Luther, Martin - An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung

Dem Achtbarn und Würdigen Herren, Er Nicolao von Amsdorf, der heiligen Schrift Licentiat und Dumherrn zu Wittenberg; meinem besunderen gunstigen Freund. D. Martinus Luther.

Gnad und Fried Gottis zuvor, Achtbar, Würdiger, lieber Herr und Freund!

3 Die Zeit des Schweigens ist vorgangen, und die Zeit zu reden ist kommen, als Ecclesiastes sagt Ich hab, unserm Furnehmen nach, zusammen tragen etlich Stuck, christlichs Stands Besserung belangend, dem christlichen Adel deutscher Nation furzulegen; ob Gott wollt doch durch den Laienstand seiner Kirchen helfen; seintemal der geistlich Stand, dem es billiger gebuhrt, ist ganz unachtsam worden. Sende das alles Eur Würde, dasselb zu richten, und, wo es noth ist, zu bessern.

4 Ich bedenk wohl, dass mir's nit wird unvorweist bleiben, als vormess ich mich zu hoch, dass ich vorachter, begebner Mensch, solche hohe und grosse Stände dar anreden in so trefflichen grossen Sachen, als wäre sonst niemand in der Welt, dann Doctor Luther, der sich des christlichen Standes annehme, und so hoch vorständigen Leuten Rath gebe.

5 Ich lass meine Entschuldigung anstehen, vorweiss mir's, wer do will; ich bin vielleicht meinem Gott und der Welt noch eine Thorheit schuldig, die hab ich mir itzt furgenommen, so mir's gelingen mag, redlich zahlen, und auch einmal Hoffnarr werden. Gelingt mir nit, so hab ich doch ein Vortheil, darf mir niemand einen Kappen kaufen, noch den Kampf bescheren.

6 Es gilt aber, wer dem andern die Schellen anknupft. Ich muss das Sprichwort erfullen: was die Welt zu schaffen hat, da muss ein Münch bei sei, und sollt man ihn dazu malen. Es hat wohl mehrmal ein Narr weislich gered't, und vielmal weise Leut groblich genarret, wie Paulus sagt: wer do will weiss sein, der muss ein Narr werden.

7 Auch dieweil ich nit allein ein Narr, sondern auch ein geschworner Doctor der heiligen Schrift, bin ich froh, dass sie mir die Gelegenheit gibt, meinen Eid eben in derselben Narren Weise gnug zu thun. Ich bitt, wollt mich entschuldigen bei den mässig Vorständigen; denn der Uberhochvorständigen Gunst und Gnad weiss ich nit zu vordienen, wilch ich so oft mit grosser Muhe ersucht, nu fort auch nit mehr haben noch achten will. Gott helf uns, dass wir nit unser, sondern allein seine Ehre suchen, Amen. Zu Wittenberg im Augustinerkloster, am Abend St. Johannes Baptistä, im 1520. Jahr.

8 Jesus.

Der Allerdurchläuchtigisten, Grossmächtigisten Kaiserlichen Majestät und christlichen Adel Deutscher Nation,

D. Martinus Luther.

9 Gnad und Stärk von Gott zuvor. Allerdurchläuchtigister, gnädigste lieben Herrn! Es ist nit aus lauter Furwitz noch Frevel geschehen, dass ich einiger armer Mensch mich unterstanden, fur euern hohen Würden zu reden. Die Noth und Beschwerung, die alle Ständ der Christenheit, zuvor Deutscheland druckt, nit allein mich, sondern idermann bewegt hat, vielmal zu schreien und Hulf begehren, hat mich auch itzt zwungen zu schreien und rufen, ob Gott jemand den Geist geben wollt, seine Hand zu reichen der elenden Nation.

10 Es ist oft durch Concilia etwas furgewandt, aber durch etlicher Menschen List behendiglich vorhindert und immer ärger worden; wilcher Tuck und Bosheit ich itzt, Gott helf mir, durchleuchten gedenk, auf dass sie erkannt, hinfurt nit mehr so hinderlich und schädlich sein mochten. Gott hat uns ein junges edlis Blut zum Häupt geben, damit viel Herzen zu grosser guter Hoffnung erweckt; daneben will sich's ziemen, das Unser darzu thun, und der Zeit und Gnad nutzlich brauchen.

11 Das Erst, das in dieser Sachen furnehmlich zu thun, ist, dass wir uns je fursehen mit grossem Ernst, und nit etwas anheben mit Vortrauen grosser Macht oder Vornunft, ob gleich aller Welt Gewalt unser wäre; dann Gott mag und will's nit leiden, dass ein gut Werk werde angefangen im Vortrauen eigener Macht und Vornunft.

12 Er stosset es zu Boden, da hilft nichts fur; wie im 33. Psalm steht: es wird kein Kunig bestehen durch seine grosse Macht, und kein Herr durch die Grosse seiner Stärk. Und aus dem Grund, sorg ich, sei es vorzeiten kummen, dass die theuren Fursten, Kaiser Friedrich der Erst und der Ander, und viel mehr deutscher Kaiser, so jämmerlich sein von den Päpsten mit Fussen treten und vordruckt, fur wilchen sich doch die Welt furchtet.

13 Sie haben sich vielleicht vorlassen auf ihre Macht, mehr dann auf Gott, drumb haben sie mussen fallen. Und was hat zu unsern Zeiten den Blutsäufer Julium Secundum so hoch erhoben, dann dass ich besorg, Frankreich, Deutschen und Venedige haben auf sich selb bauet. Es schlugen die Kinder Benjamin zwei und vierzig tausend Israeliten, darumb, dass sie sich auf ihre Stärk vorliessen, Richt. 20,21

14 Dass uns auch nit so gelinge mit diesem edlen Blut Carolo, mussen wir gewiss sein, dass wir in dieser Sach nit mit Menschen, sonder mit den Fursten der Höllen handelen, die wohl mugen mit Krieg und Blutvorgiessen die Welt erfullen, aber sie lassen sich damit nicht uberwinden. Man muss hie mit einem Vorzag leiblicher Gewalt in demuthigem Vertrauen Gottis die Sach angreifen, und mit ernstlichem Gebet Hulf bei Gott suchen, und nichts anders in die Augen bilden, dann der elenden Christenheit Jammer und Noth, unangesehen, was bos Leut vordienet haben.

15 Wo das nit, so soll sich's Spiel wohl lassen anfahen mit grossem Schein; aber wenn man hinein kumpt, sollen die bosen Geist ein solch Irrung zurichten, dass die ganz Welt musst in Blut schweben, und dennocht damit nichts ausgericht. Drumb lasst uns hie mit Furcht Gottis und weislich handelen.

16 Je grosser die Gewalt, je grosser Ungluck, wo nit in Gottis Furcht und Demuth gehandelt wird. Haben die Päpste und Romer bisher mugen durch Teufels Hulf die Kunig in einander werren, sie mugen's auch noch wohl thun, so wir ohn Gottis Hulf mit unser Macht und Kunst fahren.

17 Die Romanisten haben drei Mauren mit grosser Behendikeit umb sich zogen, damit sie sich bisher beschutzt, dass sie niemand hat mugen reformiren, dadurch die ganz Christenheit greulich gefallen ist. Zum Ersten, wenn man hat auf sie drungen mit weltlicher Gewalt, haben sie gesetzt und gesagt: weltlich Gewalt habe nit Recht ubir sie; sondern wiederumb, geistlich sei ubir die weltliche.

18 Zum Andern, hat man sie mit der heiligen Schrift wollt strafen, setzen sie dagegen: es gebuhr die Schrift niemand auszulegen, denn dem Papst. Zum Dritten, dräuet man ihn mit einem Concilio; so erdichten sie, es muge niemand ein Concilium berufen, denn der Papst.

19 Also haben sie die drei Ruthen uns heimlich gestohlen, dass sie mugen ungestraft sein, und sich in sicher Befestung dieser dreier Maur gesetzt, alle Buberei und Bosheit zu treiben; die wir dann itzt sehen. Und ob sie schon ein Concilium mussten machen, haben sie doch dasselb zuvor matt gemacht, damit, dass sie die Fursten zuvor mit Eiden vorpflichten, sie bleiben zu lassen wie sie sein: darzu dem Papst vollen Gewalt geben ubir alle Ordnung des Concilii;

20 also, dass gleich gilt, es sein viel Concilia oder kein Concilia, ohn dass sie uns nur mit Larven und Spiegelfechten betrügen. So gar greulich furchten sie der Haut fur einem rechten freien Concilio; und haben damit Kunig und Fursten schochter gemacht, dass sie gläuben, es wäre wider Gott, so man ihn nit gehorchte in allen solchen schalkhaftigen listigen Spugnissen.

21 Nu helf uns Gott, und geb uns der Pasaunen eine, domit die Mauren Hiericho wurden umbworfen, (Jos 6,20) dass wir diese stroheren und papieren Mauren auch umblasen, und die christlichen Ruthen, Sund zu strafen, los machen, des Teufels List und Trug an Tag zu bringen, auf das wir durch Straf uns bessern, und seine Huld wieder erlangen. Wollen wir die erste Maur am ersten angreiffen.

22 Die erste Mauer

Man hat's erfunden, dass Papst, Bischof, Priester, Klostervolk wird der geistlich Stand genennt: Fursten, Herrn, Handwerks- und Ackerleut, der weltlich Stand. Wilch gar ein fein Comment und Gleissen ist. Doch soll niemand darub schuchter werden. Und das auch dem Grund: dann alle Christen sein wahrhaftig geistlichs Stands, und ist unter ihn kein Unterscheid, denn des Ampts halben allein;

23 wie Paulus 1 Corinth., 12,12 sagt, dass wir allesampt ein Korper sein, doch ein iglich Glied sein eigen Werk hat, damit es dem andern dienet. Das macht allis, dass wir eine Tauf, ein Evangelium, einen Glauben haben, und sein gleiche Christen, Denn die Tauf, Evangelium und Glauben, die machen allein geistlich und Christenvolk.

24 Dass aber der Papst oder Bischof salbet, Platten macht, ordiniert, weihet, anders dann Layen kleidet, mag einen Gleisner und Olgotzen machen, macht aber nimmermehr ein Christen oder geistlichen Menschen. Demnach, so werden wir allsampt durch die Tauf zu Priestern geweihet, wie St. Peter 1 Pet 2,9 sagt: ihr seit ein kuniglich Priesterthum und ein priesterlich Kunigreich.

25 Und Off.: du hast uns gemacht durch dein Blut zu Priestern und Kunigen. Dann wo nit ein hoher Weihen in uns wäre, denn der Papst und Bischof gibt, so wurd nimmermehr durch Papsts und Bischof Weihen ein Priester gemacht, mocht auch noch Mess halten, noch predigen, noch absolvieren.

26 Drumb ist des Bischofs Weihen nit anders, denn als wenn er an Statt und Person der ganzen Sammlung einen aus dem Haufen nähme, die alle gleiche Gewalt haben, und ihm befiehl, dieselben Gewalt fur die andern auszurichten; gleich als wenn zehen Bruder, Kuniges Kinder, gleich Erben, einen erwähleten, das Erb fur sie zu regieren; sie wären je alle Kunige und gleicher Gewalt, und doch einem zu regieren befohlen wird.

27 Und dass ich's noch klärer sag, wenn ein Häuflin frommer Christenlayen wurden gefangen, und in ein Wustenei gesetzt, die nit bei sich hätten einen geweiheten Priester von einem Bischof, und wurden allda der Sachen einis, erwähleten einen unter ihn, er wäre ehlich oder nit, und befiehlen ihm das Ampt zu täufen, Mess halten, absolvieren und predigen, der wär wahrhaftig ein Priester, als ob ihn alle Bischoffe und Päpste hätten geweihet.

28 Daher kumpt's, dass in der Noth ein iglicher täufen und absolvieren kann; das nit muglich wäre, wenn wir nit alle Priester wären. Solche gross Gnad und Gewalt der Tauf, und des christlichen Stands, haben sie uns durch's geistlich Recht fast niedergelegt und unbekannt gemacht. Auf diese Weise erwähleten vorzeiten die Christen aus dem Haufen ihre Bischof und Priester, die darnach von andern Bischoffen wurden bestätiget ohn alles Prangen, das itzt regiert. So war St. Augustin, Ambrosius, Cyprianus Bischof.

29 Dieweil dann nu die weltlich Gewalt ist gleich mit uns getauft, hat denselben Glauben und Evangelium, mussen wir sie lassen Priester und Bischof sein, und ihr Ampt zählen als ein Ampt, das da gehore und nutzlich sei der christlichen Gemeine.

30 Dann was aus der Tauf krochen ist, das mag sich ruhmen, dass es schon Priester, Bischof und Papst geweihet sei; ob wohl nit einem iglichen ziempt, solch Ampt zu uben.

31 Dann weil wir alle gleich Priester sein, muss sich niemand selb erfur thun, und sich unterwinden, ahn unser Bewilligen und Erwählen das zu thun, dess wir alle gleichen Gewalt haben. Denn was gemeine ist, mag niemand ohn der Gemeine Willen und Befehle an sich nehmen.

32 Und wo es geschähe, dass jemand erwählet zu solchem Ampt, und durch seinen Missbrauch wurd abgesetzt, so wäre er gleich wie vorhin. Drumb sollt ein Priesterstand nit anders sein in der Christenheit, dann als ein Amptmann; weil er am Ampt ist, geht er vor; wo er abgesetzt, ist er en Baur oder Burger, wie die andern.

33 Also wahrhaftig ist ein Priester nimmer Priester, wo er abgesetzt wird. Aber nu haben sie erdichtet Characteres indelebiles, und schwätzen, dass ein abgesetzter Priester dennocht etwas anders sei, dann ein schlechter Laye; ja, sie träumet, es mug ein Priester nimmermehr anders denn Priester oder ein Laye werden. Das sein alles Menschen erdichte Rede und Gesetz.

34 So folget aus diesem, dass Laye, Priester, Fursten, Bischof, und wie sie sagen, Geistlich und Weltlich, keinen andern Unterscheid im Grund, wahrlich, haben, denn des Ampts oder Werks halben, und nit des Stands halben.

35 Dann sie sein alle gleichs Stands, wahrhaftig Priester, Bischof und Päpste; aber nit gleichs einerlei Werks, gleichwie auch unter den Priestern und Munchen nit einerlei Werk ein iglicher hat. Und das ist St. Paul Röm. 12,4sqq und 1 Cor. 12,12sqq und Petrus 1 Petr. 2,9, wie ich droben gesagt, dass wir alle ein Korper sein des Häupts Jesu Christi, ein iglicher des andern Gliedmass. Christus hat nit zwei noch zweierlei Art Korper, einen weltlich, den andern geistlich. Ein Häupt ist, und einen Korper hat er.

36 Gleichwie nu die, so man itzt geistlich heisst, oder Priester, Bischof oder Päpst sein, von den andern Christen nit weiter noch würdiger gescheiden, dann dass sie das Wort Gottis und die Sacrament sollen handeln, das ist ihr Werk und Ampt: also hat die weltlich Ubirkeyt das Schwerdt und die Ruthen in der Hand, die Bosen damit zu strafen, die Frummen zu schutzen.

37 Ein Schuster, ein Schmidt, ein Baur, einiglicher seins Handwerks Ampt und Werk hat, und doch alle gleich geweihet Priester und Bischoffe; und ein iglich soll mit seinem Ampt oder Werk den andern nutzlich und dienstlich sein: dass also vielerlei Werk alle in eine Gemein gerichtet sein, Leib und Seelen zu fodern; gleichwie die Gliedmass des Korpers alle eins dem andern dienet.

38 Nu sich, wie christlich das gesetzt und gesagt sei, weltlich Ubirkeit sei nit ubir die Geistlikeit, soll sie auch nit strafen. Das ist eben so viel gesagt: die Hand soll nichts dazu thun, ob das Aug gross Noth leidet. Ist's nit unnaturlich, schweig unchristlich, dass ein Glied dem andern nit helfen, seinem Vorderben nit wehren soll? Ja, je edler das Gliedmass ist, je mehr die andern ihm helfen sollen.

39 Drumb sag ich: dieweil weltlich Gewalt von Gott geordnet ist, die Bosen zu strafen, und die Frummen zu schutzen, so soll man ihr Ampt lassen frei gehen unvorhindert, durch den ganzen Korper der Christenheit, niemands angesehen, sie treff Papst, Bischof, Pfaffen, Munch, Nonnen, oder was es ist.

40 Wenn so das gnug wäre, die weltlich Gewalt zu hindern, dass sie geringer ist unter den christlichen Aempten, denn der Prediger und Beichtiger Ampt oder geistliche Stand; so sollt man auch vorhindern den Schneidern, Schustern, Steinmetzen, Zimmerleuten, Koch, Kellnern, Baurn, und alle zeitlichen Handwerken, dass sie dem Papst, Bischoffen, Priestern, Munchen kein Schuh, Kleider, Haus, Essen, Trinken machten, noch Zins gäben.

41 Lässit man aber diesen Layen ihre Werk unvorhindert; was machen denn die romischen Schreiber mit ihre Gesetzen? dass sie sich ausziehen aus dem Werk weltlicher, christlicher Gewalt, dass sie nur frei mugen bos sein, und erfullen, das St. Petrus gesagt hat (2. Epist. 2,1): es werden falsch Meister unter euch erstehen, und mit falschen erdichten Worten mit euch umbgehen, euch im Sack zu vorkäufen.

42 Drumb soll weltlich, christlich Gewalt ihr Ampt uben frei unvorhindert, unangesehen, ob's Papst, Bischof, Priester sei, den sie trifft, wer schuldig ist, der leide; was geistlich Recht dawider gesagt hat, ist lauter erdichtet romisch Vormessenheit. Denn also sagt St. Pauel allen Christen (Röm. 13, 1.4): ein igliche Seele (ich halt des Papsts auch,) soll unterthan sein der Ubirkeit; denn sie trägt nit umbsonst das Schwerdt. Sie dienet Gott damit, zur Straf der Bosen, und zu Lob der Frummen.

43 Auch St. Petrus (1 Epist. 2,13). seid unterthan allen menschlichen Ordenungen umb Gottis willen, der es so haben will. Er hat's auch vorkundet, dass kummen wurden solch Menschen, die die weltlich Ubirkeit wurden vurachten, 2 Epist. 2,10, wie dann geschehen ist durch geistlich Recht.

44 Also mein ich, diese erste Papiermaur lieg darnieder; seintemal weltlich Hirrschaft ist ein Mitglied worden des christlichen Korpers. Und wiewohl sie ein leiblich Werk hat, doch geistlichs Stands ist; darumb ihr Werk soll frei unvorhindert gehen in alle Gliedmass des ganzen Korpers, strafen und treiben, wo es die Schuld vordienet oder Noth fodert, unangesehen Papst, Bischof, Priester, sie dräuen oder bannen wie sie wollen.

45 Daher kompt's dass die schuldigen Priester, so man sie in das weltlich Recht uberantwortet, zuvor entsetzt werden priesterlicher Würden; das doch nit recht wäre, wo nit zuvor aus gottlicher Ordnung das weltlich Schwerdt ubir dieselben Gewalt hätte.

46 Es ist auch zuviel, dass man so hoch im geistlichen Recht hebt der geistlichen Freiheit, Leib und Guter, gerad als wären die Layen nit auch so geistlich gute Christen als sie, oder als gehorten sie nichts zur Kirchen.

47 Warumb ist dein Leib, Leben, Gut und Ehr so frei, und nit das meine, so wir doch gleich Christen sein, gleich Tauf, Glauben, Geist und alle Ding haben? Wird ein Priester erschlagen, so liegt ein Land im Interdict; warumb auch nit, wenn ein Baur erschlagen wird? Wo kumpt her solchs gross Unterscheid unter den gleichen Christen? Allein aus Menschengesetzen und Dichten.

48 Es muss auch kein guter Geist sein, der solch Auszug erfunden, und die Sund frei unsträflich gemacht hat. Dann so wir schuldig sein wider den bosen Geist, seine Werk und Wort zu streiten, und ihn vortreiben, wie wir mugen, als uns Christus gebeut und seine Apostel;

49 wie kämen wir dann dazu, dass wir sollten still halten und schweigen, wo der Papst oder die Seinen teufelich Wort oder Werk furnähmen? Sollten wir umb's Menschen willen gottlich Gebot und Wahrheit lassen niederlegen, der wir in der Tauf geschworen haben beizustehen mit Leib und Leben? furwahr, wir wären schuldig aller Seelen, die dadurch vorlassen und vorfuhret wurden.

50 Drumb muss das der Häuptteufel selb gesagt haben, das im geistlichen Recht steht: wenn der Papst so schädlich bos wäre, dass er gleich die Seelen mit grossem Haufen zum Teufel fuhret, könnt man in dennocht nit absetzen. Auf diesen vorfluchten, teufelichen Grund bauen sie zu Rom und meinen, man soll ehe alle Welt zum Teufel lassen fahren, denn ihrer Buberei widerstreben.

51 Wenn es gnug wäre doran, dass einer uber den andern ist, darumb er nit zu strafen sei, musst kein Christen den andern strafen, seintemal Christus gebeut, ein iglicher soll sich den Untirsten und Geringsten halten. (Matth. 18,4; Luk 9,48).

52 Wo Sund ist, da ist schon kein Behelf mehr wider die Straf; als auch St. Gregorius schreibt, dass wir wohl alle gleich sein, aber die Schuld macht einen unterthan dem andern. Nu sehen wir, wie sie mit der Christenheit umbgahn, nehmen ihr die Freiheit ohn alle Beweisung aus der Schrift, mit eigenem Frevel, die Gott und die Apostel haben unterworfen dem weltlichen Schwerdt, dass zu besorgen ist, es sei des Endchrists Spiel, oder sein nähster Vorlauft.

53 Die andere Mauer.

Die ander Maur ist noch loser und untuchtiger, dass sie allein wollen Meister der Schrift sein, ob sie schon ihr Leblang nichts drinnen lernen, vormessen sich allein der Ubirkeit, gaukel fur uns mit unvorschampten Worten: der Papst mug nit irren im Glauben, er sei bos oder frumm; mugen desselben nit einen Buchstaben anzeigen.

54 Daher kompt es, dass so viel ketzerisch und unchristlich, ja unnaturliche Gesetz stehen im geistlichen Recht, davon itzt nit noth zu reden. Dann dieweil sie es achten, der heilig Geist lass sie nit, sie sein so ungelehret und bose, wie sie kunnten, werden sie kuhne, zu setzen, was sie nur wollen.

55 Und wo das wäre, wozu wäre die heilige Schrift noth oder nutze? Lasset sie uns vorbrennen, und benugen an den ungelehreten Herrn zu Rom, die der heilig Geist innen hat, der doch nit dann frumme Herzen mag innen haben. Wenn ich's nit gelesen hätt, wäre mir's ungläublich gewesen, dass der Teufel sollt zu Rom solch ungeschickt Ding furwenden und Anhang gewinnen.

56 Doch dass wir nit mit Worten wider sie fechten, wollen wir die Schrift herbringen. St. Paul spricht 1 Cor. 14,30: so jemand etwas Besseres offenbar wird, ob er schon sitzt, und dem andern zuhoret in Gottis Wort, so soll der erst, der do red't, stillschweigen und weichen.

57 Was wäre dies Gebot nutz, so allein dem zu gläuben wäre, der do red't oder obenan sitzt? Auch Christus sagt Joh. 6,45, dass alle Christen sollen gelehret werden von Gott, so mag es je geschehen, dass der Papst und die Seinen bos sein und nit rechte Christen sein, noch von Gott gelehret, rechten Vorstand haben; wiederumb, ein geringer Mensch den rechten Vorstand haben: warumb sollt man ihm denn nit folgen? Hat nicht der Papst vielmal geirret? Wer wolt der Christenheit helfen, so der Papst irret, wo nit einem andern mehr dann ihm glaubt wird, der die Schrift fur sich hätte.

58 Drumb ist's ein frevel erdichte Fabel, und mugen auch keinen Buchstaben aufbringen, damit sie bewähren, dass des Papsts allein sei, die Schrift auszulegen, oder ihr Auslegung zu bestätigen; sie haben in die Gewalt selbs genommen. Und ob sie furgeben, es wäre St. Peter die Gewalt geben, da ihm die Schussel seind geben, ist's offenbar gnug, dass die Schlussel nit allein St. Petro, sondern der ganzen Gemein geben sein.

59 Darzu die Schlussel nit auf die Lahre oder Regiment, sondern allein auf die Sunde zu binden oder losen geordnet sein, (Joh. 20,22.23) und ist eitel erdichtet Ding, was sie anders und weiter aus den Schlussel ihn zuschreiben.

60 Dass aber Christus sagt zu Petro (Luc. 22,32): ich hab fur dich gebeten, dass dein Glaub nit zurgehe, mag sich nit strecken auf den Papst; seintemal das mehrer Theil der Papst ohn Glauben gewesen sein, wie sie selb bekennen mussen: so hat Christus auch nit allein fur Petro gebeten, sondern auch fur alle Apostel und Christen; wie er sagt Joh. 17,9.20: Vater, ich bitte fur sie, die du mir geben hast; und nit allein fur sie, sondern fur alle, die durch ihr Wort gläuben in mich. Ist das nit klar gnug gered't?

61 Denk dach bei dir selb, sie mussen bekennen, dass frumme Christen unter uns sein, die den rechten Glauben, Geist, Vorstand, Wort und Meinung Christi haben; je warumb sollt man denn derselben Wort und Vorstand vorwerfen, und dem Papst folgen, der nit Glauben noch Geist hat? Wäre doch das den ganzen Glauben und die christenlichen Kirche vorleugnet.

62 Item, es muss je nit allein der Papst recht haben, so der Artikel recht ist: ich gläub ein heilige christliche Kirche; oder mussen also beten: ich gläub in den Papst zu Rom; und also die christliche Kirch ganz in einen Menschen ziehen, wilchs nit anders dann teufelisch und höllisch Irrthumb wäre. Ubir das, so sein wie je alle Priester, wie droben gesagt ist, alle einen Glauben, ein Evangelium, einerlei Sacrament haben; wie sollten wir denn nit auch haben Macht zu schmecken und urtheilen, was do recht oder unrecht im Glauben wäre

63 Wo bleibt das Wort Pauli 1 Cor. 2,15: ein geistlicher Mensch richtet alle Ding, und wird von niemands gerichtet; und 2 Cor. 4,13: wir haben alle einen Geist des Glaubens; wie, sollten wir denn nit fuhlen, sowohl als ein ungläubiger Papst, was dem Glauben eben oder uneben ist.

64 Aus diesem allen und vielen andern Spruchen sollen wir muthig und frei werden, und den Geist der Freiheit (wie ihn Paulus nennet 2. Cor. 3,17) nit lassen, mit erdichten Worten der Päpst, abschrecken; sondern frisch hindurch allis, was sie thun oder lassen, nach unserm gläubigen Vorstand der Schrift richten, und sie zwingen zu folgen dem bessern, und nit ihrem eigen Vorstand.

65 Musste doch vorzeiten Abraham seine Sara horen, (1 Mos. 21,12) die doch ihm härter unterworfen war, denn wir jemand auf Erden; so war die Eselinne Balaam auch kluger denn der Prophet selbs. Hat Gott da durch ein Eselinne redet gegen einen Propheten, (4 Mos 22,28) warumb sollt er nit noch reden kummen durch ein frumm Mensch gegen dem Papst? Item, St. Paul straft St. Peter als einen Irrigen, Galat. 2,11ff, drumb gebuhrt einem iglichen Christen, dass er sich des Glaubens annehm, zu vorstehen und vorfechten, und alle Irrthumb zu vordammen.

66 Die dritte Mauer

Die dritte Maur fällt von ihr selbs, wo diese erste zwo fallen. Dann wo der Papst wider die Schrift handelt, sein wir schuldig der Schrift beizustehen, ihn strafen und zwingen nach dem Wort Christi Matth. 18,15: sundiget dein Bruder wider dich, so gang hin und sag's ihm zwischen dir und ihm allein; horet er dich nit, so nimm noch einen oder zween zu dir; horet er die nit, so sag es der Gemeine. Horet er die Gemeine nit, so halt ihn als einen Heiden.

67 Hie wird befohlen einem iglichen Glied, fur das ander zu sorgen; wie vielmehr sollen wir darzu thun, wo ein gemein regiernd Glied ubel handelt, wilchs durch seinen Handel viel Schaden und Aegerniss gibt den andern. Soll ich ihn denn vorklagen fur der Gemeine, so muss ich sie ja zusammenbringen. Sie haben auch keinen Grund der Schrift, dass alein dem Papst gebuhr ein Concilium zu berufen oder bestätigen, dann allein ihre eigene Gesetz, die nit weiter gelten, dann so ferne sie nit schädlich sein der Christenheit und Gottis Gesetzen.

68 Wo nu der Papst sträflich ist, horen solch Gesetz schon auf, dieweil es schädlich ist der Christenheit, ihn nit strafen durch ein Concilium. So lesen wir Apostg. 15,6, dass der Apostel Concilium nit St. Peter hat berufen, sondern alle Apostel und die Aeltisten.

69 Wo nu St. Peter das allein hätt gebuhrt, wäre das nit ein christlich Concilium, sondern ein ketzrisch Conciliabulum gewesen. Auch das beruhmbtiste Concilium Nicenum hat der Bischof zu Rom noch berufen noch bestätiget, sondern der Kaiser Konstantinus, und nach ihm viel ander Kaiser desselben gleichen than, das doch die allerchristlichen Concilia gewesen sein.

70 Aber sollt der Papst allein die Gewalt haben, so mussten sie alle ketzrisch gewesen sein. Auch wenn ich ansehe die Concilia, die der Papst gemacht hat, find ich nit besonders, das drinnen ist ausgericht.

71 Darumb, wa es die Noth fodert, und der Papst ärgerlich der Christenheit ist, soll darzu thun, wer am ersten kann, als ein treu Glied des ganzen Korpers, dass ein recht frei Concilium werde. Wilch niemand so wohl vormag, als das weltlich Schwerdt; sonderlich dieweil sie nu auch Mitchristen sein, Mitpriester, mitgeistlich, mitmächtig in allen Dingen, und soll ihre Ampt und Werk, das sie von Gott haben ubir idermann, lassen frei gehen, wo es noth und nutz ist zu gehen.

72 Wäre das nit ein unnaturlich Furnehmen, so ein Feur in einer Stadt aufginge, und idermann sollt stille stehen, lassen fur und fur brennen, was do brennen mag, allein darumb, dass sie nit die Macht des Burgemeisters hätten, oder das Feur vielleich an des Burgemeisters Haus anhube? Ist nit hie ein iglicher Burger schuldig, die andern zu bewegen und berufen?

73 Wie vielmehr soll das in der geistlichen Stadt Christi geschehen, so ein Feur des Aegerniss sich erhebt, es sei an des Papsts Regiment, oder wo es wolle. Desselben gleichen geschicht auch, so die Feind eine Stadt uberfielen: da vordienet der Ehr und Dank, der die andern am ersten aufbringt. Warumb sollt denn der nit Ehre vordienen, der die höllischen Feind vorkundet, und die Christen erweckt und beruft?

74 Dass sie aber ihre Gewalt ruhmen, der sich's nit zieme wiederzufechten, ist gar nichts gered't. Es hat niemand in der Christenheit Gewalt, Schaden zu thun, oder Schaden zu wehren vorbieten. Es ist kein Gewalt in der Kirchen denn nur zur Besserung; drumb wo sich der Papst wollt der Gewalt brauchen, zu wehren ein frei Concilium zu machen, damit vorhindert wurd die Besserung der Kirchen; so sollen wir ihn und seine Gewalt nit ansehen; und wo er bannen und donnern wurd, sollt man das furachten als eins tollen Menschen Furnehmen, und ihn in Gottis Zuvorsicht wiederumb bannen und treiben, wie man mag.

75 Dann solch seine vormessene Gewalt ist nichts, er hat sie auch nit, und wird bald mit einen Spruch der Schrift niedergelegt. Denn Paulus 2 Cor. 10,8 sagt: Gott hat uns Gewalt geben, nit zu vorderben, sondern zu bessern die Christenheit. Wer will uber diesen Spruch hupfen? Des Teufels und Endchrists Gewalt ist's, die do wehret, was zur Besserung dienet der Christenheit; darumb ihr gar nit zu folgen, sondern widerzustehen ist, mit Leib, Gut, und allem, was wir vormugen.

76 Und wo gleich ein Wunderzeichen fur den Papst wider die weltlich Gewalt geschähe, oder jemand en Plag widerfuhre, wie etlichmal sie ruhmen, geschehen sei, soll man dasselb nit anders achten, dann als durch den Teufel geschehen, umb unsers Glaubens zu Gott Gebrechen.

77 Wie dasselb Christus vorkundigt hat Matth. 24,23: es werden kummen in meinem Namen falsche Christen und falsche Propheten, Zeichen und Wunder thun, dass sie auch die Auserwähleten mochten vorfuhren, und St. Paul sagt 2 Thessal. 2,9f, dass der Endchrist werde durch Satanam mächtig sein in falschen Wunderzeichen.

78 Drumb lasset uns das fest halten: christliche Gewalt mag nichts wider Christum; wie St. Paul sagt (2. Cor. 13,8): wir vormugen nichts wider Christum, sondern fur Christum zu thun. Thut sie aber etwas wider Christum, so ist sie des Endchrists und Teufels Gewalt, und sollt sie Wunder und Plagen regnen und schlossen. Wunder und Plagen bewähren nichts, sonderlich in dieser letzten ärgisten Zeit, von wilcher falsche Wunder vorkundet sein in aller Schrift, (2 Thess. 2,9.10). Drumb mussen wir uns an die Wort Gottis halten mit festem Glauben, so wird der Teufel seine Wunder wohl lassen.

79 Hiemit, hoff ich, soll das falsch lugendhaftige Schrecken, damit uns nu lange Zeit die Romer haben schuchter und blod Gewissen gemacht, ernieder liegen. Und dass sie mit uns allen gleich dem Schwerdt unterworfen sein, die Schrift nit Macht haben auszulegen durch lauter Gewalt, ohn Kunst, und keinen Gewalt haben ein Concilium zu wehren, oder noch ihrem Muthwillen pfänden, vorpflichten, und seine Freiheit nehmen; und wo sie das thun, dass sie wahrhaftig des Endchrists und Teufels Gemeinschaft sein, nichts von Christo, denn den Namen haben.

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