Glaubensstimme - Vom Glauben der Christen

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Francke, Hermann Heinrich - Bekenntnis eines Christen

Das ist das Bekenntnis des Glaubens, darinnen ich lebe, des Weges, darauf ich wandle, der Wahrheit, die ich aus der Heiligen Schrift gelernt und welche durch den Heiligen Geist in meinem Herzen versiegelt ist, der Schranken, in welchen ich laufe, damit ich vor allem falschen Wege bewahret und das Kleinod des Lebens ergreife.

Ich erkenne mich für einen armen und elenden Wurm, der mit seinen Erb- und wirklichen Sünden Gottes Zorn und Ungnade, zeitlichen Tod und die ewige Verdammnis verdient habe.

Der Sohn Gottes aber, Christus Jesus, hat sich selbst für mich gegeben und mich durch sein Blut mit seinem Vater versöhnet, daß mir Gott meine Sünde nicht zurechnet, mir aber zur Gerechtigkeit rechnet, daß ich glaube an den Namen seines eingeborenen Sohnes. Durch solchen Glauben bin ich wahrhaftig gerechtfertigt, und damit hat der Heilige Geist mein Herz erfüllt. In solcher meiner Rechtfertigung habe ich Frieden gefunden mit Gott, bin ein Kind Gottes, tröste mich fröhlich seiner Gnade und weiß gewiß, daß ich den Tod nicht sehen noch schmecken werde, sondern daß ich das ewige Leben habe und vom Tode zum Leben bin hindurchgedrungen.

Nachdem mich also Gott in seiner Gnade aufgenommen durch den Glauben an Jesum, bin ich nicht jetzt gerechtfertigt und dann wieder nicht, sondern ich bin allezeit und beständig in der Gnade Gottes und trage das Zeugnis der Kindschaft Gottes in meinem Herzen durch den Heiligen Geist. Ich achte mich nicht ohne Fehler und Gebrechen zu sein, sondern ich weiß sie nicht alle zu zählen, die mir Gott täglich vor Augen stellt, und glaube gewiß, daß der verborgenen noch mehr sein. Aber dieweil ich in Christo Jesu bin und er in mir, werden mir solche meine Fehler und Gebrechen nicht zugerechnet, sondern Gott erträgt sie an mir und übersiehet sie, wie ein Vater an seinem lieben Kinde.

Seine Gnade aber machet mich nicht sicher, sondern erweckt mich täglich, mich in dem Geiste meines Gemütes immer mehr und mehr zu erneuern. Denn Gott, der alles Gute in uns wirket, läßt eine kindliche Furcht in meinem Herzen wohnen und ein wahrhaftiges Erzittern vor seiner heiligen Majestät, welches mich bewahret, nicht auf Gnade zu sündigen. Er reinigt mich aber wie eine Rebe, daß ich immer mehr Frucht bringe.

Mein Heil ist wahrhaftig in der Vergebung der Sünden. Gott hat mich fühlen lassen mein Unvermögen zu glauben, und darauf hat er mir gezeiget sein Erbarmen und den Glauben selbst in meinem Herzen gewirket. Was ich dergestalt gesehen und gehört und in geistlicher Erfahrung gelernt, ist mir gewisser, als was meine leiblichen Augen sehen, meine leiblichen Ohren hören und meine leiblichen Hände betasten. Gott aber ist nicht allein getreu, daß er uns die Sünde vergibt, sondern auch gerecht, daß er uns reinigt von aller Untugend. Darum bekenne ich auch meine Sünde und Untugend vor ihm und begehre davon immer mehr gereinigt zu werden. Solche fernere Reinigung und Heiligung gehet also zu, daß ich gegen die Sünde streite und kämpfe, doch nicht aus eigenen Kräften, sondern durch den Heiligen Geist, welcher in mir wohnet und wirket. In dem Glauben an Jesum ist mein Anfang, Mitte und Ende. Indem ich alles Selbstwirken verlasse und erkenne, daß ich von mir selbst nichts als sündigen und durch mich selbst nicht näher zu Gott und seinem Licht kommen kann, mich aber an die reine und lautere Gnade Gottes halte, so wird eine neue Kraft in meinem Herzen geboren, daß ich den Glauben als ein himmlisches Licht und Feuer in meinem Herzen fühle. Es ist nicht ein anderer Weg, dadurch ich gerecht geworden bin, und ein anderer, dadurch ich suche geheiligt zu werden, sondern es ist einer, welcher der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.

Gleichwie ich mich an nichts halte als an Christum, wenn ich um Verzeihung der Sünden bitte, also halte ich mich auch zu ihm und zu seiner Gnade, wenn ich in Glauben, Liebe und Hoffnung stärker zu werden trachte.

Wenn ich der Wirkung seines Geistes nicht widerstrebe, so schaffet er alles in mir, was vor ihm wohlgefällig ist. Doch will er keineswegs, daß ich unachtsam sein. Denn sein lebendiger Geist will stets und ohne Unterlaß wirken, und wer seine Ströme nicht stets fließen läßt, der kann sich nicht entschuldigen; doch ermüdet er niemanden mit seinem Wirken. Denn er fühlt ein sanft und lieblich Sausen und durch seine Kraft wird es einer Seele nicht schwer, die Flügel des Glaubens und der Liebe emporzuschwingen. Den Demütigen ist der Herr hold, denn alle Gnade des Heiligen Geistes fließt im Tal der demütigen Wurzel in der Rechtfertigung, die aus Gnaden geschieht. Sobald sich das Herz erhebt und nicht sein Heil rein und lauter in der Vergebung der Sünden sucht und findet, so tritt es auf einen falschen Weg, der voller Unruhe ist. Und damit dem Menschen das Innerste seines Herzens offenbar werde, muß er durch viele Prüfungen gehen.

Wie leicht setzt sich etwas ins Gemüt, dessen der Mensch so bald nicht inne wird, welches ihn aus der kindlichen Einfalt rückt, daß er meint, er wolle es besser treffen und weichet doch unvermerkt vom Evangelium zum Gesetze. Denn das Evangelium hat die Einfalt der Engel und machet den Menschen kindlich und süß gegen alle Menschen. Es ist eine große Klarheit, ein durchscheinend Licht, ein lauterer Strom des Friedens, eine Ruhe von eigenen Werken, ein Genuß Gottes und seiner Seligkeit. Selig ist, der sich das Ziel nicht verrücken läßt, welches leicht geschehen kann, wenn man nicht auf Christum allein siehet, sondern auf anderer Menschen Exempel und wenn man hoch fliegen will und vor der Zeit am neuen Menschen groß sein. Niemand kann seiner Länge eine Elle zusetzen, ob er gleich darum sorget. Gottes Weg aber gehet anders. Denn er macht zu nichts das, was etwas ist, damit er selbst alles in allem werde. Und dieses alles ist in dem einen verfasset; wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Herr Jesu, dein guter Geist führe mich auf ebener Bahn.

Hermann Heinrich Francke

1699