, da läßt man's gehen, wie es gehet. Die Klöster und Stifte sollten's tun, so sind sie eben die, von denen Christus sagt: Wehe der Welt um der Ärgernisse willen, wer dieser jungen einen ärgert, die an mich gläuben, dem wäre es besser, einen Mühlstein an den Hals gehängt und ins Meer gesenkt, da es am tiefesten ist. Es sind nür Kinderfresser und Verderber.

Ja, sprichst du, solchs alles ist den Eltern gesagt, was gehet das die Ratherrn und Oberkeit an? Ist recht geredt, ja wie, wenn die Eltern aber solchs nicht tun. Wer soll's denn tun? Soll's drum nachbleiben und die Kinder versäumet werden? Wo will sich da die Oberkeit und Rat entschuldigen, daß ihnen solchs nicht sollt gebühren? Daß es von den Eltern nicht geschieht, hat mancherlei Ursach.

Aufs erst sind etliche auch nicht so frumm und redlich, daß sie es täten, ob sie es gleich kunnten, sondern wie die Strauße härten“ sie sich auch gegen ihre Jungen und lassen's dabei bleiben, daß sie die Eier von sich geworfen und Kinder zeuget haben, nicht mehr tun sie dazu. Nu, diese Kinder sollen dennoch unter uns und bei uns leben in gemeiner Stadt. Wie will denn nu Vernunft und sonderlich christliche Liebe das leiden, daß sie ungezogen aufwachsen und den andern Kindern Gift und Schmeiße seien, damit zuletzt ein ganze Stadt verderbe, wie es denn zu Sodom und Gomorra und Gaba und etlichen mehr Städten ergangen ist.

Aufs ander, so ist der größest Haufe der Eltern leider ungeschickt dazu und nicht weiß, wie man Kinder ziehen und lernen soll. Denn sie nichts selbs gelernet haben, ohn den Bauch versorgen, und gehören sonderliche Leut dazu, die Kinder wohl und recht lehren und ziehen sollen.

Aufs dritte, obgleich die Eltern geschickt wären und wöllten's gerne selbs tun, so haben sie fur andern Geschäften und Haushalten widder Zeit noch Raum dazu, also daß die Not zwinget, gemeine Zuchtmeister fur die Kinder zu halten, es wöllte denn ein iglicher fur sich selbs einen eigen halten, aber das würde dem gemeinen Mann zu schwere und würde abermal manch fein Knabe um Armuts willen versäumet. Dazu, so sterben viel Eltern und lassen Waisen hinter sich, und wie dieselben durch Furmunden versorgt werden, ob uns die Erfahrung zu wenig wäre, sollt uns das wohl zeigen, daß sich Gott selbs der Waisen Vater nennet als dere, die von idermann sonst verlassen sind. Auch sind etliche, die nicht Kinder haben, die nehmen sich auch drum nichts an.

Darum will's hie dem Rat und der Oberkeit gebühren, die allergrößesten Sorge und Fleiß aufs junge Volk zu haben. Denn weil der ganzen Stadt Gut, Ehr, Leib und Leben ihn' zu treuer Hand befohlen ist, so täten sie nicht redlich fur Gott und der Welt, wo sie der Stadt Gedeihen und Besserung nicht suchten mit allem Vermügen Tag und Nacht. Nu liegt einer Stadt Gedeihen nicht alleine darin, daß man große Schätze sammle, feste Mauren, schöne Häuser, viel Büchsen und Harnisch zeuge. Ja, wo des viel ist und tolle Narren drüber kommen, ist soviel deste ärger und deste größer Schaden derselben Stadt. Sondern das ist einer Stadt bestes und allerreichest Gedeihen, Heil und Kraft, daß sie viel feiner, gelehrter, vernünftiger, ehrbar, wohlgezogener Burger hat. Die künnten darnach wohl Schätze und alles Gut sammlen, halten und recht brauchen.

Wie hat die Stadt Roma tan, die ihre Knaben also ließ ziehen, daß sie inwendig funfzehen, achtzehen, zwänzig Jahren aufs ausbündigst künnten Lateinisch und Griechisch und allerlei freie Künste (wie man sie nennet), darnach flugs in den Krieg und Regiment, da würden witzige, vernünftige und treffliche Leute aus, mit allerlei Kunst und Erfahrunge geschickt, daß, wenn man itzt alle Bischofe und alle Pfaffen und Müniche in deutschem Lande auf einen Haufen schmelzet, sollt man nicht soviel finden, als man da wohl in einem römischen Kriegsknecht fand. Darum ging auch ihr Ding vonstatten`', da fand man Leute, die zu allerlei tüchtig und geschickt waren. Also hat's die Not allezeit erzwungen und erhalten in aller Welt, auch bei den Heiden, daß man Zuchtmeister und Schulmeister hat müssen haben, so man anders etwas Redlichs hat wöllen aus eim Volk machen. Daher ist auch das Wort Zuchtmeister in Sankt Paulo (Gal. 3) als aus dem gemeinen Brauch menschlichs Lebens genommen, da er spricht: Das Gesetze ist unser Zuchtmeister gewesen.

Weil denn eine Stadt soll und muß Leute haben und allenthalben der größte Gebreche, Mangel und Klage ist, daß [es] an Leuten feile, so muß man nicht harren, bis sie selbs wachsen, man wird sie auch widder aus Steinen hauen noch aus Holz schnitzen, so wird Gott nicht Wunder tun, solange man der Sachen durch ander seine dargetane Güter geraten' , kann. Darum müssen wir dazutun und Mühe und Kost dranwenden, sie selbst erziehen und machen. Denn wes ist die Schuld, daß es itzt in allen Städten so dünne siehet' von geschickten Leuten, ohn der Oberkeit, die das junge Volk hat lassen aufwachsen, wie das Holz im Wald wächset, und nicht zugesehen, wie man's lehre und ziehe? Darum ist's auch so unördig gewachsen, daß zu keinem Bau, sondern nur ein unnütz Gehecke und nur zum Feurwerk tüchtig ist.

Es muß doch weltlich Regiment bleiben, soll man denn zulassen, daß eitel Rülzen und Knebel regieren, so man's wohl bessern kann ist ie ein wild, unvernünftiges Furnehmen! so laß man ebensomehr Säu und Wölfe zu Herrn machen und setzen uber die, so nicht denken wöllen, wie sie von Menschen regiert werden. So ist's auch ein unmenschliche Bosheit, so man nicht weiter denkt denn also: wir wöllen itzt regieren, was geht uns an, wie es denen gehen werde, die noch uns kommen. Nicht uber Menschen, sonder uber Säu und Hunde sollten soliche Leute regieren, die nicht mehr denn ihren Nutz oder Ehre im Regiment suchen. Wenn man gleich den höhesten Fleiß furwendet, daß man eitel feine, gelehrte, geschickte Leut erzöge, zu regieren, es würde dennoch Mühe und Sorge gnug haben, daß es wohl zuginge. Wie soll es denn zugehen, wenn man da gar nichts zutut?

Ja, sprichst du abermal, ob man gleich sollt und müßte Schulen haben, was ist uns aber nütze, lateinisch, griechisch und ebräisch Zungen und andere freie Künste zu lehren, künnten wir doch wohl deutsch die Bibel und Gottes Wort lehren, die uns gnugsam ist zur Seligkeit. Antwort: Ja, ich weiß leider wohl, daß wir Deutschen müssen immer Bestien und tolle Tier sein und bleiben, wie uns denn die umliegende Länder nennen und wir auch wohl verdienen. Mich wundert aber, warum wir nicht auch einmal sagen: was sollen uns Seiden, Wein, Würze und der fremden ausländischen Ware, so wir doch selbs Wein, Korn, Wolle, Flachs, Holz und Stein in deutschen Landen nicht allein die Fülle haben zur Nahrung, sondern auch die Kür und Wahl zu Ehren und Schmuck? Die Künste und Sprachen, die uns ohn Schaden, ja, größer Schmuck, Nutz, Ehre und Frummen sind, beide, zur Heiligen Schrift zu verstehen und weltlich Regiment zu führen, wöllen wir verachten und der ausländischen Ware, die uns widder not noch nütze sind, dazu uns schinden bis auf den Grat, der wöllen wir nicht geraten'. Heißen das nicht billig deutsche Narren und Bestien?

Zwar, wenn kein anderer Nutz an den Sprachen wäre, sollt doch uns das billig erfreuen und anzünden, daß es so ein edle, feine Gabe Gottes ist, damit uns Deutschen Gott itzt so reichlich fast uber alle Länder heimsucht und begnadet. Man siehet nicht viel, daß der Teufel dieselben hätte lassen durch die hohen Schulen und Klöster aufkommen. Ja, sie haben allzeit aufs höhest dawider getobet und auch noch toben, denn der Teufel roch den Braten wohl, wo die Sprachen 'erfurkämen, würde sein Reich ein Fach gewinnen, das er nicht kunnte leicht wieder zustopfen. Weil er nu nicht hat mügen wehren, daß sie 'erfurkämen, denket er doch, sie nu also schmal zu halten, daß sie von ihn' selbs wieder sollen vergehen und fallen. Es ist ihm nicht ein lieber Gast damit ins Haus kommen. Drum will er ihn auch also speisen, daß er nicht lange solle bleiben. Diesen bösen Tuck des Teufels sehen unser gar wenig, lieben Herren.

Darum, lieben Deutschen, laßt uns hie die Augen auftun, Gott danken fur das edel Kleinod und fest drob halten, daß uns nicht wieder entzuckt werde und der Teufel nicht seinen Mutwillen büße. Denn das konnen wir nicht leugen, daß, wiewohl das Evangelion allein durch den Heiligen Geist ist kommen und täglich kommt, so ist's doch durch Mittel der Sprachen kommen und hat auch dadurch zugenommen, muß auch dadurch behalten werden. Denn gleich, als da Gott durch die Apostel wollt in alle Welt das Evangelion lassen kommen, gab er die Zungen dazu. Und hatte auch zuvor durch der Römer Regiment die griechische und lateinische Sprach so weit in alle Land ausgebreitet, auf daß sein Evangelion ie bald fern und weit Frucht brächte. Also hat er itzt auch getan. Niemand hat gewußt, warum Gott die Sprachen 'erfür ließ kommen, bis daß man nu allererst siehet, daß es um des Evangelio willen geschehen ist, wilchs er hernach hat wöllen offenbarn und dadurch des Endchrists Regiment aufdecken und zustören. Darum hat er auch Griechenland dem Türken geben, auf daß die Griechen verjagt und zustreuet, die griechische Sprach ausbrächten und ein Anfang würden, auch andere Sprachen mit zu lernen.

So lieb nu als uns das Evangelion ist, so hart laßt uns uber den Sprachen halten. Denn Gott hat seine Schrift nicht umsonst allein in zwo Sprachen schreiben lassen, das Alte Testament in die ebräische und das Neu in die griechische. Welche nu Gott nicht veracht, sondern zu seinem Wort erwählet hat fur allen andern, sollen auch wir dieselben fur allen andern ehren. Denn St. Paulus rühmet das fur ein sonderliche Ehre und Vorteil der ebräischen Sprach, daß Gottes Wort drinnen geben ist, da er sprach Röm. 3: Was hat die Beschneidung Vorteils oder Nutzes? Fast viel, aufs erst, so sind ihn' Gottes Rede befohlen. Das rühmet auch der König David Psalm 147: Er verkündigt sein Wort Jakob und seine Gebot und Rechte Israel. Er hat keinem Volk also getan noch seine Rechte ihnen offenbart. Daher auch die ebräische Sprach heilig heißet. Und Sankt Paulus Röm. 1 nennet sie die heilige Schrift, ohn Zweifel um des heiligen Worts Gottes willen, das drinnen verfasset ist. Also mag auch die griechische Sprach wohl heilig heißen, daß dieselb fur andern dazu erwählet ist, daß das Neue Testament drinnen geschrieben würde. Und aus derselben als aus eim Brunnen in andere Sprach durchs Dolmetschen geflossen und sie auch geheiliget hat.

Und laßt uns das gesagt sein, daß wir das Evangelion nicht wohl werden erhalten ohn die Sprachen. Die Sprachen sind die Scheiden, darin dies Messer des Geists stickt. Sie sind der Schrein, darinnen man dies Kleinod trägt. Sie sind das Gefäß, darinnen man diesen Trank fasset. Sie sind die Kemnot, darinnen diese Speise liegt. Und wie das Evangelion selbs zeigt: Sie sind die Körbe, darinnen man diese Brot und Fische und Brocken behält'. Ja, wo wir's versehen, daß wir (da Gott fur sei) die Sprachen fahren lassen, so werden wir nicht allein das Evangelion verlieren, sondern wird auch endlich dahin geraten, daß wir widder lateinisch noch deutsch recht reden oder schreiben künnten. Des laßt uns das elend, greulich Exempel zur Beweisung und Warnung nehmen in den hohen Schulen und Klöstern, darinnen man nicht allein das Evangelion verlernt, sondern auch lateinische und deutsche Sprache verderbet hat, daß die elenden Leut schier zu lauter Bestien worden sind, widder deutsch noch lateinisch recht reden oder schreiben konnen und beinahend auch die natürliche Vernunft verloren haben.

Darum haben's die Apostel auch selbs fur nötig angesehen, daß sie das Neue Testament in die griechische Sprache fasseten und anbünden, ohn Zweifel, daß sie es uns daselbs sicher und gewiß verwahreten wie in einer heiligen Laden. Denn sie haben gesehen all dasjenige, das zukunftig war und nu also ergangen ist, wo es allein in die Köpf gefasset würde`', wie manche wilde, wüste Unordnung und Gemenge, so mancherlei Sinnen', Dunkel und Lehren sich erheben würden in der Christenheit, wilchen in keinen Weg zu wehren noch die Einfältigen zu schützen wären, wo nicht das Neue Testament gewiß in Schrift und Sprache gefasset wäre. Darum ist's gewiß, wo nicht die Sprachen bleiben, da muß zuletzt das Evangelion untergehen.

Das hat auch beweiset und zeigt noch an die Erfahrung. Denn so bald nach der Apostel Zeit, da die Sprachen aufhöreten, nahm auch das Evangelion und der Glaube und ganze Christenheit ie mehr und mehr ab, bis daß sie unter dem Papst gar versunken ist. Und ist, sinter Zeit die Sprachen gefallen sind, nicht viel Besonders in der Christenheit ersehen, aber gar viel greulicher Greuel aus Unwissenheit der Sprachen geschehen. Also wiederum weil itzt die Sprachen 'erfurkommen sind, bringen sie ein solich Licht mit sich und tun solch große Ding, daß sich alle Welt verwundert und muß bekennen, daß wir das Evangelien so lauter und rein haben, fast als die Apostel gehabt haben, und ganz in seine erste Reinigkeit kommen ist und gar viel reiner, denn es zur Zeit Sankt Hieronimi oder Augustini gewesen ist. Und Summa: Der Heilige Geist ist kein Narre, gehet auch nicht mit leichtfertigen, unnötigen Sachen um, der hat die Sprachen so nütz und not geacht in der Christenheit, daß er sie oftmals von Himmel mit sich bracht hat, wilchs uns alleine sollt gnugsam bewegen, dieselben mit Fleiß und Ehren zu suchen und nicht zu verachten, weil er sie nu selbs wieder auf Erden erweckt.

Ja, sprichst du, es sind viel Väter selig worden, haben auch gelehret ohn Sprachen. Das ist wahr. Wo rechenst du aber auch das hin, daß sie so oft in der Schrift gefeilt haben? Wie oft feilet Sankt Augustinus im Psalter und andern Auslegung, sowohl als Hilarius, ja, auch alle, die ohn die Sprachen sich der Schrift haben unterwunden auszulegen? Und ob sie gleich etwa recht geredt haben, sind sie doch der Sachen nicht gewiß gewesen, ob dasselb recht an dem Ort stehe, da sie es hindeuten. Als daß ich des ein Exempel zeige: Recht ist's geredt, daß Christus Gottes Sohn ist. Aber wie spöttisch lautet es in den Ohren der Widersacher, da sie des Grund fuhreten aus dem 110. Psalm: Tecum principium in die virtutis tue, so doch daselbs in der ebräischen Sprachen nichts von der Gottheit geschrieben steht. Wenn man aber also mit ungewissen Gründen und Feilsprüchen den Glauben schützet, ist's nicht ein Schmach und Spott der Christen bei den Widerfechtern, die der Sprach kündig sind? Und werden nür halsstarriger im Irrtum und halten unsern Glauben mit gutem Schein fur einen Menschentraum.

Wes ist nu die Schuld, daß unser Glaube so zuschanden wird? Nämlich, daß wir der Sprachen nicht wissen, und ist hie kein Hülfe, denn die Sprachen wissen. Ward nicht St. Hieronimus gezwungen, den Psalter von neuem zu verdolmetschen aus dem Ebräischen um des willen, daß, wo man mit den Juden aus unserem Psalter handelt', spotten sie unser, daß es nicht also stünde im Ebräischen, wie es die Unsern fuhreten? Nu sind aller alten Väter Auslegung, die ohn Sprachen die Schrift haben gehandelt (ob sie wohl nichts Unrechts lehren), doch dergestalt, daß sie fast oft ungewisse, unebene und unzeitige Sprache fuhren und tappen wie ein Blinder an der Wand, daß sie gar oft des rechten Texts feilen und machen ihm eine Nasen nach ihrer Andacht, wie dem Vers droben angezeigt (Tecum principium etc.). Das auch St. Augustinus selbs muß bekennen, wie er schreibt de doctrina Christiana, daß einem christlichen Lehrer, der die Schrift soll auslegen, not sind uber die lateinische auch die griechische und ebräische Sprachen. Es ist sonst unmüglich, daß er nicht allenthalben anstoße, ja, noch Not und Arbeit da ist, ob einer die Sprachen schon wohl kann.

Darum ist gar viel ein ander Ding um einen schlechten Prediger des Glaubens und um einen Ausleger der Schrift oder, wie es St. Paulus nennet, einen Propheten. Ein schlechter Prediger (ist wahr) hat soviel heller Sprüch und Text durchs Dolmetschen, daß er Christum verstehen, lehren und heiliglich leben und andern predigen kann. Aber die Schrift auszulegen und zu handeln fur sich hin und zu streiten wider die irrigen Einführer der Schrift, ist er zu geringe, das lässet sich ohn Sprachen nicht tun. Nu muß man ie in der Christenheit soliche Propheten haben, die die Schrift treiben und auslegen und auch zum Streit tugen, und ist nicht gnug am heiligen Leben und recht Lehren. Darum sind die Sprachen stracks und aller Dinge vonnöten in der Christenheit, gleich wie die Propheten oder Ausleger, ob's gleich nicht not ist noch sein muß, daß ein iglicher Christ oder Prediger sei ein solich Prophet, wie Sankt Paulus sagt 1. Kor. 12 und Eph. 4.

Daher kommt's, daß sint der Apostel Zeit die Schrift so finster ist blieben und nirgend gewisse, beständige Auslegunge drüber geschrieben sind. Denn auch die heiligen Väter (wie gesagt) oft gefeilt, und weil sie der Sprachen unwissend gewesen, sind sie gar selten eines, der fähret sonst, der fähret so. Sankt Bernhard ist ein Mann von großem Geist gewesen, daß ich ihn schier türst uber alle Lehrer setzen, die berühmt sind, beide, alte und neue. Aber siehe, wie er mit der Schrift so oft (wiewohl geistlich) spielt und sie fuhret außer dem rechten Sinn. Derhalben haben auch die Sophisten gesagt, die Schrift sei finster, haben gemeinet, Gottes Wort sei von Art so finster und rede so seltsam. Aber sie sehen nicht, daß aller Mangel liegt an den Sprachen, sonst wäre nicht Lichters je geredt denn Gottes Wort, wo wir die Sprachen verstünden. Ein Türk muß mir wohl finster reden, wilchen doch ein türkisch Kind von sieben Jahren wohl vernimmt, dieweil ich die Sprache nicht kenne.

Darum ist das auch ein toll Fürnehmen gewesen, daß man die Schrift hat wöllen lernen durch der Väter Auslegen und viel Bücher und Glossen Lesen. Man sollt sich dafur auf die Sprachen geben haben. Denn die lieben Väter, weil sie ohn Sprachen gewesen sind, haben sie zuweilen mit vielen Worten an einem Spruch geärbeitet und dennoch nür kaum hinnach geohmet und halbe geraten, halb gefeilet. So läufest du demselben nach mit viel Mühe und künntest dieweil durch die Sprachen demselben viel baß solichen raten, denn der, dem du folgest. Denn wie die Sonne gegen dem Schatten ist, so ist die Sprache gegen aller Väter Glossen. Weil denn nu den Christen gebührt, die Heiligen Schrift zu uben als ihr eigen einiges Buch, und ein Sunde und Schande ist, daß wir unser eigen Buch nicht wissen noch unsers Gottes Sprach und Wort nicht kennen, so ist's noch viel mehr Sunde und Schaden, daß wir nicht Sprachen lehren, sonderlich, so uns itzt Gott darbeut und gibt Leute und Bücher und allerlei, was dazu dienet, und uns gleich dazu reizt und sein Buch gern wollt offen haben. Oh, wie froh sollten die lieben Väter gewesen sein, wenn sie hätten so kunnt zur Heiligen Schrift kommen und die Sprachen lehren, als wir künnten. Wie haben sie mit so großer Mühe und Fleiß kaum die Brocken erlanget, da wir mit halber, ja, schier ohn alle Arbeit das ganze Brot gewinnen künnten. Oh, wie schändet' ihr Fleiß unser Faulheit. Ja, wie hart wird Gott auch rächen solchen unsern Unfleiß und Undankbarkeit.

Daher gehöret auch, daß St. Paulus 1. Kor. 14 will, daß in der Christenheit soll das Urteil sein uber allerlei Lehre, dazu aller Dinge vonnöten ist, die Sprache zu wissen. Denn der Prediger oder Lehrer mag wohl die Biblia durch und durch lesen, wie er will, er treffe oder feile, wenn niemand da ist, der da urteile, ob er's recht mache oder nicht. Soll man denn urteilen, so muß Kunst der Sprachen da sein, sonst ist's verloren. Darum, obwohl der Glaube und das Evangelion durch schlechte Prediger mag ohn Sprachen predigt werden, so gehet es doch faul und schwach, und man wird's zuletzt müde und uberdrüssig und fället zu Boden. Aber wo die Sprachen sind, da gehet es frisch und stark und wird die Schrift durchtrieben' und findet sich der Glaube immer neu durch andere und aberandere Wort und Werk, daß der 29. Psalm solich Studiern in der Schrift vergleicht einer Jaged und spricht: Gott öffne den Hirsen die dicke Wälde. Und Psalm 1: Einem Baum, der immer grunet und immer frisch Wasser hat.

Es soll uns auch nicht irren', daß etliche sich des Geists rühmen und die Schrift geringe achten, etliche auch wie die Brüder Valdenses die Sprachen nicht nützlich achten. Aber, lieber Freund, Geist hin, Geist her, ich bin auch im Geist gewesen und habe auch Geist gesehen (wenn's je gelten soll, von eigenem Fleisch rühmen), vielleicht mehr, denn eben dieselbigen noch im Jahr sehen werden, wie fast sie auch sich rühmen. Auch hat mein Geist sich etwas beweiset, so doch ihrer Geist im Winkel gar still ist und nicht viel mehr tut, denn seinen Ruhm aufwirft. Das weiß ich aber wohl, wie fast der Geist alles alleine tut, wäre ich doch allen Büschen zu ferne gewest, wo mir nicht die Sprachen geholfen und mich der Schrift sicher und gewiß gemacht hätten. Ich hätte auch wohl kunnt frumm sein und in der Stille recht predigen, aber den Papst und die Sophisten mit dem ganzen endechristischen Regiment würde ich wohl haben lassen sein, was sie sind. Der Teufel achtet meinen Geist nicht so fast als meine Sprache und Feder in der Schrift. Denn mein Geist nimmt ihm nichts denn mich allein. Aber die Heiligen Schrift und Sprachen machen ihm die Welt zu enge und tut ihm Schaden in seim Reich.

So kann ich auch die Brüder Valdenses darinnen gar nichts loben, daß sie die Sprachen verachten. Denn ob sie gleich recht lehreten, so müssen sie doch gar oft des rechten Texts feilen und auch ungerüst und ungeschickt bleiben, zu fechten fur den Glauben, wider den Irrtum. Dazu ist ihr Ding so finster und auf eine eigen Weise gezogen außer der Schriftweise, zu reden, daß ich besorge, es sei oder werde nicht lauter bleiben. Denn es gar fährlich ist, von Gottes Sachen anders reden oder mit andern Worten, denn Gott selbs braucht. Kürzlich sie mügen bei ihn' selbs heilig leben und lehren. Aber weil sie ohn Sprache bleiben, wird ihn' mangeln müssen, das allen andern mangelt, nämlich, daß sie die Schrift gewiß und grundlich nicht handeln noch andern Völkern nützlich sein mügen. Weil sie aber das wohl künnten tun und nicht tun wöllen, mügen sie zusehen, wie es fur Gott zu verantworten sei.

Nu, das sei gesagt von Nutz und Not der Sprachen und christlichen Schulen fur das geistlich Wesen und zur Seelenheil. Nu laßt uns auch den Leib furnehmen und setzen, ob schon kein Seel noch Himmel oder Helle wäre, und sollten alleine das zeitlich Regiment ansehen nach der Welt, ob dasselb nicht dürfe viel mehr guter Schulen und gelehrter Leute denn das geistliche. Denn bisher sich desselben die Sophisten so gar nichts haben angenommen und die Schulen so gar auf den geistlichen Stand gerichtet, daß gleich eine Schande gewesen ist, so ein Gelehrter ist ehlich worden und hat müssen hören sagen: Siehe, der wird weltlich und will nicht geistlich werden. Gerade, als wäre allein ihr geistlicher Stand Gott angenehm und der weltliche (wie sie ihn nennen) gar des Teufels und unchristlich, so doch dieweil fur Gott sie selbs des Teufels eigen werden und allein dieser arm Pöfel (wie in der babylonischen Gefängnis dem Volk Israel geschah) im Land und rechten Stand ist blieben und die Besten und Obersten zum Teufel gen Babylon gefuhrt sind mit Platten und Kappen.

Nu, hie ist nicht not, zu sagen, wie das weltlich Regiment ein göttlich Ordnung und Stand ist (davon ich sonst soviel gesagt hab, daß ich hoffe, es zweifel niemand dran), sondern ist zu handelen, wie man feine, geschickte Leut drein kriege. Und hie bieten uns die Heiden ein großen Trotz und Schmach an, die vorzeiten, sonderlich die Römer und Griechen, gar nichts gewußt haben, ob solicher Stand Gott gefiele aber nicht, und haben doch mit solichem Ernst und Fleiß die jungen Knaben und Maidlin lassen lernen und aufziehen, daß sie dazu geschickt wurden, daß ich mich unser Christen schämen muß, wenn ich dran denke, und sonderlich unser Deutschen, die wir so gar Stöck und Tier sind und sagen türen: Ja, was sollen die Schulen, so man nicht soll geistlich werden? Die wir doch wissen oder je wissen sollen, wie ein nötiges und nützes Ding es ist und Gott so angenehm, wo ein Fürst, Herr, Ratmann oder was regiern soll, gelehrt und geschickt ist, denselben Stand christlich zu fuhren.

Wenn nu gleich (wie ich gesagt habe) kein Seele wäre und man der Schulen und Sprachen gar nichts dürfte um der Schrift und Gottes willen, so wäre doch allein diese Ursach gnugsam, die allerbesten Schulen, beide, fur Knaben und Maidlin, an allen Orten aufzurichten, daß die Welt, auch ihren weltlichen Stand äußerlich zu halten, doch bedarf feiner geschickter Männer und Frauen, daß die Männer wohl regiern künnten Land und Leut, die Frauen wohl ziehen und halten künnten Haus, Kinder und Gesinde. Nu, soliche Männer müssen aus Knaben werden, und soliche Frauen müssen aus Maidlin werden. Darum ist's zu tun, daß man Knäblin und Maidlin dazu recht lehre und aufziehe. Nu hab ich droben gesagt, der gemein Mann tut hie nichts zu, kann's auch nicht, will's auch nicht, weiß auch nicht. Fürsten und Herrn sollten's tun, aber sie haben auf 'm Schlitten zu fahren, zu trinken und in der Mummerei zu laufen und sind beladen mit hohen, merklichen Geschäften des Kellers, der Küchen und der Kammer. Und ob's etliche gern täten, müssen sie die andern scheuen, daß sie nicht fur Narren oder Ketzer gehalten werden. Darum will's euch, lieben Ratsherrn, alleine in der Hand bleiben, ihr habt auch Raum und Fug dazu, besser denn Fürsten und Herrn.

Ja, sprichst du, ein iglicher mag seine Tochter und Söhne wohl selber lehren oder ie ziehen mit Zucht. Antwort: Ja, man siehet wohl, wie sich's lehret und zeucht. Und wenn die Zucht aufs höhest getrieben wird und wohl gerät, so kommt's nicht ferner, denn daß ein wenig ein eingezwungen und ehrbar Gebärde da ist, sonst bleiben's gleichwohl eitel Holzböcke, die widder hievon noch davon wissen zu sagen, niemand widder raten noch helfen konnen. Wo man sie aber lehret und zöge in Schulen oder sonst, da gelehrte und züchtige Meister und Meisterin' wären, da die Sprachen und andere Künst und Historien lehreten, da würden sie hören die Geschichte und Sprüche aller Welt, wie es dieser Stadt, diesem Reich, diesem Fürsten, diesem Mann, die sein Weibe gangen wäre, und künnten also in kurzer Zeit gleich der ganzen Welt von Anbeginn Wesen, Leben, Rat und Anschläge, Gelingen und Ungelingen fur sich fassen wie in eim Spiegel, daraus sie denn ihren Sinn schicken und sich in der Welt Lauft richten künnten mit Gottesfurcht, dazu witzig und klug werden aus denselben Historien, was zu suchen und zu meiden wäre in diesem äußerlichen Leben, und andern auch darnach raten und regiern. Die Zucht aber, die man daheime ohn solche Schulen furnimmt, die will uns weise machen durch eigen Erfahrung. Ehe das geschieht, so sind wir hundertmal tot und haben unser Leben lang alles unbedächtig gehandelt, denn zu eigener Erfahrung gehört viel Zeit.

Weil denn das junge Volk muß lecken und springen oder ie was zu schaffen haben, da es Lust innen hat und ihm darin nicht zu wehren ist, auch nicht gut wäre, daß man's alles wehret, warum sollt man denn ihm nicht solche Schulen zurichten und solche Kunst furlegen? Sintemal es itzt von Gottes Gnaden alles also zugericht ist, daß die Kinder mit Lust und Spiel lehren kunnten, es seien Sprachen oder ander Künst oder Historien. Und ist itzt nicht mehr die Helle und das Fegfeur unser Schulen, da wir innen gemartert sind uber den Casualibus und Temporalibus, da wir doch nichts denn eitel nichts gelernt haben durch soviel Stäupen, Zittern, Angst und Jammer. Nimmt man so viel Zeit und Mühe, daß man die Kinder Spielen auf Karten, Singen und Tanzen lehret, warum nimmt man nicht auch so viel Zeit, daß man sie Lesen und ander Künst lehret, weil sie jung und müßig, geschickt und lüstig dazu sind? Ich rede fur mich, wenn ich Kinder hätte und vermöcht's, sie müßten mir nicht alleine die Sprachen und Historien hören, sondern auch singen und die Musica mit der ganzen Mathematica lernen. Denn was ist dies alles denn eitel Kinderspiel, darinnen die Griechen ihre Kinder vorzeiten zogen, dadurch doch wunder geschickte Leut aus worden, zu allerlei hernach tüchtig. Ja, wie leid ist mir's itzt, daß ich nicht mehr Poeten und Historien gelesen habe und mich auch dieselben niemand gelernt hat. Habe dafur müßt lesen des Teufels Dreck, die Philosophos und Sophisten mit großer Kost, Arbeit und Schaden, daß ich gnug habe dran auszufegen.

So sprichst du: Ja, wer kann seiner Kinder so embehren und alle zu Junkern ziehen? Sie müssen im Hause der Ärbeit warten etc. Antwort: Ist's doch auch nicht meine Meinung, daß man solche Schulen anrichte, wie sie bisher gewesen sind, da ein Knabe zwänzig oder dreißig Jahr hat uber dem Donat und Alexander gelernt und dennoch nichts gelernt. Es ist itzt ein ander Welt und gehet anders zu. Mein Meinung ist, daß man die Knaben des Tags ein Stund oder zwo lasse zu solcher Schule gehen und nichtsdesteweniger die ander Zeit im Hause schaffen, Handwerk lernen und wozu man sie haben will, daß beides miteinander gehe, weih das Volk jung ist und gewarten kann. Bringen sie doch sonst wohl zehenmal soviel Zeit zu mit Käulichen schießen, Ballspielen, Laufen und Rammeln.

Also kann ein Maidlin ja so viel Zeit haben, daß des Tages eine Stunde zur Schule gehe und dennoch seins Geschäfts im Hause wohl warte, verschläft's und vertanzet und verspielet es doch wohl mehr Zeit. Es feilet allein daran, daß man nicht Lust noch Ernst dazu hat, das junge Volk zu ziehen noch der Welt helfen und raten mit feinen Leuten. Der Teufel hat viel lieber grobe Blöche und unnütze Leut, daß den Menschen ja nicht zu wohl gehe auf Erden.

Wilche aber der Ausbund darunter wäre, der man sich verhofft, daß geschickte Leut sollen werden zu Lehrer und Lehrerin, zu Prediger und andern geistlichen Ämtern, die soll man deste mehr und länger dabeilassen oder ganz daselbs verordenen, wie wir lesen von den heiligen Märterern, die St. Hagnes und Agata und Lucia und dergleichen aufzogen. Daher auch die Klöster und Stifte kommen sind, aber nu gar in einen andern verdammten Brauch verkehret. Und das will auch wohl not sein, denn der beschorne Haufe nimmt fast ab, so sind sie auch das mehrer Teil untüchtig zu lehren und zu regieren, denn sie künnten nichts, ohn des Bauchs pflegen, wilchs man auch sie allein gelernt hat. So müssen wir ja Leut haben, die uns Gottes Wort und Sakrament reichen und Seelwarter seien im Volk. Wo wöllen wir sie aber nehmen, so man die Schulen zergehen läßt und nicht andere, christlicher aufrichtet? Sintemal die Schulen, bisher gehalten, ob sie gleich nicht vergingen, doch nichts geben mügen denn eitel verlorne, schädliche Verführer.

Darum es hohe Not ist, nicht alleine der jungen Leut halben, sondern auch beider unser Stände, geistlich und weltlich, zu 'rhalten, daß man in dieser Sachen mit Ernst und in der Zeit dazutu, auf daß wir's nicht hintennach, wenn wir's versäumet haben, vielleicht müssen lassen, ob wir's denn gerne tun wollten, und umsonst den Reuling uns mit Schaden beißen lassen ewiglich. Denn Gott erbeut sich reichlich und reicht die Hand dar und gibt dazu, was dazu gehöret. Verachten wir's, so haben wir schon unser Urteil mit dem Volk Israel, da Jesajas von sagt: Ich habe meine Hand dargeboten den ganzen Tag dem ungläubigen Volk, das mir widerstrebt. Und Spr. 1: Ich habe meine Hand dargeboten, und niemand wollt's ansehen, ihr habt alle meinen Rat verachtet. Wohlan, so will ich euer auch lachen in euerm Verderben und spotten, wenn uber euch kommet euer Unglück etc. Da laßt uns fur hüten. Sehet an zum Exempel, wilch einen großen Fleiß der König Salomo hierinnen tan hat, wie er sich des jungen Volks angenommen, daß er unter seinen königlichen Geschäften auch ein Buch fur das junge Volk gemacht hat, das da heißt Proverbiorum. Und Christus selbs, wie zeucht er die jungen Kindlin zu sich! Wie fleißig befiehlet er sie uns und rühmet auch die Engel, die ihr warten (Matth. am 18.), daß er uns anzeige, wie ein großer Dienst es ist, wo man das junge Volk wohl zeucht, wiederum, wie greulich er zürnet, so man sie ärgert und so verderben läßt.

Darum, lieben Herrn, laßt euch das Werk anliegen, das Gott so hoch von euch fodert, das euer Amt schuldig ist, das der Jugend so not ist und des widder Welt noch Geist embehrn kann. Wir sind leider lang gnug im Finsternis verfaulet und verdorben. Wir sind allzu lange gnug deutsche Bestien gewesen. Laßt uns einmal auch der Vernunft brauchen, daß Gott merke die Dankbarkeit seiner Güter und ander Lande sehen, daß wir auch Menschen und Leute sind, die etwas Nützlichs entweder von ihn' lernen oder sie lehren künnten, damit auch durch uns die Welt gebessert werde. Ich habe das Meine getan. Ich wollt ie deutschem Lande gerne geraten und geholfen haben, ob mich gleich etlich darüber werden verachten und solchen treuen Rat in Wind schlahen und Bessers wissen wöllen, das muß ich geschehen lassen. Ich weiß wohl, daß andere künnten besser haben ausgericht, auch weil sie schweigen, richt ich's aus, so gut als ich's kann. Es ist ie besser, dazu geredt, wie ungeschickt es auch sei, denn aller Dinge davon geschwiegen. Und bin der Hoffnung, Gott werde ie euer etliche erwecken, daß mein treuer Rat nicht gar in die Aschen falle, und werden ansehen nicht den, der es redt, sondern die Sach selbs bewegen und sich bewegen lassen.

Am letzten ist auch das wohl zu bedenken allen denjenigen, so Lieb und Lust haben, daß solche Schulen und Sprachen in deutschen Landen aufgericht und erhalten werden, daß man Fleiß und Koste nicht spare, gute Librareien oder Bücherhäuser, sonderlich in den großen Städten, die solichs wohl vermügen, zu verschaffen. Denn so das Evangelion und allerlei Kunst soll bleiben, muß es ie in Bücher und Schrift verfasset und angebunden sein, wie die Propheten und Apostel selbs getan haben, als ich droben gesagt habe. Und das nicht alleine darum, daß diejenigen, so uns geistlich und weltlich fürstehen sollen, zu lesen und studiern haben, sondern daß auch die guten Bücher behalten und nicht verloren werden samt der Kunst und Sprachen, so wir itzt von Gottes Gnaden haben. Hierinnen ist auch St. Paulus fleißig gewesen, da er Timotheo befiehlet, er solle anhalten am Lesen, und auch befiehlt, er solle das Pergamen, zu Troada gelassen, mit sich bringen.

Ja, solchs haben sich geflissen alle Königreiche, die etwas Sonderlichs gewesen sind, und zuvor das israelische Volk, unter wilchen solchs Werk Mose anfing der erste und hieß das Buch des Gesetzs in die Lade Gottes verwahren und tät's unter die Hand der Leviten, daß man bei denselben sollt holen Abschrift, wer es bedürfte, also daß er auch dem Könige gebeut, er solle von den Leviten solchs Buchs Abschrift nehmen, daß man wohl siehet, wie Gott das levitische Priestertum unter andern Geschäften auch dazu verordenet hat, daß sie der Bücher hüten und warten sollten. Nachdem hat diese Librarei gemehret und gebessert Josua, darnach Samuel, David, Salomo, Jesaja und so fortan viel mehr Könige und Propheten. Daher ist kommen die Heilige Schrift des Alten Testaments, wilche sonst nimmermehr wäre zusammenbracht oder blieben, wo Gott nicht hätte solchen Fleiß drauf heißen haben.

Dem Exempel nach haben auch die Stifte und Klöster vorzeiten Librareien angericht, wiewohl mit wenig guten Büchern. Und was es fur Schaden tan hat, daß man zu der Zeit nicht drob gehalten hat, Bücher und gute Librareien zu verschaffen, da man Bücher und Leute genug dazu hatte, ist man darnach wohl gewahr worden, daß leider mit der Zeit dahingefallen ist alle Künst und Sprachen. Und anstatt rechtschaffener Bücher die tollen, unnützen, schädlichen Münichebücher, Catholicon, Florista, Graecista, Labyrinthus, Dormi secure und dergleichen Eselsmist vom Teufel eingefuhrt ist, daß damit die lateinische Sprache zu Boden ist gangen und regieren, ja, auch Gottes Wunder und Werk zu sehen. Oh, wie manche feine Geschichte und Sprüche sollt man itzt haben, die in deutschen Landen geschehen und gangen sind, der wir itzt gar keins wissen. Das macht: Niemand ist da gewesen, der sie beschrieben oder, ob sie schon beschrieben gewest wären, niemand die Bücher gehalten hat, darum man auch von uns Deutschen nichts weiß in andern Landen, und müssen aller Welt die deutschen Bestien heißen, die nichts mehr künnten denn Kriegen und Fressen und Saufen. Aber die Griechischen und Lateinischen, ja, auch die Ebräischen haben ihr Ding so gnau und fleißig beschrieben, daß, wo auch ein Weib oder Kind etwas Sonderlichs getan oder geredt hat, das muß alle Welt lesen und wissen, dieweil sind wir Deutschen noch immer Deutschen und wöllen Deutsche bleiben.

Weil uns denn itzt Gott so gnädiglich beraten hat mit aller Fülle, beide, der Kunst, gelehrter Leute und Bücher, so ist's Zeit, daß wir ernten und einschneiden das Beste, das wir künnten, und Schätze sammlen, damit wir etwas behalten auf das Zukünftige von diesen gülden Jahren und nicht diese reiche Ernte versäumen. Denn es zu besorgen ist und itzt schon wieder anfähet, daß man immer neu und ander Bücher macht, daß zuletzt dahin komme, daß durch des Teufels Werk die guten Bücher, so itzt durch den Druck 'erfurbracht sind, wiederum unterdruckt werden und die losen, heillosen Bücher von unnützen und tollen Dingen wieder einreißen und alle Winkel füllen. Denn damit geht der Teufel gewißlich um, daß man sich wiederum mit eitel Catholicon, Floristen, Modernisten und des verdammten Münichen und Sophisten Mists tragen und martern müsse wie vorhin, und immer lernen und doch nimmer nichts erlernen.

Derhalben bitt ich euch, meine lieben Herrn, wöllet diese meine Treue und Fleiß bei euch lassen Frucht schaffen. Und ob etlich wären, die mich zu geringe dafur hielten, daß sie meins Rats sollten leben oder mich als den Verdammten von den Tyrannen verachten, die wollten doch das ansehen, daß ich nicht das meine, sondern allein des ganzen deutschen Lands Glück und Heil suche. Und ob ich schon ein Narr wäre und treffe doch was Guts, sollt's ie keinem Weisen ein Schande dunken, mir zu folgen. Und ob ich gleich ein Türke und Heide wäre, so man doch siehet, daß nicht mir daraus kann der Nutz kommen, sondern den Christen, sollen sie doch billig meinen Dienst nicht verachten. Es hat wohl ehemals ein Narr baß zu geraten denn ein ganzer Rat der Klugen. Mose mußte sich von Jethro lehren lassen. Hiemit befiehl ich euch alle Gottes Gnaden, der wöllt eur Herzen erweichen und anzünden, daß sie sich der armen, elenden, verlassenen Jugend mit Ernst annehmen und durch göttliche Hilfe ihn' raten und helfen zu seligem und christlichem Regiment deutsches Lands an Leib und Seel mit aller Fülle und Überfluß zu Lob und Ehren Gott dem Vater durch Jesum Christum unsern Heiland. Amen.

autoren/l/luther/a/an_die_burgermeister_und_ratherrn_allerlei_staedte_in_deutschen_landen.txt · Zuletzt geändert: 2013/12/23 16:19 (Externe Bearbeitung)