Kähler, Martin - Der sogenannte historische Jesus und der geschichtliche, biblische Christus.

Vortrag auf der Wupperthaler Pastoralkonferenz

Teure Herren und Brüder! Sie haben mir vor Jahren hier Ihr Ohr geliehen, als ich von dem Bekenntnis zum Geiste Christi sprach 1); es wird Sie nicht befremden, wenn derselbe Mann heute zu Ihnen reden will von dem Bekenntnis zu dem lebendigen Christus. Denn das ist in der That mein Thema, gefaßt in einen, wie mich deucht, zeitgemäßen Gegensatz.

Auch durch unsre Tage geht die alte, immer neue Frage, geknüpft an Golgatha und Scheblimini: wie dünket euch um Christo? Eine kühle Ablehnung findet sie selten, wohl aber sehr verschiedene Antworten, auch zumeist mit ehrlich warmem Herzenstone. Indes bei dieser Frage kommt es bekanntlich nicht darauf an, was aus unserm Herzen kommt, vielmehr auf das was Fleisch und Blut nicht offenbaren kann (Matth. 16,17), was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben (1. Kor. 2,9). Und eine Antwort, deren Wärme nicht ihrer Klarheit entspricht, vielmehr eine Unklarheit verhüllt, ist unter Umständen gefährlicher als eine entschlossene Abweisung namentlich für solche, welche der Antwortende durch den innigen Ton seines Bekenntnisses bezaubert.

Mein Thema ist ein Paradoxon, denn es stellt zwei Aussagen einander entgegen, von denen es scheinen könnte, als ob sie genau dasselbe besagten. Es soll eben in möglichster Schärfe einer überaus bestrickenden Verwechselung zweier grundverschiedener Dinge entgegentreten. Je schwerer es mir selbst geworden ist, hier zur Klarheit durchzudringen, um so lebhafter ist mein Anliegen, meine vermeintliche Einsicht andern zur Prüfung, zur Zustimmung oder zur Warnung mitzuteilen. Und ich danke Ihnen für Anlaß und Gelegenheit dazu.

Meinen Mahnruf kann und will ich recht auffallend in das Urteil zusammenfassen: Der historische Jesus der modernen Schriftsteller verdeckt uns den lebendigen Christus. Der Jesus der „Leben Jesu“ ist nur eine moderne Abart von Erzeugnissen menschlicher erfindender Kunst, nicht besser als der verrufene dogmatische Christus der byzantinischen Christologie; sie stehen beide gleich weit von dem wirklichen Christus. Der Historizismus ist an diesem Punkte ebenso willkürlich, ebenso menschlich-hoffärtig, ebenso vorwitzig und so „glaubenslos-gnostisch“ wie der seiner Zeit auch moderne Dogmatismus. Das gilt von beiden als „Ismen“, und gilt so wenig heute wie damals mit Notwendigkeit von den Trägern dieser irregehenden Anschauungen.

1. Der sogenannte historische Jesus ist für die Wissenschaft nach dem Maßstabe moderner Biographie ein unlösbares Problem; denn die vorhandenen Quellen reichen nicht aus und die ersetzende Kunst ist diesem Probleme nicht gewachsen.

Ich beginne mit der Frage: was heißt „historischer Jesus“? Diese Bezeichnung hat eine Geschichte nicht minder als die philosophischen Termini; und die Jungen ahnen großenteils gar nicht mehr, was er in den früheren Schriften bedeutet. Zu allererst hat er den biblischen Christus dem dogmatischen entgegenstellen wollen, nämlich den lebensvollen, anschaulichen Menschensohn in seinem Thun, Reden und Erleben jener Zeichnung in Begriffen, welche in dünnen Umrissen die dem Denken so schwer vereinbaren Grundlagen dieses einzigen Lebens aufzeigen sollte. Später schob sich an die Stelle der orthodoxen Dogmatik die allwissende Spekulation Hegels und bot für den dogmatischen Christus den idealen dar. Noch lange nachher hat Dorner den geschichtlichen Christus gegen Herm. Schultz verteidigt, weil dieser es jeder Zeit anheimgeben wollte, sich ihr Christus-Ideal selbst zurechtzumachen, das heißt: sich selbst und ihren Inhalt in dem entworfenen Christusbilde zu idealisieren 2). Der Anstoß trieb weiter; vielleicht ohne es recht zu wissen, geriet man zurück auf die Bahnen eines Semler und seiner Genossen. Geschichte und Dogmatik schien sich in die Bibel zurück verfolgen zu lassen. Die Apostel haben schon an Christum geglaubt, als sie von ihm schrieben; ihr Zeugnis ist mithin bereits Dogmatik. So muß man von ihrer Predigt auf die Berichte zurückgehen, um den geschichtlichen Jesus zu finden. Und da der vierte Evangelist ihn als das ewige Wort bekennt, so wird man eigentliche Berichte nur bei den sogenannten Synoptikern zu suchen haben. Allein, alsbald fand sich die Einsicht, daß auch hier schriftstellerische Absicht, fromm umgestaltende Sage, unwillkürliche Entstellung gewirkt habe, und nun blieb nichts andres übrig, man mußte auf die Suche nach dem historischen Jesus ausziehen, der hinter den urchristlichen Berichten, ja hinter dem Ur-Evangelium steht, undeutlich durchscheinend. Das ist nun eifrig gethan; manchem aber will es scheinen: obwohl man mit Spießen und Stangen ausgezogen ist, „er ging hinaus, mitten durch sie hinstreichend“. Wenn er aber unter sie tritt mit seinem „ich bin’s“, wer wird nicht erschüttert zusammenbrechen?!

Meine Aufgabe ist nun die doppelte, an diesem Verfahren in seiner Ausartung ablehnende Kritik zu üben und den Ersatz nachzuweisen; das letzte ist das wichtigere. Ich sehe diese ganze „Leben-Jesu-Bewegung“ 3) für einen Holzweg an. Ein Holzweg pflegt seine Reize zu haben, sonst verfolgt man ihn nicht; er ist auch gewöhnlich zunächst ein Stück des richtigen Weges, sonst gerät man gar nicht auf ihn. Mit andern Worten: wir können diese Bewegung nicht ablehnen, ohne sie in ihrer Berechtigung zu verstehen.

Sie ist durchaus im Rechte, sofern sie Bibel wider abstrakten Dogmatismus setzt; sie verliert ihr gutes Recht, sobald sie beginnt, an der Bibel herum zu schneiden und zu reißen, ohne sich über die besondere Sachlage an diesem Punkte und über die eigentümliche Bedeutung der Schrift für diese Erkenntnis völlig klar geworden zu sein. Denn es handelt sich hier garnicht einfach um ein geschichtliches Problem, wie in andern Fällen. Ihr Recht läßt sich in Luthers Wort hineinfassen, daß man Gottes Sohn gar nicht tief genug in unser Fleisch, in die Menschheit hineinziehen könne 4). Unter dem Gesichtspunkte steht seit Johannes 1 und 1. Johannes 1,1f. alle echt evangelische Bewegung in dem Sinnen über unsern Heiland. Aber dies Wort hat ja nur dann einen Sinn, wenn dieser Christus mehr ist als ein Mensch. Es hat gar keinen Sinn für alle diejenigen, welche behaupten und nachweisen wollen, uns liege an ihm nicht mehr, als an irgend einem andern wirksamen Menschen der Vergangenheit. Das war Luthers Meinung nicht, und kann unsre Meinung nicht sein, solange wir mit dem Apostel urteilen „wenn du mit dem Munde Jesum bekennst, daß er der Herr sei, wirst du errettet“ (Röm 10,10). Glaubt man nun mit der Dogmatik an den Christum, der mehr ist als bloßer Mensch, mehr seinem Wesen nach, mehr seiner gegenwärtigen Stellung nach, also an den übergeschichtlichen Heiland, – dann bekommt der geschichtliche Jesus jenen unvergleichlichen Wert, so daß wir vor seinem Bilde bekennen: „meine Seele soll sich daran nähren, meine Ohren nie was Liebers hören“. Jeder Zug, den man von ihm erfahren kann, wird uns teuer und bedeutsam. Die Überlieferung von ihm kann gar nicht emsig und treu genug ausgeschöpft werden. Nun, versenkt man sich in sein Thun und Lassen; man sucht es zu verstehen; man verfolgt es in seine Voraussetzungen; man versenkt sich in sein Bewußtsein; in sein Werden, ehe er hervortrat – man geleitet den jugendlichen Jesus durch die Klüfte und Felder, an der Mutter Schoß, in des Vaters Werkstatt und in die Synagoge – und man ist eben auf dem Holzwege.

Denn die erste Tugend echter Geschichtsforschung ist die Bescheidenheit; Bescheidenheit kommt von Bescheid wissen; und wer Bescheid weiß mit geschichtlichen Thatsachen und Quellen, der lernt Bescheidenheit sowohl im Wissen als im Verstehen. Aber diese Bescheidenheit ist bei vielen nicht beliebt, weil die Phantasie, welcher das Feld der Spekulation verleidet ist, sich jetzt auf ein andres Feld geworfen hat, auf die grüne Weide angeblicher Wirklichkeit, auf das Geschäft der vermutenden Geschichtsschreibung oder der sogenannten positiven Kritik. Und auf diesem Felde wildert und bildert man mit derselben Neubegier und Selbstzuversicht umher, wie es ehedem irgend die philosophische oder theosophische Spekulation gethan hat, mit Rothe der guten Zuversicht, das fromme Denken könne Gott sezieren wie der Anatom einen Frosch. Und was dieses Treiben angeht, so vermag ich vielmals keinen Unterschied zu erkennen zwischen den Positiven und den Negativen, wie man sie zu nennen pflegt.

Zur Begründung dieses ablehnenden Urteiles sind nun einige wissenschaftliche Eingeständnisse abzulegen, die auf den ersten Blick stutzig machen mögen. Wir besitzen keine Quellen für ein Leben Jesu, welche ein Geschichtsforscher als zuverlässige und ausreichende gelten lassen kann. Ich betone: für eine Biographie Jesu von Nazareth nach dem Maßstabe heutiger geschichtlicher Wissenschaft. Ein glaubwürdiges Bild des Heilandes für Gläubige ist ein sehr andres Ding, und davon ist nachher die Rede. Unsre Quellen, das heißt die sogenannten Evangelien stehen erstens so vereinsamt da, daß man ohne sie garnichts von Jesu wissen würde, obwohl seine Zeit und der Schauplatz seines Lebens sonst durchaus geschichtlich deutlich sind; er könnte für ein Phantasiebild der Gemeinde um das Jahr 100 gelten. Diese Quellen sind ferner nicht mit Sicherheit auf Augenzeugen zurückzuführen. Sie berichten überdem nur von dem kürzesten letzten Abschnitt seines Lebens. Und endlich verlaufen diese Berichte in zwei Grundformen, deren Verschiedenheit bei der Nähe ihrer angeblichen oder vermutlichen Entstehungszeit ein großes Mißtrauen gegen die Treue der Erinnerung erwecken muß 5). Demzufolge sieht sich der „vorurteilsfreie“ Kritiker vor einem großen Trümmerfelde von einzelnen Überlieferungen. Er ist berufen aus den einzelnen Stücken ein neues Gebilde hervorzuzaubern, wenn er die Aufgabe angreift, von dieser aus dem Nebel aufragenden Gestalt eine Biographie nach modernen Forderungen zu entwerfen. Schon allein die Feststellung des äußeren Verlaufes bietet nicht geringe Schwierigkeiten und führt vielfach nicht über Wahrscheinlichkeiten hinaus 6). Aber der Biograph stellt sich andre Aufgaben. Nicht jeder versagt sich die Verhandlung solcher Fragen, welche die Neugier kitzeln, während ihre Beantwortung doch ohne Wert für die Hauptsache bleibt; als solche erscheinen die Erörterungen über Jesu Schönheit oder Häßlichkeit; über sein früheres Familien- und Arbeitsleben; mir fällt auch die Untersuchung über sein Temperament oder seine Individualität unter diesen Gesichtspunkt; es wäre noch andres zu nennen. Indes, der Schriftsteller mag auf solche mißliche Untersuchungen verzichten; die neuere Biographie sucht ihre Stärke in der psychologischen Analyse, in dem Aufweise der Fülle und Kette von Ursachen, aus welchen die Erscheinung und Leistung des geschilderten Menschen entsprungen ist; so fordert denn die echte Menschheit dieses Jesus jedenfalls, daß man sein Werden verstehe, die langsame Entwickelung seiner religiösen Genialität, das Durchbrechen seiner sittlichen Selbständigkeit, das Aufdämmern und Aufleuchten seines messianischen Bewußtseins. Die Quellen aber enthalten von dem allem nichts, auch garnichts. Als Bericht kann höchstens die kleine Erzählung von dem zwölfjährigen Jesus gelten; nur Willkür ist es nun, sie von der Kindheitsgeschichte des 3. Evangelium zu trennen; und welches Stück dieses Schrifttumes würde sonst wohl mit mehr Verdacht behandelt als eben sie?! 7). Des weiteren ist man auf Rückschlüsse verwiesen. Um sie zwingend zu machen, dazu ist ein sehr vorsichtiger Ansatz, ein durchaus sicherer Unterbau und eine sorgliche Abmessung der Tragweite des Gewonnenen erforderlich; mit diesem zuverlässigen Verfahren kommt man denn auch kaum zu sehr ausgiebigen Erwerbungen. Weshalb das bei den evangelischen Stoffen in besonders hohem Grade der Fall ist, davon wird die Kritik der vorhandenen Mittel alsbald überführen.

Die neutestamentlichen Darstellungen verlaufen nicht unter dem Gesichtspunkte, das Werden Jesu zu veranschaulichen; sie lassen ihn sich bekunden und bethätigen, aber nicht Bekenntnisse, vollends keine unwillkürlichen, machen, vielleicht einige wenige Stoßseufzer ausgenommen (etwa Mark. 9,19; Joh. 12,27; Mark. 14,36. 15,34); das leugnet schwerlich ein unvoreingenommener Leser oder Forscher. Deshalb veranlassen sie auch durchaus nicht zu einem Rückschluß auf die Art und Bestimmtheit des früheren Werdens. Es ist freilich unverkennbar, daß die alttestamentliche Schrift und die Denkweise seines Volkes den Anschauungsstoff Jesu bestimmt haben; mit solchen naheliegenden Beobachtungen ist jedoch kaum etwas gewonnen. Im übrigen muß man bei dem Schweigen der Quellen und in dem Gegensatze zu dem ganzen Zuge ihrer Schilderung die Analogie mit sonstigem menschlichem Geschehen als Forschungsmittel verwenden. Voran steht hier der Versuch, im Anschluß an die Seelenkunde zu zerlegen oder zu ergänzen; ist ein solcher Versuch auf diesem Gebiete berechtigt? Wir lassen die Seelenkunde nur gelten, soweit sie nachweislich auf Erfahrung beruht. Ihr mag eine gewisse Sicherheit eignen, wo sie die Formen unsrer inneren Bewegungen behandelt; und die sind bei Jesu sonder Zweifel dieselben gewesen, wie bei einem jeden von uns. Allein das ist hier völlig gleichgiltig. Bei den fraglichen Untersuchungen handelt es sich stets um den Inhalt welchen Jesus erwarb, besaß und mitteilte; um die Wurzeln, das Wachstum und die Verzweigungen seines sittlichen und seines religiösen Bewußtseins, wie man zu sagen pflegt. Mit solchem Inhalte der Seelen beschäftigt sich die heutige wissenschaftliche Seelenkunde nicht; vielmehr andre Wissenschaften, und neben ihnen pflegt das der Dichter zu beobachten und darzustellen. Woher nimmt er seine Kunde? Es ist bekannt, daß Goethe zumeist sich selbst und seine Erlebnisse abgeschrieben hat. Er ist so groß, weil er beobachtend „hineingriff ins volle Menschenleben“. Und so sind auch sonst die feinsinnigen Beobachter eindruckvolle Maler. Jeremias Gotthelf ist im Bernerbiet gescheut gewesen wie die Wildermuth in Schwaben; man fürchtete sich, alsbald das Abbild des besuchten Hauses gedruckt zu lesen. Das Analogisieren wird also hier auch an der bunten Wirklichkeit seinen Stoff suchen müssen. Und darum noch einmal die Frage: ist dies Verfahren hier berechtigt? Wer den Eindruck hat, hier dem einzigen Sündlosen, dem einzigen Adamssohn mit vollkräftigem Gottesbewußtsein gegenüberzustehen, wird der bei eingehender Überlegung jenen Versuch noch wagen?! Man meine nicht, man komme hier mit dem Storchschnabel aus, man habe nur die Maße zu steigern. Der Unterschied liegt nicht auf der Linie des Grades, sondern auf der Linie der Art. Sündlosigkeit ist auch nicht nur etwas Verneinendes. Man kommt nicht damit aus, aus unsrer Art die Flecken zu tilgen, sonst behält man eine leere Tafel. Im Tiefsten andersartig, so andersartig, daß ihm gleichartig zu werden nur durch eine neue Geburt, durch eine neue Schöpfung möglich ist, – wie kann man seine Entwickelung, ihre Stufen und Wendungen nach dem gemeinen Menschengange vorstellen und auseinanderlegen wollen! Ja, gräbt man tiefer, dann begegnet man dem Anstande: wie hat er sündlos sein können inmitten einer Welt, inmitten einer Familie und eines Volkes, die voll der Ärgernisse waren? Wie hat das Kind sich rein und sicher entwickeln können, während es in seiner Unmündigkeit, Unselbständigkeit und Unreife rings von Verführung umgeben war und alle etwa redlich gemeinte Erziehung zum besten Teile nur Verziehung sein konnte? Das ist ein Wunder, und das erklärt sich nicht aus bloßer unverdorbener Anlage; das ist nur faßbar, weil dieser Säugling mit einem andern, ihm vorausgegebenen Inhalte in dies irdische Dasein getreten ist als wir alle; weil in allen Formen und Stufen seines Seelenlebens ein unbedingt selbständiges Wollen sich auswirkte, – weil Gottes Gnade und Wahrhaftigkeit in ihm Fleisch geworden sind. Der Thatsache gegenüber wird man weise thun, auf analogisierende Seelenmalerei zu verzichten.

So erübrigte denn die historische Analogie. Man geht auf die Verhältnisse, auf die Anschauungen seiner Umgebung zurück, auf die Zeitgeschichte und das uns erhaltene jüdische Schrifttum. Vielleicht gewinnen wir durch einen Rückblick die rechte Beleuchtung für diesen Versuch. Semler hat längst vor Baur das „Judenzen“ der altchristlichen Schriftsteller entdeckt; in seiner Schule jedoch nahm man Jesum von dieser Befangenheit in dem Judentume aus; war das nur Vorurteil? oder war es das Ergebnis einer Beobachtung, eines zutreffenden Eindruckes? D. Strauß findet in Jesu Erscheinung etwas Hellenisches 8), jedenfalls also nichts mit dem späteren Judentume Verwandtes. Wenn man nun den Jesus unsrer Evangelien mit Saul von Tarsus vergleicht, so springt in der That ein weiter Abstand zwischen dem Schüler der Pharisäer und zwischen dem Meister ins Auge; dort der leibhaftige Jude, auf den die Bildungsmächte seines Volkes und seiner Zeit so unverkennbar tief und nachhaltig gewirkt haben; hier der Menschensohn, dessen Gestalt und Thun einen anmutet, als bewegte man sich in der geschichtlosen Zeit der Patriarchen. Das verspricht keinen reichen Ertrag von einem Rückgang auf die Zeitgeschichte.

Selbstverständlich soll nicht geleugnet werden, daß diese Hilfsmittel dazu dienen können, einzelne Züge in dem Ergehen und auch im Verhalten Jesu sowie manche Wendungen seines Unterrichtes zu erklären und deutlicher zu machen. Ebenso fern liegt mir die Übertreibung, daran zu zweifeln, daß man die geschichtlichen Bildungen und Mächte im großen bezeichnen könne, unter deren Einfluß sich die menschliche Entwickelung unsers Herrn vollzogen hat. Aber das reicht bekanntlich für eine biographische Arbeit im modernen Sinne weitaus nicht zu. Eine solche begnügt sich nie und nirgend mit einer bescheidenen zurückschreitenden Analyse, sondern sie will durch aufbauende Wiederherstellung des in das Dunkel gesunkenen Geschehens von der Richtigkeit ihrer Rückschlüsse überführen. Sie bearbeitet mit Vorliebe die Lebenszeit Jesu, für die es keine Quellen gibt, und weiterhin setzt sie es vor allem darauf ab, die innere Ökonomie seines Fortschreitens auch innerhalb seines öffentlichen Lebens herauszustellen. Und dazu bedarf es denn noch eines andern als der vorsichtigen Zerlegung. Es muß eine gestaltende Macht über die Trümmer der Überlieferung kommen. Diese Macht kann allein die Einbildungskraft des Theologen sein, die an der Analogie des eignen und des sonstigen Menschenlebens gebildete und genährte Einbildungskraft. Malt diese Muse des darstellenden Historikers schon auf andern Gebieten oft Bilder, denen jeder Hauch der Vergangenheit und ihrer Eigentümlichkeit mangelt, wie wird es diesem einzigartigen Stoffe ergehen? Er kommt einem jeden mit dem schon angedeuteten Entweder-Oder entgegen; das ist die Frage, ob der Darsteller sich unter den einzigen Sündlosen beugt; es ist die unausbleibliche Stellung zu dem Maßstabe aller Sittlichkeit. Wie verschieden muß die Auffassung ausfallen, ob man die Sündlosigkeit bekennt oder ob man dem geschilderten Erlöser seine Sünden aufzählt? ob man mit diesem Jesus jeden Sünder als einen Verlorenen ansieht oder die Grenze so fließend achtet, daß man in sittlichen Fehlern nur übertriebene Tugenden erkennt? 9). Es tritt der Prüfung unabweislich entgegen, daß die ordnende und gestaltende Einbildung noch von einer andern Macht gelenkt wird, nämlich von einer vorgefaßten Meinung über die religiösen und sittlichen Dinge. Mit andern Worten: Der ausmalende Biograph Jesu ist immer irgendwie Dogmatiker im verdächtigen Sinne des Wortes. Im besten Falle teilt er die Dogmatik der Bibel; in den meisten Fällen ist das bei den modernen Biographen nur sehr bedingt so; ja, nicht wenige stellen sich mit Bewußtsein in Gegensatz zu der „antiken Weltanschauung des Neuen Testamentes“.

Mit dieser Beobachtung sind wir aber bei einer sehr wichtigen Entdeckung. Kein wirksameres Mittel für ein langsames Sichdurchsetzen einer politischen Partei als eine Geschichte des Vaterlandes gleich der eines Macaulay. Die nackte Theorie würde manchen stutzig machen. Indem die Theorie in eine Schilderung der Vergangenheit verkleidet wird, geht sie unmerklich in das Denken über als ein Stück der Wirklichkeit, als ein aus ihr erhobenes Gesetz. So hat Rottecks Weltgeschichte als weitläufiges Parteipamphlet umfassende Kreise des deutschen Mittelstandes in eine bestimmte politische Denkweise gebannt. Ebenso ist es mit der Dogmatik. Vor einem Dogma, wenn es ehrlich als solches geboten wird, ist heute jedermann auf seiner Hut. Erscheint aber die Christologie als Leben Jesu, dann sind nicht sehr viele, welche den dogmatisierenden Regisseur hinter dem fesselnden Schauspiel des farbenreich gemalten Lebensbildes spüren. Den verborgenen Dogmatiker aber spürt gewiß niemand so sicher heraus, als wer selbst ein Dogmatiker ist; wer sich gewöhnt hat, die Fortwirkungen von Grundgedanken in allen einzelnen Urteilen mit Bewußtsein und Absicht zu verfolgen. Und darum wird der Dogmatiker ein Recht haben, hier eine Warnungstafel vor der angeblich voraussetzungslosen Geschichtsforschung aufzurichten, wenn sie eben aufhört Forschung zu sein und zum künstlerischen Gestalten fortschreitet. – Gern sieht man die Hand eines begabten Dichters in Drama oder Roman über einer bedeutenden Gestalt oder Begebenheit aus der Vergangenheit; vielleicht erschließt seine Schilderung den innersten Zug derselben unserm Sinne besser, wenn sie sich von der geschichtlichen Genauigkeit entbindet und dazu erfindet. Messiaden und Christusdramen hat man jedoch in biblisch-gerichteten Kreisen immer nur mit Unbehagen angesehen; und wir teilen gewiß zumeist diese Zurückhaltung, diese Bedenken. Wie mancher Arbeiter an der Leben-Jesu-Litteratur episiert und dramatisiert nun fröhlich darauf los, ohne sich dessen klar bewußt zu sein. Und weil es in Prosa, etwa auch auf der Kanzel geschieht, meint man, das sei eben nur Darlegung des geschichtlichen, biblischen Christusbildes. Weit gefehlt. Es ist zumeist der Herren eigner Geist, in dem Jesus sich spiegelt. Und das hat doch hier in der That mehr zu besagen als auf andern Gebieten.

2. Der geschichtliche Christus ist der geglaubte und gepredigte Christus, das Fleisch gewordene Wort.

Fassen wir die Sache recht scharf ins Auge: wonach sucht diese Arbeit? Hinter dem Jesus Christus, wie ihn die kirchliche Überlieferung schildert, das heißt eben auch hinter dem Bilde, welches das N. Testament darbietet, will sie den wirklichen Jesus herausholen, wie er leibte und lebte, in allen Beziehungen, die allen oder jedem einzelnen wichtig oder unentbehrlich, oft auch nur erwünscht oder ergetzlich („interessant“!) erscheinen 10). Die aufgedeckten Schwierigkeiten, auf welche die Befriedigung dieser Anliegen stößt, geben gewichtigen Anlaß, nach der Berechtigung derselben zu fragen. Die Antwort wird dann gefunden sein, wenn der eigentliche und letzte Beweggrund des Unternehmens erkannt ist, sich Jesu geschichtliche Gestalt in voller Lebendigkeit vor die innere Anschauung zu stellen.

Und dabei sind wir bei dem springenden Punkte; weshalb suchen wir Bekanntschaft mit der Gestalt dieses Jesus? Ich denke doch: wir, weil wir ihm glauben, wenn er spricht: „wer mich siehet, der hat eben damit den Vater gesehen“ (Joh. 14,9); weil er uns die Offenbarung des unsichtbaren Gottes ist. Wenn nun das Wort in ihm Fleisch ward, – ist das Fleisch an ihm die Offenbarung oder das Wort? 11). Ist das Wichtige an ihm für uns, worin er uns gleich war, oder das, worin er uns völlig ungleich war und ist? Das was er uns zubringt, nicht aus dem unsern, sondern aus dem Herzen des lebendigen Gottes? – Ich will nicht mißverstanden sein. Daß er uns gleich war, ist freilich unvergleichlich wichtig für uns, und es ist unser Schatz – das hebt auch die Schrift immer hervor; freilich, wo sie es thut, kaum je ohne zu bemerken: „sonder Sünde“, „aus Gnade“, „aus Demut und in vollkommenem Gehorsam“ u. s. w. (Hebr. 4,15; 7,26. 27; 2. Kor. 8,9; Phil. 2,6f.). Wie er uns gleich war, das versteht sich von selbst; es ergibt sich auch gelegentlich von selbst, weshalb sich die sachlichen Belege wohl auf jeder Seite der Evangelien finden lassen. Und doch, wie muß man suchen, um einen biblischen Beleg aus geflissentlich hervorhebenden Äußerungen zu führen. Wäre dem nicht so, man könnte es nicht als eine biblisch-theologische Besonderheit des Hebräerbriefes aufführen, daß er die sittliche Arbeit Jesu betone; wo aber thut er das? 2,17.18; 4,15; 5,7f., etwa noch 12,2.3. Wer sich vollends selbst fragt, was er sucht, wenn er die Evangelien liest, der wird sich gestehen: ich suche nicht meinesgleichen, sondern mein Gegenstück, meine Ergänzung, meinen Heiland. Wer sich überlegt, was er findet, wenn er die Evangelien liest, wird sagen: so hat noch nie kein Mensch geredet, so hat noch nie kein Mensch gehandelt, so ist keiner gewesen. Nicht: das hat noch nie einer geredet – er hat manches wiederholt aus Schrift und Mund der Frommen vor ihm; aber es wird ein andres in seinem Munde 12). Nicht: alles, was er thut, ist unvergleichlich – er steht in einer Reihe mit der Wolke von Zeugen. Und doch, wie er es thut, ist etwas ganz Unvergleichliches, denn so ist keiner gewesen 13).

Ja, weshalb im letzten Grunde treiben wir mit dem Jesus unsrer Evangelien Verkehr? Was haben wir an unserm Jesus? „Die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden“ (Ephes. 1,7) 14). Was brauche ich denn mehr von ihm zu wissen, als was Paulus den Korinthern „zuvörderst gegeben hat, welches er auch empfangen hat, daß Christus gestorben sei für unsre Sünden nach der Schrift und daß er begraben sei und daß er auferstanden sei am dritten Tage nach der Schrift und daß er gesehen worden ist“ (1. Kor. 15,3f.)?! Das ist frohe Kunde im Auftrage Gottes (1. Kor. 15,12f.; Röm. 1,1f.; 2. Kor. 5,18f.; Gal. 1 6f.), das ist Zeugnis und Bekenntnis des Glaubens, der die Welt überwunden hat (1. Joh. 5,4). Dazu brauche ich keine genaue Kenntnis von den Lebensumständen des Gekreuzigten.

Aber wozu dann die Evangelien? weshalb dann jene Predigt, deren Inhalt so oft sein Thun und sein Lehren bildet? Wir haben die Erlösung an ihm. „Wer will verdammen? Christus der gestorbene, vielmehr auch auferweckte, welcher auch ist zur Rechten Gottes, welcher uns auch vertritt?“ „Wir haben einen Beistand beim Vater, Jesum Christum, den Gerechten“. „Wir haben nicht einen Hohepriester, der nicht könnte Mitleid haben mit unsern Sünden, sondern der versucht ist allenthalben gleich wie wir, doch sonder Sünde“ (Röm. 8,34; 1. Joh. 2,1; Hebr. 4,15). Wir brauchen und glauben und haben den lebendigen Christum; und wir glauben ihn, weil wir ihn kennen; wir haben ihn, wie wir ihn kennen; wir kennen ihn, weil er unter uns gewohnet hat, voll Gnade und Treue, und sich seine Zeugen erwählt hat, durch deren Wort wir an ihn glauben sollten (Joh. 1,13.14 vgl. 1. Joh. 1,1f.; Joh. 15,27; 17,20).

Also deshalb treiben wir Verkehr mit dem Jesus unsrer Evangelien, weil wir da eben den Jesus kennen lernen, den unser Glaubensauge und unser Gebetswort zur Rechten Gottes antrifft; weil wir es mit Luther wissen, daß Gott sich nicht will finden lassen als in seinem lieben Sohne 15), weil er uns die Offenbarung ist; richtiger und ausdrücklich: weil er uns das Fleisch gewordene Wort, das Bild des unsichtbaren Gottes, weil er uns der offenbare Gott ist.

Das sucht der Glaubende. Das feiert die Gemeinde. Und also – wie wichtig jeder kleinste Zug! wie unerläßlich die Beseitigung jeder optischen Täuschung durch das Prisma der Überlieferung! jeder Trübung in der Auffassung seiner ersten Zeugen! – wie unaussprechlich wichtig die Wirklichkeit Jesu bis ins kleinste hinein! Es wäre schlimm, wenn es sich also verhielte. Gesetzt, die Kunst moderner Historik vermöchte Spektralanalyse an der Sonne unsers Heils zu üben; gesetzt, wir vermöchten heute jene Trübungen der Überlieferung zu beseitigen – wie stünde es doch um die Brüder jener ersten Zeit? Wenn sie den Jesus dieser Evangelien anschauten und anbeteten in eben jener Trübung, welche man meint in ihren Schriften zu finden und erst beseitigen zu müssen, so hätten sie ja wohl ihren Heiland nicht gekannt! Und so weiter alle Folgenden bis auf uns. Ja, meine Herren und Brüder, wir selbst? wie stünde es mit uns? Wo lernen wir diesen Jesus kennen? Die wenigsten können die Arbeit der Historik vollziehen, nur wenige kraft ihrer Bildung diese Arbeit in etwa beurteilen. Des Ansehens der Bibel wären wir dann freilich enthoben, aber dem Ansehen – nicht einer arbeitenden Wissenschaft, sondern – der angeblichen Ergebnisse dieser Wissenschaft wären wir unterworfen. Und niemand kann uns die Frage beantworten: bei welchem fünften Evangelisten 16) sollen wir das Bild des erhöhten Christus, das Bild des offenbaren Gottes suchen? bei welchem Biographen? wir haben die Wahl in einer Reihe von Heß und Zündel über David Strauß hin bis zu Renan, Noack, der sozialdemokratischen Pamphlete zu geschweigen. Wollte man demgegenüber sagen: der Dogmatik gegenüber stehe man ebenso, denn man sei dort ebenso abhängig von den Theologen, so wäre das irrig. Dogmatik ist Sache des Urteils über Thatsachen, die jedem Christen zugänglich sind, soweit es sich nicht um theologische Ausführungen handelt, deren man zum christlichen Verständnis wohl entraten kann. Die Geschichtsforschung dagegen erfordert eine langgeübte Technik und eine breite Gelehrsamkeit – hier gibt es kein allgemeines Urteil außer etwa dem von aufgeblasenen Dilettanten.

Entweder also müssen wir auf den offenbaren Gott verzichten – oder es muß eine andre Wirklichkeit Christi geben als die des biographischen Einzelwerkes; einen andern Weg zum geschichtlichen Christus zu gelangen als den der quellen-prüfenden und historisch-analogisch konstruierenden Kritik der historischen Theologie.

Besinnen wir uns! Was ist denn eigentlich eine geschichtliche Größe? ein seine Nachwelt mitbestimmender Mensch, nach seinem Wert für die Geschichte gewogen? Eben der Urheber und Träger seiner bleibenden Fortwirkung. Als wirkungsfähiger greift der Mensch in den Gang der Dinge ein; was er dann ist, das wirkt, dadurch wirkt er. Bei Tausenden, deren Spuren in der Entwickelung der Zeitgenossen und der Nachwelt sich erst spät oder nie verwischen, bleibt ihre frühere Entwickelung für die Forschung das unter dem Boden versteckte Wurzelwerk, bleibt auch das Einzelne ihres Wirkens für immer vergessen. In ihrem Werke lebt die reife, die geschichtsreif gewordene Persönlichkeit; und an dieses Werk knüpft sich dann in unvergeßlichen Zügen und Worten auch wohl ein unmittelbarer Abdruck ihres wirkungskräftigen Wesens; und als Wirkung ist derselbe notwendig mitbestimmt, durch den Stoff, in dem er sich abprägt, durch die Umgebung, auf welche er zu wirken hatte und zu wirken vermocht hat 17). Schon rein geschichtlich gegriffen ist das wahrhaft Geschichtliche an einer bedeutenden Gestalt die persönliche Wirkung, die der Nachwelt auch spürbar von ihr zurückbleibt. Was aber ist die Wirkung, die durchschlagende, welche dieser Jesus hinterlassen hat? Laut Bibel und Kirchengeschichte keine andre als der Glaube seiner Jünger, die Überzeugung, daß man an ihm den Überwinder von Schuld, Sünde, Versucher und Tod habe. Aus dieser einen Wirkung fließen alle andern; an dieser haben sie ihren Gradmesser, mit derselben steigen und fallen, stehen und fallen sie. Und diese Überzeugung hat sich in das eine Erkenntniswort gefaßt: „Christus, der Herr“.

Zu diesem Bekenntnis hat die Zeitgeschichte nichts gethan, und noch weniger die jüdische Theologie. Die erzählende Zeitgeschichte in Josephus kennt Johannes des Sacharja Sohn. Über Jesus von Nazareth ist sie stumm. Die wirkliche Zeitgeschichte hat ihn zu den Toten geworfen; nachdem er glücklich dem Volkswohl zum Opfer gefallen war (Joh. 11,49f.), gährt und tobt das Judenvolk seinem staatlichen Untergange zu, ohne sich um ihn zu kümmern. Der kleine Haufen der Nazarener kommt dafür nicht in Betracht. Die übrige Welt hätte sich nie um ihn gekümmert, wenn nicht Saul von Tarsus ihm eine Gemeine gesammelt hätte, den aus dem Senfkorn erwachsenden Riesenbaum, unter dessen Laubdach die Vögel des Himmels Nester bauen. Vollends die jüdische Theologie und ihre Eschatologie! Wir wissen doch, wie schwer der unscheinbare Rabbi zu ringen hatte mit den irdischen Hoffnungen auf einen weltlich-strahlenden Davidssohn, der die Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit seinem Volke zu Füßen legen sollte. Was dann von Zügen jener Bilderwelt jüdischer Erwartung in die bilderreiche Darstellung christlicher Hoffnung übergegangen ist, das macht noch heute die Anstöße aus, an denen der hoffende Glaube so leicht mit sich selbst in Widerspruch gerät.

„Christus der Herr“ diese Gewißheit kann Fleisch und Blut nicht erlangen, festhalten und mitteilen; das hat Jesus selbst dem bekennenden Petrus gesagt (Matth. 16,17), wie er es den ungläubigen Juden (Joh. 6,43f.) vorhielt; das hat des Petrus Schicksal im Vorhof des Hohepriesters bestätigt; das sagt Paulus seinen Gemeinden ihrer Zustimmung gewiß (1. Kor. 12,3). Wo aber diese Gewißheit entstanden ist und gewirkt hat, da ist sie urkundlich gebunden gewesen an die andre, daß er der Lebendige sei, der Gekreuzigte und Auferstandene. Und wo man in den Verhandlungen der Historiker nach dieser Gewißheit fragt, da setzt man nicht ein bei den viel umstrittenen abgerissenen letzten Erzählungen der Evangelisten; vielmehr verhandelt man über das Erlebnis des Paulus; man stellt den ununterbrochenen Glauben der Gemeine fest, so hoch und so weit man ihre Zeugnisse und Spuren verfolgen kann. Der auferstandene Herr ist nicht der historische Jesus hinter den Evangelien, sondern der Christus der apostolischen Predigt, des ganzen Neuen Testamentes. – Und wenn dieser Herr Christus (Messias) heißt, so liegt darin das Bekenntnis zu seiner geschichtlichen Aufgabe oder, wie man heut sagt: zu seinem Berufe, und wie unsre Alten mit demselben sachlichen Werte des Ausdruckes sagten: zu seinem dreifachen Amte; das heißt: das Bekenntnis zu seiner einzigartigen, übergeschichtlichen Bedeutung für die ganze Menschheit. Dieser seiner Messianität oder Christuswürde sind sie aber gewiß geworden im Widerspruche mit der öffentlichen Meinung, sowohl über die „Idee“ des Messias d. h. darüber, wie man sich einen Messias dachte und was man von ihm forderte, als auch über die Person dieses Jesus von Nazareth – damals gerade so wie heute. Und wenn man hinterher, in Briefen und Evangelien und zu allererst in Predigten daran ging, diese Messianität glaubhaft zu machen, so waren es immer zwei Beweistümer, deren man sich bediente: persönliche Bezeugung seiner Auferstehung aus Erfahrung und – Schrift. Er als der lebendige ist ihnen der Messias des alten Bundes.

Und darum sprechen auch wir von dem geschichtlichen Christus der Bibel. So gewiß nicht der historische Jesus, wie er leibte und lebte, seinen Jüngern den zeugniskräftigen Glauben an ihn selbst, sondern nur eine sehr schwankende, flucht- und verleugnungsfähige Anhänglichkeit abgewonnen hat; so gewiß sie alle mit Petrus zu einer lebendigen Hoffnung wiedergeboren wurden erst durch die Auferstehung Jesu von den Toten (1. Petri. 1,3); so gewiß sie der Erinnerung des Geistes bedurft haben, um zu verstehen, was er ihnen bereits gegeben hatte, und zu fassen, was sie damals nicht tragen konnten (Joh. 14,26. 16,12.13); so gewiß sie nachher nicht herausgetreten sind, um ihn durch Verbreitung seiner Lehre zum Schulhaupte zu machen, sondern um seine Person und ihre unvergängliche Bedeutung für einen jeden Menschen zu bezeugen; ebenso gewiß waren sie auch erst dann im stande, sein Sein und Behaben, sein Thun und sein Wort als die Darbietung der Gnade und Treue Gottes zu erfassen, da er vollendet vor sie trat, er selbst die Frucht und der ewige Träger seines Werkes von allumfassender unvergänglicher Bedeutung; und zwar jenes Werkes, dessen schwerstes und entscheidendes Stück des historischen Jesus Ende war. Ob wir auch den Messias nach dem Fleische gekannt haben, so kennen wir ihn nun doch nicht mehr (2. Kor. 5,16). Das ist der erste Zug seiner Wirksamkeit, daß er seinen Jüngern den Glauben abgewann. Und der zweite Zug ist und bleibt, daß dieser Glaube bekannt wird. Daran hängt seine Verheißung (Röm. 10,9.10); daran hängt für uns die Entscheidung; daran hängt die Geschichte der Christenheit. Der wirkliche, d.h. der wirksame Christus, der durch die Geschichte der Völker schreitet, mit dem die Millionen Verkehr gehalten haben in kindlichem Glauben, mit dem die großen Glaubenszeugen ringend, nehmend, siegend und weitergebend Verkehr gehalten haben – der wirkliche Christus ist der gepredigte Christus. Der gepredigte Christus, das ist aber eben der geglaubte; der Jesus, den wir mit Glaubensaugen ansehen in jedem Schritt, den er thut, in jeder Silbe, die er redet; der Jesus, dessen Bild wir uns einprägen, weil wir darauf hin mit ihm umgehen wollen und umgehen, als mit dem erhöhten Lebendigen. Aus den Zügen jenes Bildes, das sich den Seinigen in großen Umrissen hier, in einzelnen Strichen dort tief eingeprägt und dann in der Verklärung durch seinen Geist erschlossen und vollendet hat, – aus diesen Zügen schaut uns die Person unsers lebendigen Heilandes an, die Person des fleischgewordenen Wortes, des offenbaren Gottes.

Das ist nicht versichernde Predigt – das ist das Ergebnis haarscharfer Erwägung der vorliegenden Thatsachen; das ist Ergebnis der sichtenden und prüfenden Dogmatik, nur darum in Schriftwort gekleidet, weil es eben mit diesem Schriftwort übereinstimmt – Soll eine solche Schriftmäßigkeit etwa einen Verdachtgrund gegen eine solche Dogmatik hergeben? und zwar auf dem Boden einer reformatorischen Theologie?! – 18).

3. Der Glaube an den Christus der Bibel ist nicht Autoritätsglaube; während er sich irgendwie durch die Bibel vermittelt, wird er zum entscheidenden Grunde für das Vertrauen zu ihr.

Das Bild Jesu, der Abdruck seiner geschichtlichen Erscheinung soll doch für uns irgend etwas bedeuten, was hinausliegt über dankbaren Anteil an einem dahingegangenen, zumeist mißverstandenen Wohlthäter der Menschheit; es darf und soll doch noch von Glauben an Jesum Christum selbst die Rede sein. Nun, dann darf der Glaube freilich nicht davon abhängen, was sich ein philosophisch geschulter Kopf denken mag darüber, wie sich in dem inneren Leben dieser Person Gott und Mensch vertrugen, wie viel an und in ihm Gott, wie viel an und in ihm Mensch, oder wie er ganz Gott und zugleich ganz Mensch war. Der Glaube hängt gewiß nicht an einem christologischen Dogma. Allein ebenso wenig darf dann der Glaube abhängen von den unsicheren Feststellungen über ein angeblich zuverlässiges Jesusbild, das mit den Mitteln der spät entwickelten geschichtlichen Forschung herausgequält wird – gleich aussichtlos in seinem Gelingen, wie jener aus bloßen Begriffen gebildete Schattenriß des Dogma. Denn gegenüber dem Christus, den wir glauben sollen und dürfen, muß der gelehrteste Theologe nicht besser und nicht schlechter stehen als der einfältigste Christ; nicht besser, denn er kommt dem lebendigen Heiland nicht näher als jener; nicht schlechter, denn hat er Ärgernisse für den Glauben zu überwinden, so hat sie jener auch, und zur Überwindung dieser Anstöße gibt es nur den einen königlichen Weg: ändert euren Sinn und setzt euer Vertrauen auf das gute Angebot: Jesus Christus gestorben für unsere Sünden nach der Schrift und begraben und am 3. Tage auferstanden nach der Schrift (Mark. 1,15; 1. Kor. 15,1-5). Und nur diejenige Theologie kann ich gelten lassen, welche den Thatsachen des vorhandenen lebenden Christentumes zu dem entsprechendsten, klarsten und schärfsten Ausdrucke hilft. Wenn nun dereinst die einfältige Schrifttheologie des Pietismus die Dogmatiker von ihrem Gelehrtenpapat entsetzt hat, so ist es heute die Aufgabe des Dogmatikers, in Vertretung des schlichten Christenglaubens den Gelehrtenpapat der Historiker in seine Schranken zu weisen. Er „besetzt ja ein größer Terrain, als er soutenieren kann“ 19); er unternimmt es, Forderungen des bloßen wissenschaftlichen Interesses ohne zureichende Mittel zu befriedigen und hält dabei die Grenzlinie zwischen den Anliegen des Wissenstriebes und den Anliegen des Christusglaubens nicht entschieden und sauber auseinander. Man bekommt wohl zu hören, heute sei das „Leben Jesu“ an die Stelle des Dogma von Christo getreten oder habe an dessen Stelle zu treten. Dann bietet man eine Masse oder ein scheinbares Ganze von Thatsachen, welche zu Recht der unendlichen wissenschaftlichen Untersuchung unterworfen bleiben, für unbestreitbare Glaubenswahrheiten, oder, wenn man das richtiger findet, für unbestreitbare Glaubenserlebnisse an; und der Erfolg muß und wird eine Unsicherheit, ein Hinausschieben in der Bildung von Überzeugungen, ein Ansichhalten und Zweifeln gerade bei den tiefer Grabenden sein, welches dem Christenglauben an die Wurzel greift. Springt es doch aus den Darstellungen selbst in die Augen, daß sie im großen wie im einzelnen Versuche find, die Vergangenheit zu erfassen; sie müssen sich auf Schritt und Tritt mit andern, ebenso fleißigen und ehrlichen Versuchen auseinandersetzen. Oder, wenn sie das nicht thun, gewinnen sie den Schein der Sicherheit durch ein zeitweiliges Vergessen und Verschweigen; und diese Täuschung kann nicht lange vorhalten. Wenn diese Arbeit dafür gelten soll, den „Grund zu legen“, außer welchem es keinen gibt, so wird sie nur klar machen, daß diesem Grunde die Tragfähigkeit fehlt. Denn geschichtliche Thatsachen, welche die Wissenschaft erst klarzustellen hat, können als solche nicht Glaubenserlebnisse werden; und darum fließen Geschichte Jesu und christlicher Glaube wie Öl und Wasser auseinander, sobald der Zauber begeisterter und begeisternder Schilderung seine Kraft verliert.

Indes das Verhältnis zwischen Glauben und biblischem Bericht scheint doch kein wesentlich andres als das Verhältnis zwischen Glauben und wissenschaftlich erforschtem Jesusbilde. Mithin drängt die Erörterung wohl ausweglos auf die Wahl entweder des Subjektivismus oder des Autoritätsglaubens. Lassen wir uns durch das Vorhalten dieses Entweder-oder nicht doppelsichtig machen; sehen wir einstweilen davon ab und untersuchen schlicht die Stellung eines einfältigen Christen. Gewiß wird er in den meisten Fällen durch die Schrift zu Christo gekommen sein; – nicht gerade sehr viele durch das Lesen der Schrift, sondern die meisten durch Predigten oder erbauliche Bücher, welche ihnen den Schriftinhalt nahe brachten. In der anerzogenen Hochachtung gegen die Bibel liegt ihm Glaube an Christum und Vertrauen auf dieses Buch ohnegleichen untrennbar ineinander. Wenn es dann aber zur Unterscheidung kommen muß, dann wird es ihm klar werden, was einst ein ehrwürdiger, bibelfester Zeuge zum Thema seiner Predigt gemacht hat: „wir glauben nicht an Christum um der Bibel willen, sondern an die Bibel um Christi willen“ 20).

Noch genauer läßt es sich wohl in diesem Zusammenhange so ausdrücken: wir setzen unser Vertrauen auf die Bibel als auf das Wort unsers Gottes um ihres Christus willen.

Die bibelfesten Laien sollten vor solchem Satze nicht stutzig werden. Sie wissen es ja aus ihrer Bibel selbst. Was hat denn den Juden ihr Pochen auf die Schrift geholfen? Micha hat sie nicht zur Anbetung nach Bethlehem geführt (Matth. 2,3f.). Sie erhoben aus der Schrift, daß aus Galiläa kein Prophet ersteht (Joh. 7,41f.), und hielten dafür, aus Nazareth könne nichts Gutes kommen (Joh. 1,46); sie vernahmen ihr Zeugnis für Jesum nicht (Joh. 5,39f.). Denn sie verstanden weder sie noch die Kraft Gottes (Matth. 22,29f.); den Rätseln ihrer Weissagung aber standen sie ratlos gegenüber (ebd. V. 41f.). Nur diejenigen Juden, welche Jesum im Glauben als den Christus erfaßten, fanden sich mit dem Nazarenus zurecht (Matth. 2,23), entdeckten das Zeugnis für den Aufgang in Galiläa (ebd. 4,12f.), und lernten nach dem Erweise der Kraft Gottes an dem Auferweckten (Röm. 1,4; 2. Kor. 13,4), daß diesem Mose und alle Propheten Zeugnis geben (Apostelgesch. 3,18f. u.a.O.). Wir lernen daraus jedenfalls, daß es einen Weg durch Christus zum Verständnis der Schrift gibt. Und erst dieser Umweg bewahrt vor der Gefahr, daß die Anhänglichkeit an die Schrift auch zum Hindernis für den Glauben werde ebenso wie alles Eifern um Gott mit Unverstand (Röm. 10,2). Das müssen wir uns in unsern Tagen auch unter sehr andern Umständen gesagt sein lassen. Wir leben zumeist getrost unsers Glaubens, ohne uns über die Wurzeln sonderlich Rechenschaft zu geben, aus denen er erwachsen ist. Erst Anfechtungen zum Zweifel nötigen uns dann zur rückblickenden Prüfung. Eine solche Stunde der Sichtung rücksichtlich der Bedeutung unsrer Bibel für unsren Glauben ist über uns gekommen und zwar nicht nur über die Theologen. Da gilt es denn reinlich zu unterscheiden, auch was nie und nimmer geschieden werden kann und soll. Wir müssen unterscheiden zwischen dem Angebot des Inhaltes für den Glauben und zwischen dem Beweggrunde, der uns bestimmt, den Inhalt im Glauben zu ergreifen. Und es wird für jeden Evangelischen, ja für jeden lebendigen Christen gelten, der treu und kindlich an seinem Heilande hängt, daß dieser Beweggrund zuletzt eben in den Erlebnissen liegt, die er in der Hingebung an seinen Heiland gemacht. Der Heiland aber, mit dem er lebt, das ist nicht ein bloß empfundener oder von ihm ersonnener; das ist vielmehr der ihm gepredigte; das ist überall – lauter oder verdunkelt – aber letztlich immer der Christus der Schrift. Je mehr Umgang er nun mit der Schrift selbst pflegt, um so mehr fließt ihm die anziehende Macht des Heilandes mit dem Ansehen der Schrift zusammen; weil sein Christus der biblische ist; weil er je länger, je mehr seinen Christus der Bibel verdankt, so meint er nicht nur diesen Christus, sondern auch den Glauben von der Bibel zu haben. Und das ist auch zu nicht geringem Teile der Fall, weil ja die Bibel Christum predigt, ihn predigt aus und in Glauben und man an ihrem Glauben glauben lernt. Und doch wird es dabei bleiben, daß niemand einen selbständigen Glauben neutestamentlicher Art und Wertung hat, der nicht zu den neutestamentlichen Schriftstellern sagen kann wie die Samariter: nicht mehr um eurer Rede willen glauben wir (Joh. 4,42); dem es nicht die Gestalt Jesu angethan hat, wie dem vierten Evangelisten (Joh. 20,31; 1,14.16); der nicht an den biblischen Jesum glaubt durch den Zug und die Offenbarung des Vaters um des Wortes Jesu, ja um sein selbst willen (Matth. 16,17; Joh. 6,44f. 68. 20,28 vgl. 14,5-9).

Wenn man neuerdings lehrt, der christliche Glaube sei ein „überwältigt“ werden von Christo in seinem an uns herantretenden Bilde, so scheint mir diese Bestimmung zutreffend, wenn es sich um den letzten entscheidenden und zureichenden Beweggrund für Glauben und Gläubigkeit handelt 21). Nur halte ich die Beschreibung für unzureichend, wenn sie auch die Entstehung und Vermittelung dieses Glaubens umfassen soll; und ich halte sie so lange für unbestimmt, als dieses Bild selbst nicht klarer bezeichnet ist. Denn es ist mir eben das Bild des im Glauben Erfaßten, es ist das aus und in Glauben gepredigte Bild Christi, welches diese Wirkung ausübt; eben darum nie und nirgend „das Bild einer auffallenden Menschengestalt, sondern jenes Bild, welches in sich, und wäre es auch nur in erhobenem Anspruche, ein Dogma, ein Glaubensbekenntnis trägt. Es bietet sich nämlich als die Gestalt des Herrn, des Weltheilandes dar, des Erlösers von Schuld und Sünde, des offenbaren Gottes. Nicht nur sachlich, nein ausdrücklich kommt dieses Bild an einen jeden mit dem Entweder-oder: Eckstein oder Fels des Ärgernisses (1. Petr. 2,6.7).

Zu der Entscheidung gegenüber diesem Bilde – vollziehe sie sich in sorgfältiger Selbstprüfung oder nur halb bewußt in unbefangener Hingabe – greifen zwei bewegende Kräfte in einander. Die eine ist die Empfänglichkeit; das Bedürfnis, den Mangel und die Ohnmacht des innersten Lebens in Selbstgewißheit gegenüber der Endlichkeit und in Willenskraft gegenüber dem verabscheuten Bösen umgesetzt zu sehen. Ohne das mag es Bewunderung und Verehrung geben, gewiß aber keinen Glauben, der es vermag, das eigne Leben an ein fremdes daran zu geben. Das andre ist der Eindruck, den dieses wunderbare Bild auf den empfänglichen Betrachter macht. Diesen Eindruck empfängt der schlichte Bibelleser genau so, wie der forschende Theologe. Der Unterschied wird nur darin bestehen, daß der Theologe sich bemühen wird und muß, diesen Eindruck seinem Inhalte und seiner Art nach sauber festzustellen und über seine Gründe bestimmt Rechenschaft zu geben. Gelingt ihm das, so wird er der ganzen Gemeinde und unter Umständen auch dem einfachen Bibelleser dienen können; in dem Falle nämlich, daß dieser irgendwie in seiner unbefangenen Zuversicht erschüttert werde. Versuchen wir es, den Weg des Theologen mit einigen Strichen vorzuzeichnen. Es ist ein wunderbares Bild, das uns entgegentritt. Man hat vom Standpunkte des Zweifels nicht ohne Grund gesagt, auch die Schilderung der Synoptiker sei eine auf Goldgrund gemalte Heiligenlegende. Und doch rufen alle biblischen Schilderungen den unabweislichen Eindruck vollster Wirklichkeit hervor 22). Man möchte sich bemessen, im voraus zu sagen, wie er in diesem oder jenem Falle gehandelt, ja selbst, was er gesprochen hätte. Deshalb eben kann man mit diesem Jesus verkehren und braucht dazu garnichts weiter, als die biblische Darstellung.

Zuvörderst halten wir still dabei, weshalb dieser Eindruck so stark und so überwältigend sei? Zeichnen nicht unsre Dichter lebensvolle Gestalten, die sich uns unvergeßlich einprägen? Kann diese Gestalt nicht das edelste Gedicht der Menschheit sein? wie man ja auch einen Abraham, einen Mose jetzt sein läßt. Gerade dieser Vergleich belehrt uns vom Gegenteile. Diese Gestalten mögen um mehr als Haupteslänge über uns emporragen, sie bleiben doch Fleisch von unserm Fleisch; haben sie gelebt, so waren sie Menschenkinder; sind sie nur erschaut, so sind sie Kinder der Phantasie, die ihren Stoff aus unsrer Wirklichkeit nimmt. Nicht umsonst hat Carlyle von der unerbittlichen Wahrheit der Schriftschilderung gesprochen; diese Bilder sind alle von unsrer Art. Aber das Jesu?! Wenn es uns jetzt vertraut scheint, so ist das eine erklärliche Täuschung; wir kennen es von Kind auf; wir leben in einer Menschheit, deren Beste ihr Bestes von ihm haben, Abglanz seiner unvergleichlichen Herrlichkeit. Besinnen wir uns recht und schauen uns sonst um, so muß er in seiner edlen Erhabenheit uns sehr fremd erscheinen. Und doch so lebensvoll, so wirklich, als hätten wir ihn vor uns gesehen. Das ist nicht die idealisierende Dichtung eines menschlichen Geistes; hier hat sich sein eignes Wesen unvergänglich abgeprägt 23). Wäre dem nicht so, längst hätten alle Gelehrten darauf verzichtet, sich an dem Sphynxrätsel dieser Erscheinung den Kopf zu zerbrechen 24). Weil dem so ist, deshalb haben es schon Tausende vermocht, mit ihm zu leben als mit ihrem vertrautesten einflußreichsten Freunde.

Wenn ich fortfahre, so brauche ich im Ausmalen und Beweisführen nicht weitläufig zu sein; ich bringe Gottlob! lauter altbekannte Dinge vor. Vielleicht nur eines thue ich hinzu; das nämlich, was der Führer zu seiner kampfesmutigen Mannschaft hinzuthut; er stellt sie in Reih und Glied und an den rechten Fleck.

Wohl, wirft mir jemand ein, von einem Bilde Jesu sprichst du. Das wird auch ein willkürliches Gebilde der Phantasie sein, welches sich der fromme Denker nach Belieben aus der Überlieferung zusammensetzt und zurechtschneidet. Wo von Wirklichem die Rede ist, da fragt man nach dem, was in der Geschichte vorliegt; die Evangelien geben doch eine Erzählung; also eine Geschichte Jesu, nicht ein Bild von ihm hat man zu fordern. Gemach; ist es wirklich so? Allerdings haben wir Erzählungen; sind sie in der That mit dem Absehen auf einen „Pragmatismus“ aufbehalten und zusammengestellt? bei den großen Redesammlungen des ersten und den immer wiederholten Streitgesprächen des vierten Erzählers steht es doch gewiß nicht so. Ausführlicher (ein wenig!) werden sie alle ja erst – wenn man die Zeitmaße erwägt – mit dem Beginn des großen Leidens, mit der Schilderung seines „Werkes“25). Was vor diesen Abschnitten steht, scheint mir einen andern Zug zu haben; weit weniger, was geschehen ist, als wer gehandelt hat und wie er das gethan, soll berichtet werden. Wenn der vierte Erzähler offen bekennt, ein Prediger zu sein (Joh. 20,31), so sind die andern es im Grunde nicht minder 26). Auch wenn sie erzählen, so schildern sie den Mann in seinem Thun und Behaben. Was wir von ihnen empfangen, ist eigentlich nur ein „Charakterbild“ 27). Oder was sind die Erzählungen an sich und was sind sie uns, als Beispiele, wie er zu handeln pflegte, wie er war, wie er ist? In jedem Tropfen der betaueten Wiese spiegelt sich widerstrahlend der Sonne Licht; so tritt uns in jeder kleinen Geschichte die volle Person unsers Herrn entgegen. Das ist hier genau wie in dem 2. Artikel des Taufbekenntnisses; zu Unrecht hat man ihm vorgeworfen, er fordre Glaube an Thatsachen; er bekennt den Glauben an die Person, die wir aus den Thatsachen kennen. Ist dem so, wie mag die Sorge zusammenschrumpfen um Chronologie und Pragmatismus, um Bewußtseinsentwickelung und feststellbaren Fortschritt.

Dazu kommen seine Worte. Sie zu charakterisieren, darauf verzichte ich; sie brauchen meiner Anpreisung nicht, die Kleinodien der Christenherzen. So manches Wort hat er von sich selbst geredet – viel mehr, als man wünschen möchte, wenn er ein bloßer Mensch war wie wir. Diese Worte freilich unterscheiden ihn, ohne Gepränge aber haarscharf, von uns 28); was er aber in denselben von sich sagt, das stimmt wohl mit seinem Thun und Sein; das lehrt uns vielmal, dies Thun und Sein erst recht verstehen. So wird uns die Schilderung zur Bewährung seines Selbstzeugnisses und sein Selbstzeugnis das Siegel auf die Schilderung seines Wesens 29).

Auf dem Wege dieser Erwägung werden wir auch dazu kommen, den apostolischen Lehrschriften zuzugestehen, diesem Jesus könne man zutrauen, was sie weiter von ihm zeugen. Sie nehmen den Mund nicht zu voll in dem, was wir kennen; sie werden es auch nicht thun, wo sie Dinge von ihm aussagen, die freilich über die Grenzen seines irdischen Erscheinens hinausliegen; denn diese Dinge passen wohl zu jenem Inneren, welches sich in dieser Erscheinung bekundet. Ja, diese Bekenntnisse und Verkündigungen der uralten Predigt geben uns die Handhaben, um die Erzählungen uns anzueignen und zu verstehen 30).

Allerdings dem ersten Hinblick zeigt sich ein weiter Abstand zwischen den Berichten der Evangelien und den „dogmatischen“ Aussagen der Briefe über Christum. Doch stehen sie sich näher, als es zuerst scheint. Ein Zwischenglied ist ja kenntlich das vierte Evangelium, denn es stellt seinen Bericht in den Rahmen und unter das Licht der bestimmtesten Aussagen über den Wert dieser Person; Aussagen, welche sie weit aus der Gleiche mit sonstigen Menschen herausrücken. Auf das, was vor der Geburt liegt, gehen freilich die Synoptiker nicht ein; desto bestimmter auf den Stand der Erhöhung; und zu ihrem Christusbilde gehören doch auch die Kindheitsgeschichten. Wenn man die vorliegenden Evangelien nimmt, wie sie sind, statt unter Hand dafür ein Urevangelium, ohne Vorgeschichte, ohne „Apokalypse“ 31), ohne steten Vorblick auf den doppelseitigen Ausgang als das eigentliche Ziel seines Weges 32) unterzuschieben, dann erkennt man in ihnen denselben „dogmatischen“ Zug, wie etwa in den Messiasreden der Apostelgeschichte; sie sind Predigten von der Messianität des Gekreuzigten. Eben darum hat auch die Kirche bis zur modernen Zeit diesen Abstand zwischen der geschichtlichen Darbietung und der dogmatischen Predigt garnicht empfunden. Und sollten in der That etliche Menschen ihren Glauben an den Heiland aus den evangelischen Berichten gewonnen haben, ohne durch die apostolische Verkündigung von seinem Heilswerke und seinem Heilandswerte, sei’s in ihrer neutestamentlichen Urgestalt oder in kirchlicher Vermittelung auf ihn aufmerksam und für seine Schilderung empfänglich geworden zu sein, so wird davon gelten, daß Ausnahmen die Regel bestätigen. In einer Zeit gespannter Gegensätze mag es geschehen, daß diese synoptischen Schilderungen eine besondre Bedeutung für Kreise gewinnen, die gegen das „apostolische Dogma“ mißtrauisch gemacht und geworden sind; indes auch da bildet ein nebelhafter Abglanz jenes Dogma, nämlich das Wissen um irgend eine unvergleichliche Schätzung dieser Gestalt innerhalb der Kirche, die Vermittelung, um jenes Bild der Beachtung und Abschätzung zu empfehlen. Mit andern Worten: Erinnerung an die Tage seines Fleisches und Bekenntnis zu seiner ewigen Bedeutung und zu dem, was wir an ihm haben, im neuen Testamente ungeschieden in einander, wenn auch nach mehr oder minder auf die beiden Gattungen urchristlicher Zeugnisse verteilt, diese zwei Arten der Bekundung gehören zusammen, um die Voraussetzung für eine Glaubensschätzung seines Bildes zu bieten. Wir bedürfen der apostolischen Heilsverkündigung, zwar nicht in dem Sinne, daß wir mit einem Opfer unsers Urteiles uns ihren Versicherungen unterwerfen und für diese Leistung erwarten, nun auch zu erleben, was sie aussagt; wohl aber, um von den besitzenden Brüdern auf die Bahn gewiesen zu werden, auf der man die Schätze heben mag, die zuerst für das Leben, dann auch für das Verständnis durch Christum und in ihm zu erwerben sind. Und deshalb können wir der bekennenden Verkündigung für das vollgiltige Bild Christi nicht entbehren 33). Folgen wir nun der neutestamentlichen Schilderung, so weisen uns Evangelien wie Briefe vielfach zurück in die Schrift alten Testamentes und ihre ausdrückliche oder vorbildliche (typische) Weissagung auf Christum. Und die Kirche in ihrer Verkündigung wie in ihrer Kunst hat diese alttestamentlichen Stoffe unlöslich in unser Christusbild hineingewoben. Wem unter uns gehörten nicht die Adventstexte und die Sätze aus Jesaja 53 zu seinem Eindruck von dem, „der der alten Väter Schar höchster Wunsch und Sehnen war“? Das haben wir in frommer Gewöhnung. Das auch im einzelnen erkennend durchzuführen, wird den Kindern unsers Geschlechtes sehr schwer, während sich in der geschichtlichen Wertung und Auffassung der alttestamentlichen Schriften ein Umschwung vollzieht, dem kaum ein ernstlich Beteiligter ganz widersteht. Trotzdem wird es dabei bleiben, daß man Christum ohne das alte Testament nicht zu schätzen vermag. Man irrt, wenn man meint und sagt, das Verhältnis liege so, daß lediglich Christus sein Licht auf das alte Testament werfe. Wie dieser Jesus selbstverständlich als Messias nirgend auftreten konnte, außer unter den Juden, so würden auch wir ihn ohne die Erziehung am alten Testamente garnicht zu schätzen wissen. Unter den Biographen Jesu können wir die Belege dafür aufzeigen, daß der rein subjektive kategorische Imperativ den lautern Sinn für die sittliche Mustergiltigkeit Christi nicht ausreichend herstellt 34); man darf wohl fragen, ob ein Kant ohne das christlich verklärte alte Testament denkbar wäre. Mir will es scheinen, daß die Sündlosigkeit des Herrn nur dem anschaulich gewiß wird, dessen sittlicher Sinn sich an der Gedanken- und Gestaltenwelt des alten Testamentes gebildet hat. Es steht auch mit dem Verständnis für den Hinweis Jesu auf seinen Vater ähnlich; vor Heiden hätte er ganz anders reden müssen, und wenn wir seine Worte lesen, bringen wir aus Katechismus, Predigt und biblischer Geschichte immer unsre Vertrautheit mit Jehovah schon herzu. An die Formen für die Auffassung des Heilswertes seiner Person und seines Leistens, welche der neutestamentliche und kirchliche Unterricht überwiegend dem alttestamentlichen Volks- und Gottesdienstordnungen entlehnt hat, erinnere ich nur, des lebhaften Widerspruches gegen diese, auch mir unentbehrliche, Anwendung mir wohl bewußt. Wie viel indes oder wie wenig man von diesen Hinweisungen gelten lasse, es wird doch dabei bleiben, daß dieser Jesus in der That der Messias ist, dessen Geist in den Propheten geredet hat (1. Petr. 1,11); und man wird den geschichtlichen Christus nicht zu schildern vermögen, ohne ihn am alten Testamente auszuweisen, ohne den alttestamentlichen Hintergrund, aber auch die alttestamentliche Färbung seines Lebens, das er vor und in seinem Vater führt, zur Geltung zu bringen.

So trägt jedes Stück unsrer Bibel seinen Teil dazu bei, uns Jesum den Christus ganz zu schildern. Das geht vor allem die kirchliche Arbeit am Worte an; des kann aber auch der gereifte Christ in seinem Umgange mit der Bibel inne werden und es in der Stille für sich durchführen, indem er sich schrittweise in diese Bezeugung hineinlebt. Und ebenso meinen wir es, wenn wir von dem biblischen Christus reden.

4. Das biblische Bild ist der von ihm selbst erzeugte Abdruck des geschichtlichen Christus, wie er durch das Wirken des heiligen Geistes sich vermittelte.

So machen wir es uns zugleich hintendrein klar, daß wir nicht um irgend einer Autorität willen an ihn glauben, sondern daß er selbst uns den Glauben abgewinnt. Denn das liegt bereits in dem Gesagten: er selbst ist der Urheber dieses Bildes. Sehen wir uns seine Umgebung an, von der es überliefert worden sein muß! War sie für ihn empfänglich, war sie seinem Verständnis, seiner Auffassung gewachsen? Die Jünger selbst haben kein Hehl vom Gegenteil; ja sie haben uns seine scharfen Urteile über ihre Unreife treulich bewahrt 35). Ihre Flucht und Verleugnung dürfte ihre Geständnisse in dem Betracht bestätigen. Und was die andern betrifft, so haben Juden wie Heiden, Führer wie Volk ihr Unverständnis für diese Gestalt in der Lapidarschrift geschichtlicher Thatsachen verewigt, indem sie ihn haßten, verachteten und dem Tode überlieferten. Man dürfte wohl erwarten, daß auch sein „Bild, durch der Parteien Gunst und Haß verwirrt, in der Geschichte schwanke“. Wenn nun doch, bei kenntlichem Unterschiede der Darstellung, die ersten Augenzeugen ein zusammenstimmendes Bild weiter gaben, das über alles Menschliche bei größester Schlichtheit der Erscheinung an innerer Erhabenheit weit hinausliegt, so muß es sich ihrem Herzen und Gedächtnis mit einer unvergleichlichen unverwischbaren und inhaltreichen Bestimmtheit eingeprägt haben. Wir hören es ja aus ihrem Munde, auch haben sie es hinterher nach Kräften mit der That bewiesen, daß er ihre Gedanken und ihr Gemüt ganz erfüllt hatte.

Und wie es aufgefaßt wurde, so ist dieses Bild erhalten worden trotz einer uns fast unfaßlich bedünkenden Sorglosigkeit in der Bewahrung. Man spricht gern von zuverlässigen Heilandsworten; aber es ist doch Thatsache, daß man den Wortlaut nur dann unbestritten hat, wenn es eben nur eine Bezeugung für den Ausspruch gibt. Das nimmt den überlieferten Reden ihrem Sinne nach ihr Ansehen nicht; wie weit aber liegt es doch von einer ängstlichen Sorge um genaue Bewahrung ab. Ähnlich steht es mit den Hauptzügen seines öffentlichen Lebens nach der Darstellung der drei ersten Evangelisten; indes diese Darstellung selbst in ihrer einseitigen Berücksichtigung der galliläischen Vorgänge bleibt ein Rätsel, wie gerne man über diesen dunkeln Punkt hinweggeht um die Verläßlichkeit dieser Quellen nicht zu schädigen 36). Man kann auf die Erinnerungen im vierten Evangelium nicht verzichten; doch kann man sich auch nicht verhehlen, daß der Verfasser mit seinen Stoffen sehr selbständig schaltet, um seine eine große Erinnerung für seine Leser eindrücklich und verständlich zu machen, nämlich den Eindruck von der Fülle des Eingebornen vom Vater voller Gnade und Treue, aus der er selbst wie andre Gnade um Gnade genommen hat. Überall keine peinliche Mühe und Genauigkeit der Feststellung und Bewahrung; überall ein Schalten und Walten mit diensamen Mitteln, um den Zweck des Heroldsdienstes durchzuführen. So ist es in den Kreisen gewesen, wo die ersten Augenzeugen standen und wirkten. Unter allen Dienern des Nazareners der wirksamste ist aber jener gewesen, der kein Augenzeuge von Anfang und doch ein Zeuge des Auferstandenen ist. Getrost betont er, sein Evangelium nicht von Menschen zu haben, während er doch unbefangen genug sich der überlieferten Stoffe aus Jesu Lehre und Leben bedient 37); das wird man leichter verstehen, wenn man sich gegenwärtig hält, wie sorglos überhaupt mit dem Äußeren umgegangen wurde, und wie sicher man doch in den Hauptstücken war, in den Stücken „von dogmatischer Bedeutung“.

Aus diesen bruchstückartigen Überlieferungen, aus diesen unverstandenen Erinnerungen, aus diesen nach der Eigenart des Verfassers gefärbten Schilderungen, aus diesen Herzensbekenntnissen und aus diesen Predigten über seinen Heilswert sieht uns nun doch ein lebensvolles, in sich zusammenstimmendes, immer wieder zu erkennendes Menschenbild an. Da darf man wohl zu dem Schlusse kommen: hier hat der Mann in seiner unvergleichlichen und machtvollen Persönlichkeit mit seinem Handeln und Erleben ohnegleichen bis in die Erweisungen des Auferstandenen hinein sein Bild in den Sinn und in die Erinnerung der Seinigen mit so scharfen, so tief sich eingrabenden Zügen hineingezeichnet, daß es nicht verlöscht, aber auch nicht verzeichnet werden konnte. Und stutzen wir über dieses Rätsel, so hat er selbst es im voraus gelöst, wenn er sprach: wenn der Geist der Wahrheit kommen wird, der wird mich verklären; denn von dem Meinen wird er es nehmen und euch geben (Joh. 16,13.14).

Den Hergang im einzelnen kennt keiner von uns. Die sichtende Forschung erreicht nirgend mit Gewißheit jene Niederschriften erster Zeugen, von denen Kunde erhalten ist, und noch ist man nicht entfernt so weit, mit erklecklicher Übereinstimmung das Verhältnis unsrer drei ersten Evangelien zu einander zu erklären. Vollends rätselhaft bleibt die Verzweigung der Überlieferung in den Grundriß des synoptischen Berichtes und in den des vierten Erzählers. 38). Je dunkler die Hergänge bleiben, welche der schriftstellerischen Thätigkeit vorangegangen sein müssen, um so sicherer spürt man über der Sorglosigkeit der alten Gemeinde die fürsorgende unsichtbare Hand. Diese Bemerkung zielt nicht auf das sonst angenommene Diktat des heiligen Geistes; das würde freilich alle Untersuchung unserseits, aber auch alle Erinnerung und allen Zusammenhang der Berichterstatter mit den Zeugenkreisen überflüssig machen. Aber das würde uns nicht genug leisten, weil es zu viel leistete; denn dieser Apparat unmittelbarster Mitteilung göttlicher Wahrheit machte in der That den offenbaren Gott entbehrlich. Die Offenbarung hätte sich in ihm selbst verdunkelbar und erst an seine schriftlichen Zeugen mit Ausschluß jeder möglichen Trübung vollzogen. Wir berührten uns zwar mit einer Wunderwirkung Gottes, aber dem Fleischgewordenen selbst, seinem Leben, seinem Hauch begegneten wir in jener Zeichnung nicht – Dagegen liegt uns das Verständnis für das verheißende Wort Jesu nicht so fern. Bringt die Mitteilung des Geistes den Sinn Christi in die Herzen mit seinem Urteil (1. Kor. 2,15.16), so wird auch das Verständnis für das verschlossen, was in Jesu Sein und Thun „des Geistes“ ist; das Verständnis aber macht das Gedächtnis fest und belebt die erblassenden Züge der Erinnerung zu voller Frische, soweit sie das Wesentliche ausdrücken. Auf diese Weise ist alles von dem Gut des lebendigen geschichtlichen Christus „genommen“ (Joh. 16,14).

So bleibt es dabei: wer in das Urteil über das uns entgegenkommende Bild Christi einstimmt, der wird auch das Wunder anerkennen, daß er es vermocht hat, in dem schlichten Hergange sich selbst überlassener fehlbarer Überlieferung seine Gestalt bestimmt und lebendig zum Einschlage der weiteren Entwickelung der Menschheit zu machen. Und ist es ein Mangel, wenn uns die Herkunft dieses Bildes dunkel bleibt? Niemand hat die Brote bereiten oder wachsen sehen, welche unter Jesu Dankgebet die Tausende sättigten; sie waren da und sie waren rechtes echtes Brot. So ist es mit allen Wunderwerken unsers Gottes: was wir sehen und haben, gehört in diese Welt; die Herkunft kennen wir nicht; aber was wir spüren, dem spüren wir es an, daß es von jenseits ist.

5. Der biblische und also auch der geschichtliche Christus ist der offenbare Gott in seiner erlösenden Handlung.

Wenn uns das biblische Bild Jesu Christi das ist und das leistet, warum sucht man mehr, sucht man ein andres? – Zur Begründung dieser ablehnenden Frage werde der Versuch gemacht, das Ergebnis unserer weitläufigen Erwägungen festzustellen. Niemand ist im stande, die Gestalt Jesu wie irgend eine andre Gestalt der Vergangenheit zum Gegenstande lediglich geschichtlicher Forschung zu machen; zu mächtig hat sie zu allen Zeiten unmittelbar auf weite Kreise gewirkt, zu bestimmt tritt noch einem jeden ihr Anspruch entgegen, als daß nicht selbst schon darin eine entschlossene Stellungnahme läge, wenn man sich zu der beanspruchten Bedeutung dieser „Erinnerung“ ablehnend verhält, neben der „das Menschengeschlecht keine hat, die dieser nur von ferne zu vergleichen wäre“ 39). Niemand vermag sich mit dieser Vergangenheit zu beschäftigen, ohne irgend wie unter den Einfluß ihrer einzigartigen Bedeutung für die Gegenwart zu treten. Vollends ein Christ wird sich immer vorhalten, daß ihm als solchem das Geschichtliche sehr gleichgiltig sein müßte oder dürfte, wenn in diesem Geschichtlichen nicht etwas wäre, was ihn heute ebenso angeht wie die Zeitgenossen dieses Jesus. Und gerade so nun, wie den Menschen der Gegenwart diese Gestalt entgegentritt, in ihrer beanspruchten unvergleichlichen Bedeutung für eines jeden Religion und Sittlichkeit, gerade so ist sie bereits in den Berichten aufgefaßt und gemalt, durch die wir allein mit ihr in Berührung zu treten vermögen. Es gibt hier keine Mitteilung aufmerksam gewordener unbefangener Beobachter, sondern durchweg Zeugnisse und Bekenntnisse von Christusgläubigen.

Und was ist es nun, das sie uns zu berichten für gut fanden oder vermochten? Nur das Handeln des reifen Mannes. Quellenmäßig kennen wir seine Persönlichkeit ausschließlich in den höchstens etwa dreißig Monaten seines öffentlichen Lebens 40). Wir kennen den Propheten, dessen früheste wie späteste Verkündigungen es begreiflich machen, daß und wie tief sein Vorgänger sich vor ihm beugte. Wir kennen den überlegenen Meister, der lehrend und handelnd seine weitere und engere Umgebung vorsichtig fortschreitend erzieht und zur Entscheidung bringt. Wir kennen den entschlossenen Messias, der, die Zeichen seines Lebenshimmels deutend, seinen Gang fest in der Hand hält und dem klar erkannten Ziele entgegen lenkt. Wir kennen den königlichen Dulder, dessen unverborgene kurze Kämpfe einen Menschen zeigen, seiner selbst so allezeit und unbedingt Herr, wie schwerlich einen neben ihm. Wir kennen den vom Tode Erstandenen, seinen Tisch- und Wanderungsgenossen fremd und doch zugleich zweifellos bekannt. Was er sagt und handelt, was er mitteilt und was er zeigt, das hat er ebenso herauskehren wollen, den Eindruck empfängt man von diesem Manne voll Thatkraft. Wir wissen es wohl, daß vieles in ihm vorgegangen sein muß, von dem wir nichts vernehmen; einzelne Spuren bürgen uns dafür. Es liegt auf der Hand, daß eine liebevolle Anhänglichkeit manches Fesselnde und Gewinnende von ihm hätte aufbewahren können, so wie daß er ein breites menschliches Treiben und Ergehen durchgemacht mit allem Kleinwerk des Alltages wie wir. Allein von dem allen bietet die Erinnerung seiner Gemeinde nichts. Es gibt keinen aufbehaltenen Zug, an dem sich nicht nachweisen ließe, wie er um religiöser Wertgebung willen aufbehalten sei; ob dieselbe auch uns berechtigt erscheine oder nicht, ist für diese Einsicht ja gleichgiltig. Man findet den zweiten Evangelisten zum Ausmalen geneigter; und doch, wie ist auch sein Bericht so kurz, zumal wenn er von Jesu Thun redet. Wie mancher, der die Evangelien zur Erbauung in die Hand genommen hat, machte die zunächst unerfreuliche Beobachtung, daß diese Erzähler gar so sparsam und so spröde bei der Thatsache und dem aufgefangenen Worte bleiben. Gewiß, sie sind das völlige Gegenteil der ausmalenden, motivierenden und psychologisierenden Beredsamkeit in den neueren Geschichten Jesu. – Durch den Rechen dieser pneumatischen Hypomnese (Joh. 14,26), dieser Erinnerung unter der Leitung des in aller Wahrheit, die Jesus ist, zurechtweisenden andern Beistandes (Joh. 16,13; 14,6.16), ist alle Spreu des schlicht und schlecht Geschichtlichen gefallen und nur das volle Korn der Worte und der Werke des Vaters in ihm und durch ihn in die Scheuer gebracht. – Und wie das Nebensächliche, das für den Zweck glaubenbegründender Verkündigung Unbedeutende vergessen ist, so deckt die Schrift den Schleier über die Zeiten und Vorgänge der Unreife und der Vorbereitung. Sie zeigt nur den königlichen Charakter, der mit sich fertig ist und deshalb mit allem rasch und sicher fertig wird; der sich auslebt und von der Umgebung nicht mehr aufnimmt, sondern nur gibt; der nur noch seinen Beruf erfüllt und sein Geschick vollendet.

Stellen wir einmal die Fülle seiner Lehre zurück; sie würde uns ja das nicht sein, was sie uns ist, wenn wir in ihr nicht seine „Macht“ (Mark. 1,22) spürten; wenn es nicht eben seine Worte wären, sein teures Geistesvermächtnis. Gliedern wir auch seine prophetische Arbeit in das Ganze seiner Erscheinung ein, so haben wir eigentlich eine einzige zusammenhängende Handlung vor uns, die Entfaltung und Bewährung seiner Messianität. Rasch und bestimmt hebt er die Seiten der Frage heraus; scharf und sicher zieht er im bunten Gewirr der Gelegenheiten die Folgen; mit unwandelbarer Hingabe vollzieht er den Abschluß des handelnden Leidens. Durch alles hindurch geht die Versicherung, die er gibt, und der Eindruck, den er macht, daß an ihm, an seiner Person die Entscheidung für die Menschen hängt, der Zugang zum Vater. So darf er sagen: „wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen“. Wer den Eindruck von der Persönlichkeit von dem Charakter des hier handelnden Mannes empfängt, der kennt fortan den Charakter Gottes (Hebr. 1,3); den Eindruck hat auch Paulus empfangen, als er ihn schaute und der Eindruck dieser Person ihm den Sinn und Wert ihres Handelns und Erlebens erschloß (2. Kor. 4,4.6; Gal. 1,16 vgl. 1. 2,20).

Man könnte sich jenes Wort aneignen: der Christus der Evangelien ist „das Transparent des Logos“, nur daß dieses durchlässige Mittel nicht eine nebelhafte Legende ist, sondern ein greifbares Mannesleben, reich und bestimmt, wenn auch kurz und knapp bemessen. Das ist freilich zu wenig für eine vollständige Biographie Jesu von Nazareth; aber es ist genug für Predigt und für Dogmatik, und zwar für eine Dogmatik gerade dann, wenn sie die dornigen Fragen der Christologie zurückstellt und dafür eine klare und lebensvolle Soterologie pflegt, eine Glaubenskunde von der Person des Heilandes 41). Ist und bleibt doch das Entscheidende für alle biblischen Schilderungen der doppelseitige Ausgang dieses Lebens; dasjenige, was unsre Väter sonderlich und wohl in zu toter Absonderung das Werk unsers Herrn nannten. Wir können und sollen vom neuen Testamente lernen, Person und Werk zusammenzufassen. Sein Werk ist seine Person in ihrer geschichtlich-übergeschichtlichen Wirkung; in betreff seiner bedarf man keiner Überführung durch die Mittel der geschichtforschenden Kunst. Es liegt einem jeden vor in der durch die Jahrhunderte hindurchschreitenden Kirche, in dem bekennenden Wort und Leben der Brüder, in dem eignen wirkungskräftigen Glauben, den eben Er ihm abgewonnen hat. Das lebensvoll erfaßte Dogma vom Heiland gewährleistet dergestalt die Zuverlässigkeit des Bildes, das uns die biblische Predigt von Jesu dem Christ entgegenträgt.

Und brauchen wir mehr? Und ist die Erkenntnis je einen andern Weg gegangen?

Wir fassen die Summe unsers Glaubens, die Summe der neutestamentlichen Offenbarung gern in das Wort zusammen: „Gott ist Liebe“. Wann hat man das bekennen gelernt? Nicht durch die Predigt, welche vom Berge am See erscholl und von den Boten durch die Städte Israels getragen wurde, durch die Predigt vom Reiche Gottes, so viel in ihr auch davon enthalten ist; jenes dunkle Bildwort sollte erst durch Christi Thun und Erleben seine volle Deutung erhalten. „Darum preiset Gott seine Liebe gegen uns, daß Christus für uns gestorben ist“ (Röm. 5,8 vgl. 8, 32-39), erinnert Paulus. Und woher Johannes jene Erkenntnis gewonnen, sagt er sehr deutlich: „Darinnen stehet die Liebe: nicht daß wir Gott geliebet haben, sondern daß er uns geliebet hat und gesandt seinen Sohn zur Sühne für unsre Sünden. Daran haben wir erkannt die Liebe, daß er sein Leben für uns gelassen hat“ (1. Joh. 4,10; 3,16)42).

In dem geschichtlichen Gehalt des Paulinischen Symbolum 1. Kor. 15,3.4, in dem Lebensausgange Jesu hat Gott in einer Thatensprache geredet, die unverwischlich geblieben ist. Diese Thatsachen bedürfen keiner Urkunden, um unvergessen zu bleiben, denn das dankbare Bekenntnis trägt sie durch die Jahrtausende. Ja, für diese Thatsachen, nämlich für ihren eigentlichen Gehalt, für ihren bleibenden Wert kann es gar keine geschichtlichen Urkunden geben, sondern nur Zeugnis und Glauben. Und darum: unsern Glauben an den Heiland weckt und trägt die kurze und bündige apostolische Verkündigung von dem erhöhten Gekreuzigten. Zum gläubigen Verkehr aber mit unserm Heilande hilft uns die Erinnerung seiner Jünger, die sich im Glauben ihnen einprägte, die sein Geist in ihnen erneute und klärte, die sie als den höchsten Schatz ihres Lebens vererbten. Und im Verkehre mit ihm durch sein biblisches Bild werden wir zur Freiheit der Kinder Gottes erzogen, deren Herzblatt das beschämte, zaghafte und doch aufrichtige Bekenntnis bleibt: „Herr, du weißt alle Dinge; du weißt, daß ich dich lieb habe“.

Quelle: Kaehler

1)
Kirchl. Monatsschrift v. Peiffer Bd. 4 S. 161 f.
2)
Beide i. d. Jahrbüch. f. deutsche Theol. 1874. 1875.
3)
Ein Ausdruck aus Fr. Nippolds neuester Kirchengeschichte B. 3 § 16.
4)
Dorner, Entwickelungsgesch. 2. S. 544.
5)
Diese Zusammenfassung wird kaum auf eine ernstliche Beanstandung stoßen. Die Ausschließlichkeit, mit der man auf christliche Quellen gewiesen ist, muß außerhalb des christlichen Gesichtskreises gewiß bedenklich machen. Wie man mit dem Stoff der Evangelien verfahren würde, wenn wir irgend andre Quellen besäßen, daraus läßt unter anderm das Schicksal der kanonischen Apostelgeschichte in der „zeitgeschichtlichen“ Behandlung des Urchristentumes schließen. Man hat den ersten David Strauß mit seiner Mythologie über Baur schier vergessen; aber bereits meldet sich seine Anschauung wieder – sehr erklärlicher Weise. – Die Einzigkeit der Quellen will ja nun freilich danach geschätzt werden, wie man diese Quellen im übrigen beschaffen findet. Hier ist für Verläßlichkeit der Berichte überhaupt vor allem das Verhältnis zwischen dem 4. Evangelium und den Synoptikern wichtig. Ich meine recht nachdrücklich an P. Ewalds Arbeit über das Hauptproblem der Evangelienfrage (1890) erinnern zu sollen. Der Hinweis auf die unverkennbare Einseitigkeit des synoptischen Berichtes S. 5 f., vgl. S. 50 f., ist durchaus berechtigt; das Rätsel ist durch einfaches Schweigen über die Schwierigkeit nicht gelöst. Jedenfalls hindert diese Einsicht daran, daß man bei dem bequemen Verfahren bleibe, das günstige Vorurteil für die Synoptiker zum Grundsatze der Geschichtsbehandlung zu machen und in den Rahmen ihrer Erzählung nach Wahl einzelnes oder vieles aus dem 4. Evangelium einzufügen; oder gar den Rahmen aus dem 4. Evangelium zu entlehnen und dann doch im übrigen die Darstellung der Synoptiker für maßgebend und ausreichend zu achten. – Es liegt auf der Hand, daß ein Vortrag nicht den Einzelbeleg für diese Behauptungen liefern kann; er scheint mir aber auch entbehrlich, denn die Thatsachen liegen ja für jeden einigermaßen theologisch Gebildeten deutlich vor und außer Zweifel; nur über Beurteilung und Verwertung geht man auseinander.
6)
Man denke an die Frage nach dem Monatstage der Kreuzigung. Allein von solchen Nebensachen abgesehen, wie wenig Aussicht bietet eine Harmonisierung auch nur rücksichtlich der Passionsgeschichte, selbst beim Verzicht auf den 4. Evangelisten. – Freilich wenn man die Unbefangenheit und Sachlichkeit der Berichte im allgemeinen voraussetzt, dann sind die Fragen nicht sehr peinlich; die Stoffe vertragen sich im großen; den Verlauf im einzelnen kann man eben nicht mehr erkennen. Ebenso muß man sich in der Geschichtschreibung auch sonst vielfach bescheiden. Indes hier liegt doch ein besonderes Bedenken vor. Jene letzte Woche ist der am reichsten bezeugte Abschnitt dieses Lebens; trotzdem hat sich ihr Verlauf den Augenzeugen mit so geringer Bestimmtheit eingeprägt, daß der Nacherzähler sich immer wieder vergeblich am Zusammenpassen der einzelnen Vorgänge und Berichte müht und fast jeder es anders macht als sein Vorläufer. Das erweckt doch kein günstiges Vorurteil für die Genauigkeit der Überlieferung im übrigen; kein günstiges Vorurteil für eine solche Beschaffenheit des erhaltenen Stoffes, dergemäß sich aus ihm mit Zuversicht auch weitere Schlüsse über solches ziehen lassen, das gar nicht berichtet ist.
7)
Es ist mir natürlich nicht unbekannt, daß man die Entwickelung des messianischen Bewußtseins noch während des öffentlichen Auftretens aus dem Stoffe der Evangelien nachzuweisen pflegt; dabei wird doch wohl allgemein zugestanden, daß die Quellen selbst, die Berichterstatter nicht an eine solche Entwickelung denken. Es liegt also auch hier ein Konstruieren dessen vor, was man hinter den Quellen zu erkennen meint. – Ich kann aber überhaupt von der Ansicht nicht loskommen, daß die Geschichtsforschung durchaus an den Quellen hängt; sobald man von der Schätzung der Berichte als solcher absieht, und die Stoffe ohne Rücksicht auf ihre Herkunft in betreff ihrer Geschichtlichkeit zu werten beginnt, bewegt man sich lediglich auf dem Gebiete schwankender Vermutung. Es mag dann verneinende Urteile von einiger Sicherheit geben; über den wirklichen Hergang jedoch gewinnt man keine Gewißheit. Sonst bewiese ja die einwandfreie Erfindung eines Romanes für die Wirklichkeit seines Inhaltes. Über den Unterschied psychologischer Wahrheit, also dichterischer Wahrheit von richtiger Wiedergabe der Wirklichkeit in ihrer oft unfaßbaren Paradoxie herrscht in der Ausübung der Kritik, wie mir vorkommt, weithin viel Unklarheit.
8)
Leben Jesu 1864 S. 208.
9)
So Keim, Geschichte Jesu. 3. Bearb. 1873. S. 372. K. vermißt an einigen Punkten die Harmonie; er hat also die „Narben“ der durch Kampf geläuterten Naturen an Jesu bemerkt, die D. Strauß nicht entdecken konnte a. a. O., wenn Str. auch „einzelne Schwankungen und Fehler“ in der Entwicklung anzunehmen eben für notwendig und deshalb selbstverständlich hält. An die widerwärtigen Tiraden Renans, z.B. bei Gelegenheit von Gethsemane, werden sich Kenner der Literatur hier selbst erinnern.
10)
Hat sich doch ein ernster Theologe dahin verirren können, sich in den Verkehr der Maria mit Jesu rücksichtlich seiner Wäsche hineinzudichten! Da man hier nicht wie etwa bei Schiller von dem jeweiligen Vermögensstande, den man aus den Taschenbuchnotizen bemißt, auf die Antriebe zu öffentlicher Leistung oder die Seelenstimmung zu schließen wünscht, so ist das nach andrer Seite das volle Seitenstück zu Herrnhutischer spielender Vertraulichkeit mit dem Erlöser. Diese Geschmacklosigkeit ist nicht nur unter dem Gesichtspunkte der Ästhetik eine solche. Es gibt aber auch einen Mangel an Zartheit im Anfassen heiliger Dinge bei höchster ästhetischer Virtuosität.
11)
Der Bibelkundige wird nicht antworten: das Fleisch das Offenbarende, das Wort das Geoffenbarte; denn Wort ist eben Offenbarung.
12)
Man vergleiche beispielsweise das Unservater mit den jüdischen Gebeten, an die es in der That anklingt. Man beachte seine Benützung der Schrift.
13)
Was hiermit gemeint ist, wurde zu einem Teile oben angedeutet, wo von seiner Einzigartigkeit die Rede war; auf andres kommt die Erörterung gegen ihren Schluß.
14)
Es versteht sich wohl von selbst, daß diese Zusammenfassung an dieser Bibelstelle nur ihren Ausdruck, nicht ihren zureichenden Beleg gesucht hat; eines solchen bedarf es schwerlich; das neue Testament wie die Katechismen sind in diesem Betrachte wohl deutlich genug.
15)
Th. Harnack, Luthers Theol. 2 S. 81f., vgl. auch ebd. 1 S. 111f. Thomasius, Christi Person 2. A. 2 S. 210f. Köstlin, Luth. Theol. 2 S. 155. 300f. 383.
16)
Wenn man sich doch nicht mit dem fünften Evangelium Renans, nämlich der Geographie und Ethnographie des heutigen Palästina begnügen kann.
17)
Die einsamen Gestalten, welche nur einen schriftlichen Nachlaß hervorbrachten, ohne auf ihre Mitwelt zu wirken, sind keine geschichtlichen Größen. Aber von dieser Art auf die Nachwelt rechnender Besonderheit, von „der Bürgerschaft derer, die da kommen sollen“ ist der dienende Menschenfreund Jesus so verschieden wie möglich.
18)
Ein verbreiteter Sprachgebrauch veranlaßt die Meinung, Sache der Dogmatik sei willkürliches Behaupten; dagegen die Geschichtsbehandlung gebe immer das Wirkliche. So wenig leider das letzte immer gilt, weil die Historik ihre Grenzen nicht einhält oder ihre Schuldigkeit nicht thut; so wenig auch ernste historische Arbeit das immer zu leisten im stande ist, ebenso gewiß ist jene Annahme in betreff der Dogmatik zwar aus Verirrungen erklärlich, aber sachlich unbegründet. Auch die Dogmatik hat Gegebenes festzustellen, wenn auch freilich nicht bloß eine vergangene Wirklichkeit. Sie ist recht eigentlich die Vermittlerin zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, um dieser das Unentbehrliche und Probehaltige aus jener zum Dienste zuzubereiten. Darum kommt an dieser Stelle der Dogmatik die Entscheidung zu, nachdem sie sich ernstlich und gründlich über die Leistungsfähigkeit der Geschichte unterrichtet hat; es ist ihre Aufgabe, Abrechnung zu halten über den Besitzstand.
Die gemeinten Thatsachen sind nun die umfassenden, nämlich erstens die Unmöglichkeit, quellenmäßige Einsicht in die Genesis des Messias Jesus zu gewinnen, und zweitens die Verständigung über das, was Christus seiner Kirche immer gewesen und jedem Bekenner auch heute ist. Diese Thatsachen sind freilich Summanden aus einer Reihe andrer bestimmter Thatsachen, wie anzudeuten versucht wurde und noch weiter angedeutet werden soll. Was die zweite betrifft, so ist eine Forderung unberechtigt, nämlich die, die Bestimmung des Wertes Christi für die Christenheit danach zu bemessen, was er auch demjenigen noch ist, der nur nicht völlig mit der Anhänglichkeit an ihn gebrochen hat. Es muß immer wieder daran erinnert werden, daß man die Anschauung vom Menschen zwar auch mit der Einsicht in seine Vorstufen als des Fötus und Unmündigen und in seine mögliche Entartung in Krüppelhaftigkeit oder Verblödung zu bestimmen hat; daß man aber für die eigentliche Feststellung dieser Anschauung mit gutem Rechte den reifen gesunden Menschen edler Gattung zu Grunde legt. Man mag so bescheiden in christologischen Formeln sein, wie irgend denkbar, aber Gegenstand des Glaubens im – wie man heut gern sagt – „streng religiösen Sinne dieses Wortes“ muß Christus demgemäß für die christliche Schätzung bleiben, sonst fallen wir aus dem Umkreis seiner Kirche heraus; also muß er auch immer Inhalt eines Bekenntnisses, eines Dogma sein.
Damit ist ja eine Grenze rücksichtlich der Kreise gezogen, innerhalb deren diese Ausführungen auf Anerkennung ihrer Giltigkeit oder doch auf geneigte Erwägung derselben zählen dürfen.
Sehr wohl verstehe ich es, wie man unter Leugnung oder verkümmernder Schätzung der an zweiter Stelle genannten Thatsache zu ganz andrer Stellung gelangen muß. Ist Offenbarung nur ein mißverständlicher Name für religiöses Bewußtsein in seiner geschichtlich bedingten Entwickelung; ist Jesus nur ein ursprüngliches, gradweise über uns andre hervorragendes religiöses Gemüt, dann kann freilich das neutestamentliche Glaubensbekenntnis, wie es auch den Evangelisten ihre Schilderung eingegeben hat, nur eine Verdunkelung der Thatsachen bewirken; man muß gegen das meiste oder gegen alles in jener Schilderung mißtrauisch werden. Und dann wird man nur zu dem Versuche greifen können, das Rätsel dieses Menschen, der für den Messias nicht nur gehalten sein wollte, sondern auch mit erstaunlichem Erfolge gehalten und ausgegeben worden ist, um jeden Preis aus zeitgenössischen Anschauungen und Umständen zu erklären. Ich erhebe nicht den Anspruch, meine Kritik nach ihrer behauptenden Seite unter dieser Voraussetzung zur Geltung zu bringen; nach ihrer zersetzenden Seite, sofern es die Wertung der Quellen angeht, rechne ich dagegen auf weitgehendes Zugeständnis. Im übrigen verhandelt jedoch meine Ausführung nur mit denjenigen Theologen, welche die Arbeit am „Leben Jesu“ im Dienste jenes Bekenntnisses treiben und zum Teil meinen, mit ihrer Arbeit mehr für die Festigung dieses Bekenntnisses zu thun, als alle Dogmatik vermag. Es handelt sich mir um die richtige Schätzung der Leistungsfähigkeit des konstruierenden geschichtlichen Verfahrens; nämlich darum, was es für die rechte Stellung zu Christo innerhalb der Kirche, der Trägerin des Evangeliums, leisten kann.
Die weitere Ausführung des Vortrages macht eindrücklich, daß und warum man ein Recht hat, gegen alle spätere Zuthat zu diesem Bilde empfindlich zu sein und sich abwehrend zu stellen. Deshalb ist eine solche ausmalende Darstellung auch als theologische Facharbeit nicht ohne Bedenken. Ihre Beliebtheit und ihren Einfluß in weiten Kreisen, namentlich bei der Jugend, weiß ich mir wohl zu erklären. Man ermißt ja oft nicht genug, in welchem Maße mit den Zeiten die Stimmungen in betreff dessen wechseln, was als Maß und Ziel der Erkenntnis gilt; – ich sage mit Bedacht „Stimmungen“. Eine solche meine ich auch gegenwärtig zu beobachten. Geschichtliche Anschaulichkeit ist, bei aller Skepsis, jetzt sehr beliebt; der geschichtliche Roman hat viel zur Grenzverwischung mitgewirkt. Auch die christlichen Leser sind verwöhnt; statt den Charakter der ehemaligen Zeugen teilnehmend aufzufassen und nach der Wahrheit ihres Zeugnisses zu fragen, lassen sie sich lieber durch die Spannung des neugierig Mitlebenden, des zu leidenschaftlichem Anteile Entflammten, des am Siege des streitbaren Redners sich Erfreuenden an- und aufregen. Mag die Form der psychologisierenden Romane in Briefform zurückgetreten sein; dafür haben wir die Biographien, die fast ganz aus Tagebüchern und Briefbruchstücken zusammengesetzt sind. Deshalb sieht man auch das Ferne gern in moderner Strahlenbrechung. „Homo sum“ – überall und zu aller Zeit derselbe Mensch, und nichts als er, wie er eben auch heute ist. Man wird an eine Aufsehen erregende Novelle denken. – Trotz dieser angedeuteten Bedenken könnte man sich den theologischen Versuch gefallen lassen, wenn er sich in seinen Schranken hält oder in sie weisen läßt; man könnte sein Unbehagen bei solchem getrosten Handhaben des edlen Bildestoffes um des Bedürfnisses der Zeit willen schweigend verschließen.
Anders aber steht es, wenn nun – man verzeihe den scharfen Ausdruck! – die Christus-Novelle die Kanzel besteigt. Breite Ausführungen aus der Zeitgeschichte; scheinbar tiefe Blicke in das Seelenleben der Handelnden, unterstützt durch Erörterungen über den Abstand der Auffassungen von damals und jetzt; dichterisch zugestutzte Landschaftsbilder – das alles hält den Zuhörer bei den Sachen auf, welche im Grunde gleichgiltige Träger der Vorgänge sind und hält sie von der Sache, richtiger von der einzigen Person ab, die allein der Aufmerksamkeit wert ist, von der einzigen Person in ihrer unvergleichbaren Einzigkeit. Gewiß soll keiner Zeit verwehrt sein, ihre Zunge zu reden und ihre Art innezuhalten. Aber für die Botschaft, welche der evangelische Zeuge zu bestellen hat, sollte doch die keusche Art der ersten Zeugen maßgebend bleiben; auf unsern Kanzeln sollte nur ein Bemühen Platz finden, daß nämlich den Zuhörern eben diese alten, oft gehörten, „abgegriffenen“ Geschichten, gerade so wie sie vorliegen, doch frisch und wie zum erstenmale vernommen vor die Seele treten; daß einem jeden unabweislich sich einpräge, was diese Berichte ihm selbst zu sagen haben. Bei der rechten Vertiefung und bei einer allseitigen Ausschöpfung unsrer Evangelien ohne knechtische oder bequeme Bindung an die Perikopenordnung unsers Nordostens ist dabei gar keine Gefahr der Eintönigkeit zu besorgen; es wäre denn darunter das Durchschlagen jenes einen Grundtones verstanden, welches allerdings dabei unvermeidlich ist, aber auch an sich für jeden evangelischen Prediger Pflicht und letztes Ziel (Phil. 1,18).
Man irrt, wenn man meint, es sei schon viel gewonnen, sobald nur die Aufmerksamkeit der Menschen auf Jesum gerichtet werde; das „Interesse“ wird hier leicht geradezu zum Hemmnis für das Aufmerken, nämlich das Interesse für das Altertum zum Hemmnis für die Schätzung des Wertes Christi für meine Gegenwart. Bei Fernstehenden wird es nicht weniger schädlich sein, als es das für sogenannte christliche Kreise ist, wenn Christus und das Evangelium zum Inhalte der Unterhaltung werden. Man wird sich als Prediger immer strenge darauf zu prüfen haben, wie man die Gefahr vermeidet, zu unterhalten statt das Evangelium zu bezeugen; Verstand und Urteil zu beschäftigen statt mit ausreichenden Mitteln die innerste Bewegung durchgreifender Entschließung zu unterstützen und dem geistlichen Leben nachhaltige Nahrung zuzuführen. Auch unter dem Vorwande, Bibelkenntnis zu fördern, kann geistliches, oder richtiger: ungeistliches Stroh gedroschen werden.
19)
Gegen den Rat Lessings bei Asmus 3, S. 97.
20)
D. Heinrich Hoffmann zu Halle in einer meines Wissens nicht gedruckten Predigt.
21)
Ich meine hier vornehmlich W. Herrmann, Verkehr des Christen mit Gott 1886. Es wird der einzelnen Anführungen nicht bedürfen. Wiefern meine weiteren Bemerkungen nur Bestätigungen des dort Gesagten oder Abweichungen und etwa Ergänzungen enthalten, muß bei der Kürze dieser Erörterung dem Urteile der Leser überlassen bleiben. Es ist mir nur um die Klarstellung der Sache unter den mir erschlossenen Gesichtspunkten zu thun.
22)
Die Behauptung, daß das 4. Evangelium einen Logosautomaten reden lasse, darf jetzt wohl als verschollen angesehen werden. Daß sie noch umgehe und sich wieder größerer Beliebtheit erfreuen werde, bin ich fern zu leugnen. Wem das „gesetzmäßige Geschehen“, die „biographische Durchsichtigkeit“ das Wichtigere ist, der wird schwerlich den oben behaupteten Eindruck empfangen. Dazu gehört ein Sinn, dem die äußeren Vorkommnisse nur Zeichen sind; der geneigt ist, die Person vor allem in ihrem sittlichen und frommen Zuge aufzufassen; der Bescheidung und Geduld genug hat, so zu sagen mit ihr zu leben und sich in sie in ihrer Eigenart hineinzuleben.
23)
Oben ist nicht wieder auf die S. 9 erörterte Sündlosigkeit besonders hingewiesen; die Erwägung gehört aber durchaus in diesen Zusammenhang, wie ein Wirklichkeit atmendes Bild des Sündlosen gezeichnet werden konnte, wenn man es aus Dichtung ableiten will. Denn die Dichtung hat eben nur die Anschauung von sündigen Menschen; daher nimmt sie, wie sie auch geartet sei, ihre lebenvollsten Gegenstände. Die „ungemischten“, die idealisierten Charaktere der Dramen tadelt man mit Grund als unlebendige Gestalten.
24)
Es ist sehr lehrreich nachzulesen, wie D. Strauß sich mit der Unvergleichlichkeit dieses Charakters auseinandersetzt, ohne daß es ihm beikäme, auch diese Schilderung unter die Mythen zu werfen, a. a. O. S. 206 f.
25)
Pragmatismus bezeichnet ursprünglich den ursächlichen Zusammenhang der Ereignisse; im Unterschiede von einer „dogmatisierenden“ Betrachtung wird er im Leben Jesu sich auf die causae secundae richten. Daneben tritt dann neuerdings die Betonung der „Entwickelung seines Bewußtseins“. Und dazu paßt es dann, daß die Teilnahme weit überwiegend der Zeit bis an das letzte Passah heran gehört; bis dahin muß man werden sehen, was sich dann nur noch zu bewähren hat. Im Gegensatz zur altkirchlichen Betonung des „Werkes“ soll die „Person“ Jesu, eben in ihrer Entwickelung, heraustreten; die Reden kommen auch mehr als „Äußerungen“ und „Handlungen“ in Betracht, weniger als Belehrung des Volkes und der Seinen. Das alles scheint mir so ziemlich das Widerspiel dazu, wie sich das Sein Jesu in unsren neutestamentlichen Schriften abspiegelt. Etwas herausfordernd könnte man sie Passionsgeschichten mit ausführlicher Einleitung nennen. Markus 8,27 bis 9,13 zeigt deutlich, wohin dem Erzähler der Ton fällt; Johannes ist mit dem 7. Kap. bei der letzten Anwesenheit in Judäa. Zieht man bei Matthäus die Kindheitsgeschichte und die drei Redesammlungen ab, sieben Kapitel, so ist das Verhältnis wie bei Markus. – Wenn Johannes eine Entwickelung darstellt, so dürfte es eher die des Glaubens und Unglaubens gegenüber Jesu, als die seine und diejenige seines Geschickes sein; der Gesichtspunkt bei der Auswahl und Ausführung der Streitreden ist doch gewiß nicht geschichtliche Genauigkeit. – Wie anders die Schätzung der Stoffe im Vergleiche mit den evangelischen Berichten wird, wenn man pragmatische Biographie schreibt, zeigt das Beispiel zweier „positiver“ Biographen Jesu. B. Weiß ist am Ende seines ersten Bandes etwa in der Mitte des 2. Kap. bei Markus, des 9. bei Matth., am Schluß von Joh. Kap. 4; das ist ein Dritteil seiner Darstellung. Das letzte Dritteil seiner Erzählung beginnt, wo Johannes mit dem 7. Kap. steht. Beyschlag kommt gegen die Hälfte seines Berichtes bis zur Aussendung der Zwölf. Der Passionsgeschichte widmet Weiß noch nicht anderthalb seiner sechs Bücher, Beyschlag zwei von siebzehn Kapiteln.
26)
Man wird hiergegen den „Historiker“ Lukas aufführen; in seinem Gelingen stellen ihn seine Bearbeiter doch im Grunde nicht über die andern; seine Abweichungen, was den großen Gang betrifft, genießen, meine ich, keines sonderlichen Beifalls. Übrigens unterschätzt man, wie mir scheint, für die Feststellung seiner Absicht V. 4 des Prologes behufs rechten Verständnisses von V. 1.
27)
An dem richtigen Griff Schenkels in dieser Bezeichnung braucht die Ausführung in seinem Buche nicht irre zu machen.
28)
Bekanntlich faßt sich Jesus nie ohne weiteres mit den andern Menschen zusammen; nicht einmal Joh. 20,17. Namentlich ist auf die Äußerungen hinzuweisen, in denen er sich den Beruf als Retter aus der Sündennot beilegt, die Sündenvergebung ausdrücklich in göttlicher Vollmacht erteilt und die Richterstellung wie selbstverständlich beansprucht.
29)
Besonders fruchtbar ist zur Förderung in dieser Einsicht die Beschäftigung mit W. Geß, Christi Person und Werk. – Wie viel Mißverständnis und vergeblich verwendete Kunst hätten die Biographen sich z.B. ersparen können, wenn sie es mit den Leidensankündigungen und dem „Wiederkunftsgedanken“ schlicht, wie sie ausgesprochen sind, ernst genommen hätten.
30)
Treffliche Fingerzeige für diese Zusammenschau gibt Steinmeyer, Leidensgeschichte 1868.
31)
Matth. 24. 25 mit den Parallelen.
32)
Mark. 3,6 (Matth. 12,39 f.); Mark. 8,31 f.; 9,9. 31; 10,32 f. und die Parallelen; Joh. 1,11. 29. 36; 2,19-22; 3,14-16; 6,53 f. u.s.w.
33)
Wenn man in den einschlagenden Verhandlungen (z.B. Herrmann a. a. O. S. 185) kurzweg von dem Christus der Evangelien spricht, so erscheint mir das nicht richtig, nämlich einerseits zu unbestimmt, anderseits willkürlich. Zu unbestimmt; – gehört Johannes zu diesen Evangelien und wie weit? Willkürlich; – wenn das vierte Evangelium dazu gezählt wird, welch’ einen im voraus feststellbaren Vorzug mißt man ihm vor den Briefen zu und mit welchem Rechte? wenn aber auch nicht, wenn man unter Evangelien – gewiß willkürlich – bloß die Synoptiker versteht, wie will man diese Heraushebung geschichtlich rechtfertigen? Es ist nicht nur unerweisbar, sondern auch unwahrscheinlich, um nicht zu sagen undenkbar, daß diese Berichte irgendwo kirchenbildend gewirkt haben ohne vorangehende Predigt eines Dogma von Christo, einer Versicherung seines Heilswertes. Wo irgend gibt es in der Kirchengeschichte einen Beleg, daß eine undogmatische Erzählung von Jesu für ihn auch nur die Aufmerksamkeit gewonnen hätte! Ein Versuch, den man erst machen will, und zwar auf einem durch die Frage: „was dünket euch um Christo?“ längst aufgepflügten Boden, wird nicht als Beweistum gelten können. – Sollte aber „Christus der Evangelien“ nicht den thatsächlich von ihnen Geschilderten, sondern jenen hinter ihnen hervorzuholenden „historischen Jesus“ bezeichnen, so wäre die Bezeichnung mehr als mißverständlich. Im übrigen ist oben davon die Rede gewesen.
34)
Vgl. oben Anm. über die Sündlosigkeit Jesu.
35)
Die Überlieferung zeigt teils ausdrückliches Unverständnis für seine Rede und sein Handeln (Mark. 4,10-13; 7,17 f.; 8,15 f. 32 f.; 9,9. 10. 32; Joh. 2,22; 14,5f.; 20,9), teils ein Zurückbleiben hinter seinem Sinne, bei dem von einem Eindringen in den Zug seines Wirkens noch nicht die Rede sein kann, und was namentlich zu bemerken ist, einen Mangel an dem Gefühl für sein Wollen und Können (Mark. 4,38 f.; 6,35 f.; 9,28.29 vgl. 17-19. 33f.; 10,13.26.27.28 f. 41f.; 14,4f. 32f.; Luk. 9,52f.; Joh. 4,31 f.; 11,7f.; 13,6 f.; 16,12 f.; Luk. 24,25 f. 37 f. (vgl. Mark. 16,14).
36)
Vgl. S. 5 Anm. 1.
37)
Gal. 1,12 f. und daneben 1. Kor. 11,23 f. 15,1 f. 7,10 f. 9,14 u. s. w.
38)
Gelänge es auch, die Herkunft des vierten Evangeliums von dem Sohne Zebedäi über alle Zweifel zu erheben, so wäre das Dunkel nicht gelichtet; wie hat von Levi-Matthäus oder von Petrus und Johannes-Markus jene einseitige Schilderung ausgehen können, die uns vorliegt? Keinenfalls ist es eines der ersten Anliegen seiner Zeugen gewesen, ein maßgebendes Urbild berichtender Verkündigung von seiner Person zu entwerfen und dem Gedächtnis einzuprägen oder einer Handschrift einzuverleiben. Wir mögen ihnen dafür dankbar sein; unsre theologische Litteratur gibt uns ja die Beispiele, was harmonisierende oder kritisierende, verknüpfende und erklärende Kunst beim besten Willen und mit ehrerbietiger Liebe doch aus diesem Bilde zu machen vermag.
39)
Ranke, Die römischen Päpste 3. A. 1 S. 5.
40)
Lukas will nachgeforscht haben; er hat von der Entwickelungszeit nichts erfahren können. In den Kindheitsgeschichten ist doch auf alle Fälle Jesus der Gegenstand und nicht der Träger der Vorgänge. Übrigens haben diese Berichte den Psychologen das Verständnis der menschlichen Entwickelung Jesu nie erleichtert, vielmehr so erschwert, daß man sie im Namen der Psychologie oder Pädagogik entweder beseitigte oder wesentlich umgestaltete.
41)
Es sei gestattet, hier auf meine „Wissenschaft der christlichen Lehre“ S. 351 f. (Soteriologie 1. St.) zu verweisen.
42)
Und eben das sagt uns der ergreifende Eingang der Leidensgeschichte Joh. 13,1, wenn man ihn liest im Blick auf 15,13; 18,8.9. – Es ist auch mit andern Zügen ebenso. Den Gehorsam, der unsers Heiles Wurzel ist (Röm. 5,19), mißt Paulus an dem „bis zum Tode am Kreuz“; daß das jener gottgefällige Gehorsam sei, dafür findet er den Beleg in der Erhöhung und ihrem Bekenntnis (Phil. 2,5-11).
autoren/k/kaehler/jesus.txt · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)