Calvin, Jean - Der Prophet Jesaja - Kapitel 23.

V. 1. Dies ist die Last über Tyrus. Tyrus war eine sehr reiche und berühmte Stadt. Sie war das geworden durch einen ausgedehnten Handel mit allen möglichen Völkern, sowie durch ihre ausgezeichneten Kolonien, die von ihr gegründet waren, z. B. Karthago, Roms Nebenbuhlerin, Utika, Leptis, Gades u. a. Diese Städte schickten noch jährlich nach Tyrus einen bestimmten Tribut, durch welchen sie dieselbe als ihr Mutterland anerkannten. Ihm droht Jesaja den Untergang, weil es, wie man aus Hesekiel (26, 2) entnehmen kann, dem Volke Gottes feindlich gesinnt war. Auf die Ursache des Untergangs ist besonders zu achten. Es war eben des Propheten Absicht, dem auserwählten Volke die väterliche Gunst Gottes darin zu bezeugen, dass er sich allen Feinden desselben entgegenstellte. Einige Ausleger meinen, diesen Untergang auf die Eroberung von Tyrus durch Alexander den Großen, der mit großer Mühe die Stadt einnahm, beziehen zu können. Diese Ansicht ist aber zu schwach begründet. Sie kommen zu jener Annahme, weil Jesaja in diesem Verse das Land Chittim erwähnt. Mit diesem Namen bezeichnen die Hebräer allerdings die Macedonier, aber sie verstehen darunter auch andere Nationen, z. B. die Griechen und andere überseeische Völker. Nebukadnezar verwandte bei der Belagerung von Tyrus nicht nur seine einheimischen Truppen, sondern auch fremde, die er in Griechenland und andern Ländern anwarb. Übrigens erwähnt der Prophet, wie wir bald sehen werden, die Griechen aus einem andern Grunde; sie sollen nämlich künftig ihre Schiffe nicht mehr um Handel zu treiben, in Tyrus landen lassen. Gegen jene Ansicht richtet sich aber auch der Schluss des Kapitels. Jesaja redet da von einer Wiederherstellung von Tyrus. Nach der Eroberung durch Alexander den Großen ist es aber nicht wieder aufgebaut worden. Wenn ich weiter die Worte des Hesekiel mit diesen des Jesaja vergleiche, glaube ich ein und dieselbe Weissagung zu erkennen. Hesekiel redet aber nicht von Alexander dem Großen, sondern von Nebukadnezar. Mir kann es nicht zweifelhaft sein, dass man diese Stelle in diesem Sinne auslegen muss. Hinzu kommt noch, dass zu Hesekiels und Jesajas Zeiten in Tyrus ein König regierte; als es aber von Alexander erobert wurde, war es, wie die Geschichtsschreiber berichten, eine Republik. Wenn wir nun den Zweck der Weissagung ins Auge fassen, dann werden wir in dieser Auffassung noch besonders bestärkt. Denn der Prophet will die Juden durch die Botschaft trösten, dass die Tyrer, von denen sie manches zu leiden gehabt hatten, nicht ungestraft bleiben würden. Es wäre doch unbegreiflich gewesen, wenn andere Nationen vom Herrn ihre Strafe empfingen, dass diese Tyrer, welche ihnen nicht weniger feindlich gewesen waren, ungestraft ausgehen oder erst 500 Jahre später gezüchtigt werden sollten. Alle Erwägungen führen uns also darauf, diese Stelle von Nebukadnezar zu verstehen.

Heulet, ihr Tharsisschiffe. Um noch mehr Vertrauen zu seiner Weissagung zu erwecken, illustriert der Prophet in seiner Weise durch mannigfache Bilder den Untergang von Tyrus. Eine einfache, nackte Erzählung würde träge, schwerfällige Geister kalt gelassen haben oder würde doch nicht wirksam genug gewesen sein. Darum stellt er ihnen alles lebendig vor Augen. Der Schlag, der Tyrus trifft, wird ein sehr harter sein, denn er wird auch in fernen Ländern gespürt werden. Der Prophet lässt die Tharsisschiffe heulen, weil sie nach der Zerstörung von Tyrus müßig sein werden. Mit Tharsis bezeichnen die Hebräer das Land Cilicien. Die Schiffe der Cilicier werden vor allen anderen genannt, weil dieselben Nachbarn der Tyrer waren und mit ihnen einen lebhaften Handel trieben. Dies Land musste durch die Zerstörung von Tyrus notwendigerweise den größten Schaden erleiden; der Handel hörte auf, die Waren wurden weggeraubt und die kaufmännischen Unternehmungen gestört. So pflegt es zu gehen, wenn ein reiches Volk untergeht.

Dass kein Haus da ist, noch jemand dahin zeucht. Der Prophet meint nicht, den Griechen und Ciliciern würde der Zutritt überhaupt verschlossen, sondern sie würden nicht mehr, wie sie früher pflegten, mit Tyrus Verkehr unterhalten und Handel treiben. Denn es wird dann dort nicht mehr, wie früher, ein Handelsplatz existieren.

Aus dem Lande Chittim werden sie des gewahr werden. Aus dem Lande Chittim werden sie, d. h. die Griechen, nicht mehr ausfahren, wie sie zuvor pflegten, um mit Tyrus Handel zu treiben. Dem Handel mit den Griechen, will der Prophet sagen, soll ein Ende gemacht werden, sodass diese mit ihren Schiffen nicht mehr in Tyrus landen werden. Sie werden auf die Kunde von der Zerstörung der Stadt die früheren Handelsbeziehungen abbrechen und jenen Hafen wie eine Felsklippe meiden.

V. 2. Die Einwohner der Insel sind stille geworden. Der Prophet schildert weiter den Untergang von Tyrus. Obwohl er hier nur von der Insel – in der Einzahl – redet, so versteht er doch darunter die gesamten Inseln des mittelländischen Meeres, vor allem die benachbarten, welche regen Schiffsverkehr und fleißigen Handel mit Tyrus unterhielten. Diesen kündet er Stille und Ruhe an; sie sollen nicht mehr nach Tyrus fahren. Sie sollen wie betäubt verstummen ob des schweren Unheils, das jene getroffen, sodass sie nicht einmal mehr zu atmen wagen. Die Zerstörung eines solchen Handelsplatzes wie Tyrus mussten die Völker, die dorthin Handel trieben, als ungemein schweren Schaden empfinden.

Die Kaufleute zu Sidon. Sidon erwähnt der Prophet besonders, nicht nur, weil es die Nachbarstadt, sondern auch, weil es mit Tyrus gemeinsamen Ursprungs war. Sidon war sehr berühmt, stand aber doch Tyrus weit nach. Es lag an einem Meerbusen, fünf Meilen von letzterem entfernt. So eng aber schien es durch seine Nachbarschaft und seinen Handel mit Tyrus verbunden, dass die Dichter häufig Tyrus für Sidon und Sidon für Tyrus setzen. Ohne Zweifel hatten also die Bewohner von Sidon durch Ausfuhr und Einfuhr, durch Kauf und Verkauf, infolge der Nähe von Tyrus und des regen Handelsverkehrs besonders großen Verdienst. Auf sie ergoss sich der Überfluss von Tyrus. Durch die Zerstörung desselben erlitten sie nun den größten Schaden. Darum sagt auch der Prophet hernach (V. 4): „Du magst wohl erschrecken, Sidon.“

Die durchs Meer zogen, füllten dich. Dies ist entweder so zu verstehen, dass durch die große Menge von Reisenden, die aus vielen fernen Ländern nach Tyrus zusammenströmten, die Stadt gedrängt voll wurde, oder so, dass diejenigen, die des Gewinnes halber dorthin durchs Meer zogen, ihrerseits die Stadt bereicherten.

V. 3. Und was für Früchte usw. Der Reichtum von Tyrus wird seine Zerstörung nicht aufhalten. Der Prophet rühmt diesen üppigen Reichtum nur, damit Gottes Gericht umso deutlicher hervortrete, und damit alle erkennen, dass der Stadt keine gewöhnliche Heimsuchung widerfahren ist. Je weniger diese erwartet werden konnte, umso mehr sollte sie als Gottes Werk klar zutage treten. In feiner Weise schildert der Prophet die üppige Macht von Tyrus.

Und Getreide am Nil. Der Nil reichte der Stadt Tyrus Weizen und andere Lebensmittel dar und führte ihr aus Ägypten große Mengen Getreide zu. Damit will der Prophet sagen, dass die Äcker und Saatfelder am Nil Eigentum der Tyrer gewesen seien. Darum schien es unglaublich, dass ihnen der Lebensunterhalt, welchen doch der Nil in so reicher Fülle spendete, ausginge. Der Prophet stellt aber das Vertrauen als eitel hin; es soll ihnen an allem mangeln. Darin soll jedermann, wie wir schon sagten, umso deutlicher die rächende Hand Gottes erkennen.

V. 4. Weshalb der Prophet Sidon besonders erwähnt, haben wir bereits dargelegt. Tyrus aber nennt er das Meer schlechthin oder die Feste am Meer, als ob es allein im Mittelmeer die Herrschaft innehätte.

Ich bin nicht mehr schwanger, ich gebäre nicht mehr. Der Prophet stellt die Stadt als Weib dar; er verspottet die Tyrer, die sich ihrer Kolonien rühmten, mit beißenden Worten. Tyrus hatte sehr berühmte Städte erzeugt. „Einst,“ sagt der Geschichtsschreiber Plinius, „war Tyrus berühmt durch die Städte, die es hervorgebracht, als da sind Leptis, Utica und die Nebenbuhlerin Roms, das ländergierige Karthago, ja Gades selbst am Ende der Welt; jetzt aber besteht sein ganzer Ruhm in der Purpurschnecke und in der Purpurfarbe.“ Jesaja lässt also Tyrus seinen einstigen Glanz beweinen; es habe aufgehört, Mutter zu sein, nichts habe es ihm genützt, so viel Kinder zur Welt gebracht und Staaten erzeugt zu haben. Einst schickte auch Karthago jährlich einen feierlichen Tribut nach Tyrus, wodurch es dasselbe gleichsam als seine Mutter ehrte. So schien Tyrus alle andern Städte an Bedeutung zu überragen, da selbst Karthago ihm seine Unterwerfung bezeugte. Der Herr aber hat es in einem Augenblick all seiner Herrlichkeit beraubt, sodass es seine Kinderlosigkeit beweinen musste, als hätte es niemals Kinder erzogen.

V. 5. Sobald es die Ägypter hören usw. In diesem Verse weist der Prophet darauf hin, dass das Unheil die Tyrer und die Ägypter gemeinsam treffen wird. Dadurch wird unsere Annahme bestätigt, dass sich diese Weissagung auf eine frühere Zerstörung von Tyrus bezieht. Tyrus war mit Ägypten verbunden und beides waren Königreiche, während zur Zeit Alexanders des Großen Tyrus eine freie Republik war. Die Ägypter hatten die Juden zur Auflehnung gegen Gott gereizt und von dem Vertrauen auf ihn abgewandt. Jene, die Tyrer, waren ausgesprochenermaßen Feinde der Juden, diese, die Ägypter, verbargen unter dem Deckmantel der Freundschaft Verderben bringende Feindschaft. Mit Recht erhalten sie also beide ihre Strafe.

V. 6. Fahret hin gen Tharsis. Der Prophet redet nicht nur die Tyrer, sondern auch die auswärtigen Völker an, welche mit ihnen in Handelverbindung standen. Er fordert sie auf, sich anderswohin zu wenden und neue Häfen aufzusuchen. Tharsis oder Cilicien nennt er, weil es Tyrus gegenüber lag. Er will sagen: Jenes Gestade, welches so reich mit Häfen versehen war, wird in Zukunft so öde sein, dass die Schiffe dann an das gegenüberliegende Gestade fahren.

Ihr Einwohner der Insel. Der Prophet sagt, wie schon oben erwähnt, anstatt „der Inseln“ – „der Insel“. Dieser Wechsel von Mehrzahl und Einzahl findet sich im Hebräischen häufig. Den Bewohnern der Inseln kündet er Trauer an, weil ihr Unterhalt von jener Handelsschifffahrt vollständig abhängig war. So waren hier wie dort die Verhältnisse in Verwirrung geraten.

V. 7. Ist das eure fröhliche Stadt? Der Prophet verspottet Tyrus und macht sich lustig über seinen Stolz, mit dem es sich seines alten Namens rühmte. Auch damit bekräftigt er, was allen unglaublich schien. Ohne Zweifel ist diese Weissagung ja verlacht worden, da die Macht von Tyrus unbesiegbar und seine Herrlichkeit fest wie eine eherne Mauer war. Umso zuversichtlicher aber redet Jesaja und stellt ihm den sichern Untergang in Aussicht. Obwohl es an Alter die anderen Städte überragte und alle es deswegen priesen, so soll dies seinen Untergang nicht aufhalten. In weltlichen Geschichtswerken wird der Ursprung von Tyrus weit in die Urzeit zurückverlegt. Derselbe ist so in Dunkel gehüllt, dass kaum etwas Bestimmtes zu ermitteln ist. Es heißt, es sei von den Phöniziern gegründet worden. Diesem hohen Alter des tyrischen Volkes stellt nun der Prophet dessen Verbannung gegenüber und weist darauf hin, dass, wenn Gott über ein Volk eine Strafe beschlossen hat, ein fernerer Bestand desselben nicht mehr möglich ist.

Ihre Füße werden sie ferne wegführen, zu wallen. Das bedeutet nichts anderes, als dass sie auf langen Irrfahrten umherziehen müssen. Zugleich hat der Prophet allerdings dabei im Auge, dass die Tyrer in ihrer Verbannung derart ihrer Macht beraubt und von allem entblößt sein werden, dass ihnen nicht einmal ein Wagen oder ein Zugtier übrig bleibt. Das macht eine Verbannung noch viel härter, wenn Armut hinzutritt. Sie ist leichter zu ertragen, wenn noch ein gewisser Lebensunterhalt vorhanden ist. Muss man aber in unbekannten Gegenden in großem Mangel umherirren, - das ist das größte Elend. Dass ihre Füße sie „ferne“ wegführen, ist der Gipfel des Jammers. Denn je größer die Entfernung von der Heimat, umso härter die Verbannung.

V. 8. Wer hätte das gemeinet, dass es Tyrus, der Krone usw. Mit diesem Titel „Krone“ zeichnet der Prophet, wie aus dem ganzen Zusammenhang hervorgeht, die Stadt aus, welche viele reich machte. Fürsten nennt er ihre Kaufleute und zeigt damit deutlich, dass er jenes Wort „Krone“ in übertragenem Sinne von königlichem Glanze versteht. Tyrus bereichert seine Bürger so, dass es den Anschein hat, es zeugte Fürsten und Könige. Einige Ausleger meinen, der Prophet führe hier, um andern Entsetzen einzuflößen, eine Person redend ein, die von einem Grauen ergriffen sei ob des Unterganges von Tyrus. Diese Person spräche: Ist es denn möglich, dass Tyrus so schnell zu Grunde geht, eine Stadt, so reich, so mächtig, so fest, so voller Ruhm und Herrlichkeit? Und dann verstumme sie plötzlich, wie es bei überwältigenden Ereignissen wohl zu geschehen pflegt. Doch ist es besser, mit der gegenwärtigen Frage den folgenden Vers zu verbinden, wodurch jede Schwierigkeit gehoben wird. Dort beantwortet der Prophet gleich selbst die Frage, die er hier aufwirft und durch welche der die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer erregen wollte. Er hätte ja freilich einfach sagen können: Das geschieht nach Gottes Ratschluss. Doch das wäre von den geistig trägen Menschen – wir sind ja schwerfällige Leute – gleichgültig aufgenommen worden. Er weckt also die Herzen durch jene Frage auf, damit jedermann erkenne, dass er von einer ungewöhnlichen Sache redet, und damit man umso sorgfältiger aufmerke. Denn je höher Gottes Gerichte über das allgemein menschliche Begreifen hinausgehen, umso größere Beachtung verdienen sie. In demselben Sinne wurde oben im 19. Kapitel von dem Untergang Ägyptens geredet. Auch dieser sollte nicht als eine der gewöhnlichen staatlichen Umwälzungen aufgefasst werden. Da es also gar nicht zu glauben war, dass Tyrus durch menschliche Macht gestürzt werden könne, so zieht der Prophet daraus mit Recht den Schluss, Gott sei der Urheber dieses Untergangs. Tyrus nennt er also die Krone und seine Kaufleute Fürsten, um die gewaltige Größe des göttlichen Gerichtes klarer ins Licht zu stellen. Handelte es sich um irgendeinen gewöhnlichen Staat, so würde dessen Untergang weiter nicht beachtet worden sein. Weil aber Tyrus mit höchster Macht und Herrlichkeit geschmückt war, konnte dann noch jemand daran zweifeln, dass jenes von Gott geschehe?

Und ihre Krämer die Herrlichsten im Lande. So meinen ja auch heute oft sehr reiche Kaufleute, sie stünden höher als Fürsten; auf Edelleute blicken sie verächtlich herab. Ich habe schon solche Kaufleute gesehen, die einen größeren Aufwand machten, als die reichsten Edelleute. Die Frage, die der Prophet hier stellt, ist eine solche, wie wir sie auch wohl zu stellen pflegen, eine Frage, auf die nur die eine Antwort gegeben werden kann, welche wir haben wollen. Solche Frageform deutet darauf hin, dass man seiner Sache gewiss ist.

V. 9. Der Herr Zebaoth hat` s also gedacht, auf dass er schwächte alle Pracht. Man kann auch lesen: dass er schwächte allen Hochmut. Denn Pracht und Macht erzeugen Hochmut. Demut ist da selten zu finden. Ja, ich möchte hier die Übersetzung „Hochmut“ fast bevorzugen, da dieser allein Gottes Strafe herausfordert, wenn Menschen, pochend auf ihre Vortrefflichkeit, sich über die Maßen erheben.

Und verächtlich machte. Das Schwächen und Verächtlichmachen bedeutet hier dasselbe. Die von Würde und Macht strotzen, scheinen von andern durch eine Kluft geschieden und halten, wer weiß wie hoch, von sich, als ob sie unter die gewöhnlichen Menschenkinder nicht gerechnet werden dürften. Gott aber beraubt sie ihrer Würde und zwingt sie in die ihnen zukommende Stellung; er schwächt sie und macht sie verächtlich. Gottes Vorsehung müssen wir so ansehen, dass wir dabei seiner Allmacht das verdiente Lob maßvoller Gerechtigkeit zollen. Zwar tritt diese Gerechtigkeit, mit der Gott in seinen Gerichten Maß hält, uns nicht immer klar vor Augen. Es ist aber ein Frevel, seine Weisheit und seine Gerechtigkeit von seiner Macht zu trennen. Da übrigens die Schrift oft und eindringlich zum Ausdruck bringt, weshalb Gott dies oder jenes tut, so sollen wir aufmerksam auf den Grund seines Handelns achten. Jene Lehre nämlich von der absoluten, unumschränkten Macht Gottes, wie sie die mittelalterlichen Schultheologen aufgestellt haben, ist eine verabscheuenswerte Gotteslästerung. Sie machen Gott zu einem Tyrannen, der nach seiner Willkür, nicht nach Gerechtigkeit irgendetwas bestimmt. Solcher Gotteslästerungen sind die Schulen dieser Theologen voll. Sie unterscheiden sich darin nicht von den heidnischen Philosophen, die behaupten, Gott treibe mit menschlichen Dingen sein Spiel. Wir aber lernen in der Schule Christi, dass Gottes Gerechtigkeit aus seinen Werken hervorleuchtet, welcher Art sie auch gewesen sind. So wird aller Mund gestopft und ihm allein die Ehre zuteil. Der Prophet führt also die Gründe an, die jenen furchtbaren Untergang rechtfertigen, damit wir nicht meinen, Gott handele irgendwie ohne gerechte Ursache. Die Tyrer waren hochmütig, ehrgeizig, habsüchtig, genusssüchtig, leichtfertig. Diese Laster, wie auch ihre Macht und ihr Reichtum, rissen sie mit sich fort. Solche Sünden sind ja besonders in Handelsstädten im Schwange. Der Prophet betont also, dass Gott durch solche Sünden herausgefordert worden sei. Durch solches Beispiel sollen alle sich warnen lassen und sollen besser auf sich achtgeben und nicht Gottes Gaben in schwelgerischem Luxus missbrauchen. Diese Frucht soll daraus für uns hervorgehen; wir sollen nicht meinen, es werde uns hier nur einfach eine Geschichte erzählt. Doch da fragt jemand: „Hasst denn Gott die Pracht der Großen und Mächtigen? Er erhebt doch die Fürsten, die Mächtigen, die Edlen auf ihre Höhe und setzt Obrigkeiten und Behörden ein. Wie kann er sie also hassen?“ Ich antworte: Die Macht und Größe der Fürsten an sich ist dem Herrn nicht verhasst, es müsste denn die Sünde damit verbunden sein, dass sie von ihrer Höhe herab andere verachten und sich nicht mehr für Menschen halten. Hochmut ist aber fast immer der Gefährte großer Macht, und darum ist sie Gott verhasst. Solches anmaßende Wesen, als dessen Feind er sich bekennt, muss er zurückweisen.

V. 10. Da ist kein Gurt mehr. Tyrus wird derart ausgeraubt werden, dass ihm auch nicht einmal ein Gurt mehr übrig bleibt. Damit spielt der Prophet auf den ungeheuren Warenreichtum jener Stadt an; auch die kleinsten Kaufleute verkauften dort kostbare Gürtel. Jesaja spielt aber auch, wie ich glaube, auf die Lage der Stadt an, die von allen Seiten von Gräben, Dämmen, Wällen und vom Meer wie von einem starken Gürtel umgeben war. Darum übersetzen auch einige Ausleger anstatt: da ist kein Gurt mehr -: da ist keine Stärke mehr.

V. 11. Er reckt seine Hand über das Meer. Manche Ausleger meinen, die Weissagung des Propheten über den Untergang von Tyrus solle hier durch Beispiele bekräftigt werden. Der Prophet wolle zeigen, dass der Herr so manches Exempel seiner Allmacht bei der Niederwerfung der mächtigsten Reiche gegeben habe; darum dürfe es nicht wunderbar erscheinen, wenn er nun auch Tyrus, es mochte noch so blühend und mächtig sein, zu Boden stürze. Diese Art der Belehrung ist in der Schrift gebräuchlich. Gottes Macht erkennen die Menschen ja nur, wenn ihnen dieselbe an klaren Beispielen und Tatsachen gezeigt wird. Man nimmt also an, dass hier ein Hinweis auf die Befreiung Israels aus Ägypten vorliegt, wobei der Herr das rote Meer teilte und später nach Vertreibung der sieben Könige sein Volk ins Land Kanaan führte. Doch wenn ich die Worte des Propheten näher erwäge, so möchte ich sie doch lieber auf Tyrus beziehen; er redet ja hier von der Seestadt Tyrus, deren Macht das ganze Meer beherrschte.

Und erschreckt die Königreiche. Das fügt der Prophet hinzu, weil Tyrus nicht zu Grunde gehen konnte, ohne zugleich den Ruin vieler Königreiche nach sich zu ziehen. Es musste gewissermaßen ein Umsturz des ganzen Erdkreises stattfinden.

Der Herr gebeut über Kanaan, zu vertilgen ihre Mächtigen. Der Herr gibt den Kanaanitern den Befehl, jene Handelsstadt niederzustürzen. Damit, dass er sagt: der Herr gebeut, - hebt der Prophet die göttliche Vorsehung hervor. Die Juden sollen erkennen: Was immer in der Welt festzustehen scheint, steht und fällt nach Gottes Willen; er kann auch ohne irgendwelche Werkzeuge den festesten Platz umstürzen; ein einziger Wink seinerseits genügt.

V. 12. Und spricht: Du sollst nicht mehr fröhlich sein. Das hat alles ein und denselben Zweck. Eine einfache Darstellung würde nicht die genügende Wirkung ausgeübt haben. Darum verstärkt der Prophet seine Weissagung mit einer eindringlichen Ausführung. Denn dass die berühmte, mächtige Stadt, die vorzüglich angelegt und befestigt war und eine Reihe von Bundesgenossen hatte, gestürzt und zerstört werde, war schier unglaublich. Durch diese Darstellung will er nun die Hoffnung auf Wiederherstellung, die er bald nachher gibt, nicht ausschließen. Diese Drohung ist lediglich auf die Zeit des Unterganges der Stadt zu beziehen. Du wirst dann, will er sagen, nicht mehr ausgelassen sein, wie vorher.

Du geschändete Jungfrau. Eine Jungfrau heißt Tyrus im bildlichen Sinne, weil es in seiner Macht vor jener Zeit unberührt gewesen war und noch keine Niederlage erlitten hatte. Der Prophet redet hier also nicht von der Keuschheit, sondern zeigt in seiner Weise, in Tyrus seien Schätze zu kosten, die in treuer Hut verborgen und unberührt gewesen waren. Du warst, will er sagen, früher ausgelassen, wie Jungfrauen in der Blüte der Jugend, aber du wirst nicht mehr fröhlich sein, sobald du Vergewaltigung erfahren hast.

Du Tochter Sidon. So wird Tyrus genannt, weil es von Sidoniern gegründet war. Allerdings überragte nun die Tochter die Mutter, wie es im menschlichen Leben oft zu gehen pflegt. Infolge ihrer günstigen Lage gewannen die Tyrer den Vorrang, und Sidon bildete gleichsam nur ein Anhängsel von Tyrus.

Gen Chittim mache dich auf. Damit will der Prophet die Tyrer nicht nur nach Chittim, nach Cilicien, sondern überhaupt in ferne Gegenden senden. Er will sagen: Wenn du fortziehst ins Exil, wirst du in den Nachbarländern keine Unterkunft finden; die ganze Welt musst du durchwandern; du wirst in ferne Länder geführt und nicht einmal dort zur Ruhe kommen. Damit kennzeichnet er den Untergang der Tyrer als einen so trauervollen, dass dieselben weder bei Nachbarvölkern, noch bei fremden jenseits des Meeres eine Ruhestätte finden werden.

V. 13. Siehe usw. Nun bekräftigt der Prophet seine Weissagung durch ein Beispiel. Dieselbe konnte ja kaum Glauben finden, zumal nicht bei den Bewohnern von Tyrus, die von einem derartigen Untergang, wer weiß wie weit, sich entfernt glaubten. Ich weiß, dieser Vers wird verschieden ausgelegt. Doch will ich mich mit der Widerlegung anderer Auffassungen nicht aufhalten; es mag genügen, wenn ich einfach den wahren Sinn des Propheten, soweit ich ihn verstehen kann, darlege.

Der Chaldäer Land, das nicht ein Volk war. D. h. es hatte keinen eigenen Volksnamen. Es stammt von den Assyrern ab, wie aus dem 10. Kapitel des 1. Buches Mose zu erkennen ist. Richtig also behauptet der Prophet, es sei im Anfang kein Volk gewesen, da es noch unter fremdem Namen sich verbarg und an sich noch keinen eigenen Volkskörper bildete.

Assur hat es zugerichtet für die Bewohner der Wüste. Diese Übersetzung scheint mir passender als die andere: „Assur hat es angerichtet, zu schiffen.“ Die Meinung ist, dass die Chaldäer, die zuvor in der Wüste unstet umherirrten und unter Zelten von Fellen wohnten, von den Assyrern sesshaft gemacht wurden. Von ihnen wurden sie in Städten vereinigt und zu menschlicher Kultur geführt. Was aber geschieht dann?

Es hat es zur Einöde gemacht. D. h. die Tochter hat die Mutter verschlungen. Das Reich der Assyrer wurde von den Chaldäern gestürzt, obwohl es von allen das mächtigste und blühendste war. Was hat das aber, wird jemand sagen, mit Tyrus zu tun? Nun, Tyrus sollte ja von den Assyrern und Chaldäern gestürzt werden. Wenn demnach die Chaldäer, die vorher kein Volk waren, die Assyrer niederwerfen und sich untertan machen konnten, was wunder, wenn beide vereint Tyrus niederwerfen? Wenn der Herr solch Beispiel seiner Macht unter den Assyrern gegeben hat, warum setzt dann Tyrus auf seine Macht solch Vertrauen? Ohne Zweifel wird es des Herrn Hand erfahren, und seine Macht wird ihm nichts nützen.

V. 14. Heulet, ihr Tharsisschiffe. Die Cilicier oder die Bewohner von Tharsis trieben mit dem benachbarten Tyrus täglich Handel. Ihre Schiffe sollen nun heulen. Denn jener Hafen wird geschlossen und die Kaufleute werden vor Schrecken starr sein, weil der gewohnte Verkehr aufhören soll.

Denn eure Macht ist zerstört. Jenen Hafen, den sie so fleißig besuchten, nennt der Prophet ihre Macht, nicht nur deshalb, weil dort ein sicherer Ankerplatz, sondern auch weil ohne ihn die Schifffahrt nicht gewinnbringend war.

V. 15. Zu der Zeit wird Tyrus vergessen werden siebzig Jahre. Nachdem der Prophet von der Eroberung von Tyrus geredet hat, verkündigt er, wie lange die Zeit der Heimsuchung dauern wird. Es kommt vor, dass zerstörte Städte bald wieder aufgebaut werden und ihre frühere Blüte wiedererlangen. Dieser Stadt aber bezeugt der Prophet, dass sie siebzig Jahre lang zerstört und wüst daliegen wird. Tyrus wird vergessen werden. Der Handel wird völlig aufhören, da es dorthin keine geordnete Schiffsverbindung mehr geben wird.

So lange ein König leben mag. Das beziehen manche auf David, was aber sehr töricht ist. Denn anstatt „Menschenalter“ setzt der Prophet einfach den Ausdruck: so lange ein König leben mag. Ähnlich sagt ja auch der Psalmist: Unser Leben währet siebzig Jahre. Aber weshalb sagt der Prophet: So lange ein König leben mag – und nicht einfach: So lange ein Mensch leben mag? Weil Tyrus eben einen König hatte, damit zählt er die Jahre nach dem Leben eines Königs. Diese Zeitangabe trug aber viel zur Bekräftigung der Weissagung bei. Denn der Prophet hätte auch rein menschlichen Erwägungen heraus auf dieselbe nicht kommen können.

Wie es im Hurenlied heißt. Mit diesem treffenden Bilde kennzeichnet der Prophet den Handel. Nicht an sich will er ihn verdammen, da er für einen Staat nützlich und notwendig ist. Aber um der Sünden und Betrügereien willen, die bei ihm in Fülle vorkommen, vergleicht er ihn mit Recht mit dem Gewerbe einer Hure.

V. 16. Nimm die Harfe. Der Prophet vergleicht Tyrus mit einer Hure, die ihre ganze Jugendzeit in fleischlichen Lüsten verzehrt hat und zuletzt verbraucht und alt geworden ist. Dann liegt sie da, von allen verlassen und verachtet. Aber sie kann den Gewinn und die Freuden der Vergangenheit nicht vergessen und möchte wieder jung werden und ihr Treiben von neuem beginnen. Um nun Männer an sich zu locken, zieht sie durch die Stadt und sucht mit schmeichelnden Gesängen und Liedern der Leute Ohren zu fangen. Solche Huren, die sich ihres Alters wegen vernachlässigt sehen, werden von einer wilden, sinnlichen Lust ergriffen. So wird auch Tyrus, nachdem es zerstört und in Vergessenheit begraben ist, wieder den Versuch machen und allerlei künstliche Pläne schmieden, um seine frühere Stellung wieder zu erlangen.

Mache es gut auf dem Saitenspiel. Bei Harfe und Saitenspiel denkt der Prophet an die Künste, Schliche, Lockungen und Schmeicheleien, mit denen Buhlerinnen Leute ködern und in ihre Netze ziehen. In Summa zeigt er, in was für ein Treiben Handelsstädte versunken sind, wie sie mit allerlei trügerischen und unerlaubten Kniffen umgehen. Darum sagt der Prophet zu Tyrus: Mache es gut auf dem Saitenspiel. Und ferner: Singe getrost, auf dass dein wieder gedacht werde. Singe getrost oder singe viel! Betrügereien und Verlockungen soll es häufen, um auf diese Weise am Ende alle an sich zu locken, um wieder den Menschen ins Gedächtnis zu kommen und seinen früheren Nutzen wieder zu erlangen. Wie eine ältliche Buhldirne alles Mögliche ausdenkt, um sich wieder bei den Leuten in Erinnerung zu bringen, wie sie sich schminkt, wie sie Putz und Schmuck an sich hängt und singend umherzieht, so wird auch Tyrus sich wieder sammeln und aufrichten durch die gleichen Künste, in denen es früher stark war. Doch ermuntert der Prophet die Stadt nicht etwa dazu, dass sie sich wirklich auf diese Weise wieder aufrichte; er fährt vielmehr in seiner Weissagung fort:

V. 17. Denn nach siebzig Jahren wird der Herr Tyrus heimsuchen. Obschon der Herr Tyrus so heimsucht, dass es verloren zu sein scheint, so wird er doch seine Barmherzigkeit walten lassen; aus seinen Ruinen soll es sich wieder erheben und seine frühere Macht wieder gewinnen. Eine solche Wiederherstellung wird mit Recht der Gnade Gottes zugeschrieben. Ohne diese Gnade hätte es ihm ebenso ergehen müssen, wie den Edomitern, denen der Prophet Maleachi (1, 4) predigt, der Herr würde stürzen und abbrechen, was sie bauten. Niemals würden die Tyrer wieder zu ihrer früheren Blüte gelangt sein, hätte der Herr ihnen nicht geholfen. Hier ist eine nützliche Lehre zu beachten. Wenn der Herr auch gegen die Gottlosen ein strenger Richter ist, er gibt doch seiner Barmherzigkeit Raum. Nicht immer ist er so scharf, dass er nicht die Strafen milderte und mäßigte. Wenn er so gegen die Gottlosen ist, wie wird er dann erst gegen die sein, die er zu Kindern angenommen hat, denen er seine Güte in reichem Maße offenbaren will? Wenn also Königreiche wiederhergestellt werden, wenn Staaten sich wieder kräftigen und Völker wieder ihre Freiheit erlangen, dann geschieht das allein nach Gottes Vorsehung, der, wie es ihm gut dünkt, die Gewaltigen vom Stuhle stößt und die Niedrigen erhebt.

Dass sie wiederkommen zu ihrem Hurenlohn usw. Der Sinn ist dieser: Tyrus wird dann um nichts besser sein; selbst durch die harte Züchtigung wird es nicht gebessert werden; sehr bald wird es wieder zu seiner alten Art zurückkehren. Der Prophet kennzeichnet damit seine Undankbarkeit. Heute haben wir ja auch derartige Beispiele. Denn es ist fast kein Winkel der Erde, wo der Herr nicht seine Gerichte offenbart hat. Die er so züchtigt, lässt er zuletzt wieder aufatmen; aber sie werden um nichts besser. So wird es, sagt Jesaja, auch mit Tyrus gehen; es wird nicht Buße tun, vielmehr zu seinem früheren, alten Treiben zurückkehren; es wird buhlen, wie es zuvor tat. Ohne Zweifel bezieht sich dies auf seinen Handel; es wird eben das aufgenommene Bild weiter ausgeführt. Der Prophet will damit, wie gesagt, nicht den Handel an sich verdammen. Weil dieser aber mit so viel Schlechtem verknüpft ist, ist er für ihn der Hurerei ähnlich. Der Handel ist voll von soviel Trug, von soviel versteckter List, von soviel Schlingen – wie wir` s ja immer noch sehen -, dass er erdacht zu sein scheint, um Menschen zu ködern und zu betrügen. Wie viel neue, unglaubliche Kniffe werden Tag für Tag ersonnen, um Geld zu verdienen, Wucher zu treiben, Kniffe, die nur von einem, der in der kaufmännischen Schule sehr getrieben ist, ersonnen werden können! Es ist also nicht zu verwundern, dass der Prophet jenes Bild gebraucht. Es soll darauf hinweisen, dass Tyrus trotz seiner Wiederherstellung in seinen Handelsgeschäften um nichts besser als früher sein wird.

V. 18. Aber ihr Kaufhandel und Hurenlohn werden dem Herrn heilig sein. Das war ein weiterer Erweis göttlichen Barmherzigkeit gegen Tyrus. Trotzdem es wiederhergestellt war, bekehrte es sich nicht zu Gott; es fuhr fort in seinem betrügerischen Treiben, sodass es mit Recht untergehen sollte. Und in der Tat hat es wiederum schwer büßen müssen, als es von Alexander dem Großen erobert wurde. Doch nichtsdestoweniger ist dort das Reich Christi aufgerichtet worden, wie Lukas bezeugt (Apg. 21, 3 f.). Dieser Vers steht also zu dem vorhergehenden in einem gewissen Gegensatz. Obwohl Tyrus wieder Hurerei treiben wird, dennoch wird sein Kaufhandel dem Herrn geheiligt werden. Da haben wir einen wunderbaren Beweis göttlicher Güte, die sich zu jenem schändlichen Buhlnest, ja gleichsam zur Hölle herabneigte. Dass Tyrus wieder aufgebaut wurde, ist als ein Geschenk göttlicher Gnade anzusehen. Diese Gnadentat ist aber noch gering gegenüber der zweiten, dass Gott es sich geheiligt hat. Aber, fragt jemand, konnte denn das, was die Tyrer durch Raub und unerlaubte Kniffe erworben hatten, dem Herrn zu einem heiligen Opfer dargebracht werden? Solche Opfer verabscheut er doch; er sucht ein reines, gutes Gewissen. Mit dieser Frage quälen sich viele bei der Auslegung dieser Stelle ab, aber ohne Grund. Denn der Prophet meint nicht, der Handel von Tyrus werde Gott heilig sein, während dieses doch in seiner Hurerei fortfährt. Er hat vielmehr die Zeit nach seiner Sinnesänderung und Bekehrung im Auge. Dann wird Tyrus nicht für sich Schätze anhäufen und nicht mit unerlaubten Mitteln zusammenscharren, sondern seine Arbeit in den Dienst Gottes stellen und die Erträge seiner Handelsschifffahrt dazu verwenden, dem Mangel der Frommen aufzuhelfen. Dass der Prophet dabei aber die schimpfliche Bezeichnung „Hurenlohn“ gebraucht, tut er nur im Blick auf die Vergangenheit. Er weist darauf hin, dass Tyrus einmal seine schlechten Künste verlernen und seinen alten Sinn ändern wird.

Man wird sie nicht zu Schatz sammeln noch verbergen. Der Prophet beschreibt die Buße von Tyurs, das einst der Habsucht ergeben war, nun aber, zu Christo bekehrt, nicht mehr um Anhäufung großer Schätze beflissen sein, sondern dieselben zu milden Wohltätigkeitszwecken verwenden wird. Das ist eine rechte Frucht der Buße. Wie Paulus (Eph. 4, 28) sagt: „Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit den Händen etwas Gutes, auf dass er habe zu geben dem Dürftigen.“ Während die Tyrer also früher in unersättlicher Habsucht die Schätze aller Welt verschlangen, werden sie nachher zum Wohltun geneigt sein; ihre unstillbare Gier nach Gewinn wird schwinden. Das ist ein Beweis von Liebe, wenn wir dem Nächsten helfen, ein Beweis von Lieblosigkeit und Grausamkeit aber, wenn wir ihn hungern lassen, während wir selbst im Überfluss sitzen.

Sondern die vor dem Herrn wohnen, werden ihr Kaufgut haben. Der Prophet redet von der rechten Art der Wohltätigkeit. Sie werden die Knechte Gottes, die vor dem Herrn wohnen, mit ihren Mitteln unterstützen. Obwohl er dabei an alle Frommen denkt, spielt er doch besonders auf die Priester und Leviten an, von denen die einen die Opfertiere schlachteten, andere dieselben zurüsteten, andere im Heiligtum Wache hielten. Alle aber waren bereit, in Gehorsam Gott zu dienen. Darum werden sie als Leute bezeichnet, die vor Gott dem Herrn wohnen. Das Gleiche kann aber mit Recht von allen Dienern der Kirche gesagt werden. Übrigens, weil alle Gläubigen, welches Standes sie auch sind, zum Heiligtum Gottes gehören, weil sie durch Christus ein königliches Priestertum geworden sind und vor Gott stehen, so beziehe ich diese Stelle gern auf alle Glaubensgenossen, für die wir vor allem sorgen müssen. Auch Paulus empfiehlt sie besonders und will, dass ihnen zunächst und allermeist geholfen werde (Gal. 6, 10). Denn wenn das allgemein menschliche Band, das uns miteinander verbindet, uns bestimmen muss, unser Fleisch und Blut nicht zu verachten, wie viel mehr das Band, das die Glieder Christi untereinander verbindet! Ist dies nicht noch viel enger und heiliger, als irgendwelche Bande der Natur? Vor Gott sollen wir wohnen. Zwar gibt es heute keinen Tempel des Bundes mehr; wir treten aber durch Christi Gnade dem Herrn noch näher, als einst die Leviten. Darum sollen wir vor ihm wandeln, als stünden wir vor seinen Augen, und sollen mit reinem Gewissen heilig und gerecht leben. Vor ihm sollen wir wandeln und ihn allezeit vor Augen und im Herzen haben, auf dass wir gerecht und ohne Tadel seien.

Dass sie essen und satt werden usw. Wir müssen in noch viel ausgedehnterem Ma?e und viel lieber den Brüdern zur Hand gehen, als es gemeiniglich nach der Menschen Gewohnheit geschieht. Wenn dem Nächsten geholfen werden soll, sind die Menschen oft so kalt. Wenige tun mit freudigem Herzen ihre Pflicht oder üben Wohltat umsonst. Sie meinen, es ginge ihnen etwas ab, und um die Summe, die sie andern schenken, werde das Ihrige verringert. Um solchem Geiz zu wehren, wird darum von Gott ein freudiges Geben ganz besonders empfohlen. Denn was Paulus gebietet (Röm. 12, 8): „Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er` s mit Lust,“ – geht uns alle an. Und gleicherweise gilt allen das andere Wort (2. Kor. 9, 7): „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.“ Auch das ist zu beachten, dass der Prophet sagt, was den Armen gegeben wird, wird Gott geweiht. Gott niemals seinetwegen Opfer geboten und bedarf derselben gar nicht, aber er hat solche Betätigungen der Frömmigkeit im alten Bund unter dem Gesetz angeordnet. Jetzt gebietet er, dass wir dem Nächsten von dem Unsrigen geben und dasselbe für ihn verwenden. Was wir dann für ihn verwenden, das ist, wie uns bezeugt wird, dem Herrn ein süßer Geruch, ein angenehm Opfer, Gott gefällig (Phil. 4, 18). Das soll uns zur Barmherzigkeit und Wohltätigkeit recht entzünden, wenn wir vernehmen, dass unsere Almosen durch solch ein Wort empfohlen werden und dass unsere Hände mit solcher Gabe Gott geweiht sind.

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